Höhlenmalereien

Die Neandertaler konnten das auch

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 20:00
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Im April 2008 bezeichnete der damalige Umweltminister Sigmar Gabriel ein Statement des damals amtierenden amerikanischen Präsidenten George W. Bush zum Klimaschutz als „Neandertal-Rede“. Das war nicht nur unfreundlich den Neandertalern gegenüber, sondern auch nicht auf der Höhe der Forschung, schließlich ist das Bild jener Frühmenschenart als tumbe Rohlinge längst veraltet. Immerhin hatte sich Homo neanderthalensis über mindestens Hunderttausend Jahre hinweg in einem immer wieder von Eiszeiten heimgesuchte Europa behauptet, bevor er aus nach wie vor ungeklärten Gründen vor spätestens 30.000 Jahren ausstarb. Sicher, sein Körper waren robuster als der des Homo sapiens, der erst vor etwa 45.000 Jahren aus Afrika nach Mitteleuropa vordrang. Doch äffisch war an den Neandertalern längst nichts mehr. Sie waren geschickte Jäger, fertigten hochwertige Steinwerkzeuge an, wussten mit Feuer umzugehen und bestatteten wahrscheinlich auch ihre Toten. Nur eines taten sich im Unterschied zum eiszeitlichen Homo sapiens nach bisheriger Fundlage nicht: sie bemalten nicht die Wände ihrer Höhlen.


Diese Einschätzung hat sich jetzt geändert. Im heute erscheinenden Heft des Fachmagazins „Science“ belegt eine vierzehnköpfige Forschergruppe um Dirk Hoffmann vom Max Planck Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, dass in drei spanischen Höhlen absichtlich aufgebrachte Strukturen aus Farbpigmenten von Neandertalern stammen müssen. Das ergibt sich aus dem Alter der Pigmentschichten. Genauer: aus dem Alter darüber liegender Ablagerungen des Minerals Calcit, die sich in vielen Höhlen im Laufe der Jahrtausende bilden. Deren Datierung ist notorisch schwierig, wenn man für eine Analyse nicht größere Mengen abtragen und den Untersuchungsgegenstand dadurch beschädigen will. Doch moderne Technik ermöglicht es, in Proben von weniger als zehn Milligramm den Gehalt an Uran sowie dessen Zerfallsprodukt Thorium zu bestimmen und daraus die Zeit zu berechnen, die vergangen ist, seit sich das Calcit über die Farbe gelegt hat.

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HöhlenmalereienDie Kunst der Neandertaler


Hoffmann und seine Mitarbeiter konnten so das Alter einer roten Struktur in einer Höhle der nordspanischen Region Kantabrien auf mindestens 64.800 Jahre bestimmen und das eines abgepausten Handumrisses in der Estremadura auf mindestens 66.700 Jahre. Zu dieser Zeit gab es auf der iberischen Halbinsel keine andere Menschenart als den Neandertaler. Er muss es also gewesen sein. Und sein Umgang mit Farbe dürfte keine nur gelegentlich aufflackernde Marotte gewesen sein, sondern Teil einer kulturellen Tradition. Denn als drittes hatten die Forscher verschiedene gefärbte Tropfsteine in Andalusien untersucht und festgestellt, dass einer von ihnen vor mindestens 65.500 Jahren rot bemalt worden war, andere bis zu 25.000 Jahre später. Möglicherweise reichte diese Tradition bis in die Frühzeit des klassischen Neandertalers. Denn in einer zweiten, ebenfalls heute in „Science Advances“ erschienen Arbeit, zeigt Hoffmann zusammen mit vier weiteren Forschern, dass an durchbohrten Muschelschalen aus der Cueva de los Aviones in Murcia seit 115.000 bis 120.000 Jahren rote und gelbe Pigmente haften.


Aus diesen Befunden lässt sich auf die Fähigkeit zu „symbolischem Verhalten“ schließen, soll heißen: einem Verhalten, das nicht unmittelbar der Lösung biologischer Überlebensprobleme diente. Nun sind die spanischen Malerarbeiten nicht die einzigen Zeugnisse symbolischer Aktivität in dieser Zeit. In Südafrika wurden schon vor Jahren ähnlich alte geometrische Ornamente auf einem Stück Ocker sowie auf Straußeneierschalen gefunden, ebenso durchbohrte Schneckenschalen, die vielleicht zu einer schmückenden Kette aufgefädelt waren. Deren Urheber könnten zwar zu unserer Art Homo sapiens gehört haben, aber auch in Europa gibt es Schmuckfunde in Neandertaler-Kontexten, insbesondere der jüngsten neandertalischen Kulturstufe, dem sogenannten Châtelperronien.


Sie konnten bislang allerdings auch als Ergebnis einer Beeinflussung durch den Homo sapiens interpretiert werden. João Zilhão bekämpft diese Vorstellung seit gut zwei Jahrzehnten. Der in Barcelona lehrende portugiesische Paläoanthropologe, der an beiden aktuellen Veröffentlichungen beteiligt war, ist überzeugt, dass der Neandertaler unserer Art kognitiv ebenbürtig gewesen sein muss. Mit dem Nachweis einer eigenständigen symbolischen Betätigung der Neandertaler sei „die Debatte zum Abschluss gelangt“, schließt denn auch der aktuelle Science-Artikel und in der zugehörige Pressemitteilung des Leipziger Max-Planck-Institutes heißt es „Neandertaler dachten wie wir“.


Doch diese Sicht ist in der Forschergemeinde alles andere als Konsens und daran scheint auch der neue Befund nichts zu ändern. Jean-Jacques Hublin, einer der Direktoren des Leipziger Instituts, der an den Arbeiten nicht beteiligt war, wird in der gleichen Ausgabe von „Science“ mit der Aussage zitiert, der Schluss, Neandertaler seinen wie moderne Menschen gewesen, sei „sehr gewagt“.

Tatsächlich ist die Bezeichnung „Höhlenmalerei“ oder „Kunst“ für jetzt datierten Farbstrukturen insofern irreführend als diese Begriffe im Kontext der Altsteinzeit an die Tierbilder in den Höhlen von Lascaux, Altamira oder der Grotte Chauvet denken lassen. Doch auch nur entfernt als figürlich interpretierbare Darstellungen, die nachweislich auf Neandertaler zurückgehen sind noch immer nirgends nachgewiesen. Natürlich lässt sich der Kunstbegriff auch für die Altsteinzeit so ausweiten, dass Ornament und ungegenständliche Muster generell darunterfallen, allerdings nur zum Preis einer terminologischen Verwischung augenfälliger Unterschiede, deren Gründe man durch die prähistorische Forschung gerade zu verstehen versucht. Und es verstößt nicht gegen die Würde eines Menschen wie eines Neandertalers, wenn man ihn, obgleich er malt, deshalb noch nicht als Künstler bezeichnet.

Quelle: F.A.Z.
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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