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Archäologie

Die alten Glasmacher aus Spanien

Von Diemut Klärner
 - 09:00
Die Glasherstellung ist ein Kunsthandwerk. Bild: ddp, F.A.Z.

Geht es um Zeiten, in denen Glas noch purer Luxus war, machen sich Glasscherben rar. Die Funde aus einer schon im Mittelalter aufgegebenen Siedlung in der spanischen Provinz Toledo erwiesen sich dennoch als aufschlussreich: Sie belegen, dass einheimisches Glas nach Vorbildern jenseits des Mittelmeers produziert wurde. Auf der Iberischen Halbinsel entwickelte sich eine eigenständige Glastradition mit anderen Zutaten als nördlich der Alpen. Das berichten Jorge de Juan Ares und Nadine Schibille vom CNRS in Orléans in „Plos One“.

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Ihre Grabungsstelle, Ciudad de Vascos, existierte schon in der Spätzeit des Römischen Reiches. Verkehrstechnisch günstig lag die kleine Siedlung an einer römischen Straße und am Tajo, dem längsten Fluss der Iberischen Halbinsel. Im zehnten Jahrhundert wuchs dort unter islamischer Herrschaft ein prosperierendes Städtchen heran. Dicht an der Grenze zu den christlichen Königreichen im Norden gelegen, war es ausgestattet mit einer Festungsanlage, der Kasbah, und von mächtigen Mauern umgeben. Nachdem Alfons VI. von Kastilien und León im Jahr 1085 mit seinem Heer Toledo erobert hatte, schrumpfte die blühende Ciudad de Vascos unter seiner Herrschaft zu einer bescheidenen christlichen Siedlung und wurde wenige Jahrzehnte nach Beginn des 12. Jahrhunderts völlig aufgegeben.

In vierzig Ausgrabungsjahren kamen in Ciudad de Vascos 165 gläserne Fundstücke zum Vorschein, darunter viele Fragmente von Kelchen, Bechern und Flaschen, auch von zierlichen Fläschchen für Salböle. Einen Großteil konnten die Wissenschaftler mit „Laser Ablation Inductively Coupled Plasma Mass Spectrometry“ (LAICP-MS) untersuchen. Damit lässt sich herausfinden, aus welchen chemischen Elementen eine Glasprobe besteht. Zugleich lassen sich die jeweiligen Anteile der verschiedenartigen Komponenten auch quantifizieren. Etliche Glasscherben aus Ciudad de Vascos wurden als römisch identifiziert: Quarzsand, der übliche Rohstoff für die Herstellung von Glas, war mit Natron aus einem ägyptischen Natronsee vermischt worden. Als sogenanntes Flussmittel senkt dieses Natriumhydrogenkarbonat den Schmelzpunkt um einige hundert Grad Celsius. Aus islamischer Zeit fanden sich nur zwei Scherben. Sie haben die charakteristische Zusammensetzung von Glas, das damals im gesamten Nahen Osten gebräuchlich war. Später wurde dort Natron durch pflanzliche Asche ersetzt. Weil dafür Pflanzen verbrannt wurden, die auf salzreichen Böden wachsen, enthielt diese Asche viel Natriumkarbonat. Kaliumkarbonat, das in Pflanzenasche gewöhnlich dominiert, war rar.

Aschereste verraten die Glasrezeptur

Aus der Blütezeit von Ciudad de Vascos stammt verschiedenartiges Glas, bei dem pflanzliche Asche als Flussmittel gedient hatte. Zwei Glas-Typen fanden sich hauptsächlich in den ältesten Teilen der islamischen Stadt. Der eine gleicht in seiner Zusammensetzung den Glaswaren, die damals in der Levante produziert wurden. Die Spurenelemente des anderen Typus deuten auf ägyptischen Ursprung hin. Vermutlich war Importware beiderlei Herkunft in das entlegene Städtchen gelangt. In Córdoba, Murcia und Almería ist mehr derartiges Glas aus dem 10. und 11. Jahrhundert ans Tageslicht gekommen.

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Zu einem weiteren Glas-Typus existieren keine Gegenstücke aus dem östlichen Mittelmeergebiet. Auf der Iberischen Halbinsel wurden jedoch Glasscherben mit ähnlicher chemischer Zusammensetzung entdeckt: Sie enthalten allesamt auffallend viel Aluminium und Schwermetalle. Offensichtlich wurde minderwertiger Sand verarbeitet, in dem außer Quarz noch eine Menge anderer Mineralien steckte. Nach Einschätzung der Forscher handelt es sich um den Beginn einer eigenständigen Glasproduktion mit einheimischen Rohstoffen. Aus heimischer Produktion stammen wohl auch die wenigen Funde von Bleiglas, darunter das Fragment eines Destillierkolbens. Hier zeugt ein hoher Gehalt an Arsen, Bismut, Silber und anderen Schwermetallen von Rohstoffen minderer Qualität anstelle von reinem Blei. Wahrscheinlich wurde Schlacke aus den metallurgischen Aktivitäten verwendet, die auf der Iberischen Halbinsel schon seit der Römerzeit florierten.

Wenn es um passende Flussmittel ging, nahmen sich die iberischen Glasmacher anscheinend die Erzeugnisse ihrer Kollegen aus dem östlichen Mittelmeerraum zum Vorbild: Die pflanzliche Asche stammt nach wie vor von speziellen Pflanzen, die auf salzreichen Böden gedeihen. Ob sie auf der Iberischen Halbinsel produziert wurde oder aus dem Nahen Osten importiert, ist noch eine offene Frage. Nach Mitteleuropa hingegen kamen nach der Römerzeit wohl kaum noch Waren aus dem Orient. Die dortigen Glasmacher, die im frühen Mittelalter der römischen Handwerkskunst nacheiferten, mussten auf lokale Ressourcen zurückgreifen. Da in ihrer Heimat noch dichte Wälder wuchsen, lag es nahe, Holzasche zu verwenden. Sie erwies sich als brauchbares Flussmittel.

Quelle: F.A.Z.
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