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Lebe luftig, lebe froh

Von Jörg Albrecht
 - 15:00

Zu den schönsten Momenten im Leben des Gärtners gehört es, wenn er nach einem Tag, den er in der Stadt verbracht hat, endlich das Gartentor aufsperrt und tief durchatmet. Ah, diese Luft! Gleich fühlt man sich wieder als Mensch.

Das Atemholen biete zweierlei Gnaden, fand Johann Wolfgang von Goethe: „Die Luft einziehen, sich ihrer entladen; jenes bedrängt, dieses erfrischt“, so wunderbar sei das Leben gemischt. Sein englischer Zeitgenosse Joseph Priestley war der Sache da schon Jahre zuvor auf den Grund gegangen. Als ausgebildeter Theologe war Priestley gleichwohl davon überzeugt, dass man religiösen Fragen mit naturwissenschaftlichem Sachverstand begegnen müsse und umgekehrt die Wissenschaft dazu beitrage, die göttlichen Pläne zu erforschen – eine Position, die ihn notwendigerweise zwischen allen Stühlen landen ließ und dazu führte, dass aufgebrachte Massen am 14. Juli 1791 in sein Haus in Birmingham eindrangen und es samt Bibliothek und Labor dem Erdboden gleichmachten. Priestley musste die Stadt verlassen und wanderte später nach Pennsylvania aus.

Die bahnbrechenden Versuche des Herrn Priestley

Priestley veröffentlichte mehr als 150 Schriften zu den unterschiedlichsten Themen der Theologie, Physik, Chemie, Philosophie und Pädagogik. Doch in die Annalen der Naturwissenschaft ist er vor allem mit einem Experiment eingegangen, das heute noch als „Priestley-Versuch“ im Schulunterricht gelehrt wird. Er hatte dazu eine Apparatur entwickelt, mit deren Hilfe er Gase in luftdichte Glaszylinder leiten konnte. Ließ er darunter bei normaler Atmosphärenluft eine Kerze brennen, ging sie irgendwann aus. Leitete er diese verbrauchte Luft in einen Zylinder, in dem sich eine lebende Maus befand, streckte diese nach kurzer Zeit alle viere von sich. Wenn aber gleichzeitig eine Pflanze in den Zylinder eingebracht wurde, konnten sowohl die Kerzenflamme als auch die Maus am Leben erhalten werden.

Die brennende Kerze und die atmende Maus hätten die Luft mit einer schädlichen Feuersubstanz angereichert, erklärte Priestley das Phänomen im Einklang mit der damals noch populären Phlogiston-Theorie. Die Pflanze hätte nun dafür gesorgt, dass sich wieder genügend dephlogistierte Luft gebildet hätte. Denselben Effekt erzielte Priestley, wenn er ein Gas einleitete, das er durch Erhitzen von Quecksilberoxid gewann. In Wahrheit hatte er damit erstmals nachgewiesen, dass Atmung und Verbrennung Sauerstoff benötigen, der auf natürlichem Wege durch Pflanzen erzeugt wird.

Die Forschung hat noch eine Weile gebraucht, bis sie alle grundlegenden Prozesse verstanden hat, die bei der Photosynthese ablaufen. Priestley selbst wird außerdem die Erfindung des Sodawassers zugeschrieben, von dem er glaubte, es könne gegen Skorbut helfen.

Er stellte es her, indem er Schwefelsäure und Kalk miteinander reagieren ließ und das entweichende Kohlendioxid in Wasser löste; vermarktet hat es dann der deutsche Uhrmachermeister Jacob Schweppe („Schweppes-Wasser“). Priestley soll ferner den Radiergummi erfunden haben, doch er hat nur darüber berichtet, dass dies dem Instrumentenbauer Edward Nairne gelungen sei. Goethe im Übrigen hat Priestley von tiefstem Herzen gehasst, weil der es gewagt hatte, die „anbrüchige Newtonische Lehre“ von den Spektralfarben des Lichts zu verteidigen.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Albrecht Jörg (echt)
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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