Foto: Museum Ulm, Archäologisches Landesmuseum, Universität Tübingen; Bild-Kombo: F.A.Z.-Multimedia

Urknall in Elfenbein

ULF von RAUCHHAUPT
Foto: Museum Ulm, Archäologisches Landesmuseum, Universität Tübingen; Bild-Kombo: F.A.Z.-Multimedia

06.07.2017 · Vor vierzig Jahrtausenden tat sich in ein paar Höhlen auf der Schwäbischen Alb Erstaunliches. Nächste Woche sollen sechs von ihnen Weltkulturerbe werden. Ein Ortstermin.

O b die zweite Venus schon aufgetaucht ist? Beth Velliky muss lachen. „Nein, aber vielleicht haben wir ein Stückchen und wissen noch nicht, dass es zu ihr gehört.“ Die junge Amerikanerin, Doktorandin am Institut für Vor- und Frühgeschichte der Universität Tübingen, liegt bäuchlings auf Sandsäcken vor einer flachen quadratischen Grube. Dort kratzen sie und Emma Kozitzky von der New York University im Dreck. Mit kleinen Spachteln stochern die beiden Grabungshelferinnen vorsichtig im Erdreich, bevor sie dieses dann in eine kleine Blechbox schmieren. Es ist feuchter lehmiger Höhlenboden, durchsetzt mit Kalksteinbrocken. Vor mehr als 40.000 Jahren allerdings hatten sich hier Menschen um ein Feuer geschart, in dem neben Holz auch Tierknochen brannten.

Bäume waren eben rar im eiszeitlichen Tal der Ach. Südwestlich der heutigen Stadt Blaubeuren hatte sich das Flüsschen tief in den weißen Jura der Schwäbischen Alb geschnitten und die Bildung von Karsthöhlen wie dieser ermöglicht. Der „Hohle Fels“ ist eine von mehreren solcher Kavernen, in denen die Vertreter der altsteinzeitlichen Aurignacien-Kultur ihre Spuren hinterlassen haben. Aber manche dieser Spuren haben es in sich. Ihretwegen entscheidet die Unesco auf einem heute beginnenden Treffen in Krakau darüber, ob sechs der Höhlen in den Tälern von Ach und Lone (siehe Karte „Die Höhlen der ältesten Eiszeitkunst“) der Status eines Weltkulturerbes verliehen werden kann.

  • Aurignacienzeitliche Kunst gibt es auch anderswo,...
  • aber nirgendwo so früh so üppig wie im beantragten Weltkulturerbe.

Denn an ihren Lagerfeuern wie hier im Eingangskorridor des Hohle Fels wurden die frühesten nachweisbaren figürlichen Kunstwerke betrachtet oder angefertigt, die frühesten Darstellungen geistiger, religiöser Motive – und die frühesten Musikinstrumente.

„Das Ensemble, das wir hier haben, ist definitiv das älteste bekannte“, sagt Nicholas Conard, Beth Vellikys Professor in Tübingen. Seit 1995 lehrt der gebürtige Amerikaner dort ältere Urgeschichte und Quartärökologie, ein Posten, der mit der wissenschaftlichen Leitung der altsteinzeitlichen Grabungen auf der Alb sowie des urgeschichtlichen Museums Blaubeuren (siehe „Im Louvre der Eiszeitkunst“) verbunden ist. Zwar haben die Träger der Aurignacien-Kultur ihre typischen Steinwerkzeuge an vielen anderen Stellen in den unvergletschert gebliebenen Regionen des eiszeitlichen Europas hinterlassen, und an zwei davon gibt es auch Figürliches: eine stilisierte Zeichnung in der Grotta di Fumane bei Verona und exquisite Höhlenmalereien in der südfranzösischen Grotte Chauvet. „Doch die Chauvet ist deutlich jünger, um einige tausend Jahre“, sagt Conard. Für Musik kommen die anderen Belege frühestens aus der auf den Aurignacien folgenden Kulturstufe des Gravettien, und schließlich wurde im Sommer 2008 hier, im Korridor des Hohle Fels, auch die Statuette einer exzessiv weiblichen Gestalt entdeckt. Plastiken dieses Genres sind sonst ebenfalls erst aus dem Gravettien bekannt. Die „Venus vom Hohle Fels“ kommt aus einer der untersten Aurignacien-Schichten der Höhle, nahe dem Planquadrat, an dem Beth und Emma nun im Lehm wühlen. 2015 wurde dann noch das Fragment einer zweiten Statuette gefunden, vor der noch mehr vorhanden sein könnte. „Deswegen schlägt mein Herz bei jedem Stückchen Elfenbein schneller“, gesteht Beth.

