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Völkerwanderungen

Die genetischen Spuren früher Migranten

Von Diemut Klärner
 - 18:32

Während der letzten großen Eiszeit war Skandinavien vollständig unter einem riesigen Gletscher begraben. Als das Eis zu schmelzen begann, konnten sich Pflanzen allmählich wieder nach Norden ausbreiten und auch Tiere dort neuen Lebensraum finden. Den Rentieren folgten dann die Jäger. Ihre frühesten archäologischen Spuren in Skandinavien tauchen vor ungefähr 16.000 Jahren auf. Nach einem klimatischen Rückschlag – es wurde zeitweilig wieder kälter – begannen vor etwa 11.700 Jahren steinzeitliche Jäger und Sammler, entlang der norwegischen Küste nach Norden zu wandern. Ein Großteil der Skandinavischen Halbinsel war damals zwar noch von gewaltigen Eismassen bedeckt. Die Gletscher hatten sich aber bereits von der Atlantikküste zurückgezogen, sogar der äußerste Norden Norwegens war wieder eisfrei. Zahlreiche Funde von steinzeitlichen Waffen und Werkzeugen deuten darauf hin, dass im Norden Skandinaviens auch Menschen aus einem anderen Kulturkreis Fuß gefasst hatten. Um Steine zu scharfen Klingen zu formen, benutzten diese Einwanderer offenkundig eine andere Schlagtechnik als die Jäger und Sammler, die aus dem Süden gekommen waren.

Woher diese Migranten ursprünglich stammten und auf welcher Route sie an die norwegische Küste gelangt sind, war lange Zeit ein Rätsel. Neue Erkenntnisse liefert nun das fossile Erbgut von Menschen, die während der Mittelsteinzeit in Skandinavien gelebt haben. Wie Wissenschaftler um Torsten Günther, Helena Malmström und Emma Svensson von der Universität Uppsala in der Online-Zeitschrift „Plos Biology“ berichten, ist der Norden Europas während des Mesolithikums (9600 bis 4500 v. Chr.) tatsächlich von Einwanderern unterschiedlicher Herkunft besiedelt worden. Die einen Migranten waren von Süden gekommen, die anderen von Nordosten.

Vorfahren aus Ost- und Westeuropa

Die Analyse von DNA aus fossilen Zähnen und Knochen zeigte, dass die steinzeitlichen Bewohner Skandinaviens von unterschiedlichen Jägern und Sammlern abstammen: von einer Gruppe, die sich während der Mittelsteinzeit im Westen Europas tummelte, und einer Schar, die im Osten umherstreifte. Wobei der Anteil des Erbguts, der von Migranten aus dem Osten stammt, im Norden und Westen Norwegens deutlich größer ist als in Südschweden und auf den schwedischen Ostseeinseln. Umgekehrt ist das genetische Erbteil der von Westen kommenden Einwanderer im Süden und Osten Skandinaviens größer als im Norden und Westen. Archäologische Funde lassen darauf schließen, dass Skandinavien nach dem Ende der Eiszeit zuerst von Süden her – etwa aus dem heutigen Norddeutschland und Dänemark – bevölkert worden ist.

Wo diese Jäger und Sammler erstmals die Skandinavische Halbinsel betreten haben, bleibt allerdings eine offene Frage. Sicher ist nur, dass manche von ihnen im Süden geblieben sind, wo sie auf Rentierjagd gehen konnten. Andere waren so unternehmungslustig, dass sie entlang der norwegischen Küste nach Norden zogen. Schließlich bot der Atlantik einen reich gedeckten Tisch für Fischer und Robbenjäger. Früher oder später trafen die von Süden kommenden Migranten auf jene Fremde, die von Osten kommend entlang der Küste nach Süden unterwegs waren.

Genetische Vielfalt in Skandinavien

Offenbar sind die aus verschiedenen Regionen stammenden Jäger und Sammler einander nicht aus dem Weg gegangen. Ihren gemeinsamen Nachkommen haben sie ein ausgesprochen abwechslungsreiches Erbe hinterlassen: Anders als heute war während der Mittelsteinzeit die genetische Vielfalt in Skandinavien deutlich größer als in den weiter südlich gelegenen Regionen. Gute Voraussetzungen für eine evolutionäre Erfolgsgeschichte: Im Laufe der Generationen dürfte sich herausgestellt haben, welche genetischen Varianten am besten geeignet sind, um ein Leben im hohen Norden zu meistern. Klar im Vorteil ist dort, wer auch mit frostigen Temperaturen und dunklen Wintermonaten mühelos klarkommt. Deshalb ist zu erwarten, dass in der skandinavischen Bevölkerung die einschlägigen Genvarianten erhalten geblieben sind. Um diese aufzuspüren, haben die Forscher aus Uppsala das Genom heutiger Nordeuropäer durchforstet. Sie suchten nach DNA-Abschnitten, die sich in Skandinavien seit der Steinzeit kaum verändert haben, von denen Südeuropäer aber ganz andere Varianten besitzen. Fündig wurden Günther und seine Kollegen unter anderem bei einem Gen, das vermutlich zur Anpassung des Stoffwechsels an ein frostiges Klima beigetragen hat. Das fragliche Segment zeigt auffällig große Unterschiede zwischen Zeitgenossen aus Skandinavien und aus der Toskana.

