Die Debatte: Genchirurgie

Auf dem Weg zur Superpflanze?

Von Rebecca Winkels und Nico Dannenberger
 - 21:17
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Ertragreichere Pflanzen gegen den Hunger in der Welt? Pflanzen, die sich selbst vor Schädlingen schützen? Robuste Pflanzensorten, die dem Klimawandel trotzden? Möglich machen soll all das die Gentechnik. Ist das realistisch? „Die Debatte„ beschäftigt sich diesmal mit der Grünen Gentechnik - und mit dem wichtigsten, neuen Werkzeug der Wissenschaftler: CRISPR/Cas. Die in Schloss Herrenhausen stattfindende Live-Debatte mit drei Fachleuten übertragen wir an diesem Mittwochabend ab 19 Uhr im Livestream.

„Forscher feiern die CRISPR-Cas Revolution“, „Genschere Crispr – eine Revolution wie die Entdeckung der DNA“ oder „Gentechnik: CRISPR verändert alles“, so lauten nur einige der unzähligen Schlagzeilen, die das CRISPR/Cas9-System – so der komplette, wissenschaftlich korrekte Name, der allerdings häufig zu CRISPR oder CRISPR/Cas verkürzt wird – hervorruft. Und nicht nur in den Medien gilt die Genschere, wie das System häufig umgangssprachlich bezeichnet wird,– als neues Wunderwerkzeug in der Gentechnik. Auch in der Wissenschaft ist man sich einig: CRISPR ist eine echte Revolution.

Ein guter Grund für einen Blick hinter die Kulissen: Wer steckt eigentlich hinter der Genschere? Wie genau funktioniert sie? Wo könnte sie zum Einsatz kommen? Und warum fürchten manche Menschen ihre Macht?

Die Revolution begann spätestens im Jahr 2012. Damals beschrieben die Molekularbiologinnen Prof. Dr. Emmanuelle Charpentier und Prof. Dr. Jennifer Doudna im Fachjournal Science das CRISPR/Cas9-System erstmals. Seither gelten sie als heiße Kandidatinnen für einen Nobelpreis. Seinen Ursprung hat CRISPR in Bakterien. CRISPR steht kurz für „Clustered Regularly Interspaced Short Palindromic Repeats“, auf Deutsch: kurze Abschnitte sich wiederholender DNA . Die Bakterien nutzen diese als eine Art Immunsystem gegen Viren. Doch da es auch in anderen Organismen funktioniert, scheint es ein Werkzeug der unbegrenzten Möglichkeiten zu sein.

Doch was kann das System eigentlich? Kurz gesagt schneidet es DNA, also Erbgut, sehr präzise an einer bestimmten Stelle. Dadurch können Forscher bestimmte Gene aus dem Genom herausschneiden und an der Schnittstelle neue Abschnitte einfügen – sie verändern also das Erbgut und zwar schneller, präziser und kostengünstiger als bisherige Techniken.

Andere Methoden um Gene zu verändern

Bereits vor der Entdeckung von CRISPR/Cas gab es Methoden, um Gene gezielt zu verändern. Die beiden bekanntesten sind die Zinkfinger-Nukleasen (ZFN) und TALENs, kurz für Transcription activator-like effector nucleases. Beide beruhen auf künstlich hergestellten Enzymen. Diese erkennen DNA-Sequenzen, docken an sie an und zerschneiden sie gezielt. Die Herstellung dieser Enzyme ist allerdings wesentlich komplexer und kostspieliger, als die neue Technologie CRISPR/Cas9.

Interessiert an weiteren Details? Die-Debatte-Moderatorin Dr. Mai Thi Nguyen-Kim erklärt es in diesen zwei kurzen Youtube-Videos (hier und hier) von Terra X im Detail. Außerdem zeigt sie, warum CRISPR so spannend für die Wissenschaft ist, wo es Anwendung finden könnte und kommt auch auf eine der großen Befürchtungen zu sprechen, mit der wir bei dem System immer wieder konfrontiert sind:

Außerdem hat das Science Media Center in einem Fact Sheet stichpunktartig das Wissen über CRISPR/Cas9 zusammengetragen und eingeordnet. Von der Züchtung widerstandsfähiger und ertragreicherer Pflanzen, die den Hunger der Welt stillen könnten bis hin zur Therapie von Krebs oder Erbkrankheiten – die Genschere gibt Hoffnung für die Lösung einer Vielzahl der großen Herausforderungen unserer Welt. Kritiker warnen jedoch vor unabsehbaren Folgen – sowohl im Gesundheits- als auch im Umweltbereich.