Tatsächlich wurde auch an diesem Lagerfeuer geschnitzt. „Wir haben hier viel Schnitzabfall aus Elfenbein gefunden, richtige Späne“, sagt die Grabungstechnikerin Sarah Rudolf. „Die Leute haben hier hauptsächlich Elfenbeinperlen hergestellt, davon findet man hier mitunter Vorformen.“ Sofort springt Beth auf und holt aus einer beschrifteten Plastiktüte einen Fund vom Vormittag. Er sieht aus wie eine stumpfe Keramikscherbe, ist aber deutlich leichter. „Mammut-Elfenbein“, sagt Sarah Rudolf, „das ist an beiden Seiten regelmäßig abgeschnitten. Die typische Vorform einer Perle.“

Doppelt gelochte Elfenbeinperlen sind typisch für das schwäbische Aurignacien. Dieses zwei Zentimeter lange Stück wurde 1906 am Sirgenstein gefunden. Foto: Universität Tübingen

Die junge Technikerin hat die Oberaufsicht über die internationale Helfermannschaft. Ein halbes Dutzend Studenten der Vor- und Frühgeschichte sind es, die heute im Korridor des Hohle Fels Sediment in zwei bis drei Zentimeter dicke Lagen abtragen. Was sie dabei als Kohlestücke, Elfenbeinsplitter oder Steinwerkzeuge erkennen, tüten sie sogleich ein. Alles übrige Sediment kommt erst in die Blechboxen und von dort in schwarze Plastikeimer – einen für jeden Viertelquadratmeter Abtrag. Während die beiden Amerikanerinnen den unteren Aurignacien durchforsten, ist Emily von der University of New South Wales in Sidney einen guten Meter über ihnen beschäftigt. „Da ist schon der Übergang zum Gravettien“, erklärt Sarah Rudolf. „Dort gibt es weniger Elfenbein, dafür aber viel Knochen: Bär, Rentier, Pferd, Mammut.“

Die Position jedes größeren Stückes wird von Leonard aus Berlin mit einem Laser-Theodolithen eingemessen. Die Eimer hingegen werden heute von Maddy aus New York hinaus aus der Höhle an das Ufer der Ach getragen und dort geschlämmt, das bedeutet: in einem Becken mit einem groben und einem feinen Sieb am Boden abgespült. „Wir wechseln uns dabei ab“, erklärt Maddy. An anderen Tagen der sechswöchigen Kampagne wird sie in der Höhle graben, während eine ihrer Kolleginnen schlämmt, an wieder anderen wird sie im Grabungshaus in Blaubeuren die Schlämm-Rückstände mit der Pinzette durchsuchen. Diese Methode wurde in den 1970er Jahren von dem Prähistoriker Joachim Hahn (1942 bis 1997) in die urgeschichtliche Feldarbeit eingeführt. Hahn grub damals am Geißenklösterle, einer weiteren für das Welterbe vorgesehenen Höhle, vor der heute eine Gedenktafel an ihn erinnert. Auch das Blaubeurer Gymnasium ist heute nach Joachim Hahn benannt. Ohne seine Präzisionsarchäologie schlummerten noch etliche der eiszeitlichen Kunstwerke und Blasinstrumente in Abraumhalden.

