Der Horror im deutschen Wald

Von JOACHIM MÜLLER-JUNG und PHILIP GERHARDT

29.03.2018 · Der „Salamanderfresser“, ein Pilz, verursacht eine der furchtbarsten Tierseuchen Europas. Der Staat reagiert. Aber sind die Feuersalamander noch vor dem Aussterben zu retten?

D er Feuersalamander (Salamandra salamandra) mit seinen vorstehenden dunklen Augen hat es als Symboltier bis in die Fußgängerzonen, Comichefte und Kinderbücher geschafft. In den Wohnzimmer-Terrarien werden für ihn heile Welten eingerichtet. „Lurchi“ ist längst Werbe-Ikone. Und er ist ein Wildtier von nationalem Rang. Nicht, weil er wie andere Amphibienarten in seinem Bestand akut gefährdet wäre, sondern im Gegenteil: weil er sich in den oft von Bächen durchflossenen deutschen Laub- und Mischwäldern so ausgesprochen wohl führt. Deutschland ist Kerngebiet seiner Verbreitung, deshalb trägt Deutschland auch eine, wie es in der Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt beim Bundesamt für Naturschutz heißt, „hohe Verantwortung“ für das Gedeihen der Art.

Verbreitung des Feuersalamanders in Deutschland

Das alles aber ist zuletzt in den Hintergrund geraten. Was die Freunde der Feuersalamander seit einiger Zeit beschäftigt, ist die eine entscheidende Frage: Wird der Feuersalamander überleben? Der Grund dafür ist ein infektiöser Pilz: Batrachochochytrium salamandrivorans, kurz „Bsal“. 2013 hat er das erste Mal für ein Massensterben in seinem nördlichen Verbreitungsgebiet in Belgien und den Niederlanden gesorgt. In den Niederlanden hat der „Salamanderfresser“ den Schwanzlurch fast schon ganz ausgerottet, in Belgien bis auf wenige Restpopulationen dezimiert. In Deutschland wurden 2015 erstmals an vier Stellen in der Nordeifel infizierte tote Salamander entdeckt - zwei Jahre nach dem Erstfund in Belgien nahe Eupen und ein Jahr nach der Identifizierung und Beschreibung des bis dahin unbekannten Pilzes. Inzwischen gibt es ein deutsches Konsortium von Herpetologen, die deutschlandweit damit betraut sind, an 50 Standorten regelmäßig je 30 Feuersalamander zu untersuchen. Es geht darum, die Verschleppung der hochinfektiösen Erreger zu unterbinden. Die Biologen und Salamanderforscher, die an der Universität Trier von Stefan Lötters angeführt werden, und um Sebastian Steinfartz und Miguel Vences von der Universität Braunschweig sammeln Berichte von Spaziergängern und Naturfreunden, die tote Feuersalamander finden und sie hier (https://bsalinfoeurope.wixsite.com) melden können, sie gehen aber auch selbst regelmäßig in den Wald.

Verbreitungkarte

DGHT e.V. (Hrsg. 2014): Verbreitungsatlas der Amphibien und Reptilien Deutschlands, auf Grundlage der Daten der Länderfachbehörden, Facharbeitskreise und NABU Landesfachausschlüsse der Bundesländer sowie des Bundesamtes für Naturschutz.

Viel Geld für die Salamanderforschung

Sieben Länder koordinieren heute die Überwachung der „Salamanderpest“, wie die Epidemie inzwischen bezeichnet wird. Weit mehr als eine Million Euro fließen inzwischen in diese Projekte. Die Europäische Kommission, die Deutsche Bundesstiftung Umwelt und auch der Bund engagieren sich. Das Bundesamt für Naturschutz hat ein Projekt (https://www.bfn.de/presse/pressemitteilung.html) gestartet, das auch die Öffentlichkeit aufrütteln und sensibilisieren soll. Es geht darum, tote oder schwer gezeichnete infizierte Feuersalamander, deren Haut im Spätstadium zerfetzt aussieht, zu melden, aber auch um Prophylaxe: Die Verschleppung der Pilzsporen, die an Schuhen, Reifen oder netzen haften., soll unbedingt verhindert werden.

