Nazca-Kultur

Hinter den Linien

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 11:09

Wie passt das zusammen? Da liegt eine tönerne Panflöte, bunt bemalt mit fröhlich lachenden Gesichtern. Ein paar Schritte weiter aber steht man vor einem seltsamen Gefäß, auf dem mythische Gestalten Menschen die Köpfe abschneiden. Und das bleiben nicht die einzigen Enthauptungen, die einem in der Bonner Bundeskunsthalle begegnen. Dabei ist das Thema der dort am Mittwoch eröffneten Ausstellung nicht etwa eine der imperialen Kulturen Altamerikas, deren wenig ausgeprägte Zimperlichkeit im Umgang etwa mit besiegten Feinden notorisch ist. Nein, es geht um die Nazca.

So nannten sie sich nicht selbst. Wie alle Völker des alten Südamerika kannten die Nazca keine Schrift, und niemand weiß etwas über ihre Sprache. Denn ihre Kultur endete lange vor der Ankunft der Inka oder der Spanier bereits um das Jahr 600 nach Christus, wofür offenbar nicht zuletzt eine sich stetig verschärfende Dürre verantwortlich war. Das Wasser der von den Anden herabströmenden Flüsse ihres Kerngebietes – der Gegend der heutigen Orte Nazca und Palpa im südlichen Peru – reichte nicht mehr. Achthundert Jahre lang hatten die Nazca die schmalen Flussoasen bevölkert und unter anderem Keramik höchster Qualität produziert, die von einer breiten Bevölkerung benutzt wurde. Den Nazca-Siedlungen fehlten Verteidigungsanlagen genauso wie Protzbauten, und so scheint es, als habe Utopia hier gelegen: eine egalitäre, friedliche Hochkultur, doch zu höchsten Leistungen fähig.

Berühmt durch Bodenzeichen

Vor allem aber haben die Nazca jene rätselhaften Linien in der Wüste zwischen ihren Flusstälern hinterlassen, sogenannte Geoglyphen („Bodenzeichen“). Kein pyramidonaler Aufwand scheint dafür notwendig gewesen zu sein – die Muster entstehen, indem man einfach das dunkel oxidierte Andengeröll zur Seite räumt und so den hellen Schluff darunter zur Geltung bringt. Das Ergebnis kann, wie man an den bekannten Tierfiguren sieht, höchsten ästhetischen Ansprüchen genügen, ohne dabei von der Geltungssucht einer Elite motiviert zu sein. War die Pracht der Nazca-Geoglyphen doch nur von Göttern oder Luftgeistern zu sehen.

Das Phänomen fasziniert die Forscher seit Jahrzehnten (siehe „Geh, o Glyphe“) und hat die Nazca berühmter gemacht als alle anderen Völker des vorspanischen Südamerika, abgesehen von den Inka. Anders als etwa Chavín, die Huari oder Tiwanacu – Kulturen, die historisch weitaus tiefere Spuren hinterlassen haben – sind die Nazca durch ihre Linien heute einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Doch was bezweckten sie damit?

Raubgräber und Terroristen

Die frühen Versuche, diese Frage zu beantworten, krankten nicht zuletzt daran, dass man nur auf die Geoglyphen schaute. „Diese Linien wurden immer vollkommen losgelöst von den Siedlungsplätzen gesehen“, erklärt Markus Reindel vom Deutschen Archäologischen Institut in Bonn, der die aktuelle Ausstellung wissenschaftlich beraten hat. „Siedlungen kannte man zunächst auch nur sehr wenige im Nazca-Gebiet.“ Tatsächlich stammen die meisten bekannten Nazca-Artefakte, insbesondere die Keramik und die kaum weniger spektakuläre Textilkunst, aus Raubgrabungen. Moderne archäologische Feldarbeit wurde erst in den 1980er Jahren begonnen und dann noch lange durch die Aktivitäten der kommunistischen Terrororganisation Sendero Luminoso behindert.