3D-Galerie

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  • Dieses Mammut stammt aus der Grabung der Vogelherd-Höhle 1931. In dem fünf Zentimeter langen Stück sind merkwürdige Kreuzreihen eingeritzt.
  • Das Wildpferd ist rund fünf Zentimeter hoch. Es gehört zu den Figuren, die schon 1931 in der Vogelherd-Höhle gefunden wurden und mit denen sich der Ausgräber Gustav Riek am liebsten hätte bestatten lassen.
  • Der Wasservogel ist in dem Moment dargestellt, da er ins Wasser eintaucht - vielleicht ein Symbol für den Übergang ins Jenseits oder in eine Unterwelt. Das 4,7 Zentimeter lange Stück kam 2002 im Hohle Fels ans Licht.
  • Die Venus vom Hohle Fels ist knapp sechs Zentimeter hoch und von ihrer Fundlage her das älteste figürliche Kunstwerk der Menschheit.



So hatte Conards Amtsvorgänger Gustav Riek (1900 bis 1976) die Vogelherd-Höhle im Lonetal 1931 in nur zehn Wochen besenrein ausgeräumt – mit Methoden die eher an Bergbau erinnern als an Archäologie. Zwar fand er dabei die ersten zehn Elfenbeinfiguren. Doch gruselt es die Forscher heute bei dem Gedanken an die Informationen, die von den Schaufeln der Riekschen Mannschaft vernichtet worden sein dürften. Die hatte damals am Vogelherd nicht eine einzige der für das schwäbische Aurignacien typischen doppelt gelochten Elfenbeinperlen gefunden. Als Conards Team zwischen 2005 und 2012 Rieks Abraum schlämmten und sichteten, fanden sie darin gut 400 solcher Perlen sowie weitere Figuren, darunter einen Fisch und einen Igel, was die einst populäre Deutung widerlegte, nur gefährliche Raub- oder Beutetiere seien von den Eiszeitschnitzern der Darstellung für würdig befunden worden.

Flöten im heutigen Sinne waren es nicht, denn vielleicht wurden sie über umwickelte Blätter angeblasen. Dieses Exemplar aus dem Knochen eines Geiers, fand man 2008 im Hohle Fels. Foto: ddp

Wie wichtig eine genaue Sichtung ist, wurde auch 2004 offenbar, als sich Mitarbeiter Conards die Fragmentmassen aus Hahns Grabungen am Geißenklösterle noch mal vornehmen und einige Elfenbeinstücke darin als Trümmer einer geschnitzten Flöte identifizieren konnten. Das war ein Sensationsfund. Während die meisten anderen Eiszeitflöten aus Vogelknochen gefertigt sind, hatte hier jemand mit mindestens dem hundertfachen Zeitaufwand eine Flöte aus dem Stoßzahn des größten Beutetieres gefertigt, was noch einmal ganz anderes Licht auf die Bedeutung wirft, die der Musik damals zugemessen wurde.

Die Qualität der Aurignacien-Werke von der Schwäbischen Alb sind das eine Rätsel. Das andere ist die Plötzlichkeit ihres Auftauchens. In der aktuellen Grabung im Hohle Fels ist das in dem Quadratmeter auf der anderen Seite von Beths und Emmas aurignacienzeitlichem Arbeitsplatz zu besichtigen. Einen knappen Meter tiefer wühlt sich dort Lloyd – Brite und Student in Madrid – durch das Mittelpaläolithikum. Er kommt schneller voran als Beth und Emma oder auch Emily, denn die Funddichte ist hier sichtlich geringer, aber nicht null. „Seit Grabungsbeginn vorgestern hatten wir einen Bärenknochen und ein Steinwerkzeug“, sagt Sarah Rudolf. Aber die Werkzeuge des Mittelpaläolithikums sind ganz andere als die schlanken Aurignacien-Klingen. Sie wurden von Neandertalern gefertigt.

