Abbildung: Theiss Verlag der wbg

Was für ein Stoff!

Von TILMAN SPRECKELSEN

25.04.2018 · Der Teppich von Bayeux erzählt von Ereignissen, die vor fast tausend Jahren die englische Gesellschaft umgekrempelt haben. Im Mittelpunkt des gestickten Comics vom Umfang einer Turnhalle steht ein Sieger und ein Unterlegener, der überraschend gut wegkommt.

E s fehlte nicht viel und das Unternehmen wäre ins Wasser gefallen, bevor es richtig begonnen hatte. Wilhelm, genannt „der Bastard“, Herzog der Normandie, hatte in dem Küstenstädtchen Dives-sur-Mer zwar eine gewaltige Flotte zusammengezogen, laut zeitgenössischen Berichten mindestens 800 Schiffe, von denen allein seine Halbbrüder Robert de Mortain 120 und Odo, Bischof von Bayeux, 100 stellten. Deren Mannschaften warteten dort seit einem Monat auf besseren Wind, konnten aber nicht mehr länger unterhalten werden. Der Herzog entschloss sich also zum Aufbruch, landete allerdings nicht in England, dem eigentlichen Ziel der Kampagne, sondern weiter östlich in St-Valery-sur-Somme in der Grafschaft Ponthieu. Auf dem Weg dahin kenterten Schiffe und starben Männer, die Wilhelm heimlich begraben ließ, um die Moral der Truppe nicht weiter zu schädigen. Trotzdem kam es zu Desertionen.

Karte: F.A.Z.-Karte sie. Quelle: nach Bout/Neveux: „Der Teppich von Bayeux“. wbg/Theiss.

Ob Wilhelm angesichts dieser Hindernisse je an seinem Vorhaben zweifelte, mit einer Invasion die englische Krone zu erringen, ist ungewiss. Am Ende jedenfalls stand die folgenreiche Eroberung weiter Teile der Insel durch die Normannen, was deren Einwohnern nicht nur einen neuen, stark zentralistisch geprägten Regierungsstil bescherte, sondern sich auch derart nachhaltig auf ihre Sprache und Kultur auswirken sollte, dass das Jahr 1066 als Wendepunkt in der britischen Geschichte gilt. Zwanzig Jahre später hatte eine neue, normannische Oberschicht die alte, angelsächsische in England komplett verdrängt: „Die Hälfte des Landes“, so beschreibt der Kölner Mediävist Dominik Waßenhoven die Konsequenzen, „war 1086 im Besitz weltlicher Adliger, die im Zuge der Eroberung ins Land gekommen waren. Englische Grundherren besaßen dagegen nur rund fünf Prozent des Landes. Vom restlichen Land hielt der König rund ein Fünftel selbst, die Kirche rund ein Viertel. Man kann daher aus gutem Grund von einem Elitenaustausch sprechen.“ Für die Ausgetauschten war das derart dramatisch, dass ihr Trauma noch Jahrhunderte später in der Robin-Hood-Legende anklingt. Robin vertritt darin das unterdrückte angelsächsische Volk gegen die normannischen Besatzer, repräsentiert durch den fiesen Sheriff von Nottingham.

Die Laterne hoch auf dem Mast kennzeichnet das Schiff als das des Eroberers. Auch die Hornbläserfigur findet sich in den Quellen.

Was in der Realität geschah, als die Normannen in England einfielen, ist in einer Reihe von chronikalen Quellen überliefert. Sie stammen von Historikern beider Seiten, die – obwohl die normannische politisch klar die Oberhand gewann – dennoch die Ereignisse höchst unterschiedlich überlieferten, von den Deutungen und Wertungen ganz abgesehen. Hinzu kommt ein Wandteppich, entstanden bald nach jener Schlacht, in welcher der eine Thronprätendent den Tod fand und der andere seine Herrschaft begründete. Auch er liefert eine Sicht auf die Ereignisse, die umso mehr auch einen moralischen Kommentar zu den Protagonisten transportiert, als einer von ihnen, Wilhelms Halbbruder Odo, sehr wahrscheinlich den Teppich in Auftrag gegeben hat.

Der alles entscheidende Moment: König Harold ist getötet worden (hic Harold rex interfectus est) und die Engländer sind geflohen (et fuga verterunt Angli).