Die Salamanderforscher selbst freilich müssen schon viel weiter denken. Sie organisieren nun eine „Salamander-Arche“. Sie soll verhindern, dass die Art nach einem möglichen explosionsartigen Massenaussterben von Populationen wie in den Niederlanden oder in Belgien genetisch verarmt. Das würde die Bestände noch anfälliger machen und die Bedrohung der Art unter Umständen exponentiell gefährden.

FAZ.NET-Video: Philip Gerhardt

Eine Arche für die Rettung der Art?

Nachdem der Bsal-Pilz im Frühjahr 2014 in der Nähe von Robertville in Belgien erstmals bei toten Salamandern identifiziert worden war, hatten die Tiere nur noch eine Überlebenschance von 13 Prozent. Innerhalb von sechs Monaten nach Ankunft des Pilzes waren neun von zehn Tiere der Population verendet, zwei Jahre später war das Feuersalamandervolk von Robertville um 99 Prozent kollabiert. Die Erhaltungszucht in der „Arche“ wird für den Fall eines ähnlichen Katastrophenszenarios in Deutschland eingerichtet, es geht um Vorbeugung. Um ein „präventives Artenschutzmanagement“, wie es mit einem der Projekte der Braunschweiger Salamanderforscherin Kathleen Preißler beabsichtigt ist.

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Vom Feld ins Labor

Bei der Rettung einer Art geht es vor allem um die Rettung der Diversität, sprich: der genetischen Vielfalt. Es geht also nicht nur darum, die Bedrohung selbst - den Erregerpilz - flächendeckend zu erfassen, sondern auch die bedrohten Tiere in ihrer Vielfalt zu screenen und damit die für die Zucht einer stabilen Population geeigneten Tiere zu erfassen. In molekularbiologisch gut ausgestatteten und zertifizierten Laboren wie in Braunschweig oder Trier werden anhand der Genmuster vieler Feuersalamander-Individuen „Management-Units“ für den Aufbau der Arche geschaffen.

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Auf die Diversität kommt es an

Die Haltung von Feuersalamandern wird so zu einer Art Notfallinstanz für die langfristige Erhaltung der Art. Und was können erfahrene Terrarianer dazu beitragen, die als Liebhaber und Zuchtexperten nicht nur biologisches Wissen liefern, sondern auch selbst aktiv werden, wenn es um die Beobachtung und das Gedeihen der natürlichen Bestände geht?

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Wertvolle Erfahrungen der Tierhalter

Tierhalter und –händler spielen allerdings auch bei der Verbreitung des Bsal-Pilzes offenbar eine Rolle. Die Braunschweiger Forscher haben probeweise tausend Feuersalamander in Tierhaltung gescreent. „Auch in der Terrarienhaltung tauchte Bsal auf“, so Steinfartz. Für die Salamanderforscher, aber auch für die Deutsche Gesellschaft für Herpetologie und Terrarienkunde (DGHT), ist die zentrale Rolle des Welthandels längst unstrittig. Selbst Brüssel hat reagiert: Mit einem EU-Kommissionsentscheid vom 28. Februar dieses Jahres wird der Import von Schwanzlurchen neu geregelt: Sechswöchige Quarantäne, Anti-Pilz-Behandlung, auch Gesundheitszertifikate sollen ab Herbst Pflicht werden.

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Wichtige Nachzuchten im Terrarium

Den Forschern gehen die neuen EU-Importregeln nicht weit genug. Nicht nur Schwanzlurche wie die Molche und Salamander, auch Froschlurche, die als Reservoir des Pilzes dienen können, sollen in einer „bundeseinheitlichen Neuordnung des Amphibienhandels“ erfasst werden. Die Wissenschaftler hoffen darauf, dass die Sensibilität unter den Tierhaltern – und züchtern insgesamt zunimmt. Die Haltung von Feuersalamandern wird immer intensiver diskutiert, auch die Szenarien, unter welchen Bedingungen, also mit extremer Bsal-Belastung, eine Haltung von Feuersalamandern überhaupt noch möglich sein könnte.