Diese Menschenart lebte über hunderttausend Jahre an vielen Orten Mitteleuropas, starb aber vor 30.000 Jahren aus. Ob, und wenn ja was, dies mit der Ankunft der Aurignacien-Leute zu tun hatte, bei denen es sich nach allem, was man weiß, durchweg um Vertreter des Homo sapiens gehandelt haben muss, ist bis heute unklar. Auf der Schwäbischen Alb jedoch waren die Neandertaler bereits verschwunden, als dort vor gut 43.000 Jahren die ersten Aurignaciens auftauchen.

Da es nun nirgendwo einen klaren Beleg für künstlerische Aktivitäten von Neandertalern gibt, allenfalls für die Nutzung einfachen Körperschmucks, ist die große Frage: Hat Homo sapiens seine ästhetischen Neigungen erst hier im Aurignacien entdeckt? Oder bereits dort, von wo er sich vor 60.000 Jahren über die Welt auszubreiten begann, nämlich in Afrika? Dort gibt es in der Tat ältere Ornamentik, etwa das Muster auf einem Rötelbrocken aus der Blombos-Höhle oder die verzierten Straußeneierschalen aus dem Diepkloof Rock Shelter, beides in Südafrika. „Alle diese frühen Ritzungen sind immer abstrakt“, sagt Conard. „Es ist nicht klar, was sie repräsentieren. Figürliche Darstellungen fehlen.“ Vor fast zwanzig Jahren hat Conard daher das Modell der sogenannten „Kulturpumpe“ vorgeschlagen. Es erklärt die relativ plötzliche künstlerische Aktivität im Aurignacien als Folge mehrerer Faktoren, welche die Homo sapiens-Gruppen bei ihrer Einwanderung ins eiszeitliche Mitteleuropa veränderten: schwankendes Klima, Konkurrenz mit anderen Jägern und Sammlern sowie davon unabhängige Innovationen. „Es ist sehr eigenartig, dass dieses Modell bis heute nicht widerlegt wurde“, sagt Conard. „Dazu bedürfte es nur eines glaubhaften Beispiels für noch ältere figürliche Darstellungen oder Musikinstrumente in Afrika oder sonst irgendwo.“

Altsteinzeit

Die Eiszeit war nicht nur einfach kalt, sondern auch von starken Klimaschwankungen geprägt. Die Kulturen des Jungpaläolithikums (beige und lila) erlebten die härtesten Zeiten. F.A.Z.-Grafik Kaiser, Quelle Landesdenkmalamt Baden-Württemberg

Das Ganze sei schließlich eine Hypothese, keine Deutung, betont Conard an die Adresse von allen, die ihn gelegentlich schon eurozentrischer Umtriebe verdächtigten. „Natürlich wären viele Leute sehr glücklich, wenn die älteste bekannte figürliche Kunst aus Afrika käme. Es klingt ja auch stimmig: Die frühesten modernen Menschen kommen aus Afrika, so sollte auch alles andere von dort kommen“. Doch in der Wissenschaft spielt es keine Rolle, was man glaubt oder hofft, sondern nur, was zur Datenlage passt. Die aber kann sich ändern, und niemand wäre darüber glücklicher als Nicholas Conard selbst, der nicht nur im Schwäbischen gräbt, sondern auch in Afrika und Iran.

Welches Potential aber bleibt für die Alb, wenn die fundträchtigsten Höhlen erst einmal Weltkulturerbe sind? „Die Forschung darf das nicht behindern“, sagt Conard, der sich von dem Unesco-Titel mehr öffentliche Aufmerksamkeit und dadurch mehr Ressourcen für Wissenschaft und Museumsarbeit erhofft. „Es wird höchstens ein wenig umständlicher.“ Bei einem Welterbe-Areal muss sich das Denkmalamt jedes Mal genau erklären lassen, was gemacht werden soll, und darauf achten, dass Bestehendes nicht wesentlich verändert wird.

