Kaiser Trajan

Das Phänomen des Imperiums

Von Ulf von Rauchhaupt
 - 11:21
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Im Spätsommer des Jahres 117 nach Christus bewegte sich ein langer Zug die Via Appia hinauf: an die sechshundert Männer in weißen Togen, dann Kolonnen von Soldaten, gefolgt von einem prächtigen Gespann. Triumphzüge hatte Rom schon oft erlebt, doch dieser war anders. Zwar zog man am Fuße des Palatin über die Via Sacra bis zum Forum Romanum. Doch dann ging es nicht wie sonst den kapitolinischen Hügel hinauf zum Tempel des Iuppiter Optimus Maximus, sondern über die Foren des Nerva und Augustus auf das enorme Trajansforum mit seiner über dreißig Meter hohen reliefverzierten Säule. Dort hielt der Wagen, aber die Gestalt darauf bewegte sich nicht. Sie war eine wächserne Statue des Mannes, dessen Asche die goldene Urne barg, die man nun im Sockel der Säule einmauerte: Imperator Caesar Divi Nervae filius Nerva Traianus Optimus Augustus Germanicus Dacicus Parthicus, verstorben am 8. August 117 im Alter von fast 64 Jahren an den Folgen eines Schlaganfalls auf der Rückreise von einem Feldzug gegen die Parther im Gebiet des heutigen Iraks.

Dies war ein ungeheuerlicher Vorgang. Seit uralten Zeiten verbot den Römern ein heiliges Gesetz, jemanden innerhalb des Stadtgebietes zu bestatten. Das galt bis weit in die Spätantike hinein und auch für Kaiser. Einzig bei Trajan und seiner sechs Jahre später verstorbenen Gemahlin Pompeia Plotina wurde eine Ausnahme gemacht. Warum?

Trajan war eben einfach der Beste. Der „optimus princeps“ – so ein Titel, den der Senat verlieh – galt bis weit über die Antike hinaus als der Inbegriff des tüchtigen Kaisers. Das ging so weit, dass sich im Spätmittelalter die Legende verbreitete, die Seele des heidnischen Herrschers sei auf die Fürbitte Papst Gregors I. (540 bis 605) aus der Hölle befreit worden. Und das, obwohl den antiken Quellen zu entnehmen ist, dass Trajan ein pädophiler Alkoholiker war, unter dem Christen die Todesstrafe drohte, auch wenn er sie nicht aktiv hatte verfolgen lassen.

Der Musterkaiser

Für die Trajanverehrung gibt es mehrere Gründe. Etwa die Quellenlage: Zeitgenössischen Historikern wie Tacitus oder Sueton waren unter Trajan und seinem Nachfolger Hadrian in ihren Äußerungen Grenzen gesetzt. Stattdessen ist eine Festrede des jüngeren Plinius aus dem Jahr 100 n. Chr. erhalten. Sie feiert Trajan als Lichtgestalt vor der Folie seines Vorvorgängers Domitian, der in zunehmendem Verfolgungswahn seine Umgebung terrorisiert und damit erst eigentlich seine Ermordung provoziert hatte. Plinius’ Rede entwickelte eine Strahlkraft, welche die durchaus vorhandenen kritischeren Töne anderer Autoren weitgehend überdeckte. Diese hatten es, zweitens, in den Krisen späterer Zeiten auch deswegen schwer, weil die Ära der sogenannten Adoptivkaiser Nerva, Trajan, Hadrian, Antoninus Pius und Marc Aurel als das goldene Zeitalter des Imperiums galt. Drittens schließlich war sie das tatsächlich – für die meisten Einwohner des Weltreiches war es eine Zeit des Friedens und relativen Wohlstandes, wie sie Europa danach in dieser Dauer und geographischen Ausdehnung bis fast in die Gegenwart hinein nicht wieder erleben sollte.