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Haltung unter Laborbedingungen

Woher der ursprünglich kam, ist noch unklar. Asien, vor allem Südostasien, war von Anfang an im Verdacht, auch China. In der Zeitschrift „Conversation Letters“ hat Frank Pasmans von der Universität Gent zusammen mit Chinesen Stichproben asiatischer Schwanzlurche veröffentlicht. Pasmans und seine Kollegen hatten 2013 den bis dahin unbekannten Bsal-Erreger als Auslöser der Epidemie identifiziert und wissenschaftlich beschrieben. Unter den mehr als tausend Proben aus 51 Regionen Chinas, die man jetzt für die neue Publikation unter die Lupe genommen hat, fiel vor allem der prächtige Hongkong-Warzenmolch (Paramesotriton hongkongensis) als Träger des Bsal-Erregers auf. Die Hälfte war infiziert. Betrachtet man den weltweiten Handel, sind im vergangenen Jahrzehnt mindestens 66 000 infizierte Tiere aus China exportiert worden. Die asiatischen Molche und Salamander sind zu unterschiedlichen Graden immun gegen den Pilzerreger - offensichtlich, weil sich das Immunsystem der Tiere in einer langen Zeit der Koexistenz erfolgreich mit dem Pilz auseinanderzusetzen weiß, wie Frank Pasmans im Skype-Gespräch erläutert.

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Warum asiatische Arten immun sind

D ass Amphibien weltweit inzwischen die am meisten bedrohte Wirbeltiergruppe sind, muss neben den üblichen Giften, Schadstoffen und Biotopvernichtungen vor allem ihnen angerechnet werden. Es geht um Hunderte Amphibienarten. „Bd“, ein dem Bsal nahe verwandter Chytridpilz, ist nahezu weltweit verschleppt worden und dezimiert insbesondere Frösche. Darwins Nasenfrosch etwa siecht langsam dahin, in vielleicht fünfzehn Jahren dürfte er Züricher Biologen zufolge ausgestorben sein.

  • Mikroskopaufnahme der Pilzsporen. Zu sehen sind kugelige Sporen in ihrer Kapsel, die den Pilz wochenlang im Waldboden oder Wasser überleben lässt, sowie kleine wurzelartige Ausläufer „aktivierte“ Pilze, die Rhizoide. Foto: Frank Pasmans, Universität Nijmegen
  • Da der Feuersalamander ein großes Verbreitungsgebiet hat, sind im Moment nur einzelne Populationen vom Aussterben bedroht. Verwandte Arten mit kleineren Vorkommen sind stärker durch den Pilz gefährdet – wie dieser Aurora-Alpensalamander aus Norditalien. Foto: Philip Gerhardt
  • Der Feuersalamander bildet verschiedene Unterarten aus, die sich in ihrem Äußeren unterscheiden. Hier ein Exemplar aus Südportugal. Foto: Philip Gerhardt
  • Diese hochgelben Feuersalamander stammen aus Nordspanien. Foto: Philip Gerhardt
  • Die Lurche werden bei Nacht aktiv und sind dann häufig auf Waldwegen anzutreffen. Foto: Philip Gerhardt
  • Insbesondere bei Regen und feuchter Witterung verlassen die Tiere ihre Verstecke. Foto: Philip Gerhardt
  • Laubwälder mit sauberen, klaren Bächen sind der typische Lebensraum für Feuersalamander in Deutschland. Foto: Philip Gerhardt
  • Die Tiere legen keine Eier, sondern setzen Larven mit allen vier Beinen und Außenkiemen ab. Foto: Philip Gerhardt