Der Wasservogel ist in dem Moment dargestellt, da er ins Wasser eintaucht - vielleicht ein Symbol für den Übergang ins Jenseits oder in eine Unterwelt. Das 4,7 Zentimeter lange Stück kam 2002 im Hohle Fels ans Licht. Foto: Rainer Wohlfahrt
In dem "Adoranten" aus dem Geißenklösterle sehen manche Forscher ebenfalls ein Mischwesen aus Tier und Mensch, das eine anbetende Geste auszuführen scheint. Das vier Zentimeter hohe Plättchen hat eine verzierte Rückseite und wurde 1979 ausgegraben. Foto: Walter Geiersperger
Der Löwenmensch aus Hohlenstein-Stadel ist mit 31 Zentimetern Höhe die größte der Eiszeit-Skulpturen von der Schwäbischen Alb. Die Höhle, in der man 1939 seine Fragmente fand, war möglicherweise eine sakrale Stätte. Foto: Museum Ulm

Im Hohle Fels zumindest kann es eine Zeitlang weitergehen. „Hier im Korridor liegen noch drei Meter Sedimente aus dem Mittelpaläolithikum“, sagt Sarah Rudolf. „Da gibt es noch einiges zu graben. Es ist nur die Frage, wie man es abstützt und wie man noch etwas für die Zukunft lässt. Die Methoden entwickeln sich ja weiter.“ Rieks Totalräumung der Vogelherd-Höhle hat bei den Forschern ein Trauma hinterlassen.

Für Conny Meister vom Landesdenkmalamt Baden-Württemberg, der an der Ausarbeitung der Welterbe-Bewerbung beteiligt war, ist das ein entscheidender Punkt. „Deswegen haben wir für jede Höhle klare Konzepte“, sagt er. „Der Hohle Fels ist die einzige Höhle, in der noch gegraben werden darf und auch nur in einem limitierten Areal. Die anderen sind jetzt erst einmal zu.“ Nun finden sich aber in zwei der prospektiven Welterbe-Höhlen, im Sirgenstein und dem Geißenklösterle, Verstürze, unter und hinter denen es weitere aurignacienzeitliche Sedimente geben könnte. Dürften die Archäologen da nun nicht mehr ran?

„Das kommt darauf an“, sagt Meister. „Im Sirgenstein wurde seit 1906 nicht mehr gegraben. Solch eine Fundstelle würde ich eher untersuchen, um zu sehen, was überhaupt noch an Sedimenten da ist. Aber irgendwo wieder eine großräumige Grabung anzufangen, das wird erst einmal nicht gehen.“ Auch nicht im Geißenklösterle, wo die außerordentlichen Funde der Vergangenheit besondere Lust auf die Räumung des Versturzes wecken könnten. „So etwas wäre reine Fundhäscherei und keine wissenschaftliche Grabung“, sagt Meister. Außerdem gebe es bereits genügend Grabungen im Land. Um sie auswerten zu können, werde hauptsächlich nur noch das gemacht, was von Zerstörung bedroht ist.

Ohnehin übertreffen die bisherigen Funde in den Höhlen der Schwäbischen Alb bereits alle Prähistoriker-Träume, erst recht dann, wenn nun auch noch der Rest der zweiten Venus auftaucht. „Was können wir denn noch Tolleres finden?“, fragt Nicholas Conard. Aber zumindest im Scherz fällt da auch ihm noch etwas ein. Wie wäre es etwa mit einer Neandertaler-Bestattung samt Venus als Grabbeigabe?


Nächstes Kapitel:

Im Louvre der Eiszeitkunst


Foto: dpa

Im Louvre der Eiszeitkunst

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Lara Croft ist kein Fruchtbarkeitsidol – und andere Einsichten im Blaubeurer „Urmu“.