Zwar galt Ähnliches bereits für beinahe die gesamte frühe Kaiserzeit, seit Augustus 31 v. Chr. siegreich aus den Bürgerkriegen der späten Republik hervorgegangen war, nur unterbrochen von den Machtkämpfen nach dem Sturz Neros. Denn selbst dessen erratisches Verhalten, ebenso wie das Caligulas und dann Domitians dürfte das Leben der meisten Bewohner des Imperiums kaum beeinträchtigt haben. Doch die negative Folie Domitians sorgte für eine Wahrnehmung, in der die eigentliche Segenszeit erst 98 n. Chr. nach der kurzen Regierung des greisen Nerva begann: mit der Thronbesteigung des Marcus Ulpius Traianus.

Er wurde zum Maßstab für alle, die später Imperien zu führen hatten: Trajan, der trotz absoluter Macht ohne Einschüchterung zu regieren verstand. Trajan, der nicht nur sein Forum mit der riesigen Basilica Ulpia und einer sechsstöckigen Shopping Mall erbauen ließ, sondern überall im Reich weitsichtig in Infrastruktur investierte. Trajan, der in Italien ein Programm zur Unterstützung armer Kinder auflegte. Trajan, der die Hälfte seiner Regierungszeit nicht im Luxus des Palatin verbrachte, sondern bei seinen Legionen, und der die Daker unterwarf, Roms Nemesis an der Donaugrenze.

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Dass unter dem Ulpier das Reich seine größte Ausdehnung erfuhr, ist für seine Bewunderer da nur Nebensache und genau genommen etwas, das es zu verdrängen gilt, denn jener Partherfeldzug, dem sich die letzten Gebietszuwächse verdankten und für den Trajans Urne der Triumph gewährt wurde – endete in Wahrheit im Desaster. Davon aber abgesehen, zeigt nicht das Rom der hohen Kaiserzeit und insbesondere Trajan, wie Imperium funktioniert, wenn es funktioniert?

Tatsächlich hat der Staatstyp des Imperiums heute bis in die Populärkultur hinein (man denke an „Star Wars“) einen miserablen Ruf. Unserem postheroischen Bewusstsein gilt es als ein Modell von gestern. Trotzdem gibt es spätestens seit dem Ende des Kalten Krieges eine Debatte darüber, ob es sich bei den Vereinigten Staaten von Amerika um ein Imperium handelt. Selbst viele Amerika-Kritiker hören das gar nicht gerne. Ein Imperium mit Gewaltenteilung und Rechtssicherheit für alle – das gilt als Widerspruch in sich. Hinzu kommt ein Moment der Zukunftsangst. Bekanntlich sind alle Imperien irgendwann untergegangen.

Ein großer Staat ist noch lange kein Imperium

Doch um die Frage nach dem amerikanischen Imperium nüchtern zu beantworten oder überhaupt erst richtig zu stellen, wäre mit Blick auf Rom, aber auch auf andere als imperial wahrgenommene Gebilde der Geschichte zu klären, was ein Imperium überhaupt ist. Die bisher vielleicht schlüssigste Untersuchung dazu hat 2005 der Berliner Politologe Herfried Münkler vorgelegt. Darin arbeitet er fünf Merkmale eines imperialen Staates heraus.

Da wäre erstens die Größe, die allerdings in Relation zum jeweiligen Horizont gesehen werden muss. So errichtete um 2300 v. Chr. Sargon von Akkad in Mesopotamien das erste Imperium der Geschichte. Es umfasste in etwa jenes Gebiet, das die Römer unter Trajan 115 n. Chr. von den Parthern eroberten und sofort nach seinem Tod wieder verloren. Trotzdem konnte sich Sargon als „šar Kiššatim“ („König des Alls“) fühlen, denn aus Sicht insbesondere der Stadtstaaten der sumerischen Hochkultur, die er unterworfen hatte, war das Zweistromland die Welt. Letztlich kommt es aber eher auf den politischen als auf den geographischen Horizont der Akteure an.

