Lebensgemeinschaft

Eine eigene Welt für alle

Von Boris Holzer
© dpa, F.A.S.

Der im Juni verstorbene Soziologe Peter L. Berger (1929–2017) wurde vor allem durch seine religionssoziologischen Arbeiten sowie durch das gemeinsam mit Thomas Luckmann verfasste Werk „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ bekannt. Einen schon im Titel an die Programmatik jenes Buches erinnernden Beitrag zur Soziologie der Ehe verfasste er 1965 zusammen mit Hansfried Kellner, seinem Schwager.

Nach mehr als fünfzig Jahren ist dieser Aufsatz noch immer instruktiv. Nicht zuletzt, um die aktuelle Debatte über die Ehe nicht nur unter steuer- und familienrechtlichen, sondern auch unter soziologischen Vorzeichen zu führen. Mit dem zunehmenden Erfolg des Prinzips „Ehe für alle“ stellt sich die Frage, was die Betroffenen dadurch gewonnen haben. Dass man etwas darf, sagt noch nichts darüber aus, wie und wozu man diese Freiheit nutzt.

Sinn der Ehe geht über reine Reproduktion hinaus

Wozu also heiraten? Es ist naheliegend, an Familienbildung zu denken. Selbstverständlich ist die Gesellschaft darauf angewiesen, dass es Nachwuchs gibt und dass dieser sozialisiert wird. Berger und Kellner bestreiten dies nicht, aber sie gehen über dieses biologische Argument hinaus und können so auch die kinderlose Ehe in ihrer sozialen Funktion würdigen.

Die Autoren begreifen die Ehe als eine eigene Form der Ordnungsbildung in der Gesellschaft, als ein „nomisches Instrument“. Das griechische „Nomos“ (Gesetz, aber auch Brauch oder Sitte) meint hier nicht etwa die Verrechtlichung der Ehe, sondern vielmehr, dass sie sich ihre eigenen Regeln schafft.

Eine eigene Welt in der anonymen Gesellschaft

Die Ehepartner sind füreinander „signifikante Andere“: Personen, deren Handlungen und Erwartungen man alltäglich erlebt und die daher die eigene Weltsicht maßgeblich prägen. Ehe, Familie oder allgemein die Privatsphäre bieten in einer komplexen und weitgehend anonymen Gesellschaft eine Sonderwelt, die von den Teilnehmern selbst geschaffen wird und deshalb von ihnen abhängt.

Was zunächst nach Gemütlichkeit und Sonntagsspaziergang klingt, erweist sich bei genauerer Betrachtung als riskantes Unternehmen. Die Sonderwelt der Ehe beruht auf nur zwei Menschen – mit allen individuellen Eigenheiten und Launen. Aufgrund dieser „numerischen Armut“ sind die beiden Beteiligten besonders intensiv gefordert, ihre unspezifischen sozialen Rollen in der Ehe zu interpretieren und auszufüllen. Orientierung und Unterstützung bietet nur der Ehepartner, der ebendeshalb zum „entscheidenden Mitbewohner der Welt“ wird.

Wie die Ehe Freundschaften und Ansichten beeinflusst

Berger und Kellner erläutern dies anhand des Schicksals von Freundschaftsbeziehungen, die bereits vor der Ehe bestanden. Das Bild, das man von seinen Freunden hat, gerät unter den Einfluss des Ehepartners – sei es dadurch, dass über sie gesprochen wird und unterschiedliche Meinungen deutlich werden oder dass die Gegenwart des Partners dazu zwingt, seine Perspektive mitzudenken. Am Schulfreund wird etwa dessen Neigung zum Alkohol bemängelt, bei einem anderen Freund sorgt man sich plötzlich, ob er wohl die Schuhe ausziehen wird, wenn er zu Besuch kommt.

Es verändert sich nicht notwendig die eigene Perspektive auf den Freund, aber es entwickelt sich eine gemeinsame Perspektive, an der nur die Ehepartner, aber nicht die Freunde teilhaben: Der Ehemann spricht mit seiner Ehefrau über seine Freunde, aber nicht im gleichen Maße mit seinen Freunden über seine Frau. Die damit einhergehende, schleichende Veränderung der Freundschaftsbeziehung wird oft gar nicht bemerkt. Man registriert irgendwann, dass Freunde verschwinden, ohne die sozialen Ursachen dieses „Liquidierungsprozesses“ zu kennen: Die gemeinsame Welt der Ehepartner wird stabilisiert, indem Kontakte zu jenen Personen und Gruppen privilegiert werden, die mit ihr kompatibel sind.

Wortlose Verständigung, nicht nur Gespräche sind Kernelement

Die Ehepartner müssen solche Folgen der Ehe wahrscheinlich unterschätzen oder sogar ausblenden, um sich auf das Unternehmen überhaupt einlassen zu können. Viele Soziologen schließen sich dem an, indem sie die Ehe als ein Tauschgeschäft zwischen autonomen Individuen auffassen. Berger und Kellner zeigen dagegen, dass es nicht lediglich um die Kombination von zwei Biographien geht, deren Umsetzung „ausgehandelt“ werden müsste.

Die Ehe ist nicht nur ein Handlungs-, sondern auch ein Erlebniszusammenhang. Berger und Kellner sind daher nicht ganz konsequent, wenn sie das „Gespräch“ als Kernelement der ehelichen Beziehung in den Vordergrund stellen. Oft reicht es, das Erleben des anderen zu beobachten. Die wortlose Verständigung – ebenso wie Missverständnisse – sind mindestens ebenso konstitutive Elemente der Ehe wie das Gespräch.

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Ein weiterer Kritikpunkt könnte sein, dass Berger und Kellner selbstverständlich annehmen, dass eine Ehe aus Mann und Frau besteht. Dies zeigt, dass auch wissenschaftliche Beobachter sich nur schwer von den institutionalisierten Erwartungen ihrer Zeit lösen können. Doch für soziologische Analysen gilt ähnlich wie für Verfassungen: Wenn sie allgemein genug formuliert sind, passen sie auch zu einer sich wandelnden Gesellschaft.

Peter L. Berger; Hansfried Kellner (1965): „Die Ehe und die Konstruktion der Wirklichkeit“. In: Soziale Welt 16 (3), S. 220-235.

Quelle: F.A.S.
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