Cheops-Pyramide

Die kosmische Kammer

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 16:29

Zahi Hawass scheint etwas gegen verborgene Kammern zu haben. Als vor zwei Jahren der begründete Verdacht aufkam, es könnte im Grab des Pharao Tutanchamun im Tal der Könige bisher unentdeckte vermauerte Räumlichkeiten geben, hatte der frühere Chef der ägyptischen Antikenbehörde dafür nur Hohn übrig. Am vergangenen Donnerstag nun verkündeten japanische, ägyptische und französische Experten in „Nature“ die Entdeckung eines großen Hohlraums in der mehr als 1300 Jahre vor Tutanchamun errichteten Pyramide des Cheops – und wieder kam die ätzendste Kritik von Hawass. „Gar nichts haben die gefunden“, erklärte er gegenüber der „New York Times“. „Diese Veröffentlichung bring der Ägyptologie nichts. Null.“

Tatsächlich sind die Autoren des Nature“-Artikels keine Ägyptologen. Es sind Ingenieure, Informatiker und Physiker. Und von jenem Hohlraum gibt es auch keine Bilder – und schon gar keine Innenaufnahmen –, sondern nur Wolken aus Datenpunkten, die eine Sorte Elementarteilchen in Detektoren hinterlassen haben: sogenannte Myonen.

Keine Kammern nebenan bei Chephren

Das sind instabile Verwandte der Elektronen, zweihundertmal schwerer als diese. Sie entstehen in der Erdatmosphäre, wenn kosmische Strahlung Atomkerne in Luftmolekülen zertrümmert. Da der Kosmos immer strahlt, prasseln auch ständig Myonen auf die Erdoberfläche ein, im Schnitt hundert Stück pro Sekunde und Quadratmeter. Aufgrund ihrer hohen Energie dringen sie durch Felsenmassen wie Röntgenstrahlen durch Körpergewebe. Ein Vergleich von Myonenflüssen an der Oberfläche und in einem unterirdischen Gang gibt daher Aufschluss über die Dichte des dazwischenliegenden Gesteins. Wenn ein unterirdischer Myonendetektor auch noch feststellen kann, aus welcher Richtung die Teilchen kommen, lassen sich damit Verdichtungen im Fels lokalisieren oder eben Hohlräume.

Myonen-Radiographie ist keine neue Methode. Bereits 1955, nur 19 Jahre nach der Entdeckung des Myons, machten sich australische Tiefbauingenieure die Idee zunutze. Heute geben Myonen Auskunft über das Innenleben von Vulkanen oder konnten zeigen, dass sich im Block 1 des Kernkraftwerks Fukushima der geschmolzene Uranbrei durch die Wand des Reaktorkerns gefressen hatte. In den späten 1960er Jahren stellte der Physik-Nobelpreisträger Luis Alvarez Myonen-Detektoren in der Kammer unter der Pyramide des Chephren auf.

Er wollte nachsehen, ob der Sohn des Cheops und Erbauer des zweitgrößten altägyptischen Monuments wie sein Vater Kammern im Zentrum seines Bauwerks hatte anlegen lassen, aber erfolgreicher darin war, die Zugänge zu verbergen. Alvarez und seine Mitarbeiter konnten das damals ausschließen: In der Chephren-Pyramide gibt es keine Hohlräume, die in Lage und Ausdehnung der Königs- oder Königinnenkammer in der Cheopspyramide entsprechen und erst recht nicht so etwas wie die über vierzig Meter lange und acht Meter hohe „Große Galerie“.

Auch über dem Eingang ist es hohl

Die Innenausstattung der Cheops-Pyramide ist eigentlich auf das gründlichste erforscht, nachdem der Kalif al-Ma’mun den Bau vor mehr als tausend Jahren zum ersten Mal seit dem Altertum hatte öffnen lassen. Die Anzahl und Lage ihrer Kammern und Gänge macht Cheops’ Grablege zu einem Sonderfall unter den Pyramiden. Noch immer streiten die Gelehrten, wie die kupferzeitliche Zivilisation des Alten Reiches in der Mitte des dritten Jahrtausends vor Christus so etwas hatte erbauen können. Im Jahre 2013 taten sich daher französische Experten für 3D-Computerdarstellungen mit japanischen Myonen-Radiographen und Ingenieuren von der Universität Kairo zur „Scan Pyramid Mission“ zusammen. 2015 testeten sie ihre Ausrüstung an der sogenannten Knickpyramide, die Cheops’ Vater Snofru hatte erbauen lassen, dann stellten sie ihre Detektoren – an der Nagoya-Universität in Japan entwickelte Platten mit myonenempfindlicher Emulsion – in der Cheops-Pyramide auf.

Und zwar zuerst in dem absteigenden Zugang nahe der Nordseite, denn darüber hatten Infrarotmessungen kanadischer Experten eine thermische Anomalie entdeckt, die sie als Hinweis auf einen Hohlraum nahe der Pyramidenoberfläche deuteten. Tatsächlich vermeldete die Scan Pyramids Mission im Oktober 2016 die Entdeckung eines Hohlraums oberhalb des Eingangs, genau hinter gewaltigen, von außen sichtbaren Steinwinkeln, den sogenannten Chevrons. Doch das war noch nichts gegen das, was die Detektorplatten, die man in der Königinnenkammer im Zentrum des Baus ausgelegt hatte, im März dieses Jahres offenbarten.

