Simsen am Steuer

Mensch, leg das Handy weg!

Von Piotr Heller
 - 11:18

Verantwortungslosigkeit am Steuer könnte Autofahrer bald teuer zu stehen kommen. Zumindest etwas teurer als bisher. Der Bundesrat hat jüngst einer Verordnung der Regierung zugestimmt, wonach das Handyverbot im Auto verschärft wird. Bislang zahlten Verkehrssünder 60 Euro, wenn sie mit dem Mobiltelefon in der Hand erwischt wurden, ab jetzt sind das 100 Euro. Hinzu kommt, dass das Verbot nicht mehr nur Handys und Autotelefone umfasst, sondern alle Geräte zur „Kommunikation, Information oder Organisation“, also auch Navigationsgeräte oder Tablets.

Man kann sagen, dass der Gesetzgeber damit auf den technologischen Fortschritt reagiert. Die Frage ist aber, ob man das Problem nicht gleich technologisch lösen könnte. Moderne Smartphones sind mit ihren Kameras, Geschwindigkeitssensoren, Navigationsinstrumenten und Mikrofonen durchaus in der Lage, ein umfassendes Bild ihrer Umgebung zu erstellen. Warum lassen sie es dann zu, dass man vom Fahrersitz eines Autos aus bei 120 Kilometern pro Stunde eine Nachricht eintippt?

Mehr Tote als durch Alkohol am Steuer

Das Problem ist ernst. Im November letzten Jahres meldete der Versicherungskonzern Allianz, dass Ablenkung im Straßenverkehr den Alkohol erstmals als Todesursache Nummer eins abgelöst hat. Demnach gingen 2015 auf Deutschlands Straßen 256 Unfälle darauf zurück, dass einer der Beteiligten alkoholisiert war. In deutlich mehr Fällen, nämlich in 350, wurde Ablenkung als Unfallursache festgestellt oder angenommen.

Der iPhone-Hersteller Apple scheint inzwischen auf solche Entwicklungen zu reagieren. Im Juni präsentierte der Konzern die neueste Version seines mobilen Betriebssystems. Es umfasst nun die Funktion „Beim Fahren nicht stören“. Ist sie aktiv, bleibt der Bildschirm schwarz und das Smartphone stumm. Eingehende Nachrichten kann das Handy automatisch mit dem Hinweis beantworten, dass sein Besitzer gerade Auto fährt.

Jenseits der Freiwilligkeit

Das Interessante ist, dass diese Funktion sich auch automatisch aktivieren lässt. Das Smartphone ermittelt mit seinen Beschleunigungssensoren, ob es schnell unterwegs ist. Außerdem prüft es, ob drahtlose Netzwerke (WLAN) an ihm vorbeiziehen. Daraus kann es schließen, dass es sich in einem Auto befindet, und daraufhin die eingehenden Nachrichten und Anrufe blockieren. Freilich kann es sich aber auch irren, etwa dann, wenn es in einem Zug unterwegs ist oder sich in der Hand des Beifahrers befindet. Der könnte die Funktion ausschalten und Nachrichten wie gewohnt empfangen, und das ist der Knackpunkt: Die Funktion ist gut gemeint, setzt aber voraus, dass der Nutzer sie freiwillig verwendet. Dabei hat der Konzern mit dem Apfel seit Jahren eine Technologie in der Schublade, mit der er einen Schritt weiter gehen könnte.

In einem Patent, das 2014 öffentlich wurde, beschreibt Apple ein System, das manche Funktionen von Mobilgeräten während der Fahrt abschaltet. Es kann aber noch mehr: Mit der Kamera macht es sich ein Bild der Umgebung. Stellt es dabei fest, dass es sich in der Hand eines Autofahrers befindet, bleibt es ausgeschaltet. Ist es hingegen beim Beifahrer, funktioniert es wie gehabt. Mit dieser Technologie könnte man aus der freiwilligen Beim-Fahren-nicht-stören-Funktion eine verpflichtende machen. Auf die Frage, ob Apple sich als marktbestimmendes Unternehmen nicht in der Verantwortung sieht, eine solche Funktion einzuführen, antwortet der Konzern lediglich, dass man keine Vermutungen über einen möglichen zukünftigen Einsatz von Technologien kommentiere.