Seit 1997 leitet Reindel zusammen mit einem peruanischen Archäologen das Nazca-Palpa-Projekt. Dessen Zweck ist eine Erfassung der dortigen Geoglyphen mit modernen geographischen Informationssystemen, verbunden mit gezielten Ausgrabungen von Siedlungsplätzen. So will man mehr darüber herausfinden, wo und unter welchen Bedingungen die Nazca gelebt haben und wovon sie sich ernährten. Unterdessen wird der größte Fundort von Gebäuderesten der Nazca-Zeit, Cahuachi am Rio Nazca, seit 1982 von einem italienischen Team erforscht.

Schon vorher war klar, dass die Nazca vor allem Bauern waren, die sich zur Bewässerung ihrer Felder in der extrem regenarmen Region nicht nur auf ihre Flüsse verließen, sondern geschickte Bewässerungsanlagen anzulegen verstanden. Zugleich hielten sie sich wohlschmeckende Meerschweinchen sowie Lamas, deren Wolle neben der Baumwolle wichtiges Rohmaterial für ihre exquisite Textilproduktion war. Die Nazca unterhielten aber auch Verbindungen zur Küste. Sie kannten Meerestiere und stellten sie auf ihrer Keramik dar. Ein besonders prominentes Motiv dort ist der Orca.

Der Küstenkontakt bestand offenbar nur im Süden. Nördlich des heutigen Lima blühte zur gleichen Zeit die Hochkultur der Moche. Deren Architektur ist die monumentalste vor der Zeit des Inka-Imperiums und ihre Keramik von einer später kaum je wieder erreichten Kunstfertigkeit. Doch mit den Nazca hatten sie nichts zu tun. „Das ist ganz erstaunlich“, sagt Reindel. „Man denkt, die müssten sich gekannt und ausgetauscht haben, aber man findet nur ganz wenige Hinweise.“ Dabei gingen beide Völker aus einem gemeinsamen Kulturraum hervor, der nach einem Fundort, Chavín de Huántar, benannt ist. Im Süden hatte dieser auch die Menschen der Paracas-Kultur beeinflusst, die bis um 200 vor Christus den Nazca unmittelbar vorausging. „Das war eine Zeit, in der Einflüsse sehr weiträumig gewirkt haben“, erklärt Reindel. „Man sieht das an Bildmotiven. In der Paracas-Kultur treten solche Motive auf, aber dann verselbständigt sich das, und es entstehen isolierte Kulturräume, die sich offenbar wenig ausgetauscht haben.“

Abgeschnittene Menschenköpfe

Allerdings lassen gruselige ikonographische Details wie das auf dem erwähnten Gefäß in der Bonner Ausstellung vermuten, die Nazca könnten einen bei den Moche üblichen Brauch auch gekannt haben: den der Menschenopfer. Wie erst kürzlich der Fund von mehr als 140 grausam geopferten Kinder an einer Stätte der späteren Chimú-Kultur wieder zeigte, handelt es sich dabei um eine „pan-andine Tradition“, wie Reindel es formuliert. Allerdings ist sich der Archäologe bei den Nazca noch nicht so sicher: „Was man hier hat, sind die sogenannten Trophäenköpfe: offensichtlich abgeschnittene Menschenköpfe. Man hat nun lange diskutiert, ob das besiegte Feinde sind.“

Das ist aber offenbar nicht der Fall, denn Isotopenuntersuchungen zufolge kommen die Geköpften aus dem näheren geographischen Umfeld der Nazca, also aus der eigenen Gesellschaft. „Und es ist nicht klar, ob es tatsächlich Trophäen sind oder ob die Köpfe in Zusammenhang mit einem Ahnenkult gesehen werden müssen.“ Zumindest sind getrennt von den abgeschnittenen und präparierten Köpfen mitunter ordentlich bestattete Körper ohne Kopf gefunden worden – aber auch ohne alle Spuren eines gewaltsamen Todes. „Kurioserweise“, berichtet Reindel, „sind dann manchmal Gefäße dabei, die offenbar den Kopf ersetzen sollten.“