In einem jüngst erschienenen Bildband zum Teppich von Bayeux tragen die Autoren, die Historiker Pierre Bouet und François Neveux aus Caen, viel von dem zusammen, was es beim derzeitigen Forschungsstand zu dem textilen Kunstwerk zu sagen gibt. Den Auftakt und zugleich den Kern des Bandes bildet die komplette Reproduktion des fast siebzig Meter langen Teppichs, dazu die Erläuterung der einzelnen Szenen. Bereits im neunzehnten Jahrhundert wurden auf dem gesamten Teppich alles in allem 58 Kleinkapitel identifiziert.

Eigentlich sollten Wilhelms Soldaten die Befestigung vor Hastings bauen.

In weiteren Teilen des Bandes stellen die Autoren den Teppich einmal in den kunsthistorischen Kontext der Zeit, zum anderen diskutieren sie ihn in seiner Funktion als Quelle und Kommentar zum historischen Geschehen. Die dort dargestellten Ereignisse spielen sich in den beiden Jahren zwischen 1064 und 1066 ab – der Teppich setzt ein mit der Fahrt des englischen Earls Harold, eines Schwagers des Königs Edward, genannt „der Bekenner“ (1004 bis 1066). Der kinderlose Monarch schickt Harold aus, ohne dass auf dem Teppich das Ziel der Reise deutlich würde. In Frankreich gerät Harold in die Gefangenschaft des Herzogs Guy de Ponthieu, aus der ihn Wilhelm befreit. Gemeinsam kämpfen sie gegen aufmüpfige Bretonen, Wilhelm schenkt Harold eine Rüstung. Und dann wird eine Szene dargestellt, die zentral für die Deutung aller Ereignisse ist, die noch kommen: Harold leistet Wilhelm einen Eid und legt dafür beide Hände auf Reliquienschreine.
Was das für ein Eid ist, verrät der Teppich nicht. Dass er aber einen feierlichen Gegenstand zum Inhalt hat, ist sicher und auch, dass es weitreichende Konsequenzen haben würde, einen solchen Eid zu brechen. Schriftliche Quellen scheinen in dieser Frage weiterzuhelfen: Demnach erklärt sich Harold zum Lehnsmann Wilhelms, er erkennt den Normannenherzog also als seinen Herrn an. Und zweitens schwört er, auch Wilhelms Anspruch auf die Nachfolge Edwards des Bekenners als König von England zu unterstützen.

Artus‛ Tafelrunde? Nein, Wilhelms Männer, in der Mitte Odo, tafeln vor der Schlacht von Hastings.

Diese Quellen aber stammen ausschließlich von Normannen, also von den Siegern. In angelsächsischen Quellen kommt ein solcher Eid nicht vor, auch kein anderer, den Harold Wilhelm geschworen hätte. Tatsächlich hatte nicht nur Edward mit wechselnden Verfügungen über seine Nachfolge bis zu diesem Zeitpunkt für Verwirrung in dieser Frage gesorgt, sondern auf dem Totenbett, also zur Jahreswende 1065/66, ein weiteres Mal seine Meinung geändert und ausgerechnet seinen Schwager Harold zum Nachfolger eingesetzt – dessen Bruder Tostig fühlte sich davon so zurückgesetzt, dass er sich von nun an offen gegen Harold stellte.

Zu den Rätseln des Teppichs gehört, was dieser Soldat, ein normannischer Plünderer vor Hastings, da eigentlich geraubt hat.

Der Teppich von Bayeux springt in seiner Darstellung vom Jahr 1064, in dem Harold wieder nach England zurückkehrt, in den Winter, in dem Edward starb. Harold lässt sich krönen, begleitet von einem aufmerksam registrierten Warnzeichen in Form des ebenfalls dargestellten Halleyschen Kometen. Wilhelm erfährt davon und berät sich mit seinen Halbbrüdern Odo und Robert. Dann lässt er Schiffe bauen und ruft Männer und Pferde zusammen, überquert den Ärmelkanal und trifft bei Hastings auf Harolds Heer. Die Schlacht wird über ein volles Drittel der Teppichfläche dargestellt, Harold bekommt einen Pfeil ins Auge und stirbt an den Hieben der Normannen. Dann bricht der Teppich plötzlich ab, noch vor dem zu erwartenden Schluss der Geschichte: Wilhelms Krönung zum König von England.

