Bitcoins am Pranger

Der ungestillte Energiehunger der Digitalwährung

Von Manfred Lindinger
 - 20:22
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Der Bitcoin-Hype dauert trotz heftiger Kurssprünge ungebremst an. Die digitale Währung soll – so die Hoffnung – Transaktionen sicherer und zuverlässiger machen, da sie ohne Banken und Staaten auskommt. Derzeit ist ein Bitcoin für umgerechnet 7200 Euro zu haben (Stand 14.5.2018). In zehn Jahren, so die Erwartung, könnte der Wert ein Vielfaches betragen. Doch das Bitcoin-System hat einen gewaltigen Haken. Produktion („Mining“), Verwaltung und Überwachung der digitalen Währung erfordert einen gewaltigen Rechenaufwand, und somit eine entsprechend hohe Computerpower. Der Energieverbrauch ist immens. Tendenz steigend.

Derzeit verbraucht das Bitcoin-System mindestens 67,14 Terawattstunden (TWh) an elektrischer Energie. Also etwa so viel wie die Tschechische Republik und gut ein Zehntel des Verbrauchs in Deutschland. Vor einem halben Jahr waren es noch 32,4 TWh. Schreitet die Entwicklung so weiter, wird der Stromverbrauch des Bitcoin-Netzwerks Ende dieses Jahres 72 TWh erreichen. Das würde dem Stromverbrauch von Österreich entsprechen und einem halben Prozent des Jahresverbrauchs weltweit. „Selbst für mich ist ein halbes Prozent des Weltstromjahresverbrauchs ein schockierend hoher Anteil“, schreibt der Kryptowährungs-Experte Alex de Vries in einem Kommentar in der Zeitschrift „Joule“. Der niederländische Finanzökonom und Begründer des Blogs „Digiconomist“, hat den aktuellen und künftigen Energieverbrauch der Krypto-Währung berechnet. Wenn der Kurswert für die digitale Währung weiter so stark wie bisher steigt, hält es de Vries sogar für möglich, dass in absehbarer Zeit der Anteil des Bitcoin-Systems auf fünf Prozent des Weltstromverbrauchs steigt.

Energiehungrige Computerfarmen

Der Grund für den Energiehunger des virtuellen Währungssystems liegt in den ständig ablaufenden Rechenprozessen. Sie sind extrem komplex. Die „Miner“, wie die Produzenten der Digitalwährung genannt werden, stellen ein gigantisches Computernetzwerk zur Verfügung, mit dem sie gewährleisten, dass die virtuelle Währung vor Manipulationen und Fälschungen sicher ist. Sie kontrollieren sämtliche Bitcoin-Transaktionen im Netz. Dazu werden alle Informationen über Transaktionen – etwa Bezahlvorgänge, Überweisungen, Ver- und Einkäufe – in einem umfangreichen Logbuch („Blockchain“) festgehalten. Die mit jedem neuen Eintrag wachsenden Bockchains werden in Datenbanken abgelegt. Mit Verschlüsselungstechniken wird sichergestellt, dass Transaktionen mit Bitcoins nur vom jeweiligen Eigentümer vorgenommen und die Geldeinheiten nicht mehrfach ausgegeben werden.

Neue Bitcoins werden durch das „Mining“ erzeugt, bei dem die Computer kryptographische Aufgaben lösen müssen. Je mehr Rechenpower zur Verfügung steht, desto komplizierter werden die Aufgaben. Dieses Prinzip schützt das System zwar vor Betrügern. Es treibt aber auch die Rechenleistung nach oben. So lassen sich neue Bitcoins meist nur noch mit extrem schnellen Computerprozessoren erzeugen, die sich nur noch gewerbliche Server-Farmen leisten können. Heim-PCs können hier schon lange nicht mehr mithalten.

Wann kommt der Kipppunkt?

Es ist nicht einfach, den Stromverbrauch des Bitcoin-Computernetzes zu berechnen. Die großen Akteure bei Bitcoin-Mining sind wenig auskunftsfreudig. Über wie viel Rechenpower ihre Rechenanlagen tatsächlich verfügen und wie viel Strom diese verbrauchen, verraten sie nicht. Deshalb hat Alex de Vries für seine Abschätzungen indirekte ökonomische Indikatoren herangezogen: Darunter waren die Verkaufszahlen der österreichischen IT-Firma „Bitman“, dem größten Hardware-Lieferant für Bitcom-Miner. Daraus ermittelte er den Stromverbrauch der vertriebenen Prozessoren, insbesondere von „Antminer S9“, einem äußerst effizienten Computerchip. Er wird vom überwiegenden Teil der Bitcoin-Schürfer verwendet.

Weitere Parameter waren die Zahl der derzeit bekannten Knoten des Bitcoin-Netzwerks (rund 10.000) und die Zahl der pro Tag ablaufenden Transaktionen (200.000). Daraus konnte Vries nicht nur den aktuellen Stromverbrauch des gesamten Computernetzes berechnen, sondern auch den Energiebedarf einer einzelnen Bitcoin-Transaktion. Dieser beläuft sich auf 237 Kilowattstunden, was laut Vries dem durchschnittlichen Stromverbrauch eines niederländischen Haushalts pro Monat entspricht.

Doch der Energiehunger hat Grenzen. Geht die Entwicklung ungebremst weiter, könnte das Bitcoin-System an einen Punkt kommen, wo die Kosten für Strom und Hardware den Gewinn beim Bitcoin-Mining übertreffen. Dann würde sich ein Wirtschaften mit der digitalen Währung schlicht nicht mehr lohnen, so de Vries.

Bitcoin-Schürfen mit Kohlestrom

Für den Ökonomen ist der wachsende Stromverbrauch auch in anderer Hinsicht einen Nachteil: Das Geschäft mit den Bitcoins unterläuft alle weltweiten Bemühungen Energie einzusparen und den Kohlendioxid-Ausstoß zu reduzieren. Denn der überwiegende Teil des Strombedarfs wird immer noch von Kohlenkraftwerken gedeckt.

Damit sich das Schürfen der Digitalwährung auch künftig lohnt, sind die großen Player in der Bitcoin-Szene bereis auf Länder ausgewichen, in denen Strom günstig ist. Dazu gehört Island mit seinem großen Angebot an Ökostrom. Der überwiegende Teil der Bitcoins wird inzwischen in China geschürft, wo Mining-Farmen mit billigem Kohlestrom versorgt werden. Rund zwei Drittel des chinesischen Stroms werden aus fossilen Brennstoffen erzeugt.

Doch es gibt bereits Widerstand gegen das Treiben der Bitcom-Gemeinde. Einige Bundesstaaten in den Vereinigten Staaten haben die digitalen Schürfrechte deshalb bereits eingeschränkt. Alex de Vries hofft mit seinem Ansatz, eine Diskussion über die Energiebilanz der Kryptowährung in Gang zu setzen. Und den Entscheidungsträgern in Politik belastbare Daten in die Hand zu geben.

Quelle: FAZ.NET
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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