Auch viele Wissenschaftler fürchten, dass die vor allem die Forschung am Menschen zu schnell voranschreitet und die Folgen noch nicht absehbar sind. So forderten führende Forscher und Ethiker im Jahr 2015 in einer im Fachjournal Science veröffentlichten Empfehlung ein Moratorium für den Einsatz der Technik außerhalb der Grundlagenforschung. Inzwischen gibt es allerdings erste Experimente und Studien, bei denen die Technologie im menschlichen Embryo zum Einsatz kommt.

Ein etwas anderes Bild ergibt sich in der Pflanzenforschung. Hier forderten mehr als 100 Nobelpreisträger verschiedenster Disziplinen in einem offenen Brief den Einsatz von Grüner Gentechnik in der Landwirtschaft. Kritik gibt es hier sowohl von Seite der Landwirte als auch von Umweltschützern. „Die Debatte“ wird sich heute abend ab 19 Uhr in einer Live-Veranstaltung in Schloss Herrenhausen in Hannover mit eben diesen Fragen auseinandersetzen.

An der Live-Diskussion, die Sie in Schloß Herrenhausen erleben (Eintritt ist frei) oder auch auf FAZ.NET verfolgen können, werden drei Experten teilnehmen:

- Prof. Dr. Jens Boch, Institut für Pflanzengenetik, Leibniz Universität Hannover,

- Sarah Bechtold vom Institut Technik-Theologie-Naturwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München

- Thomas Rippel, Bio-Landwirt in der Schweiz

Mit Biologie die Welt revolutionieren?

Die Pflanzenzüchtung hat in der der Geschichte der Menschheit eine lange Tradition. Viele denken vermutlich zuerst an Gregor Mendel und seine Erbsen, wenn sie an Pflanzenzüchtung denken, doch bereits in der Steinzeit selektierte man besonders ertragreiche oder besonders resistente Pflanzen. Der Beginn des Wandels von Wildpflanzen hin zu unseren heutigen Kulturpflanzen.

Jetzt steht die nächste Revolution kurz bevor: Die grüne Gentechnologie und vor allem CRISPR/Cas als neueste Technologie in diesem Bereich. Aber wo besteht Verbesserungsbedarf in der Zucht? Welche Probleme kann die Pflanzenzucht mit CRISPR/Cas lösen und welche Risiken bringt die Technologie mit? Und wie weit ist überhaupt der Forschungsstand?

Weizen, der besonders ertragreich ist, Bananenpflanzen, die nicht von Raupen aufgefressen werden, und Maispflanzen, die auch bei großer Trockenheit Früchte tragen – drei aktuelle Forschungsprojekte, die gleichzeitig die großen Zuchtziele in der Pflanzenzucht aufzeigen: Erträge erhöhen, Resistenz gegen Schädlinge und Anpassungen an veränderte Umweltbedingungen.

Seit Jahren, ja eher Jahrhunderten und Jahrtausenden sind die Ziele der Pflanzenzucht unverändert. Unterschiedlich hingegen sind die Techniken, mit denen diese jeweils erreicht werden sollen und dank CRISPR/Cas kommt immer mehr Bewegung in das Feld. „Mit CRISPR/Cas erleben wir eine Revolution in der Pflanzenforschung, denn die Technik ist so einfach von der Herstellung und so überzeugend von der Präzision. Wir sind begeistert, wie relativ einfach eine gezielte Veränderung eines komplexen Genoms in allen Nutzpflanzen möglich ist“, sagt Dr. Götz Hensel vom Leibniz-Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung in Gatersleben.

Bislang braucht es für die Entwicklung einer neuen Pflanzensorte etwa acht bis neun Jahre – nicht eingerechnet sind die durchschnittlichen drei bis vier Jahre, die es zusätzlich für die Sortenprüfung in Deutschland braucht. CRISPR/Cas könnte die Zeit der Entwicklung deutlich verkürzen. Denn durch punktgenaue Änderungen im Erbgut der Pflanzen ließe sich die gewünschte Resistenz oder der gesteigerte Ertrag deutlich schneller erreichen. „Mit CRISPR/Cas können wir die Dauer der Züchtung insgesamt halbieren. Innerhalb von ein bis zwei Jahren können wir die Pflanze zielgerichtet verändern und so viel schneller auf Umweltveränderungen reagieren“, sagt Hensel, der an seinem Institut intensiv an den Grundlagen für neue Getreidesorten forscht.