Q uadratmeter 30 ist nicht zu übersehen. Denn wer zu den Schatzkammern des Urgeschichtlichen Museums alias Urmu in Blaubeuren möchte, der passiert die hohe Vitrine unweigerlich. Das Haus ist schließlich kein Werk moderner Stararchitekten, sondern nutzt ein Hospiz aus dem 15. Jahrhundert, einer Zeit, in der weite Treppenfluchten nur das Heizen erschwert hätten. Quadratmeter 30 ist auch ein museumspädagodisches Juwel. Hier ist das Planquadrat nachgebildet, in dem die Venus vom Hohle Fels gefunden wurde – dreidimensional mit Sammelfunden aus sämtlichen Schichten: Steinwerkzeugen, Knochensplittern, Elfenbeinfragmenten. „Das sind bei weitem nicht alle“, sagt die Museumsdirektorin Stefanie Kölbl. „Wir haben über 1200 Fundnummern in diesem Quadrat.“ Aber die gezeigten illustrieren das Chaos im Höhlenlehm, aus dem Prähistoriker ihre Schlüsse ziehen müssen – wenn sie Glück haben und nicht mit Aushub aus der grabungstechnischen Steinzeit ihres Faches befasst sind (siehe: „Urknall in Elfenbein“).

Die zehn Bruchstücke der Venus aus der Zeit des frühen Aurignacien vor etwa 40.000 Jahren sind natürlich auch hier und wollen vom Besucher erspäht werden. Diese Venus-Fragmente sind hier Repliken. Das Original, die älteste bekannte Darstellung eines menschlichen Körpers, ist oben in den Schatzkammern.

Zuvor gibt es noch etwas Theorie über Kunst als „notwendigen Luxus“, deren rein evolutionsbiologische Axiomatik man nicht uneingeschränkt teilen muss, um sie anregend zu finden. Anschließend geht es zu den anderen Aurginacien-Skulpturen von der Schwäbischen Alb. Das Urmu beherbergt die meisten Originale der inzwischen mindestens vierzig Figuren, aber nicht alle. So sind zwei sehr schöne Figuren im Archäopark an der Vogelherd-Höhle ausgestellt. Der sogenannte Adorant aus dem Geißenklösterle steht in Stuttgart und der große Löwenmensch aus Hohlenstein-Stadel in Ulm. Doch zumindest die letzten beiden gibt es hier als Rekonstruktionen ihres ursprünglichen Aussehens. Auch viele der Tierfiguren, die hier im Original gezeigt werden, sind von solchen Rekonstruktionen begleitet. Und diese kommen nicht etwa aus dem 3D-Drucker, sondern wurden aus echtem Mammut-Elfenbein nachgeschnitzt. „Uns war die Aura des Originalmaterials wichtig“, sagt Kölbl. Bleibt nur zu hoffen, dass nicht zu viele Besucher der Versuchung erliegen, die Nachschnitzereien zu befingern. Hinter Plexiglas wäre die Aura schnell perdu.

Viele Stücke haben in den Jahrtausenden Beine, Köpfe oder Rüssel eingebüßt. Aber dank der Rekonstruktionen können sich hier auch eiszeitzoologische Laien davon überzeugen, wie perfekt die nur spielfigurgroßen Skulpturen gearbeitet sind. Diese Perfektion ist paradoxerweise einer der Gründe, warum die Eiszeitkunstwerke der Schwäbischen Alb selbst in Deutschland noch nicht den Status der Giebelfiguren des Aphaia-Tempels in der Münchner Glyptothek oder der Nofretete-Büste in Berlin erreicht haben. Dabei sind sie nicht nur perfekt, sondern markieren die Anfänge der Kunst als solcher. Doch sofern in den Schulbüchern der heute Erwachsenen überhaupt noch von der Altsteinzeit die Rede war, fanden sich darin oft nur die Höhlenmalereien aus Lascaux oder Altamira abgebildet, die viele Jahrtausende jünger sind.

„Dabei war nie umstritten, dass diese Figuren-Funde aus dem Aurignacien stammen“, sagt Nicholas Conard von der Universität Tübingen, der auch der wissenschaftliche Leiter des Urmu ist. Doch aus der Sicht des nach dem Zweiten Weltkrieg führenden vorgeschichtlichen Archäologen, des Franzosen André Leroi-Gourhan (1911 bis 1986), konnten diese Figuren erst im späten Aurignacien entstanden sein, erklärt Conard. „Und warum? Weil sie so wunderschön sind.“ Zu perfekt, um als früheste Kunst gelten zu können.