Für die Athener nach den Perserkriegen war Ersterer vor allem die Ägäis, weswegen der Ausbau der Dominanz Athens im attisch-delischen Seebund als imperiales Agieren gesehen werden kann. Die österreichisch-ungarische Donaumonarchie hingegen war nach Münkler kein Imperium: „Es handelte sich vielmehr um ein mitteleuropäisches Großreich, das im Konzert der europäischen Mächte mit Staaten wie Frankreich auf einer Ebene stand, doch keine Hegemonie innerhalb Gesamteuropas anstrebte.“

Imperien sind eben nicht einfach nur große Staaten. Und sie sind auch mehr als dauerhaft große Staaten, obgleich eine gewisse Langlebigkeit nach Münkler ein weiteres notwendiges Merkmal von Imperialität ist, das beispielsweise dem Hitlerreich oder auch dem wilhelminischen Deutschland gefehlt hat. Imperien müssen, um als solche gelten zu können, mindestens einmal das überschritten haben, was der amerikanische Politologe Michael Doyle die „augusteische Schwelle“ nannte: den Übergang von der Expansion in eine Phase der Konsolidierung. „An dieser Schwelle sind viele Großreichsbildungen gescheitert“, schreibt Münkler und führt die zahlreichen „Steppenimperien“ Asiens an, die, wie exemplarisch die Hunnen unter Attila, „häufig die Lebenszeit ihrer Anführer nicht überdauerten“. Das Imperium Romanum dagegen hat die augusteische Schwelle allein in der Kaiserzeit mindestens zweimal überschritten. Unter Tiberius durch den Verzicht auf weitere Vorstöße zur Elbe nach dem Feldzug des Germanicus sowie unter Hadrian, der nach Trajans Scheitern bei den Parthern keine weiteren Versuche zu einer Osterweiterung unternahm.

Hierarchie der Herrschaftsräume

Drittens ist es für Imperien charakteristisch, dass sie – anders als neuzeitliche Nationalstaaten – keine scharfen Grenzen haben und keine Nachbarn, die ihnen aus ihrer Sicht auf Augenhöhe begegnen. So war es im Römerreich. Selbst wo es an Flüssen oder Wehranlagen wie dem Limes endete, strahlte es asymmetrisch in die dahinterliegenden „freien“ Gebiete hinein: ökonomisch und kulturell durch Handel, aber auch politisch wie in den Abkommen mit dem Markomannen unter Tiberius und sogar militärisch wie Funde römischer Militaria aus dem dritten Jahrhundert am Westrand des Harz zeigen. Insbesondere im Osten des Reiches war den eigentlichen provinzrömischen Territorien teilautonome Klientelstaaten vorgelagert: das Regnum Bospori, das Palästina des Herodes oder das kleine Königtum Osrhoëne am oberen Euphrat, das Trajan im Jahr 114 seiner neuen Provinz Mesopotamia zuschlug und das Hadrian 117 als Pufferstaat zu den Parthern wiederherstellte. Imperien sind – und das ist Münklers viertes Merkmal – keine kompakten Herrschaftsräume, sondern komplexe Strukturen aus Territorien unterschiedlicher und unterschiedlich fester Anbindungen an das Zentrum.

Besonders ausgeprägt ist dies oft bei Seeimperien. Anders etwa im Reich von Akkad oder seinen sumerischen, babylonischen, assyrischen, persischen, seleukidischen und parthischen Nachfolgereichen geht es Seeimperien weniger um die Kontrolle von Territorien als um die von Waren- und Kapitalströmen. Die Stunde der Seeimperien schlug in der frühen Neuzeit nach den Entdeckungen eines Diaz, Kolumbus oder Vespucci. Spanier, Portugiesen, Holländer und vor allem Briten errichteten weltumspannende und zudem langlebige Imperien. Aber bereits das Römerreich war primär ein Seeimperium, die Expansion über Italien hinaus begann als Konfrontation mit der phönizischen Seemacht Karthago, und das Mittelmeer hatte eine größere Bedeutung für den Zusammenhalt des Imperiums als das vielgerühmte Straßennetz.