Doch CRISPR/Cas bietet neben der einfachen und schnellen Nutzbarkeit noch einen zweiten zentralen Vorteil: Es ist sehr präzise. „Das bei CRISPR/Cas eingesetzte biologische Mutagen macht im Prinzip nichts anderes als die Strahlung oder die Chemikalie, wobei bei Strahlung und Chemikalien bis zu 1000 Veränderungen in einem Erbgut gemacht werden, deren Position man nicht kennt. Mit CRISPR/Cas macht man hingegen eine einzige Veränderung, die man dazu auch noch exakt kennt“, sagt Hensel.

Was ist natürlich?

Denn tatsächlich kann die Veränderung eines einzelnen Nukleotids, einem Bausteins der DNA, die auch Punktmutation genannt wird, große Auswirkungen auf einen Organismus haben. Dabei ist die Veränderung im Nachhinein gar nicht als künstlicher Eingriff im Labor feststellbar und könnte auch zufällig in der Natur vorkommen. Aber ist die Veränderung deshalb ebenso „natürlich“? In der Diskussion um Genchirurgie in der Pflanzenzucht steht eben dieser Naturbegriff dabei im Mittelpunkt: Während Befürworter der Technologie vorbringen, dass die Veränderung nicht mehr nachvollziehbar ist und auch in der Natur möglich wäre, wenden Kritiker ein, dass nicht das Ergebnis, sondern der Prozess der Herstellung eben nicht natürlich ist. Für die rechtliche Einordnung, ob solche mit CRISPR/Cas veränderte Pflanzen als gentechnisch verändert eingestuft werden, ist dieser feine Unterschied entscheidend.

Dr. Stephan Schleissing, Leiter des Programmbereichs „Ethik in Technik und Naturwissenschaften“ des Instituts Technik-Theologie-Naturwissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München deutet die Diskussion um die Natürlichkeit so: „Meiner Beobachtung nach verwenden wir den Begriff nicht im biologischen, sondern im sozialen Sinne. Natürlichkeit ist wichtig, weil sie uns Vertrautheit kommuniziert. Da Vertrautheit aber kein Naturphänomen ist, hilft uns die Unterscheidung von ‘natürlich’ und ‘künstlich’ hier nicht weiter“.

Dazu monieren Kritiker, dass selbst „natürliche“ Mutationen negative Auswirkungen entfalten können. Schleissing sagt: „Das Argument ‘Natürlichkeit’ krankt daran, dass wir damit zumeist ‘sicher’ und ‘gesund’ verstehen. Blickt man auf die Biologie der Pflanze, ist dies nicht immer der Fall.“ Und auch das Bundesamt für Naturschutz schreibt in ihrem Hintergrundpapier zu den Neuen Techniken „Der Vergleich mit der Natürlichkeit ist dabei irreführend, da eine höhere Naturnähe nicht per se ein geringeres Risiko darstellt.“ Tatsächlich besteht hinsichtlich der Auswirkungen von mit CRISPR/Cas veränderten Pflanzen auf die Umwelt und das Ökosystem bislang noch viel Unwissenheit.

Befürchtet wird von Seiten der Kritiker zudem, dass die neu gezüchteten, besonders stressresistenten Pflanzen sich in der Natur besonders stark ausbreiten und ursprünglich vorkommende Arten verdrängen. Eine Sorge, die Götz Hensel nicht teilt: „Ich verstehe in der Diskussion nicht, woher ein höheres Risiko als aus den bislang zugelassenen Züchtungsmethoden mit Mutagenen herrühren soll. Wir sagen dennoch nicht, dass kein Risiko besteht, aber wir sagen es gibt kein erhöhtes Risiko durch die Wahl des biologischen Mutagens“.

Und nicht nur die Auswirkungen auf die Umwelt, sondern auch potentielle, noch unbekannte Folgen für die menschliche Gesundheit wollen Kritiker der Technologie nicht ausschließen. Ein Grund, weshalb die Bedeutung des Vorsorgeprinzips immer wieder betont wird. „Das Vorsorgeprinzip ist wichtig, weil es uns auch rechtlich dazu anhält über mögliche Risiken neuer Technologien nachzudenken, auch wenn wir das Ausmaß heute noch nicht bestimmen können. Die entscheidende Frage ist jedoch, was man wissenschaftsbasiert über die jeweilige Risikobewertung sagen kann.“

Wo kann man das kaufen?