Die insgesamt drei Darstellungen tier-menschlicher Mischwesen im schwäbischen Aurignacien beziehen ihre Bedeutung indes weniger aus einer naturalistischen Formschönheit als daraus, dass sie gerade nicht etwas abbilden, was der Eiszeitmensch in seiner Umgebung vorfand, sondern etwas, das seinem Geist entsprang, seinen Vorstellungen oder Ahnungen von der Welt jenseits des Sichtbaren. Und auf noch einmal etwas andere Weise berührt den Betrachter die Venus vom Hohle Fels.

Auf die Begegnung mit ihr bereitet ein Raum vor, der alles vermittelt, was man über steinzeitliche Darstellung von Weiblichkeit fürs Erste wissen muss. So finden sich hier maßstabsgetreue Repliken aller wichtigen Venus-Statuen aus späteren Epochen: die Damen aus Stratzing, Willendorf, Dolní Věstonice und anderswo. Doch die Vorstellung, solche Figuren könnten ob ihrer exorbitanten Hüftweiten und Körbchengrößen nur etwas mit Fruchtbarkeit zu tun gehabt haben, wird gleich hier dekonstruiert – durch eine Barbie und die Plastikfigur der Heldin des bekannten Computerspiels. „Lara Croft ist kein Fruchtbarkeitsidol“, sagt Stefanie Kölbl.

Die Venus vom Hohle Fels ist knapp sechs Zentimeter hoch und von ihrer Fundlage her das älteste figürliche Kunstwerk der Menschheit. Foto: Universität Tübingen

Dann also die Venus vom Hohle Fels. Lichttechnisch war die Lady eine Herausforderung. „Die Brust ist so groß, dass sie einen Schatten auf den Bauch warf“, erzählt Kölbl. Das Problem wurde durch einen kleinen Metallspiegel gelöst, den man vor sie in ihre feuersichere Vitrine stellte und der nun die rätselhaften Querlinien gut beleuchtet. Diese hatte man zunächst für die Darstellung aus Bändern gebildeter Kleidung gehalten, wogegen allerdings schon die Sichtbarkeit des Bauchnabels spricht. Kölbl erzählt, in Indonesien habe man früher Schwangeren ganz ähnliche Muster auf den Bauch gemalt, als einfache Methode, um den Verlauf der Schwangerschaft zu verfolgen. War es bei der Venus etwas Ähnliches, dann wäre es eine Frau, die kurz zuvor entbunden hat, wozu passen würde, dass unter den Extremitäten allein Arme und Hände vollständig ausgeführt sind, jene Gliedmaßen also, die man braucht, um Babys zu halten und sie zu stillen. Die Beine dagegen waren nie mehr als Stummel, und an Stelle eines Kopfes besitzt sie nur eine Öse, die das Objekt als Anhänger ausweisen könnte. Eine feministische Deutung erscheint bei dieser Auswahl der betonten Körperteile irgendwie schwierig.

Und trotzdem, die menschliche Form schafft auch über vierzig Jahrtausende eine eigentümliche Vertrautheit, die sich uns heutigen bei den Mammuts und den Pferdchen nicht in gleicher Weise einstellen will. So sitzt man auf der großzügigen Bank, die das winzige Körperchen umgibt, und staunt. Keinen Text gibt es hier mehr zu lesen, und kein anderes Exponat verlangt nach Beachtung. Die kleine Venus vom Hohle Fels hat ihren Raum für sich ganz allein. Wie die Aphaia-Giebel, wie die Nofretete, wie es sich gehört.

Urgeschichtliches Museum Blaubeuren, Di–So 10–17 Uhr (Sommer), www.urmu.de. Vogelherd-Höhle: www.archaeopark-vogelherd.de, Ulmer Museum: www.loewenmensch.de. Weitere Informationen: www.welt-kultursprung.de
Quelle: F.A.Z.