„Klug verdrahtet“

Hier wird die Erde wieder beben

Von Manfred Lindinger
 - 15:26

Erdbeben gehören zu den schwersten Naturkatastrophen, die Menschen treffen können. Sie kommen meist unvermittelt und entwickeln eine große Zerstörungskraft, wie jüngst in Nordjapan wieder zu sehen war. Die Erdstöße sind häufig von einem oder mehreren Nachbeben begleitet, was die Arbeit von Rettungskräften erschwert. Ein Nachbeben kann sogar einen weitaus größeren Schaden anrichten. Deshalb versucht man, seine Eigenschaften möglichst genau vorauszusagen.

Dank empirischer Methoden lassen sich zumindest Häufigkeit und Stärke recht gut prognostizieren. Die Frage, wo die Erde abermals erzittern wird, kann dagegen kaum beantwortet werden. Denn die Vorgänge in der Erdkruste sind zu komplex für eine verlässliche Voraussage. Dass Künstliche Intelligenz das Potential hat, die Prognosen für Nachbeben zu verbessern, haben Geophysiker von der Harvard University in Cambridge jetzt zeigen können.

Klug verdrahtet
Klug verdrahtet

Wenn der Mensch mit der Maschine – Intelligenzen im Labor

Klug verdrahtet

Phoebe DeVries und ihre Kollegen haben einen selbstlernenden Algorithmus entwickelt, der in einer großen Datenbank wiederkehrende Muster identifiziert, anhand deren sich erkennen lässt, wo sich Nachbeben ereignen könnten. Die Forscher trainierten ihr System, indem sie es mit den geologischen Daten von 131.000 Ereignissen der jüngeren Geschichte fütterten.

Anschließend testeten sie die Prognosefähigkeit ihres Algorithmus an 30.000 bekannten Beispielen. Das Ergebnis: Die KI konnte die Orte, an denen die Nachbeben auftraten, tatsächlich besser nachzeichnen, als es den etablierten, rein statistischen Verfahren gelingt. Dennoch sind die Forscher zurückhaltend. Das System sei noch nicht reif für die Praxis. Es sei zu langsam für Echtzeitvorhersagen. Zudem seien die geophysikalischen Daten in den Datenbanken mit großen Unsicherheiten behaftet.

Ein weiteres Manko: Noch immer würden die geologischen Prozesse, die zu Nachbeben führen, von den theoretischen Modellen zu stark vereinfacht beschrieben. Die Wirklichkeit ist komplexer. Da kann selbst eine Erdbebenprognose auf Basis von KI nur wenig weiterhelfen.

Quelle: F.A.Z.
Manfred Lindinger
Redakteur im Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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