Nichtsdestotrotz sind die Ideen, welche Pflanzen mit Genchirurgie verändern werden könnten zahlreich: Wassermelonen, die keine Kerne haben, Erdnüsse, die auch Allergiker essen können, oder Gemüsesorten, die für den Anbau im Garten deutlich weniger Wasser brauchen, sind nur einige Beispiele der Supermarktpalette von morgen.

Ein Produkt hat es – wenn auch außerhalb Deutschlands – bereits in den Supermarkt geschafft. 2016 wurde in den USA ein mittels Genchirurgie veränderter Champignon zugelassen, der auch nach längerem Liegen nicht braun wird. So soll verhindert werden, dass dieser – obwohl noch gut – wegen der unansehnlichen Farbe weggeschmissen wird. Die Kritik: Für den potentiellen Käufer vergehe dadurch die Chance, schnell das Alter und die Frische eines Pilzes abzuschätzen.

Auch wenn die Entwicklung momentan eher in den Laboren stattfindet und die Diskussionen vor allem in Fachkreisen und unter Wissenschaftlern geführt wird, zeigt der Champignon, dass nicht nur über die ethische Bewertung, die rechtliche Einordnung, sondern auch die freiwillige oder verpflichtende Kennzeichnung der Produkte diskutiert werden muss. „Die Kennzeichnung von Inhaltsstoffen ist wichtig, weil Hersteller damit Transparenz kommunizieren. Der Verbraucher will wissen, was er isst“, sagt Schleissing.

Allerdings widerspricht er einer verpflichtenden Kennzeichnung, denn „die Unbedenklichkeitserklärung wird durch die Pflicht zur Kennzeichnung doch wieder zurückgenommen. Irgendetwas muss ja an solchen Produkten ‚faul‘ sein, wenn es dazu einer gesonderten Kennzeichnung bedarf. Noch wichtiger aber erscheint es mir, dass dem Verbraucher Wahlfreiheit gewährt wird. Die hat er dann, wenn es auf dem Markt Anbieter gibt, die damit werben können, dass Genome Editing nicht zum Einsatz gekommen ist.“ Auch Hensel befürwortet eine Kennzeichnung der Produkte: „Ich würde überall draufschreiben, dass es mit CRISPR/Cas hergestellt ist. Das könnte dann sogar als Werbung genutzt werden, wenn die Grüne Gentechnik nicht so ein schlechtes Image hätte. Denn es ist keine Strahlung, keine Chemie – es ist biologisch!“

Was sagt eigentlich die Politik?

Verbieten, abwarten oder fördern? Ob CRISPR/Cas in Deutschland Realität wird, entscheidet letztendlich die Politik. Ein Blick in die Wahlprogramme und Aussagen des Science-O-Mat der sechs Parteien des Deutschen Bundestags zeigt, welchen Platz Grüne Gentechnik künftig in Deutschland einnehmen könnte und wie divers das Thema gesehen wird.

Die wesentlichen Unterschiede zeigen sich bereits im Kontext, in dem die Parteien den Einsatz neuer Technologien wie CRISPR/Cas9 verorten: Während die CDU/CSU die Chancen für Klimaschutz, Ressourceneffizienz und den Forschungsstandort Deutschland betonen, appelliert die SPD an die Verantwortung der Landwirtschaft. Die AfD spricht über nationalen Verbraucherschutz und die Freiheit alter Nutzpflanzensorten, während die FDP für die Freiheit der Forschung eintritt. Die Linke bettet das Thema in die (Un-)Gerechtigkeitsdebatte der internationalen Handelspolitik ein, während für Bündnis 90/Die Grünen Umweltschutz und Biodiversität Kern ihres Parteiprogramms ist.

Begründet werden die Positionen der Parteien mit unterschiedlichen Aspekten in der Debatte um Genchirurgie. Es geht um Einsatzgebiete, Verbraucherschutz, ethische und rechtliche Fragen sowie unterschiedliche Konzepte der Nahrungsmittelproduktion. Da nicht jede Partei all diese Aspekte explizit im Zusammenhang mit Grüner Gentechnik aufgegriffen hat, spiegelt die Übersicht nur ersichtliche Parteipositionen wider.