In der textilen Darstellung fällt einiges unter den Tisch, so viel, dass man durchaus von einem tendenziösen Werk sprechen kann. Was hier wie eine Sache zwischen zwei rivalisierenden Herrschern erscheint, hatte in Wirklichkeit noch einen dritten Beteiligten: den Norwegerkönig Harald III., genannt „der Harte“ (1015 bis 1066). Mit ihm hatte sich Anfang 1066 der von seinem Bruder abgefallene Tostig zusammengetan, gemeinsam fielen sie in der Gegend von York ein und zwangen Harold, der durchaus auf Wilhelms Invasion gefasst gewesen war, seine Truppen zusammenzuziehen und in einem Eilmarsch in den Norden zu führen, wo er die Norweger in der Schlacht von Stamford Bridge am 25. September 1066 schlug – Harald der Harte und Tostig blieben auf dem Schlachtfeld.

Jetzt erst setzte Wilhelms Flotte über, angeblich, weil sich der Wind plötzlich drehte, tatsächlich aber, darf man vermuten, weil er wusste, dass Harolds Heer im Norden beschäftigt war, und erst hier setzt der Bericht des Teppichs wieder ein. Dass dessen sonst so gut informierten Urhebern die Schlacht von Stamford Bridge unbekannt gewesen wäre, ist äußerst unwahrscheinlich. Die Normannen jedenfalls werden gezeigt, wie sie sich ein- und ausschiffen, wie sie sich bei Hastings verschanzen und wie sie die Stunden vor der Schlacht am 14. Oktober verbringen. Sie treffen auf Harolds müde Kämpfer, die einen weiteren Gewaltmarsch hinter sich haben, diesmal von Nord nach Süd, und besiegen sie.

Herzog Wilhelm nimmt Harolds (nicht im Bild) Eid entgegen.

Interessant ist in dieser Darstellung, dass trotz der Tatsache, dass der Teppich von den Invasoren angefertigt wurde, der unterlegene Harold keineswegs dämonisiert wird. Pierre Bouet und François Neveux lesen daraus sogar eine Tendenz zur Versöhnung von Siegern und Besiegten ab. Demnach waren die ersten Jahre von Wilhelms Herrschaft als König von England von einem Willen zum Ausgleich geprägt, erst später, nach immer neuen Aufständen, habe er gegenüber der alten angelsächsischen Führungsschicht eine härtere Gangart eingelegt, was auch das von Harold gezeichnete Bild verdüstert habe. Bis etwa 1070 aber – und das wäre dann auch ein neuer Hinweis darauf, dass der Teppich sehr bald nach der Schlacht entstand, die er zeigt – hätte man Harold durchaus als einen ehrenvollen Gegner darstellen können, dessen Anspruch auf den Thron mit ähnlich guten Gründen bestand wie der von Wilhelm, dem späteren Sieger. Schließlich war auch Harold, wie der Teppich zeigt, von Edward als Thronerbe eingesetzt worden. Und im Feldzug gegen die Bretonen sieht man Harolds große persönliche Tapferkeit, als er zwei Männer eigenhändig aus dem Treibsand rettet, in den sie geraten waren. Die endgültige Entscheidung zwischen ihnen wäre dann nicht gefallen, weil der eine oder der andere tüchtiger oder berechtigter als Thronfolger gewesen wäre, sondern in einer Art Gottesurteil – durch einen Pfeil, der wie vom Himmel in Harolds Auge fährt.

Wer so denkt, wird auch das Fehlen der echten Schurken in diesem Stück verschmerzen, die – wie der Norwegerkönig und Tostig – es genau deswegen nicht auf den Teppich geschafft haben. Zweitens aber wird, indem die York-Episode nicht dargestellt wird, auch Wilhelms Leistung nicht geschmälert.

Liebevolle Details: Weil sich die beiden Ritter so beeilen, ihre Botschaft zu überbringen, flattern ihre Haare im Wind.

Aber fehlt der Schurke wirklich? In einem 1966 im „Burlington Magazine“ erschienenen Aufsatz weist C. R. Dodwell auf die Parallelen hin, die sich zwischen der Perspektive des Teppichs und der säkularen Heldenepik der Epoche ziehen lassen, und vergleicht den Wandbehang vor allem mit dem etwa gleichzeitig entstandenen Rolandslied. Dodwell erinnert daran, dass allgemein in den betreffenden Texten die Schurken oft überraschend tapfer, kräftig und schön seien, so dass ihr Makel, das also, was sie erst zum Schurken qualifiziere, einzig der Verrat sei, den sie unweigerlich verübten. Übertragen auf den Teppich von Bayeux, hieße das, der Eid, den Harold Wilhelm gegenüber ablegt, stellte alles in den Schatten, was der Angelsachse anführen könnte, um seinen Anspruch auf den Thron zu legitimieren – sogar den erklärten letzten Willen König Edwards.