Imperium versus Imperialismus

Warum Rom expandierte und expandieren konnte, hatte viele und nicht zu allen Zeiten dieselben Gründe. Ein Masterplan zu Eroberung des Mittelmeerraumes gehörte jedoch nicht dazu. Nach der Bergriffsanalyse Herfried Münklers war Rom zwar imperial, aber nicht imperialistisch. „Imperialismus heißt, dass es einen Willen zum Imperium gibt“, schreibt Münkler und verweist auf den britischen Historiker John Robert Seeley, der 1883 bemerkte, das britische Empire sei „in einem Anfall von Geistesabwesenheit“ entstanden. Damit habe Seeley zu einer bewusst imperialistischen Politik erst aufrufen wollen. Die Kolonialreichsbildungen, derentwegen England, Frankreich und andere heute oft für die verschiedensten Übel der Dritten Welt verantwortlich gemacht werden, gingen demnach dem sogenannten Zeitalter des Imperialismus historisch weit voraus. Die Unterscheidung ist Münkler auch deswegen wichtig, um den Blick auf das Phänomen des Imperiums von den wertenden Konnotationen zu befreien, die der Begriff Imperialismus von vorneherein in eine Analyse hineinlegen würde.

Der imperialistische Masterplan, die „grand strategy“ zur Erlangung imperialer Herrschaft, ist zu unterscheiden von der „imperialen Mission“, mit der die imperial gesonnenen Akteure sich und anderen die Notwendigkeit ihrer Maßnahmen zum Erhalt und zur Mehrung des Reichs erklären – auch wenn sie damit möglicherweise wirkmächtigere Motive wie schnöde materielle Interessen übertünchen oder verdrängen. Imperiale Missionen waren zum Beispiel die Verbreitung des Christentums oder der Segnungen der europäischen Zivilisation und auch die „Pax Romana“, die Verheißung von Frieden und Sicherheit unter dem Schutz der Legionen. Nach Münkler bedarf jedes Imperium, das dauerhaft bestehen will, einer solchen Mission. Sie ist sein fünftes Merkmal imperialer Staaten.

Ein globale Erscheinung bei entwickelten Kulturen

Andere Gelehrte haben andere Merkmale der Imperialität vorgeschlagen: Vielsprachigkeit, ethnische Vielfalt, entwickelte Bürokratie oder eingeschränkte Durchdringung der Herrschaftsräume – fraglos alles Eigenschaften historischer Imperien, bei denen aber zu klären wäre, ob sie nicht eher Voraussetzungen für imperiale Staatlichkeit sind oder aber deren natürliche Folgen.

Wichtig könnte aber ein bei Münkler fehlendes Merkmal sein, das der Innsbrucker Althistoriker Robert Rollinger einführen möchte: „Die historische Wirkung, die Imperien auch nach ihrem Untergang entfalten.“ Damit könnte man dann nicht nur der bei Münkler zum Regionalreich zurückgestuften k. u. k. Monarchie imperialen Charakter zuerkennen, sondern vielleicht auch den Olmeken, der Mutterkultur der Maya und anderer mittelamerikanischer Völker. Obwohl sich sein Imperiumsbegriff mit dem Münklers weitgehend deckt, sieht Rollinger dort auch eine Schwachstelle: „Sein Befund ist viel zu eurozentristisch und auf die Gegenwart fixiert.“ Denn außerhalb Europas und des mittleren Ostens besaßen nicht nur Chinesen und Mongolen Imperien. Die Frage der Imperialität stellt sich etwa beim Maurya-Reich, das sich zwischen 320 und 185 v. Chr. über fast den gesamten indischen Subkontinent erstreckte. Und mit den Inka und den Azteken bildeten sich im präkolumbianischen Amerika augenscheinlich imperiale Staatswesen aus, die übrigens beide keine entwickelten Schriftsysteme kannten.

Die Imperialität der Vereinigten Staaten von Amerika

In jedem Fall ist imperiale Organisation von Gemeinwesen keine Erfindung des europäisch-vorderasiatischen Raums. Sie ist überhaupt keine Erfindung, sondern vielleicht eher eine Art Aggregatzustand bevölkerter Räume, der sich historisch immer mal wieder ergibt. Auch das mag die Debatte um die Frage nach den Imperien der Gegenwart versachlichen. Tatsächlich sieht Herfried Münkler bei den Vereinigten Staaten von Amerika alle seine Kriterien erfüllt.