Migration der Phönizier

Auf eine lange Migrationsgeschichte können auch die Menschen rund ums Mittelmeer zurückblicken. Mit molekulargenetischen Analysen haben Forscher um Elizabeth Matisoo-Smith von der University of Otago in Dunedin den Phöniziern nachgespürt. Ursprünglich im Gebiet des heutigen Libanon zu Hause, waren diese Anrainer des Mittelmeers stets in Stadtstaaten organisiert. Wie historische Quellen bezeugen, galten sie seinerzeit als versierte Kaufleute und als die tüchtigsten Seefahrer in der gesamten antiken Welt. Als die Phönizier zunehmend von den Assyrern bedrängt wurden, begannen sie im achten Jahrhundert vor Christus, weit westlich ihrer angestammten Heimat neue Siedlungen zu errichten.

Sardiniens Südzipfel war für die Phönizier seit jeher ein Stützpunkt auf dem Weg zur Iberischen Halbinsel. Eine der frühesten Stadtgründungen auf Sardinien war Monte Sirai, ausgestattet mit einer Nekropolis, die zwischen Ende des siebten und Mitte des vierten Jahrhunderts vor Christus die Toten aufgenommen hat. Dorther stammen die Zähne von zehn phönizischen Einwohnern, deren Erbgut die Wissenschaftler unter die Lupe nahmen. Zum Vergleich zogen sie noch weitere DNA-Proben aus Sardinien und dem Libanon heran. Den Forschern ging es insbesondere um die Erbsubstanz der Mitochondrien. Diese Bestandteile einer Zelle stellen sozusagen als Kraftwerke die chemische Energie für den Stoffwechsel bereit. Da menschliche Samenzellen kein einziges Mitochondrium mitbringen, wird die entsprechende DNA stets von der Mutter geerbt. Das Genom in den Mitochondrien gibt deshalb Auskunft über die Abstammung in mütterlicher Linie.

Die Erbsubstanz, die in den Gräbern von Monte Sirai geborgen wurde, lässt darauf schließen, dass in dieser phönizischen Siedlung auch Menschen wohnten, die sardische Wurzeln hatten. Sie stammten von Migranten ab, die während der Jungsteinzeit den Ackerbau nach Sardinien gebracht hatten. Kein Individuum aus der Stichprobe ließ sich als Nachfahre der sardischen Jäger und Sammler identifizieren, die sich in das für Landwirtschaft wenig taugliche Bergland zurückziehen mussten. Stattdessen fanden sich Abstammungslinien, die weder von Sardinien bekannt sind noch aus dem Libanon.

Die weit gespannten Netzwerke der phönizischen Kaufleute dienten primär dem Transport von Waren. Von den Menschen, die sich auf diesen Routen bewegten, waren gewiss nicht alle freiwillig unterwegs. Sklaven hatten keine Wahl. Womöglich ist es auch ihnen zu verdanken, dass phönizische Städte eine so bunte Gesellschaft von Bewohnern unterschiedlicher Herkunft beherbergten. Schriftliche Botschaften über diese Koexistenz sind bei Ausgrabungen jedoch kaum zu erwarten. Phönizier schrieben nämlich meist auf Papyrus, das nur unter günstigen Umständen Jahrtausende überdauern kann. Genetische Spuren hat dieses reiselustige Volk aber reichlich hinterlassen, sowohl im Libanon als auch im südwestlichen Mittelmeerraum. Das zeigt eine Studie, in der nach charakteristischen Abschnitten auf dem Y-Chromosom gefahndet wurde („American Journal of Human Genetics“): 30 Prozent der Libanesen haben phönizische Wurzeln. Immerhin sechs Prozent sind es bei Männern, die in jüngeren Siedlungsgebieten der Phönizier leben, sei es im Norden von Tunesien, in der Region von Malaga oder auf Malta.

Quelle: F.A.Z.
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