„Wir wollen den Fahrer nicht entmündigen“

Wenn also die Smartphones das Problem nicht selbst lösen, dann vielleicht die Autos? Es gibt heute schon Technologien, die etwa die Müdigkeit des Fahrers erkennen und ihn warnen. Dafür ermitteln diese Systeme, wie der Fahrer das Gaspedal und das Lenkrad betätigt. Neuere Varianten schauen ihm auch mit speziellen Kameras in die Augen. Der Autozulieferer Bosch beispielsweise arbeitet an einem Paket, das den Fahrer mit einer Kamera identifiziert und die Einstellungen des Autos an ihn anpasst. Die Kamera ist dabei so genau, dass sie auch Müdigkeit erkennen kann. „Da wird gemessen, wie weit sich die Augen öffnen oder wie oft die Person blinzelt“, erklärt Thomas Lenzen, Produktmanager beim Autozulieferer. Entscheidet das Auto dann, dass der Fahrer zu müde ist, schlägt es ihm eine Pause vor. Das System soll bald in Serie gehen, andere Hersteller haben ähnliche Technologien im Angebot.

Rein technisch gesehen, könnte die Kamera auch erkennen, ob ein Fahrer gerade mit dem Handy hantiert. Doch einen derartigen Eingriff plant Bosch nicht: „Wir wollen den Fahrer nicht entmündigen“, sagt Firmensprecherin Annett Fischer. Ohnehin hätten Autohersteller kein Interesse an einer solchen Funktion.

Überwachung gegen Rabatt bei der Versicherung

Anders der Ingenieur Fakhri Karray. Er leitet das Zentrum für Mustererkennung und maschinelle Intelligenz der kanadischen Universität von Waterloo. Dort lässt Karray Menschen im Auto auf ihren Handys herumtippen. Natürlich passiert das alles unter kontrollierten Bedingungen im Dienste der Wissenschaft. Karray und sein Team filmen die Testpersonen dabei und bekommen auf diese Weise Lernmaterial für ihr Computerprogramm. „So lernt es zu unterscheiden, ob eine Person gerade normal fährt, eine SMS eintippt, telefoniert oder etwas trinkt“, erklärt Karray. Inzwischen haben die Forscher das Programm mit etwa 2000 Videos gefüttert. Damit kann es nun mit einer Sicherheit von über 80 Prozent sagen, was ein Autofahrer tut. „Wir versuchen mehr Filmmaterial von Autoherstellern zu bekommen, um die Genauigkeit zu verbessern“, sagt Karray. Als fertiges Produkt könnte das System irgendwann den Fahrer filmen, schauen, was er macht – und ihn notfalls auffordern, das Handy wegzulegen und sich dem Geschehen auf der Straße zuzuwenden.

Fragt sich, wer sich freiwillig eine Kamera ins Auto einbauen lässt, die ihn während der Fahrt überwacht. Glaubt man Karray, sind das so einige, wenn ihnen dadurch ein finanzieller Vorteil entsteht. „Autoversicherungen könnten Kunden, die ein solches Gerät haben, günstigere Tarife anbieten“, nennt er als ein Beispiel. Tatsächlich kann man sich bereits Messgeräte ins Auto einbauen lassen, die das Fahrverhalten ermitteln. Dadurch zahlen vorsichtige Fahrer, die sich überwachen lassen, weniger für ihre Versicherung.

In Zukunft könnte die Aufmerksamkeitsüberwachung im Auto noch eine andere Bedeutung bekommen: Wenn die Wagen zumindest teilweise selbst fahren können. „Ein solches Auto könnte dann zu dem Schluss kommen: ‚Der Fahrer ist abgelenkt, ich übernehme besser das Steuer‘“, sagt Karray. Auch bei Bosch macht man sich Gedanken zu diesem Thema. Wenn ein teilweise selbstfahrendes Auto etwa die Kontrolle an den Fahrer zurückgeben will, muss es schließlich wissen, ob dieser überhaupt fahrtüchtig ist. „Da ist es wichtig zu erfassen, ob er auf die Straße schaut oder gerade abgelenkt ist“, sagt Thomas Lenzen. Einem Fahrer, der gerade eine SMS tippt, sollte es das Steuer tunlichst nicht überlassen.

Das Auto der Zukunft wird somit nicht nur genau wissen müssen, was auf der Straße passiert, sondern auch, was der Mensch in seinem Innenraum tut.

Quelle: F.A.S.
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