Gelähmter im Glück

Das Gegenteil von menschlichem Versagen

Von Joachim Müller-Jung
 - 15:00

Mancher unter uns kommt praktisch nie mit einem Arzt in Berührung, weil er nie krank wird. Andere meinen, wenn man Ärzten aus dem Weg geht, hilft das auch schon. Was sie bemerkenswerterweise oft eint, ist ihr scheinbar unerschöpfliches Wissen über den Zustand der Medizin. Zum Beispiel hört man von ihnen immer wieder Sätze wie den: Die Medizin wird immer unmenschlicher. Das ist so pauschal natürlich ungerecht und wenn, dann entweder auf die Apparatemedizin gemünzt, auf die vom Mammon gehetzten Ärzte oder auf die leider nicht abzuschaffende Selbstüberschätzung, die bei einigen Ärzten allerdings psychologisch eng verknüpft sein dürfte mit dem extrem schwierigen Zugang zum Medizinstudium. Ärzte sind schon beim Start als Übermenschen gefragt.

Was das angeht hat das Bundesverfassungsgericht jetzt immerhin klargestellt, dass schnöder Abiturnotenperfektionismus nicht alles sein kann. Und es stimmt ja: Wie viel Kunst und Kreativität, neben menschlicher Wärme, aufzubringen ist, um ein guter Arzt zu sein, wird in der Tat viel zu selten bedacht – obwohl die Medizin historisch gesehen davon stets am meisten brauchte. Vergessen wird leider auch immer wieder, wie viel Glück und Wagemut es gelegentlich auf allen Seiten braucht, wenn uns das Unglück irgendwann einholt und wir uns dem Arzt ausliefern. Das Schicksal eines 53jährigen Deutschen, der sich bei einem schrecklichen Bootsunfall in Russland den Hals gebrochen hat, soll uns in der Hinsicht als Glücksfall des Jahres genügen. Als der Mann aufwachte, war er vom Hals abwärts gelähmt. Einen Tag später lag er auf dem OP-Tisch in der Hallenser Klinik Bergmannstrost, wo ihn der auf Rückenmarkverletzungen spezialisierte Chirurg Klaus Röhl mit Kopf- und Körperscannern vom Scheitel bis zum Zeh durchleuchtete. Es gab Hoffnung. Das Rückenmark war nicht komplett durchtrennt. Oft sind es jedoch die Sekundärschädigungen nach dem Wirbelbruch, die in die Katastrophe münden: die Schwellungen, mangelnde Blutversorgung, massenhaft absterbende Nerven.

In keinem Therapiehandbuch

Zusammen mit dem Leipziger Stammzellbiologen Augustinus Bader wagte Röhl deshalb ein Experiment: Die gebrochenen Wirbel sieben und acht wurden versteift, dazu wurde ein Hormon-Vitamin-Cocktail zubereitet, der per Spritze in den folgenden zwei Monaten regelmäßig injiziert wurde: Eine exotische Mischung aus Epo, dem als Dopingmittel berüchtigten Blutbildungshormon, dazu ein aus der Stammzellmedizin bekanntes Hormon, G-CSF, sowie Vitamin C, das die reaktiven, zerstörerischen Radikale in der Wunde abfangen sollte. Dass Epo unter Umständen Querschnittlähmungen verhindern kann, wurde vor bald zwei Jahrzehnten schon in Göttingen angedacht und auch von Chinesen in zaghaften Studien getestet. Röhls Ansatz hatte also Hand und Fuß, keine Frage, und dennoch stand es so, wie vieles in der Medizin, in keinem Therapiehandbuch. Das regenerative Wässerchen, das dem Gelähmten verabreicht wurde, war nicht mehr und nicht weniger als ein Heilversuch. Das ist legal und legitim. Denn mit der klinischen Evidenz ist es zuweilen wie mit dem Einserabitur fürs Studium: Es ist gut, wenn man es hat, aber gelegentlich genügt das eben nicht.

Arzt und Patient in Halle hatten das Glück herausgefordert. Schon bald nach dem Eingriff konnte der Mann wieder arbeiten, er war voll bewegungsfähig und fährt seitdem auch Auto. Eine Narbe bleibt, sagt Röhl, „von Heilung würde ich deshalb nicht sprechen“. Für uns ist es dennoch eine jener glücklichen Fügungen, die weder mit der Abiturnote korreliert noch mit den Fremdsprachenkenntnissen – und die wir deshalb für das kommende Jahr allen jenen wünschen, die in eine ähnliche verzweifelte Lage kommen.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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