Hierarchien auch hier

Während diese Gräber die Frage nach den „Trophäenköpfen“ also eher verkompliziert haben, konnte eine andere geklärt werden, die nach der früher vermuteten Egalität der Nazca-Gesellschaft. Die hat es so nicht gegeben. In der Siedlung von La Muña legten Reindel und seine Mitarbeiter zwölf Gräber frei, die alle Anzeichen von Elitenbestattungen zeigen. „Das waren richtige Fürstengräber“, sagt Reindel. Die Toten waren getrennt von den Gräbern des niederen Volks bestattet, in aufwendigen Kammern in bis zu sieben Meter Tiefe und mit besonders reichen Grabbeigaben, darunter Goldschmuck. „Wichtig ist auch die Grabarchitektur. Die diente dazu, hier einen Grabkult zu praktizieren. Aufgrund der Funde auf Geländeniveau, die aus einer späteren Zeit stammten als die Grablege selbst, können wir sagen, dass da mindestens zweihundert Jahre lang Grabkult betrieben wurde.“ Bei den Nazca ging es also in dieser Hinsicht ähnlich zu wie bei den Pharaonen.

Auch die siedlungsarchäologischen Befunde, nach denen es neben Weilern und Dörfern auch Regionalzentren gab, weisen für Markus Reindel auf eine gut organisierte, hierarchische Gesellschaft hin. Was Cahuachi angeht, der größte Ort der Nazca-Kultur, so kann sich der Bonner Archäologe nicht der Interpretation seiner italienischen Kollegen anschließen, dass es sich dabei um ein sakrales Zentrum gehandelt habe, zu dem man pilgerte, wo aber kaum jemand wohnte. Um die bisher erst untersuchten zentralen Bauten gebe es große Siedlungsflächen. Für Reindel sieht Cahuachi daher eher nach einem politischen Zentrum aus: „Eine Hauptstadt, könnte man sagen, eine Hauptstadt der Nazca-Kultur.“

Landschaft als Ritualraum

Wo der Bonner mit seinen Kollegen und peruanischen Partnern gegraben hat, in den Regionalzentren La Muña und Los Molinos, ist jedenfalls nichts zutage gekommen, was man als Tempel ansprechen könnte. Das hat die Forscher nach den ersten Jahren enttäuscht, erinnert sich Reindel. „Was wir gesucht hatten, nämlich den Tempel in der Siedlung und darin das Modell einer Geoglyphe, mit dem der Priester diese dann auf den Hochflächen angebracht hat – das haben wir nicht gefunden.“

Aber vielleicht sind ja die Geoglyphen selbst die Tempel? Genau danach sieht es inzwischen aus. Auf etlichen geometrischen Geoglyphen haben die Forscher Steinhaufen entdeckt, die sich als Plattformen entpuppten, kleine Altäre, auf denen Opfergaben, etwa Maiskolben und Flusskrebse, niedergelegt wurden. Ferner wurden dort absichtlich Gefäße zerschlagen und Prozessionen abgehalten. „Das erklärte natürlich vieles“, sagt Reindel. Warum es in den Siedlungen selbst keine Ritualplätze gab, warum die figürlichen Geoglyphen oft als durchgezogene Linien gestaltet waren, die man in einem Zug abschreiten konnte, und überhaupt, warum die Regionen zwischen den fruchtbaren Tälern so wichtig waren für die Nazca. „Die haben praktisch die ganze Landschaft in ihre Rituale eingebunden.“

Aus den Bildern wurden Bühnen

Dabei zeigt sich auch, wie sich diese Rituallandschaft entwickelte. Die ersten Geoglyphen stammten vielleicht von Felszeichnungen ab, die Pfade zwischen den Flusstälern markierten. Die Paracas-Geoglyphen waren noch an Hängen angebracht und vom Boden aus sichtbar. In der frühen Nazca-Periode wanderten die Geoglyphen dann auf die Hochflächen und waren nun nicht mehr so einfach vom Tal aus zu sehen. Dafür wurden sie zu Prozessionswegen. Die Umzüge und Rituale waren indes auch von den Siedlungen im Tal aus zu verfolgen, wie Untersuchungen mittels geographischer Informationssysteme ergaben. „Es waren nun die Aktivitäten auf den Geoglyphen, die gesehen werden sollten“, sagt Reindels Kollege Karsten Lambers, der heute an der Universität Leiden lehrt. „Die Geoglyphen, die als Bilder entstanden waren, wurden zu Bühnen.“