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Gemacht aus Krapp und Waid: Ein Kunstwerk wird erforscht
Als die deutschen Besatzer im Sommer 1941 begannen, sich für den Teppich von Bayeux zu interessieren, konnte man das Schlimmste befürchten. Die NS-Organisation "Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe" schickte eine Gruppe von Wissenschaftlern nach Bayeux, wo der Teppich seit Kriegsbeginn nicht mehr regulär ausgestellt, sondern im Keller des Rathauses verwahrt wurde. Angeführt wurde sie von dem deutschen Archäologen Herbert Jankuhn (1905 bis 1990), dem Leiter der Ausgrabungen in Haithabu. Während des Zweiten Weltkriegs war er mit dem "Sonderkommando Jankuhn" im besetzten Osteuropa unterwegs, um in den dortigen Museen und Bibliotheken unter anderem archäologische Artefakte auszuwählen, die als Raubgut nach Deutschland gebracht werden sollten.
In Bayeux beließen es Jankuhn und seine Mitarbeiter, darunter ein Fotograf, ein Maler, ein Spezialist für historische Textilien und ein Kameramann, glücklicherweise bei der wochenlangen genauen Untersuchung des Teppichs, der vermessen und von beiden Seiten fotografiert wurde. Unter dem Forschungsmaterial, das die Deutschen Ende Juli 1941 mit sich führten, waren auch Textilpartikel des Teppichs. Ein geplanter Band, der die Ergebnisse dieser Untersuchung bündeln sollte, ist nie erschienen.
Erst im Winter 1982 auf 1983 sollte es zu einer noch sehr viel gründlicheren materiellen Erforschung des Teppichs kommen. Der Anlass war, dass das Werk, das seit 1913 mit kurzen Unterbrechungen in der ehemaligen Residenz des Bischofs untergebracht gewesen war, nun mit den Beständen der Stadtbibliothek in das leerstehende Priesterseminar von Bayeux überführt wurde.
Demnach war der etwa 68 Meter lange und fünfzig Zentimeter hohe Wandbehang aus neun bestickten Leinenbahnen höchst unterschiedlicher Breite zusammengefügt. Bei der Untersuchung der für die Stickerei verwendeten Wollfäden und der benutzten Technik identifizierten die Forscher zehn verschiedene Farben und drei unterschiedliche pflanzliche Färbemittel - das Rot der Krapp-Wurzel, das Gelb des Färber-Waus und das Blau aus Waidblättern -, mit denen dieses Spektrum erzeugt wurde. Sie fanden heraus, dass die Stickerei mit vier unterschiedlichen Techniken auf das Leinen gebracht wurde, je nachdem, ob es um Konturen, Flächen oder die Plastizität bestimmter Bildelemente ging. Und sie stießen auf Hinweise zur Behandlung des Kunstwerks in früheren Zeiten.
Tatsächlich stammen die ersten schriftlichen Quellen zum Teppich von Bayeux aus dem späten fünfzehnten Jahrhundert - also vierhundert Jahre nach seiner mutmaßlichen Entstehungszeit. Ein Inventar des Kathedralenschatzes von Bayeux, das 1476 angefertigt wurde, nennt neben den Reliquien auch einen "sehr langen und sehr schmalen Wandbehang aus Stoff, bestickt mit Bildern und Inschriften, der die Eroberung Englands zeigt". Das Inventar verrät aber auch, wo und wann der Teppich damals zu sehen war: im Kirchenschiff und jeweils vom 1. bis zum 8. Juli jedes Jahres.
Das bedeutet nicht, dass das Werk ursprünglich für die Kathedrale geschaffen wurde - Wandbehänge waren zu seiner Entstehungszeit ein übliches Accessoire feudaler Innenräume, und in einem zeitgenössischen Gedicht wird sogar ein dem Teppich von Bayeux recht ähnliches Werk in einem Privatgemach einer Tochter Wilhelms des Eroberers geschildert. Aber er gelangte jedenfalls in den Besitz des Bistums, wo er ausgestellt und um die Wende zum achtzehnten Jahrhundert dann auch langsam erforscht und in Zeichnungen und Stichen reproduziert wurde.
Er überstand die Wirren der Französischen Revolution, wo er von den Aufständischen als Plane benutzt werden sollte und nur durch den Einsatz des örtlichen Polizeikommissars gerettet werden konnte. Er wurde im Lauf der Jahrhunderte mehrfach gewaschen und im neunzehnten Jahrhundert auch restauriert. Heute ist er durch Panzerglas geschützt und in einem eigenen klimatisierten, abgedunkelten Raum der Bayeux-Museen zu besichtigen, und wegen der fragilen Natur der Textilie werden Wünsche, den Teppich auszuleihen, äußerst ungern gesehen. Sollte es tatsächlich, wie derzeit erwogen, in einigen Jahren zu einer kurzen Präsentation des Werks in England kommen, wäre das eine mittlere Sensation.
Seine Erforschung aber ist längst nicht abgeschlossen. Immerhin vermuten die meisten Wissenschaftler heute, dass er in einer englischen Werkstatt - darauf deutet seine Ähnlichkeit mit dem Bildschmuck angelsächsischer Handschriften hin - bald nach den Ereignissen angefertigt wurde, die er zeigt, wahrscheinlich in Canterbury. Zugleich aber zeigen die Urheber des Werks, diejenigen also, die jene Zeichnungen anfertigten, die dann als Vorlage für die Sticker (oder Stickerinnen) dienten, eine große Vertrautheit mit normannischen Bauten und Rüstungen. Und auch im Latein der Inschriften des Teppichs sind spezifische Einflüsse aus dem normannischen wie auch dem angelsächsischen Gebrauch dieser Sprache zu finden.
Als Auftraggeber wird gemeinhin Odo de Conteville genannt, der Erzbischof von Bayeux und Halbbruder Wilhelms. Und das nicht zuletzt aus dem Grund, dass er doch sehr im Vordergrund der gestickten Handlung steht. Glaubt man dem Teppich, dann gibt Odo sogar den entscheidenden Anstoß für die Eroberung Englands durch seinen Bruder Wilhelm.