Freilandversuche erlauben?

In der Frage, wo die neue Pflanzenforschung stattfinden sollte, befürworten CDU/CSU den Anbau auf Ackerflächen zu Forschungszwecken. Auch für die FDP „müssen unter entsprechenden Sicherheitsauflagen auch wissenschaftliche Freilandversuche möglich sein“. Ähnlich sieht das die SPD, auch wenn sie sich aktiv für eine gentechnikfreie Landwirtschaft und Lebensmittel ausspricht. Die AfD will einen „streng kontrollierten Einsatz“ erlauben, jedoch nicht auf dem Acker – so ihre etwas vage Formulierung. „Pflanzen aus den Laboren haben auf unseren Äckern in Deutschland und Europa nichts verloren“, formulieren Bündnis 90/Die Grünen. Kritisch sehen sie auch die Förderung der Forschung an gentechnisch veränderten Pflanzen, die auf „Freisetzung” ausgelegt ist – also letztendlich solche Pflanzen, die von Landwirten auf Äckern angebaut werden sollen.

Verbraucherschutz ist Wählerschutz

Der Schutz des Verbrauchers vor genetisch veränderten Pflanzen und Lebensmitteln ist ein explizites Anliegen vieler Parteien. Die Sozialdemokraten sprechen sich für eine regulierte Marktzulassung durch das Vorsorgeprinzip aus und wollen eine Kennzeichnungspflicht genetisch veränderter Pflanzen – auch dann, wenn sie als Futtermittel eingesetzt werden. Und stimmen darin mit der Position der Grünen überein, die zudem eine Beweislast über die Vorteile dieser Pflanzen einfordern. Anders formuliert es die AfD: Die jüngste Partei im Deutschen Bundestag spricht sich für vermehrte Produktprüfungen, transparente Kennzeichnung von Lebensmitteln und eine Stärkung von Verbraucherorganisationen aus.

Auch ethische Fragen spielen aus Sicht der Verbraucher eine Rolle: Ist Gentechnik ein legitimer Eingriff in die Natur als Schöpfung Gottes? Darf der Mensch „Gott” spielen? In der politischen Diskussion gehen die Meinungen auseinander: Obwohl die CSU im Bayernplan „Patente[n] auf Pflanzen und Tiere […] eine klare Absage“ erteilt, bezieht die große Schwester CDU in die „Bewahrung der Schöpfung“ nur das Verbot der Klonierung von Tieren ein. SPD, die Linkspartei und die Grünen sprechen sich allgemein gegen ein Patente auf Leben aus und schließen Tier- und Pflanzenwelt gleichermaßen mit ein.

Neue Gesetze für das (Acker)Land?

Auf rechtlicher Ebene fordern die Freien Demokraten eine Neubewertung der Grünen Gentechnik, „da sich die neuen Verfahren grundlegend von denen der klassischen Grünen Gentechnik unterscheiden“. Auch Bündnis 90/Die Grünen sieht Nachholbedarf und kündigt ein Gentechnikgesetz an, das sich in der Formulierung deutlich von dem der FDP unterscheiden dürfte.

Der letzte wichtige Punkt in der politischen Debatte ist die Frage, wie die deutsche Bevölkerung mit Nahrungsmitteln versorgt werden soll. Die FDP nimmt selbstbestimmte, „landwirtschaftliche Unternehmer“ in den Fokus, die Unionsparteien wollen eine Koexistenz von moderner bäuerlicher Landwirtschaft und Familienbetrieben. Die Grünen sprechen sich im Kampf gegen „europäische Agrarfabriken“ für „Wochenmarkt statt Massenproduktion für den Weltmarkt“ aus. Die Stärkung der regionalen Vermarktung will ebenso die SPD und DIE LINKE angehen. Auch die AfD baut auf Familienbetriebe und Genossenschaften.

Wie sehr diese Positionen in Stein gemeißelt sind, wird die politische Debatte zeigen. Das Spektrum ist jedenfalls groß: Die Forderung nach Verboten oder die ablehnende Haltung gegenüber Grüner Gentechnik von AfD, den Grünen, Die Linke und SPD sind fest verbrieft. Die FDP zeigt sich „ergebnisoffen“ in der Beurteilung weiterer Erkenntnisse und die CDU/CSU kündigte eine „Biotechnologie-Agenda“ an. Der Gesprächsbedarf ist also in den Koalitionsgesprächen vorprogrammiert. Ob in der kommenden Legislaturperiode im wahrscheinlichen „Jamaika-Deutschland” CRISPR/Cas verboten oder die Entwicklung aktiv gefördert wird, muss im zukünftigen Koalitionsvertrag nachgelesen werden. Sofern die Parteien eine Einigung darüber erzielen können.