Worum es auf diesen Bühnen ging, ist unschwer zu rekonstruieren. Die Reste der Opfergaben legen das Thema Fruchtbarkeit nahe, und in dieser ariden Region ist das gleichbedeutend mit Wasser. Dazu passend, offenbarten Datierungen der Opferplattformen auf den Geoglyphen, dass die meisten aus der Spätphase der Nazca-Zeit, zwischen 450 und 600 nach Christus, stammen. „Da wurde es wirklich kritisch mit der Trockenheit“, sagt Reindel, „und man kann tatsächlich sagen, dass sich die Rituale in dieser Zeit intensivierten.“

Nicht nachweisbar, aber vorstellbar ist, dass aus den mit Tanz und Musik begleiteten fröhlichen Festen der frühen Nazca-Zeit nun nicht nur immer häufigere, sondern auch immer ernstere Bittgänge an die für das Wasser zuständigen Götter oder Ahnen wurden. Festlich mag es dabei noch immer zugegangen sein. Tatsächlich entdeckten die Forscher auf den Geoglyphen nicht nur Altarplattformen, sondern auch Reste großer Pfosten, von denen sie sich vorstellen konnten, dass daran Fahnen befestigt waren. „Das war reine Theorie“, erinnert sich Reindel. „Bis wir im Museum in Lima Keramik aus einer Sammlung auspackten, die noch nie ausgestellt gewesen war.“ Dabei stießen die Forscher auf eine Vase der mittleren Nazca-Zeit (300 bis 450 n. Chr.), auf der genau solche beflaggten Pfosten dargestellt sind. Allerdings hängen an den Pfosten nicht nur Fahnen, sondern auch abgetrennte menschliche Köpfe.

Die Ausstellung „Im Zeichen der Götter. Archäologische Entdeckungen aus der Wüste Perus“ ist bis zum 16. September 2018 in der Bundeskunsthalle in Bonn zu sehen.

Geh, o Glyphe

m Dezember 2014 sorgte Greenpeace für einen Skandal. Während in der peruanischen Hauptstadt Lima eine Weltklimakonferenz tagte, machten sich 450 Kilometer weiter südlich mindestens sechs Aktivisten der Umweltschutzorganisation auf in ein Wüstenstück unweit des Rio Nazca. Dort legten sie mit großen Lettern aus gelbem Stoff einen Text aus und stellten sicher, dass es Luftaufnahmen davon gab: „Time for change! The future is renewable“ – eine moderne Geoglyphe zur Anrufung der Öffentlichkeit als rettender Macht vor der globalen Erwärmung. Das Problem: Sie lag direkt neben einer alten Geoglyphe, noch dazu einer der berühmtesten der Nazca, die in der Form eines Kolibris. Und die Klimaschützer hatten weder eine Genehmigung, das denkmalgeschützte Areal zu betreten, noch Kenntnisse oder geeignetes Schuhwerk zur Minimierung der Folgen ihrer Tritte. Die peruanischen Behörden tobten, die Greenpeace-Oberen zeigten sich zerknirscht.

Über die Bodenzeichen in der peruanischen Pampa gibt es viele irrige Meinungen. Dass man ihnen als Fußgänger nichts anhaben könne, da sie ja schon 2000 Jahre und länger offen auf dem Wüstenboden überdauert hätten, ist nur eine davon. Nicht mehr ganz so verbreitet scheint der Glaube, die Nazca hätten damit außerirdischen Raumschiffen die Landung erleichtern wollen. Oder erst mit dem Aufkommen regelmäßigen Flugverkehrs in der Region in den 1930er Jahren habe die postkolumbianische Welt von der Existenz der Nazca-Linien erfahren. In beiden Fällen steht dahinter die Annahme, die Zeichen seien stets nur aus der Luft zu sehen.

