Wissenschaft im Islam

Historia obscura

Von Richard Friebe
 - 10:54

Erst einmal muss man vorbei an einem Häuschen voller Lebkuchen. Dann an wohlriechenden Damen, welche anderen Damen wohlriechende Produkte zu schenken versuchen. Und direkt vor dem Bäckerladen biegt man links ab Richtung H&M. Draußen ist schon sehr November, drinnen im Einkaufszentrum „Boulevard Berlin“ vermutet man bereits hinter jeder Ecke einen Nikolaus. Der begegnet einem allerdings gegenüber von H&M nicht. Sondern Ibn al-Haytham.

Der ebenfalls bärtige, aber junge Mann lächelt einnehmend unter seinem dicken blaugelben Turban hervor. Das tut er nicht persönlich, denn er ist fast schon ebenso lange verstorben wie der historische Nikolaus von Myra. Ibn al-Haytham begrüßt die Shopperinnen und Shopper von elektronischen Displays herab, als Comic-Figur. Dem 965 in Basra geborenen Gelehrten ist hier mitten im saisonalen christlich-abendländischen Kommerz im Rahmen der „Berlin Science Week“ eine kleine, aber bunte Ausstellung gewidmet: „Ibn al-Haytham: Der Mann, der entdeckte, wie wir sehen.“

Ein paar Schaukästen gesellen sich zu den Bildschirmen, ergänzt von einer Leinwand. Dort läuft ein Film mit Omar Sharif. In ihm wird erzählt, dass Ibn al-Haytham ein großer Forscher war und die Grundlagen für die moderne Optik gelegt habe. Interessant, könnte man dann denken und weiter zum Kaffee-Laden gehen, um sich ein bisschen aufzuwärmen.

Mit Wissenschaftlichkeit nimmt man es hier nicht so genau

Das geht aber nicht, wenn man mit Sonja Brentjes und Johannes Niehoff hier ist. Denn die beiden Wissenschaftler finden das alles ziemlich daneben. Ibn al-Haytham sei dargestellt wie ein „re-orientalisierter Sarotti-Mohr“ ist noch das Netteste, was dem Altphilologen von der Freien Universität Berlin einfällt. Brentjes, Expertin für Mathematik, Kartographie und Wissensaustausch in islamisch geprägten Gesellschaften am Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, schüttelt beim Überfliegen der Schautafeln den Kopf. „Das stimmt so einfach nicht“, sagt sie immer wieder.

Tatsächlich ist diese kleine, bunte, auf den ersten Blick harmlos wirkende Schau im Shopping-Center Auslöser eines handfesten Konflikts. Brentjes und andere Wissenschaftshistoriker, Arabisten und Islamwissenschaftler kritisieren die Organisatoren der „Berlin Science Week,“ allen voran den altgedienten Wissenschaftsmanager Jürgen Mlynek: Man biete hier Ausstellungsmachern ein Forum, die „wissenschaftlich unzuverlässig und propagandistisch“ vorgingen. Die Kritik ist nicht neu. Sie bezog sich in der Vergangenheit vor allem auf eine deutlich größere Schau namens „1001 Inventions“ (Tausendundeine Erfindung). Dazu kommt jetzt in Berlin der Vorwurf, dass mit Steuergeldern von Senat und Bundesforschungsministerium und im Rahmen einer sich „wissenschaftlich“ nennenden Veranstaltung eine solche Schau präsentiert werde, ohne dass sie vorher auf ihre Wissenschaftlichkeit überprüft worden sei. Die Veranstalter von der „Falling Walls Foundation“ mit ihrem Kuratoriumsvorsitzenden Mlynek, anlässlich deren Berliner Konferenz die „Science Week“ stattfindet, räumen dies sogar ein.

Auch Kinder haben das Recht, korrekt informiert zu werden

Die Überprüfung, die an diesem Novembernachmittag im Shopping-Center stattfindet, kommt zumindest nicht zu einem so verheerenden Ergebnis wie erwartet. „Sie haben im Vergleich zu früheren Versionen durchaus ein paar Sachen verbessert“, sagt Brentjes. „Da war zum Beispiel behauptet worden, al-Haytham sei der Begründer der wissenschaftlichen Methode, das haben sie jetzt zumindest umformuliert.“ Trotzdem überwiegt das Kopfschütteln. Auf den Schautafeln ist unter anderem von Ingenieuren, Chemikern, Astronomen die Rede, die im „Goldenen Zeitalter der Entdeckungen“ in der islamischen Welt, beginnend im 7. Jahrhundert, wegweisende Forschung geleistet hätten. „Schon die Zeitangabe ist falsch“, sagt Brentjes, „das begann später.“ Und moderne Berufsbezeichnungen wie Ingenieure oder Chemiker seien schlicht irreführend.

