Alles im grünen Bereich

Da macht sich was vom Acker

Von Jörg Albrecht
 - 23:37

Mit weißer Weihnacht ist es in diesem Jahr wieder nichts geworden. Dafür aber mit nasser Weihnacht. Seit Anfang Dezember hat es gefühlt jeden zweiten Tag geregnet, davor war es auch nicht gerade trocken. Der kleine Fluss, der durch die Stadt fließt, führt so viel Wasser wie selten. Es ist schlammig und braun, unwillkürlich fragt man sich, wie viel Erde da wohl fortschwimmt. Leicht zu beantworten ist das allerdings nicht.

Beim Deutschen Wetterdienst kann man sich über die herrschende Bodenfeuchte informieren, aktuell liegt sie fast überall im Land bei mehr als einhundert Prozent. Der Wert ergibt sich aus der sogenannten nutzbaren Feldkapazität, also der Menge an Wasser, die ein Boden maximal speichern kann, und der Menge an Wasser, die von den Pflanzen aufgenommen werden kann. Momentan ist der Boden bis in eine Tiefe von sechzig Zentimetern übersättigt. Auf ebenen Flächen bleibt das überschüssige Wasser stehen, doch schon bei einer geringen Neigung sucht es sich seinen Weg und sickert oder fließt hangabwärts, bis es über kurz oder lang im nächsten Gully oder Gewässer landet.

Schlauer ist der Bauer, der den Pflug mal zu Hause lässt

Im vorwiegend hügeligen Deutschland ist Wasser die Hauptursache für Bodenerosion, nur in der norddeutschen Tiefebene und an der Küste spielt der Wind eine größere Rolle. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe hat eine Karte erstellt, nach der etwa ein Drittel aller Äcker in Deutschland eine mittlere bis sehr hohe Gefährdung durch Wassererosion aufweist (https://tinyurl.com/yb8v44lo). Regionale Schwerpunkte finden sich im niedersächsischen Berg- und Hügelland, im sächsischen Hügelland mit dem Erzgebirgsvorland, in Unterbayern sowie auf den Gäuplatten im Neckar- und Tauberland. Fruchtbare Lössböden sind besonders betroffen, weil sie einen hohen Anteil an feinkörnigem Schluff besitzen.

Wie viel Erdreich wird nun tatsächlich davongeschwemmt? Das Umweltbundesamt hat dazu ein Merkblatt herausgegeben. Systematische Beobachtungen über einen längeren Zeitraum wurden bislang nur in Niedersachsen durchgeführt. Bei einzelnen Starkregen–Ereignissen gab es Bodenverluste von bis zu fünfzig Tonnen pro Hektar. Ein jährlicher Abtrag in dieser Größenordnung würde bedeuten, dass die fruchtbare Ackerkrume innerhalb eines Menschenlebens komplett abgetragen wäre. Der durchschnittliche Schwund auf allen Ackerflächen lag zwischen 1,4 und 3,2 Tonnen pro Hektar und Jahr. Etwa ein Sechstel davon landete in Flüssen oder Seen, gut die Hälfte verteilte sich mehr oder weniger großflächig in der Landschaft.

Großen Einfluss hat bei alledem die Art und Weise der Bewirtschaftung. Pflügt der Landwirt mit großen Maschinen und dazu noch in Richtung des Gefälles, muss er sich nicht wundern, wenn der Acker sich davonmacht. Ungünstig wirkt sich auch der Anbau von Kartoffeln, Mais, Zuckerrüben und Winterweizen aus, weil diese Feldfrüchte nur langsam auflaufen und der Boden dadurch wenig geschützt ist. Eine pfluglose Bearbeitung, die den Aufbau einer Humusschicht ermöglicht, wirkt der Erosion entgegen. Die gute Nachricht lautet: Schon die Hälfte aller Ackerflächen in Deutschland wird derart schonend behandelt. Trotzdem könnte es jetzt bald mal aufhören mit dem Regen.

Quelle: F.A.S.
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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