Für aktuelle Positionen hat Wissenschaft im Dialog alle sechs Parteien des Deutschen Bundestages nochmals um Stellungnahme gebeten, mit der Frage: „Wie sollte in Deutschland mit Grüner Gentechnik umgegangen werden?“ Die Alternative für Deutschland hat sich nicht zu unserer Anfrage geäußert. Hier die Antworten:

Kees de Vries, CDU/CSU

„Die Grüne Gentechnik und die neuen Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas haben ein großes Potenzial, beispielsweise für eine schnellere und günstigere Züchtung von Pflanzen. Sie können damit zur Lösung von zukünftigen Herausforderungen maßgeblich beitragen. Dazu gehört insbesondere die Versorgung einer wachsenden Weltbevölkerung vor dem Hintergrund des Klimawandels.

Zudem geht es darum, Deutschland als Forschungs- und Innovations- sowie als Wirtschaftsstandort im Bereich der Grünen Technik zu erhalten und die Kompetenz für eigene Chancen- und Risikobewertung zu sichern. Die Fraktion spricht sich dafür aus, dass auf wissenschaftlicher Grundlage geklärt wird, ob die Züchtungsverfahren und Züchtungen unter das Gentechnikrecht fallen oder nicht. Dabei kommt es unter anderem darauf an, ob die genetische Veränderung auch durch herkömmliche Züchtungsmethoden oder natürliche Prozesse hätte erzeugt werden können.“

Ute Vogt, SPD

„Die SPD-Bundestagsfraktion setzt sich seit Langem für eine gentechnikfreie Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion ein. Die Menschen in Deutschland und Europa wollen keine Gentechnik in ihren Lebensmitteln. Das ist empirisch eindeutig belegt und das nehmen wir sehr ernst. Überdies hat das Bundesverfassungsgericht bereits im November 2010 eindeutig festgestellt, dass die Ausbreitung von gentechnisch veränderten Pflanzen, schwer oder gar nicht begrenzbar ist. Das Gericht verwies auf die besondere Sorgfaltspflicht des Gesetzgebers, der nach Artikel 20a des Grundgesetzes den Auftrag habe, „in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen.“ Auch das nimmt die SPD sehr ernst. Doch leider war in der 18. Wahlperiode mit der CDU/CSU eine Novellierung des Gentechnikgesetzes nicht zu machen. Die Union wollte die Verantwortung stattdessen auf die Bundesländer abschieben. Aber mit einem Flickenteppich unterschiedlicher Regelungen kann man die Ausbreitung von gentechnisch manipulierten Pflanzen nicht kontrollieren. Folgerichtig lehnen 15 von 16 Bundesländern diesen Vorschlag auch ab. Die SPD-Bundestagsfraktion wird deshalb sehr bald ein Gentechnikgesetz vorschlagen, das praktikabel und rechtssicher ein bundesweites Anbauverbot regelt und dafür sorgt, dass unsere Felder weiterhin gentechnikfrei bleiben.“

Nicola Beer, FDP

„Wir Freien Demokraten stehen für Offenheit, Sicherheit und Transparenz: Wir sind offen gegenüber Zukunftstechnologien und Innovationen. Das schließt eine verantwortungsvolle Nutzung der Grünen Gentechnik in der Landwirtschaft nach wissenschaftlichen Kriterien ein. Mit neuen Forschungsrichtungen der Grünen Biotechnologie wie dem „Genome Editing“ wollen wir offen und transparent umgehen. Wir lehnen pauschalisierende Verbote ab und fordern stattdessen eine faktenbasierte, ergebnisoffene Bewertung neuer Technologien und deren Anwendung."

Nicole Gohlke, Die Linke

„DIE LINKE lehnt Agro-Gentechnik seit Langem ab und wir wollen die Aussaat und den Anbau genetisch veränderter Pflanzen in Deutschland sowie deren Handel verbieten.