Auch die Aussage auf einer Schautafel, Ibn al-Haythams Einfluss sei über 600 Jahre hinweg „nicht zu übertreffen“ gewesen, sei falsch. Tatsächlich sind bis zum Ende jenes „Goldenen Zeitalters“ nur zwei weitere islamische Gelehrte bekannt, die sich auf ihn bezogen, einer davon, Hasan al-Farisi, etwa 200 Jahre später. Erst westliche Gelehrte späterer Jahrhunderte hätten seine Werke wieder vermehrt aufgegriffen. „Und es ist auch falsch, dass al-Haytham entdeckte, wie wir sehen. Er hat ja selbst keine Augen seziert, sondern sich nur für eine von zwei schon existierenden Theorien entschieden“, sagt Brentjes. Sie und Niehoff zählen weitere Fehler auf. Der Einflussbereich des Islams zur Zeit Ibn al-Haythams etwa ist auf einer Karte deutlich größer dargestellt, als es tatsächlich der Fall war. Auch die Schautafel, die acht Frauen und neun Männer auf gleichberechtigtem Forscher-Einigkeits-Gruppenbild zeigt, provoziert hochgezogene Brauen.

Auf die Frage, ob diese Kritik bei einer Ausstellung, die sich vor allem an Kinder, Jugendliche und Familien richtet, nicht ein bisschen sehr akademisch sei, sagt Niehoff, auch Kinder hätten ein Recht, korrekt informiert zu werden: „Das hier kann man Märchenstunde nennen, dann ist es okay.“

Lauter Übertreibungen und falsche Behauptungen

Wie vertrackt der Konflikt ist – und zugleich, wie er sich lösen ließe –, wird dadurch klar, dass die Antriebskräfte auf beiden Seiten gar nicht so unterschiedlich sind. Die einen sind mehrheitlich britische muslimische Ingenieure und Ärzte. Mit ihrer „Stiftung für Wissenschaft, Technologie und Zivilisation“ und der Initiative „1001 Inventions“ wollen sie muslimische Jugendliche beiderlei Geschlechts für Wissenschaft und Technik begeistern. Zudem wollen sie die in der öffentlichen Wahrnehmung ihrer Ansicht nach unterrepräsentierten Leistungen von Gelehrten in islamisch geprägten Gesellschaften des Mittelalters mehr gewürdigt sehen. Auf der anderen Seite stehen Historiker und Philologen, die auf genau jene islamisch geprägten Gesellschaften spezialisiert sind. Sie haben nichts gegen Muslime und versuchen selbst teilweise seit Jahrzehnten, einem einseitig westlich zentrierten Bild von Wissenschaftsgeschichte etwas entgegenzustellen: nämlich ihre Erkenntnisse über die Bedeutung von Gelehrten wie Ibn al-Haytham und deren Einfluss bis in die Renaissance hinein.

„So wie es die 1001-Inventions-Leute machen, mit lauter Übertreibungen und schlicht falschen Behauptungen, etwa der, dass da Männer und Frauen gleichberechtigt geforscht hätten, ist das Geschichtsklitterung und stellt die Realität auf den Kopf“, sagt Lutz-Richter-Bernburg, Islamwissenschaftler und ehemaliger Direktor am Tübinger Asien-Orient-Institut. Es würden isoliert einzelne Heroen herausgestellt, ihre Leistungen glorifiziert und überhöht und völlig ihres Kontextes beraubt: „Der einzige Kontext, der bleibt, ist der Islam.“

Tatsächlich dreht sich der Konflikt vor allem um die große Ausstellung „1001 Inventions“ und Bücher gleichen Namens, die der amerikanische National-Geographic-Verlag publiziert hat. Richter-Bernburg und Brentjes haben zusammen mit 17 weiteren Fachkollegen ein ganzes Buch vorgelegt, in dem Darstellungen und Behauptungen von Buch und Ausstellung zum Teil komplett widerlegt werden.

Die Mythen lenken von tatsächlichen Leistungen islamischer Gelehrter ab

So wird zum Beispiel behauptet, zwei islamische Gelehrte hätten Jahrhunderte vor dem Schneider von Ulm, vor Otto Lilienthal und den Wright-Brüdern Flugapparate gebaut und erfolgreich geflogen und seien damit Vorläufer aller heutigen Luft- und Raumfahrt. Doch der türkisch-amerikanische Physiker Taner Edis und die Historikerin Amy Bix von der Iowa State University konnten zeigen, dass diese angeblichen Leistungen des Ibn Firnas aus dem 9. und des Hezarfen Celebi aus dem 17. Jahrhundert einerseits physikalisch kaum möglich waren, andererseits auch durch Quellen überhaupt nicht belegt sind. Weiter soll der in Syrien geborene Ibn al-Nafis bereits im 13. Jahrhundert den Lungen-Blutkreislauf beschrieben haben. Rainer Brömer, Medizinhistoriker an der medizinischen Fakultät der Universität von Istanbul, wies nach, dass al-Nafis zwar eine minimale Bewegung von Blut Richtung Lunge postuliert hat, aber sicher keine Zirkulation. Dann habe es in Bagdad ein „Haus der Weisheit“ (Bayt al-Hikma) gegeben, das zur Zeit der Kalifen Harun al-Rashid (er regierte 786 bis 809) und al-Ma’mun (813 bis 833) ein pulsierender, multidisziplinärer Ort der Forschung und Lehre gewesen sei, eine von männlichen und weiblichen Talenten wimmelnde und für die Bildung und Forschung in der Neuzeit wegweisende „Akademie“. Doch Richter-Bernburg hat die Quellen durchforstet und kommt zu dem Schluss, dass das Bayt al-Hikma eher eine Art Archiv und Bibliothek war. Nur wenige Männer waren dort fest beschäftigt, und die fertigten neben dem Archivieren unter anderem Übersetzungen vor allem alter griechischer Texte an, bearbeiteten mathematische Probleme und studierten die Gestirne zwecks astrologischer Beratung der Herrscher. Im Buch mit dem Titel „1000 Distortions“ (Ergon, 2016) finden sich noch einige weitere solcher Beispiele.

