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Alles im grünen Bereich

Du kriegst die Krätze

Von Jörg Albrecht
 - 18:35
Alles im grünen Bereich: Die Herbstmilbe ist schlimmer als jede Stechmücke Bild: Charlotte Wagner, F.A.S.

Ein Gang in den Garten gestaltet sich zurzeit so, als würde ich ein Hochrisikogebiet besuchen: lange Hose, darüber Socken und Gummistiefel, Handschuhe bis zu den Ellenbogen und alles kräftig mit Diethyltoluamid („Anti Brumm“) einsprühen. Das alles, weil sich um diese Zeit mein Lieblingsfeind, die Herbstmilbe Neotrombicula autumnalis, breit macht. Landauf, landab wird ja das allgemeine Sterben der Krabbeltiere beklagt. Aber auf die Milbe könnte ich gut verzichten.

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Im Gegensatz zur Mücke sieht und bemerkt man die Herbstmilbe nicht, weil ihre Larven nur wenige Zehntelmillimeter groß sind. Sie lauern in Bodennähe auf Grashalmen, aber auch im Gebüsch oder im Staudenbeet. Kommt ein potentieller Wirt in Kontakt mit ihnen, lassen sie sich erst einmal Zeit. Sie wandern auf ihm umher, bis sie eine Stelle finden, wo es hübsch feucht und die Haut möglichst dünn ist. Beim Menschen sind das die Partien oberhalb und unterhalb der Gürtellinie, die Achseln, die Kniekehlen und die Ellenbeugen. Dort angekommen, bohrt sich die Milbenlarve durch die äußere Epidermis und sondert ein Speichelsekret ab, welches das Gewebe verflüssigt.

Bettwärme liebt die Milbe ganz besonders, was ihr aber letztlich zum Verhängnis wird, denn ihr natürlicher Lebensraum ist nun mal das Erdreich und nicht das beheizte Schlafzimmer. Einige Stunden lang saugt sie nun an dem armen Opfer, wobei das Perfide ist, dass der Juckreiz erst einsetzt, wenn die Attacke schon längst vorüber ist. Dann aber umso heftiger. Der Parasitologe Helge Kampen, der vor etlichen Jahren an der Universität Bonn über Herbstmilben geforscht hat, beschrieb die ganze Palette der möglichen dermatologischen Folgen einmal als „bullöse, pustellöse, krustöse, schorfige, ekzematöse oder geschwürig konfluierende“ Erscheinungen. So unangenehm, wie sich das anhört, ist es auch: Man kratzt sich mitunter tage- und wochenlang blutig und riskiert dabei noch eine Superinfektion mit irgendwelchen fiesen Krankheitskeimen.

Gegen diese Milbe ist noch kein Kraut gewachsen

Den weitaus größten Teil ihres Lebenszyklus verbringt die Herbstmilbe unter Tage, wo sie wahrscheinlich anderen Bodenbewohnern nachstellt. Allzu viel ist darüber nicht bekannt. Der Biologe Arne Schöler hat 2003 eine Doktorarbeit vorgelegt, in der er mit großem Fleiß der Frage nachgegangen ist, wie man sie eventuell bekämpfen könnte. Verzweifelte Gartenbesitzer haben schon ganze Rasenflächen abgetragen, um die Plage loszuwerden. Man müsste aber das gesamte Erdreich bis in eine Tiefe von mindestens sechzig Zentimetern austauschen, schrieb Schöler, und selbst dann sei der Erfolg nicht garantiert. Alternativ könne man versuchen, die befallenen Stellen zu lokalisieren und mit kochendem Wasser zu sterilisieren. Vom Einsatz spezieller Akarizide riet er ab, die müssten in derartigen Mengen ausgebracht werden, dass noch viel mehr als bloß die Milben dran glauben müsste.

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Und wenn man bereits gestochen wurde? Heiße Bäder helfen überhaupt nicht, auch sollte man nicht mit glühenden Zigaretten an der Stichstelle hantieren. Krätzemittel scheinen eine gewisse Wirkung zu zeigen, angeblich auch das Einreiben mit Franzbranntwein. Der sicherste Weg ist, den Garten zwischen Mitte August und Mitte Oktober nicht mehr zu betreten. Aber will man der Milbe diesen Triumph gönnen?

Quelle: F.A.S.
Jörg Albrecht
Verantwortlich für das Ressorts „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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