„Die Geoglyphen wurden seit dem 16. Jahrhundert von Reisenden und Chronisten erwähnt“, schreibt dagegen der Archäologe Karsten Lambers im Begleitband zur Bonner Nazca-Ausstellung. Auch die ersten Erforscher der Nazca-Kultur in den 1920er Jahren wussten von ihnen. Wie verbreitet das Phänomen ist, wurde allerdings erst später offenbar. Ihre Zahl geht in die Tausende, und immer wieder stößt man auf bisher unbekannte. Zuletzt wurden im vergangenen Monat neue Funde gemeldet. Presseberichten zufolge entdeckten Forscher, die den Schaden der Greenpeace-Aktion aus dem Jahr 2014 erfassen sollten, bei Bestandsaufnahmen mittels Drohnenflügen rund 50 neue Geoglyphen, darunter auch welche, die menschliche Figuren zeigen.

Dass die Bodenzeichen der Region um die modernen Orte Nazca und Palpa vor allem Tiere darstellten, ist aber ebenfalls nicht richtig. Die weitaus meisten Geoglyphen zeigen rein geometrische Motive: Linien, Spiralen, Dreiecke, Trapeze. Auch die größte von allen ist ein 1,9 Kilometer langes Trapez, und die Konstruktion solcher Formen allein vom Boden aus, ohne jede Kontrolle aus der Luft, ist keineswegs rätselhaft – meist reicht dafür simples Peilen.

Von den deutlich kleineren figürlichen Darstellungen dagegen liegen nicht wenige an Hängen, so dass sie auch für geeignet positionierte Menschen am Boden problemlos zu sehen sind. Diese stammen aber fast durchweg aus der den Nazca-Leuten vorausgehenden Paracas-Kultur und zeigen tatsächlich oft Figuren in Menschengestalt, insbesondere das „Ser oculado“ (Augenwesen) taucht dabei auf. Das unten gezeigte besonders prägnante Exemplar, das einen Hang südlich des Ortes Llipata unweit Palpas ziert, hatte sich auch unter die Pressebilder zu den jüngsten Geoglyphenfunden verirrt und wurde daraufhin vielfach als Neuzugang gefeiert, dabei ist es der Forschung längst bekannt und wurde 2006 sogar restauriert.

Schon Maria Reiche (1903 bis 1998) hatte dieses Augenmännchen untersucht. Die gelernte Mathematikerin aus Dresden zog 1932 nach Peru und assistierte zuerst dem amerikanischen Historiker Paul Kosok bei der Untersuchung der peruanischen Geoglyphen. Nach dessen Rückkehr in die Vereinigten Staaten 1948 führte Reiche die Forschungen allein weiter und machte diese, sowie den Schutz der Bodenzeichnungen, zu ihrer Lebensaufgabe. Kosok und Reiche waren fest davon überzeugt, dass zumindest die Linien astronomische Bezüge und eine kalendarische Funktion hatten, etwa die Position des Auf- oder Untergangs von Gestirnen oder Konstellationen anzeigten. Doch seit den sechziger Jahren haben verschiedene Untersuchungen gezeigt, dass die von Kosok und Reiche festgestellten astronomischen Ausrichtungen allenfalls Zufälle sind. Für das Geoglyphenphänomen insgesamt ist kein signifikanter Bezug zu Sonne, Mond oder Sternen nachweisbar.

Eine weitere frühe Hypothese zu Zweck und Funktion der Nazca-Geoglyphen interpretierte sie als Zeugen eines Ahnenkultes. Mangels Belegen wurde sie außer von ihrem Urheber, einem Historiker Namens Hans Horkheimer, in der übrigen Fachwelt jedoch nie ernsthaft vertreten. Das gilt natürlich auch für die Idee, hier hätte eine präkolumbianische Kultur Heißluftballone eingesetzt, um von Außerirdischen gar nicht zu reden. Auch wenn es bis heute nicht ganz sicher ist, wie genau die Nazca die um die hundert Meter großen Tierfiguren auf den Hochflächen ausführten, etwa die unten gezeigte Spinne – warum sie es taten, darüber hat die moderne Nazca-Forschung inzwischen eine plausible Vorstellung, nachdem sie mehr über die Kultur selbst herausgefunden hat (siehe „Hinter den Linien“). Demnach hatten die Nazca hier Motive, die nicht völlig entfernt von denen der Greenpeace-Aktivisten waren.

Quelle: F.A.S.
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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