„Schulterklopfend“ und damit herablassend gegenüber Muslimen nennt Rainer Brömer dieses Verrühren von Fakten und Fiktionen. Es lenke, so Richter-Bernburg, zudem von den zahlreichen tatsächlichen Leistungen islamischer Gelehrter und ihrer wahren Bedeutung als Bewahrer und Weiterentwickler antiken Wissens ab. Als Beispiele nennt er Ahmad al-Biruni im 11. Jahrhundert oder die Mediziner Ar-Razi (Rhazes, ca. 865 bis 925) und Ibn Sina (Avicenna, ca. 980 bis 1037). Außerdem, ergänzt Brentjes, würden solche falschen Darstellungen und das wahrscheinlich gut gemeinte, politisch motivierte Darüberhinwegsehen etwa seitens der Berliner „Science Week“-Organisatoren islamophoben Verschwörungstheoretikern in die Hände spielen.

Auf einer Stufe mit Galilei

Und Ibn al-Haytham? Auch er sei tatsächlich ein herausragender Gelehrter gewesen, sagt Brentjes. Sein Werk zur Optik habe, nachdem es 1572 – mehr als 500 Jahre nach seiner Entstehung – in lateinischer Übersetzung gedruckt erschienen war, durchaus diesen sich entwickelnden Zweig der experimentellen Physik beeinflusst. Er machte auch wichtige astronomische Berechnungen. Der Astronom Johannes Hevelius stellt Alhazen, wie Ibn al-Haytham latinisiert genannt wird, auf der Titelseite seiner „Selenographia“ von 1647 auf eine Stufe mit Galilei. „Es hätte so viel gegeben, was man in einer solchen Ausstellung über al-Haytham hätte Korrektes und Lehrreiches sagen können“, sagt Brentjes. Etwa wie seine Ideen von Aristoteles beeinflusst waren, speziell von dessen Theorie des Sehens und allgemein von der aristotelischen Kategorienlehre. Oder dass es Ibn al-Haythams Ziel gewesen war, Mathematik und Naturphilosophie so zusammenzubringen, wie es in der Astronomie geschah.

Allerdings gibt es auch Fachleute, die die Kritik nicht teilen. Glen Cooper vom Pitzer College in Claremont, Kalifornien, möchte den Ausstellungsmachern gewisse Freiheiten zugestanden sehen. Hätte man einer Gruppe akademischer Historiker die Konzeption einer solchen Schau überlassen „dann käme etwas für Laien vollkommen Unzugängliches dabei heraus“. Oder gleich gar nichts, weil die Fachleute sich nicht würden einigen können. Er verweist zudem auf eine bevorstehende Neuauflage des Begleitbuches zur „1001-Inventions“-Ausstellung. Es sei von einem Expertengremium überarbeitet und von Fehlern befreit worden. Gleiches gelte für die zukünftigen Schautafeln der Ausstellung selbst.

Dann hätte die Kritik also Wirkung gezeigt. Auch dass die Ibn al-Haytham-Schau im Shopping-Center offenbar eine korrigierte Version ihrer selbst ist, spricht dafür. Den Zwist im Austausch zu mildern oder gar zu beenden – dazu bestünde auch während der Berliner „Science Week“ noch Gelegenheit. Denn deren Organisatoren, so wurde am Freitag bekannt, haben nun aufgrund der Kritik kurzfristig noch eine Diskussionsveranstaltung zum Thema mit ins offizielle Programm aufgenommen. Sie findet am kommenden Dienstag, dem 7. November, an der Freien Universität statt.

Der schönste Teil der aktuellen Ausstellung ist übrigens eine begehbare Camera obscura, in Erinnerung an Experimente Ibn al-Haythams. Dort drin ist es still und sehr dunkel, bis auf das projizierte Bild der äußeren Shopping-Center-Wirklichkeit. Und wie das so ist in einer Camera obscura: Es steht auf dem Kopf.

Quelle: F.A.S.
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