Kamele im Alten Testament

Worauf ritt Rebekka?

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 10:36

Caspar, Melchior und Balthasar kamen auf Kamelen. So malen es viele Krippenszenen aus, und das schon seit dem Altertum, wie etwa das unten gezeigte römische Sarkophagrelief aus dem 4. Jahrhundert bezeugt. Ganz unwahrscheinlich ist das nicht. Zwar lässt der Evangelist Matthäus in seinem Bericht über den Besuch der Weisen aus dem Morgenland deren Transportmittel unerwähnt, doch war Camelus dromedarius spätestens im 9. Jahrhundert v. Chr. im Heiligen Land ein etabliertes Nutztier.

Etwa aus dieser Zeit stammt die früheste bekannte Darstellung eines Kamelreiters auf einer Stele aus Tell Halaf im Nordosten Syriens, damals ein assyrischer Vasallenstaat. Hundert Jahre später erscheinen die Tiere ausgiebig in den Tribut- und Beutelisten des Assyrerkönigs Tiglatpileser III. Zum Alltag gehörten Kamele auch im eisenzeitlichen Palästina in den Jahrhunderten vor dem Ende des jüdischen Königtums und der Deportation von Teilen der Oberschicht ins babylonische Exil im Jahr 587 v. Chr. Dafür spricht das differenzierte kamelzüchterische Vokabular im damaligen Hebräisch.

Aber wie steht es in früheren Zeiten? Mit der Bibel befasste Gelehrte interessiert hier vor allem die mittlere und beginnende späte Bronzezeit, also die Jahrhunderte zwischen 2000 und 1500 v. Chr. In die gehören die Ereignisse um die sogenannten Erzväter Abraham, Isaak und Jakob sowie ihrer Frauen – Ereignisse, die in der im Bibeltext überlieferten Form allerdings erst von Schreibern der Eisenzeit festgehalten wurden. Und da ist auch von Kamelen die Rede: Im 24. Kapitel des Buches Genesis etwa empfängt Isaak seine Braut Rebekka, die per Kamel aus Nordsyrien zu ihm kommt. Oder Genesis 31, Vers 34, wo Jakobs Gattin Rahel die Götterstatuen, die sie bei ihrem Bruder Laban hatte mitgehen lassen, unter einem Kamelsattel versteckt.

An der Frage, ob das denn sein kann, hängt für manchen so einiges. „Wir wissen aus der archäologischen Forschung, dass Kamele als Lasttiere nicht vor dem späten zweiten Jahrtausend domestiziert waren und im Nahen Osten erst weit nach 1000 v. Chr. in dieser Funktion genutzt wurden“, schreiben die Altertumsforscher Israel Finkelstein und Neil Silberman in ihrem 2001 erschienenen Buch „Keine Posaunen vor Jericho“ zum Beleg für die These, die Storys um Abraham & Co. hätten die nachexilischen Schreiber im Wesentlichen frei erfunden. Dagegen wenden sich Bibelforscher, die in diesen Texten historische Berichte über Geschehnisse sehen, welche sich im Wesentlichen wie beschrieben zugetragen haben. Nicht wenigen Menschen, denen die Bibel die unmittelbare oder einzige Autorität ihres Glaubens darstellt, ist das wichtig.

Tatsächlich ist die zitierte Aussage von Finkelstein und Silberman vom Forschungsstand so nicht gedeckt. Darauf deutet bereits der Umstand, dass die sumerische Sprache ein spätestens im 16. Jahrhundert v. Chr. bezeugtes Wort für Kamel kennt, das seine Nutztierfunktion anzeigt: anše-a.ab.ba bedeutet wörtlich „Meer-Esel“, dahinter steckt wohl die gleiche Assoziation wie in unserem Ausdruck „Wüstenschiff“. Denn erst Kamele ermöglichten einen Karawanenhandel, der weite Distanzen durch Wüstengebiete überwindet – eben genauso wie Schiffe den Gütertransport zur See erlaubten. Tatsächlich weist alles darauf hin, dass das ursprünglich nur in Asien heimische Tier zuerst im Osten der arabischen Halbinsel, im Gebiet des heutigen Oman, domestiziert wurde, einer Weltgegend, in der man sowohl die Wüste als auch den Seehandel kannte – nämlich den nach Indien. Hier war das Kamel wahrscheinlich spätestens um 3000 v. Chr. beim Transport von Lasten im Einsatz, allerdings zunächst noch nicht als Reittier.