Den potenziellen Nutzen einer Forschung an genveränderten Pflanzen, wie bei CRISPR/Cas, stehen schwerwiegende Risiken gegenüber, deren direkte und indirekte Folgen verheerend wären. Erst Recht, wenn es um gentechnische Veränderungen an vermehrungsfähigen Organismen geht, die außerhalb von Laboren genutzt werden sollen und die deshalb im Fall ungewollter und unerwarteter Effekte nicht zurückgeholt werden können und die neuen Eigenschaften zudem an wildlebende Verwandte übertragen könnten. Diese Gefahren dürfen im Sinne des Vorsorgeprinzips niemals ignoriert werden. Der überraschende Nachweis gentechnisch veränderter Petunien ist nur der aktuellste Vorgang und dieser wurde nur aufgrund des auffallenden Phänotyps überhaupt entdeckt, obwohl diese in der EU nicht zugelassen sind, womit gezeigt wurde, wie unkontrollierbar grüne Gentechnik in den Biosystemen ist.

Risikoforschung findet hingegen kaum statt und ist bisher kein Kriterium für die Zulassung von neuen GV-Pflanzen. Deshalb unterstützen wir die Stärkung einer öffentlichen Risikoforschung, wenn ungewollte Verbreitungsgefahren ausgeschlossen werden können."

Harald Ebner, Bündnis 90/Die Grünen

„Für uns ist klar: nachhaltige Landwirtschaft, die gesundes Essen in vielfältigen Kulturlandschaften produziert, braucht keine Gentechnik. Die Bilanz der letzten mehr als 20 Jahre, in denen in vielen Weltregionen Gentech-Pflanzen angebaut werden, ist verheerend: weite Teile Südamerikas sind inzwischen Monokulturen für Gen-Soja, die massiv mit Glyphosat behandelt werden.
Über 80 Prozent der Menschen in Deutschland lehnen Gentechnik im Essen und auf den Äckern ab, für die deutsche Land- und Lebensmittelwirtschaft ist deshalb „Ohne Gentechnik“ inzwischen ein wichtiger Qualitätsvorteil. 2017 sind Deutschlands Äcker gentechnikfrei, genauso wie die allermeisten im restlichen Europa. Wir setzen uns dafür ein, dass das auch so bleibt. Durch eine verpflichtende Kennzeichnung auf tierischen Produkten, die angibt, ob die Tiere mit Gentech-Futter ernährt wurden, wollen wir Alternativen zur Agrogentechnik auch anderswo stärken.
Dies gilt auch für neue Gentechnik wie CRISPR/Cas und andere Methoden des Genome Editing. Sie sind – das sagen auch die vorliegenden Rechtsgutachten – als gentechnische Methoden zu bewerten, und müssen deshalb nach Gentechnik-Recht reguliert, geprüft, zugelassen und gekennzeichnet werden.
Auch bei der neuen Gentechnik werden die Versprechen bisher nicht gehalten: konventionelle Züchtung salz- und trockentoleranter Pflanzen ist erfolgreicher, systemische, agrarökologische Ansätze liefern für Kleinbauern besser kalkulierbaren Ertrag, und die ersten auf den Markt drängenden Genome Editing-Pflanzenkonstrukte weisen wieder nur Herbizidtoleranzen auf – genau wie bei der „klassischen“ Gentechnik.
Den großen Herausforderungen der Zukunft im Bereich Landwirtschaft und Ernährung begegnen wir besser mit anderen Methoden. Das belegen unabhängige Analysen vom internationalen Weltagrarbericht bis zur Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestags.“

Das Projekt „Die Debatte“

„Die Debatte“ (www.die-debatte.org) ist ein gemeinsames Projekt von Wissenschaft im Dialog (WiD), dem Science Media Center Germany (SMC) sowie der TU Braunschweig. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit ihrer Online-Plattform FAZ.NET unterstützt das Projekt als Medienpartner. „Die Debatte„ bietet in unterschiedlichen Abständen zu aktuellen Themen aus verschiedensten Bereichen der Wissenschaft verständliche Informationen. Mit kurzen Hintergrundtexten, Infografiken, Interviews und Videos macht „Die Debatte“ wissenschaftliche Erkenntnisse verfügbar und unterschiedliche Perspektiven sichtbar. Gespräche mit renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erlauben einen tieferen Einblick in die jeweilige aktuelle Forschung. Besonders spannend sind die Live-Debatten. Dabei diskutieren Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft live über wissenschaftliche Fakten und wie diese in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Alle Interessierten sind eingeladen – vor Ort oder im Livestream.

Quelle: FAZ.NET
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