„Wir wussten sofort: Da ist etwas Großes“

„Wir waren sehr überrascht, als die Myonen-Radiographie eine dicke Linie parallel zur Großen Galerie zeigte“, sagt Mehdi Tayoubi von der Software-Firma Dassault Systèmes, der Kodirektor des Projekts. Es habe sich ein Myonenüberschuss gezeigt, sehr ähnlich dem, den die Große Galerie selbst verursacht. Seine Ursache liege dabei ein ganzes Stück höher als jene Galerie, ansonsten müsse es sich aber um einen Hohlraum ähnlicher räumlicher Dimensionen handeln. „Wir wussten sofort: Da ist was Großes.“

Drei verschiedene Detektoren liefern das selbe Bild

Zu groß und zu sensationell, um damit allein aufgrund eines einzigen Datensatzes an die Öffentlichkeit zu gehen. Aber man hatte noch weitere Myonendetektoren in Stellung bringen können, die auf jeweils völlig verschiedenen Technologien beruhen und dennoch den Befund der Platten aus Nagoya auf ganzer Linie bestätigten. Eines dieser beiden zusätzlichen Detekorsysteme wurde ebenfalls in der Königinnenkammer plaziert. Das andere arbeitet mit erstickendem Argongas und durfte daher aus Sicherheitsgründen nicht im Inneren der Pyramide betrieben werden. Es konnte nur von außen auf den Bau schauen. Trotzdem sah man auch damit den gleichen riesigen Hohlraum oberhalb der Großen Galerie.

Warum also ist Zahi Hawass noch nicht überzeugt? Er wendet ein, dass die Steine, aus denen das Pyramideninnere aufgeschichtet wurde, alle möglichen Größen hatten. Irregularitäten und auch Lücken seien daher überall in dem Bau zu erwarten. „So einen Hohlraum kann man nicht als Irregularität auffassen, die sich beim Bau zufällig ergeben hat“, widerspricht Hany Helal von der Universität Kairo, der andere Kodirektor von Scan Pyramids. „Vom Standpunkt des Ingenieurs aus gesehen, ist da definitiv eine Aussparung“, sagt er. Wozu Cheops’ Baumeister sie hatten anlegen lassen, dazu würde sein Team keine Hypothesen aufstellen. Darüber mögen sich jetzt die Ägyptologen den Kopf zerbrechen.

„Bei den alten Ägyptern ist alles denkbar“

Die haben damit natürlich schon angefangen. „Um eine weitere Grabkammer wird es sich nicht handeln“, sagt der Bauforscher Felix Arnold vom deutschen Archäologischen Institut in Madrid, der auch viel an Pyramiden geforscht hat. „Obwohl natürlich bei den alten Ägyptern alles denkbar ist – etwa für die Bestattung eines weiteren Sonnenschiffes. Es spricht aber alles dafür, dass es sich um eine bislang nicht bekannte Entlastungskammer über der Großen Galerie handelt, vergleichbar den Entlastungskammern über der königlichen Grabkammer. Überraschend wäre das nicht.“

Bislang reichen die Daten allerdings nicht aus, um zu entscheiden, ob die Struktur wie die Galerie geneigt verläuft oder aber waagrecht. Man weiß nicht einmal, ob es sich um eine einzige, dann mindestens 30 Meter lange Halle oder um einen Komplex aus mehreren kleineren Räumen handelt. „Aus der Perspektive des Ingenieurs gibt es keinen Grund, die Große Galerie durch so einen riesigen Hohlraum statisch zu entlasten“, sagt Helal. Felix Arnold will da gar nicht widersprechen. „Statisch oder konstruktiv erforderlich wäre eine solche Kammer nicht, aber das war den Baumeistern nicht unbedingt bewusst.“

Rein kommt da in absehbarer Zeit niemand

Auch bei dem 2016 entdeckten Hohlraum hinter den Chevrons vermutet Arnold eine Entlastungskammer. Eine Verbindung zwischen diesem Raum und dem über der Galerie wäre dann wenig wahrscheinlich und damit auch, dass Letzterer in absehbarer Zeit direkt erforscht werden kann. Denn wenn es eine Begehung gibt – und sei es eine mit kleinen Robotern, die man durch Bohrungen schicken kann –, dann würde die sicher bei den Chevrons beginnen, glaubt Mehdi Tayoubi. „Eine gezielte Begehung des großen Hohlraums über der Galerie ist im Moment schwer vorstellbar.“

Ohnehin muss erst einmal die Hohlraumfrage im Grab des Tutanchamun geklärt werden. Zwei Radaruntersuchungen hat es dazu im Tal der Könige bisher gegeben, eine sah verborgene Kammern, die andere nicht. Für den laufenden Herbst war eigentlich eine dritte geplant, um die Frage zu entscheiden. Da diese Grabanlage unterirdisch ist, helfen Myonen hier leider nicht weiter.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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