Alles im grünen Bereich
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Blaue Dahlien? Ein Gerücht

Von Jörg Albrecht
© Charlotte Wagner, F.A.S.

Mit Dahlien hatte ich nie viel am Hut. Das blühende Spektakel, das sie im Spätsommer veranstalten, scheint mir besser in den Kurpark von Bad Sülze zu passen als in meinen bescheidenen Garten. Aber als ich im Mai ein Dutzend Knollen geschenkt bekam, mussten sie natürlich in die Erde. Etwas ratlos stand ich vor der Frage, wie herum die Dinger eingepflanzt gehören, denn vom Stengelansatz oder eventuellen Wurzeln war nicht viel zu sehen. Egal, dachte ich, und steckte sie in Töpfe, die mit Kompost vom Wertstoffhof gefüllt wurden. Dann goss ich kräftig an und stellte alles an einen sonnigen Platz. Die Heimat der Gattung Dahlia sei Mexiko, hatte ich gelesen, sie würden es also gern warm haben.

Es kam eine Hitzewelle. Ich goss und goss. Wochenlang regte sich nichts. Dann fuhr ich in Urlaub. Als ich wiederkam, hatten sich ein paar fingernagelgroße Sprösslinge hervorgewagt. Bisschen kapriziös, fand ich, für eine Pflanze mit derart langer Gartentradition.

Wahrscheinlich wurden Dahlien schon von den Azteken kultiviert, der spanische Naturforscher Francisco Hernandez hat sie 1615 erstmals beschrieben. Nach Europa gelangten sie knapp zweihundert Jahre später, wo sie nach dem schwedischen Botaniker Andreas Dahl benannt wurden. Der Name war jedoch, wie sich später herausstellte, schon an einen südafrikanischen Strauch aus der Familie der Zaubernussgewächse vergeben, und so wurden sie zu Ehren des Apothekers Johann Gottlieb Georgi in „Georginen“ umgetauft. Unter dieser Bezeichnung gelangten sie zur Goethezeit auch an den Hof von Weimar. Der Geheimrat war ganz hin und weg von ihnen und konnte für seinen Garten am Frauenplan bereits unter 42 verschiedenen Sorten wählen. Sogar nach ihm selbst wurde eine benannt, in der damaligen Schreibweise ’Göthe‘, vom Meistergärtner August Friedrich Dreyssig als „superba multiflora“ beschrieben, also, wie es sich für einen Dichterfürsten gehört, in jeder Hinsicht erstklassig.

Die Biotechniker üben noch

Die Dahlienzucht ist bis heute ein einträgliches Geschäft geblieben, denn die Pflanze lässt sich durch Kreuzung in bizarre Formen und nahezu alle erdenklichen Farben bringen (die untereinander nicht immer harmonieren). Nur eine blaue Dahlie ist noch niemandem geglückt. In ihrem Erbgut findet sich von Natur aus keine Anleitung für den zuständigen Anthocyanfarbstoff.

Das hat die Biotechniker nicht ruhen lassen. An der Graduate School of Horticulture der Chiba University im japanischen Matsudo hat man vor einigen Jahren immerhin einen Weg gefunden, fremde Gene in die Dahlie einzuschleusen. Dass dabei ein blaues Exemplar herausgekommen sei, geistert seitdem als Gerücht durchs Internet; tatsächlich hatten die Forscher nur ein paar Gewebeproben angefärbt, um zu kontrollieren, ob ihre Experimente gelungen waren.

Die „Blaue Dahlie“ hat es bislang zwar nicht zu gärtnerischem, aber immerhin zu Filmruhm geschafft. Der gleichnamige Film von 1946 erzählt die Geschichte eines amerikanischen Kriegsheimkehrers, der des Mordes an seiner untreuen Ehefrau verdächtigt wird; das ursprüngliche Drehbuch war derart verworren, dass es selbst der berühmte Raymond Chandler nur im Vollrausch schaffte, ein logisches Ende zu finden.

Quelle: F.A.S.
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