Langsam verlief die europäische Bsal-Welle bisher beileibe nicht. Nachdem der „Salamanderfresser“ am „Index-Fundort“ in Belgien und in den Niederlanden auftauchte, fand man infizierte Molche, Berg-, Kamm- und Fadenmolche etwa, aber deren Bestände kollabierten nicht so radikal wie die der Feuersalamander. Inzwischen sind die Salamander-Populationen in Belgien um mehr als 95 Prozent geschrumpft, und noch brutaler – um 99,9 Prozent – in den Niederlanden, wo man die nördlichste Verbreitung im Hügelland von Zuid-Limburg Jahrzehnte lang beobachtete. „Erstmals hat ein Pathogen den Bestand einer Amphibienart auf Ebene eines europäischen Staates an den Rand des Aussterbens gebracht“, heißt es der neuen Ausgabe der „Zeitschrift für Feldherpetologie“. Die Haut der befallenen Salamander sieht an vielen Stellen offen. Geschwüre wucheren bis in tiefere Schichten. Bakterien, die über diese Läsionen in den Körper eindringen, bringen die Lurche rasend schnell um. Viele verenden binnen einer Woche.

Für die deutschen Herpetologen geht es jetzt, im fünften Jahr der „Salamanderfresserjagd, ums Ganze. Die Dystopie vom Aussterben, und sei es nur ein reihenweise regionales Aussterben der prächtigen Lurche, taucht in vielen Publikationen auf.

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Aussterben? Unwahrscheinlich!

Vor knapp vier Jahren noch, als die Biologen der Universitäten Trier und Braunschweig sowie der Biologischen Stationen Düren und Aachen zum ersten Mal in der Eifel nur wenige Kilometer von der Grenze zu Belgien und den Niederlanden nach toten Feuersalamandern suchten, atmeten sie noch erleichtert auf. Hundert Hautabstriche von den Bäuchen lebender Salamander sammelten sie – alles negativ. Noch.

FAZ.NET-Video: Philip Gerhardt

I nzwischen gilt die Nordeifel, vor allem im Nationalpark Eifel, als Seuchengebiet. 15 deutsche Bsal-Ausbrüche wurden bisher registriert. In der Südeifel hat man zwar noch keinen Pilznachweis, aber die Salamander-Populationen brechen auch dort zusammen. Den letzten Ausschlag für die behördlichen Interventionen dürften die Bsal-Funde in einem Friedhof in Essen im vergangenen Jahr gegeben haben. Der Ausbruch war fast hundert Kilometer von der Eifel entfernt. Unter Verdacht stehen freigelassene, aus Asien importierte Terrarientiere. Möglich ist aber auch, dass die Pilzsporen, die bei Bsal anders als bei anderen Pilzen zu den hochmobilen Sporen auch solche mit witterungsfesten Kapseln bilden können, im Waldboden überdauern und mit Netzen, Keschern, an Schuhen oder Reifen verschleppt worden waren. Doch das sind Thesen. Fest steht hingegen für Forscher wie Stefan Lötters aus Trier oder Sebastian Steinfartz aus Braunschweig, was sie mit Nachdruck immer wieder in ihren Veröffentlichungen so formulieren: „Bsal hat ein kaum zu überschätzendes Potential, Molch- und Salamanderpopulationen großflächig an den Rand der Ausrottung zu bringen.“ Was aber ist dann zu tun? Gibt es einen Plan B? Könnte der Feuersalamander etwa gerettet werden, indem man ihm die von asiatischen Schwanzlurchen bekannte Immunität gewissermaßen einimpft, womöglich mit gentechnischen Methoden in der Erhaltungszucht: Gentechnik in der „Salamander-Arche“? Der Braunschweiger Herpetologe Miguel Vences kann es sich vorstellen, dass die Debatten, zumindest solange die Auswirkungen der Pilzepidemie auf die Bestände noch im Dunkeln liegen, jetzt beginnen.

Verbreitung des Bsal-Pilzes

www.cdc.gov/eid

Aussterben verhindern? Vences stellt ethische Fragen

FAZ.NET-Video: Philip Gerhardt

Text: Joachim Müller-Jung
FAZ.NET-Video: Philip Gerhardt
Gestaltung: Carsten Feig

Quelle: F.A.Z.