Als Bürger eines Nato-Staates, dessen Kinder Katy Perry oder Justin Bieber hören, darf man sich dann eben nur nicht durch die Erkenntnis gekränkt fühlen, irgendwie zur Peripherie des amerikanischen Imperiums zu gehören. Man darf sich aber auch nicht zieren, die globale Durchsetzung von Demokratie und Menschenrechten als imperiale Mission zu begreifen. Und man darf sich beim Blick auf die instabilen Peripherien Europas von Marokko bis Syrien nicht der Frage verschließen, was das für den alten Kontinent bedeutet. „Ein solches Europa wird nicht umhinkommen, selbst imperiale Merkmale zu übernehmen“, schreibt Münkler. „Und wenn man genau hinsieht, hat es damit bereits begonnen.“

Chancen und Risiken einer modernen Imperialität sind dabei nicht wirklich absehbar. Der Blick in die Geschichte ist aber vielleicht dennoch erhellend und nicht zuletzt der Blick auf Trajan.

Es ist nicht mit Sicherheit bekannt, was den Imperator bewogen hatte, 114 und 115 n. Chr. erst in Armenien und dann im parthischen Mesopotamien einzumarschieren. War es schnöde „cupido triumphandi“, Sucht nach Triumphen, oder die wahnhafte Idee, es Alexander dem Großen gleichzutun, wie bereits antike Quellen argwöhnen? Oder war es doch eher die Sorge um die langfristige Sicherheit Syriens und seiner Metropole Antiochia, der drittgrößten Stadt im Reich, sowie die Chance, angesichts eines Machtkampfes im Inneren des Partherreiches diese Bedrohung auszuschalten? In jedem Fall ging es furchtbar schief.

Trajan scheitert im Nahen Osten

Während Trajan am Persischen Golf stand und sich wünschte, er wäre jünger und könnte ein Schiff nach Indien besteigen, da brachen in den neuen Provinzen und Vasallenstaaten Aufstände aus – auch provoziert durch unsensible Maßnahmen der Römer, aber orchestriert vom parthischen Feind. Der Lage Herr zu werden, dazu waren zu wenige Legionäre in dem riesigen Gebiet, denn Probleme in anderen Regionen zwangen Trajans Generäle, Teile der Invasionsarmee abzuziehen. Im Zenit seiner wirtschaftlichen, politischen und militärischen Macht und unter einem der fähigsten Kaiser hatte Rom seine Ressourcen überbeansprucht und war in eine „imperiale Überdehnung“ geraten. Der Versuch, die Region, die seit Sargons Zeiten schon etliche Imperien hatte untergehen sehen, mit der Pax Romana endlich zu befrieden – er scheiterte kläglich. Wer heute die Nachrichten aus ebenjener Weltgegend verfolgt, dem erscheinen diese Vorgänge erschreckend vertraut.

Auch Imperien können nicht alles. Und ob irgendeine Form demokratischer oder anderweitiger verfassungsförmig festgeschriebener Kontrolle sie immer vor Überdehnung bewahren kann, darf bezweifelt werden. Umgekehrt zeigt gerade das Beispiel Trajans, dass die Freiheit von solcher Kontrolle auch ein Imperium nicht notwendig potenter macht, um seiner Mission nachzugehen. Dafür droht dann anderes Ungemach von der Sorte, welche die Römer bald nach dem Tod Marc Aurels, des letzten Adoptivkaisers, wieder schmerzlich zu spüren bekamen. Ob Imperium oder nicht, Frieden, Sicherheit und Wohlstand gibt es nicht ohne das Recht. Oder wie der Kirchenvater Augustinus nach der Plünderung Roms durch die Westgoten im Jahr 410 schrieb: „Remota itaque iustitia quid sunt regna nisi magna latrocinia?“ Nimm das Recht weg – was sind dann Reiche noch anderes als große Räuberbanden?

Literatur

Karl Strobel, „Kaiser Traian. Eine Epoche der Weltgeschichte“, Verlag F. Pustet, Regensburg 2010;

Herfried Münkler, „Imperien“, Rowohlt Verlag Berlin 2005

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Rauchhaupt, Ulf von (UvR)
Ulf von Rauchhaupt
verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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