Die frühesten Reitsättel für Kamele bezeugen Tonfiguren aus dem 2. Jahrtausend, und eine spätbronzezeitliche Scherbe aus Tell Deir ‘Alla unweit des Ostufers des Jordans zeigt die früheste Darstellung einer Kamel-Karawane. Aus der Zeit um etwa 1500 v. Chr. – vielleicht gerade noch in der Ära Isaaks oder Jakobs – könnte eine Felszeichnung im Wadi Nasib auf dem Sinai stammen. Sie stellt einen Menschen dar, der ein Kamel führt, ihre Datierung ist allerdings nicht ganz sicher. Zumindest aber zeigt die Scherbe vom Jordan, dass domestizierte Kamele zu der Zeit und am Schauplatz der Erzvätergeschichten nicht unbekannt waren. Außerdem wurden am Tell Gemma südlich des Gazastreifens Knochen von vier Kamelen aus der Spätbronzezeit gefunden.

Keine Kamele in Ägypten

Doch belegt das auch, dass Rebekka und Rahel durchaus auf Kamelen unterwegs gewesen sein konnten? Daran gibt es erhebliche Zweifel. So ist ausgerechnet im Kernland der den biblischen Schauplätzen nächstgelegenen bronzezeitlichen Großmacht – im Ägypten des Mittleren und Neuen Reiches – nicht ein einziges Last- oder Reitkamel dargestellt. Zwar gibt es einige wenige Funde aus ägyptischen Kontexten, doch keiner davon belegt eindeutig eine Haltung der Tiere. Und das Gesamtbild der archäologischen Daten spricht klar dagegen: Ausgerechnet die Kultur mit der größten Freude am Ausschmücken ihrer Gräber und Monumente mit Alltagsszenen übergeht dabei die Wüstenschiffe völlig. Fast überflüssig zu erwähnen, dass sich unter den Hieroglyphen des klassischen Altägyptisch zwar 34 verschiedene Säugetiere finden, darunter Exoten wie Leopard und Oryx-Antilope, aber kein Kamel.

Aber nicht nur am Nil, auch in der im 18. Jahrhundert v. Chr. mächtigen Stadt Mari am Euphrat, aus der ein umfangreiches Tontafel-Archiv erhalten ist, fehlen die Kamele. Offenbar haben die bronzezeitlichen Kulturen des Nahen Ostens sie nicht genutzt, obwohl sie damals in Ostarabien schon domestiziert waren und der Karawanenhandel von dort nach Mesopotamien und Palästina sich ihrer bediente. Funde wie die in Tell Deir ‘Alla oder Tell Gemma sind zu spärlich, um etwas anderes zu beweisen, und dürften eher von durchreisenden arabischen Karawanen zeugen als davon, dass auch hebräische Wanderhirten Kamele nutzten, und sei es als Reisemittel für die Frauen ihrer Clanchefs. Die ersten archäologisch ins Bild passenden biblischen Kamele begegnen einem erst in Genesis 37, als Jakobs Sohn Joseph von seinen Brüdern an Midianiter verkauft wird, die mit ihrer Karawane nach Ägypten ziehen. Midianiter sind in der biblischen Erzählung Nachkommen eines jüngeren Sohnes Abrahams, den sein Vater einst nach Osten geschickt hatte, in Richtung Arabien.

Das Buch Genesis in keine Historie, aber auch keine Fiktion

Rebekkas Kamel aber ist wahrscheinlich tatsächlich ein Anachronismus, also ein Detail aus dem Alltag der eisenzeitlichen Erzähler, nicht aus der erzählten Zeit der bronzezeitlichen Erzeltern. Daraus nun aber den Schluss zu ziehen, die Geschichten über Abraham, Isaak und Jakob seien erstunken und erlogen, ist unzulässig. Dies würde verkennen, wie generationenübergreifende Erinnerung in einem Gemeinwesen funktioniert, das weder Schrift noch Schreiber kannte – von Historikern ganz zu schweigen. „Die Erzelterngeschichten sind ethnische Geographie in Gestalt von Familiengeschichten, typisch für orale Kulturen“, sagt der Theologe und Sozialhistoriker Thomas Staubli von der Université de Fribourg in der Schweiz, der sich 1991 in seiner Dissertation über „Das Image der Nomaden im Alten Israel“ auch eingehend mit der Kamelfrage befasst hat.

Für Staubli relativiert sich damit der Gegensatz von Anachronismen und historischer Wahrheit. „Die Geschichten beschreiben Sachverhalte und Beziehungen, die über Jahrhunderte hinweg relevant blieben und nicht ein bestimmtes historisches Ereignis“, sagt er. Im Weitererzählen von einer Generation zur nächsten seien sie immer wieder leicht modernisiert worden. „So traten irgendwann die Kamele ins Bild, die im letzten, verschrifteten Stadium des kanonisierten Textes hängengeblieben sind. Wäre der Text nicht irgendwann eingefroren worden, sondern würde bis heute lebendig weitererzählt, dann wäre dem Isaak seine Rebekka vielleicht in einem Porsche gebracht worden statt auf einem Kamel.“

Quelle: F.A.S.
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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