Es sind Fragen wie diese, deren Antworten wiederum zur weiteren Interpretation des Teppichs von Bayeux und der Rolle seiner Urheber beitragen – und möglicherweise auch Hinweise geben auf das einem starken Wandel unterworfene politische Klima jener Zeit in England. Sie könnten aber auch ein neues Licht auf die Darstellungen werfen, die sich auf den beiden Randborten finden, wo etwa mehrfach auf die Fabel von Fuchs und Rabe angespielt wird – der Käse im Schnabel des Raben, den der Vogel fallen lässt, könnte dann mit Englands Krone in Verbindung gebracht werden, der Rabe mit dem Verlierer Harold, der Fuchs mit Wilhelm. Aber würfe eine solche Deutung, wenn sie denn beabsichtigt wäre, nicht ein eigenartiges Licht auf die Legitimität von Wilhelms Anspruch?

Die Erforschung des Teppichs ist, das zeigt der neue Prachtband aufs Schönste, noch längst nicht zu Ende. Historisch aber schufen die Ereignisse von 1066 Fakten. Und Herzog Wilhelm „der Bastard“ erhielt als König von England einen neuen Beinamen: Man nannte ihn Wilhelm „der Eroberer“.

Abbildung: Verlag
Literatur: Pierre Bouet, François Neveux: „Der Teppich von Bayeux. Ein mittelalterliches Meisterwerk“. Theiss Verlag der wbg, Darmstadt 2018. – Dominik Waßenhoven: „1066. Englands Eroberung durch die Normannen“. Verlag C. H. Beck, München 2016. – Egon Wamers (Hrsg.): „Die letzten Wikinger. Der Teppich von Bayeux und die Archäologie". Archäologisches Museum Frankfurt, Frankfurt 2009. – Lloyd und Jennifer Laing: „Anglo-Saxon England“. Book Club Associates, London 1979 – C. R. Dodwell: „The Bayeux Tapestry and the French Secular Epic“, in: The Burlington Magazine, 764, S. 547-560 (1966).
Alle Abbildungen aus: Pierre Bouet, François Neveux: „Der Teppich von Bayeux. Ein mittelalterliches Meisterwerk“. Theiss Verlag der wbg, Darmstadt 2018
Quelle: F.A.S.