Falscher Urvogel entlarvt

Der Gefiederte mit Migrationshintergrund

Von Reinhard Wandtner
 - 17:26

Irrungen und Wirrungen kennzeichnen den Diskurs, in den sich Paläontologen seit der Entdeckung der ersten Archaeopteryx-Fossilien in der Mitte des 19. Jahrhunderts verstrickt haben. Den Funden aus den Solnhofener Plattenkalken in Bayern gebührt zweifellos höchste Wertschätzung, werfen sie doch ein Licht auf die frühe Entwicklung der Vögel aus gefiederten Raubsauriern vor rund 150 Millionen Jahren. Noch Dinosaurier und schon Vogel – so wird Archaeopteryx, der ausgewachsen etwa die Größe eines Raben erreichte, gern charakterisiert. Bei einer neuen akribischen Untersuchung kamen nun Oliver Rauhut von der Ludwig-Maximilians-Universität München und Christian Foth von der Universität Stuttgart zu einem verblüffenden Ergebnis. Eines der zwölf heute bekannten Archaeopteryx-Exemplare, noch dazu das zuerst gefundene, soll demnach gar kein Archaeopteryx sein. Vielmehr habe man es mit den Überresten eines gefiederten Raubsauriers einer Gattung zu tun, wie man sie ähnlich bisher nur aus Funden in China kannte.

Bei dem Fossil, das Rauhut und Foth genauer unter die Lupe genommen haben, handelt es sich um das sogenannte Haarlemer Exemplar des Archaeopteryx. Der Name rührt daher, dass es in einem Museeum in Haarlem bei Amsterdam aufbewahrt wird. Dieses Fossil hat eine bewegte Geschichte hinter sich. Wiederholt haben sich Forscher an ihm die Finger verbrannt. Das begann schon nach seiner Entdeckung 1855 in einem Steinbruch bei Riedenburg im Altmühltal. Der Frankfurter Gelehrte Hermann von Meyer ordnete 1857 das nur bruchstückhaft erhaltene Fossil einem Kurzschwanz-Flugsaurier zu, den er Pterodactylus crassipes taufte.

Drei Jahre darauf erwarb das Museum in Haarlem den Fund. Dort hielt er in einer Vitrine „einen mehr als hundertjährigen Dornröschenschlaf“, wie der Münchener Paläontologe Peter Wellnhofer in seinem Buch „Archaeopteryx“ (Dr. Friedrich Pfeil, München 2008) anmerkt. Wellnhofer untersuchte 1966 das Fossil gründlich und kam zu der Überzeugung, es handele sich, anders als beschrieben, um einen Langhals-Flugsaurier. Die neue, zweite Identität währte indessen nur bis zum Jahr 1970. Damals kam der amerikanische Geologe John Ostrom nach Haarlem und nahm sich des Vitrinenstücks an. Sein Urteil stand schnell fest. Aufgrund zwar schwacher, aber klarer Abdrücke von Federn sowie verschiedener Skelettmerkmale, etwa der langen Finger mit scharfen Krallen, sei der Fund als Archaeopteryx einzustufen.

Damals lagen vier Urvogel-Funde aus den Solnhofener Plattenkalken vor. Der erste, eine Feder, war 1860 entdeckt worden. Das fünf Jahre früher geborgene Haarlemer Exemplar avancierte daher zum ältesten bekannten Archaeopteryx-Fund. Allerdings hatte Hermann von Meyer durch die Benennung des Fossils unbeabsichtigt eine Fußangel für nachfolgende Forschergenerationen ausgelegt. Nach den Regeln in der Zoologie genießt nämlich die zuerst vergebene Artbezeichnung, in diesem Fall „crassipes“, Vorrang gegenüber späteren Benennungen. Alle Urvogel-Funde seit 1860 hatte man aber schon unter dem Namen Archaeopteryx lithographica vereint. Ihnen einen anderen Artnamen zu verpassen, erschien auch angesichts des hohen Bekanntheitsgrades unangemessen. Daher wurde auch das Haarlemer Exemplar unter Beugung der Regeln zu Archaeopteryx lithographica, mit der Option, den ersten Artnamen wieder ins Spiel zu bringen, sollte sich der Fund doch als eine andere Spezies erweisen.

Genau dieser Fall ist jetzt eingetreten. Wie Rauhut und Foth in der Zeitschrift „BMC Evolutionary Biology“ schreiben, haben sie Merkmale entdeckt, die für eine Gruppe kleiner vogelähnlicher Raubsaurier, die Anchiornithiden, charakteristisch sind. Die Tiere, noch älter als Archaeopteryx, trugen Federn an Armen und Beinen, waren aber im Gegensatz zum Urvogel flugunfähig. Das Fossil ist den Forschern zufolge der erste Nachweis dieser Gruppe außerhalb Chinas. Von Ostasien aus haben sich die gefiederten Raubsaurier offenbar nach Westen ausgebreitet und die Riff-Insel-Landschaft im heutigen Altmühltal erreicht. Davon legt jedenfalls das vermeintliche Urvogel-Fossil, das jetzt dem Geologen Ostrom zu Ehren den Namen Ostromia crassipes erhalten soll, Zeugnis ab. Allem Anschein nach gibt es nun zwar einen Archaeopteryx weniger, dafür aber einen für die Wissenschaftler noch spannenderen Fund mehr.

Quelle: F.A.Z.
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