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Die Debatte: Demoskopie

Die Meinungsmacher

Von Nico Dannenberger
 - 13:39
Böses Erwachen - Ergebnis auch von Medienkampagnen? Bild: AFP, Die Debatte / FAZ.NET

„Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre…“ – Woche für Woche werden in vielen Medien die neuesten Umfragewerte für deutsche Parteien und die Beliebtheitswerte einzelner Politiker veröffentlicht. Dabei ist in der Regel nur alle vier Jahre Bundestagswahl und eben nicht jeden Sonntag. Dass die Bürgerinnen und Bürger trotzdem so häufig mit den aktuellen Entwicklungen und Umfragetrends konfrontiert werden, liegt vor allem an Journalisten. Sie spielen eine wichtige Rolle im Wahlkampf, beim Einfangen von Stimmungen und Stimmen aus der Bevölkerung und bei der Interpretation von Umfragen.

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Medien und Meinungsforschungsinstitute sind seit jeher eng miteinander verflochten. Bei einer Vielzahl der Umfragen sind Medienhäuser sogar selbst der Auftraggeber. „Da Medien nicht nur Vermittler, sondern auch Auftraggeber sind, hat sich zwischen vielen Medien und Meinungsforschungsinstituten eine institutionalisierte Zusammenarbeit ergeben“, sagt der Politikwissenschaftler Björn Klein von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf.

„Umfragewerte haben grundsätzlich einen hohen Nachrichtenwert, denn daraus lassen sich Schlagzeilen produzieren“, erklärt Klein. Das hat auch Auswirkungen auf die Arbeit der Meinungsforschungsinstitute. Dr. Yvonne Schroth, Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen e.V., welche für das ZDF unter anderem das zweiwöchentlich erscheinende Polit-Barometer veröffentlicht, sagt: „Wir stehen permanent unter medialer Beobachtung.“ Und ergänzt in Bezug auf den Wandel der Berichterstattung: „Inzwischen werden Umfragezahlen inflationär verbreitet, weil es mehr Institute gibt und eine größere Öffentlichkeit erreicht wird.“

An der Art der Kommunikation von Umfragen lässt sich aus wissenschaftlicher Perspektive durchaus Kritik üben: „Über die Qualität der Berichterstattung über Umfragen wissen wir, dass sie besser sein könnte. Wählerinnen und Wähler benötigen eine ganze Reihe an Informationen, um aus den Umfragen die richtigen Schlüsse ziehen zu können. Diese Informationen spielen in der Berichterstattung häufig keine Rolle“, sagt Klein.

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Auf der Suche nach Schlagzeilen werden Umfrageresultate medial oft verkürzt dargestellt. Zu oft findet beispielsweise die Fehlertoleranz keine Beachtung. Das kann durchaus problematisch sein, denn der typische Umfragekonsument beachtet in erster Linie nicht die Zahlen als solche, sondern wie diese von Journalisten aufbereitet und ins Verhältnis gesetzt werden. „Medien berichten kleine Veränderungen in den Umfrageergebnissen häufig als klare Veränderungen in der Stimmungslandschaft. Diese klare Veränderung wird aber selten durch die Umfragen tatsächlich gestützt“, beobachtet Klein. Nur einige wenige Medienhäuser sind inzwischen dazu übergegangen, die statistische Unsicherheit mit anzugeben und auch graphisch aufzuzeigen. Dadurch wird der Leser darauf aufmerksam gemacht, dass die Umfragewerte statistisch bedingt schwanken können.

Sport-Metaphern sind beliebt

Aus Sicht der Experten ist das ein Schritt in die richtige Richtung, wäre da nicht die Art und Weise der Berichterstattung: Denn bei der medialen Vermittlung von Politik werden zunehmend Metaphern des sportlichen Wettkampfs verwendet. ‘Wer liegt vorne?’ ‘Wer fällt zurück?’ ‘Wer zieht an wem vorbei?’ „Das sind Indizien, dass der in der Forschung als ‘Horse-Race-Journalismus’ bezeichnete Berichterstattungsstil durch Umfragen gefördert wird. Und das kann man sehr ambivalent beurteilen“, sagt Klein. Im Vorfeld der Bundestagswahl kann man das beinahe täglich beobachten: „AfD fällt hinter die Grünen zurück“ oder „Die Union baut Vorsprung auf SPD aus“ sind nur zwei der Schlagzeilen aus der aktuellen Woche. In der Darstellung der Medien erscheint Politik damit weniger als Aufgabe, gesellschaftliche Probleme möglichst erfolgreich zu lösen, sondern als taktisches Spiel, bei dem es vor allem um Machtgewinn und Machterhalt geht.

Die Debatte: Demoskopie
Interview Prof. Dr. Oskar Niedermayer zur Medienmacht

Dabei gibt es für die Berichterstattung über Umfragen klare formale Leitlinien. Die von der ältesten akademischen Institution für Umfrageforschung, der American Association for Public Opinion Research herausgegebenen Richtlinien geben klare Vorgaben für die korrekte Darstellung von Umfrageergebnissen. So auch die Questions To Ask, When Writing About Polls, welche zwölf zentrale Fragen angeben, die vor einer Veröffentlichung einer Umfrage durch Journalisten hinterfragt und überprüft werden sollten. Fragen wie ‘Wer ist der Auftraggeber der Studie?’, ‘Ist die Umfrage repräsentativ?’ ‘Wie aktuell sind die Zahlen?’ zu stellen ist schließlich essentiell, damit Interpretation und Einordnung erfolgreich gelingen kann. In der aktuellen Berichterstattung besteht allerdings oftmals Nachholbedarf, denn „die Leitlinien werden meistens nicht umgesetzt“, so Yvonne Schroth von der Forschungsgruppe Wahlen e.V.. Mit dem Ergebnis, dass „Medien nahezu jede Umfrage veröffentlichen und gleichzeitig die Meinungsforschung verteufeln, sie sei nicht korrekt genug.“ Daher mahnt Schroth die Medien an, mit den Zahlen verantwortungsvoll umzugehen. „Medien sollten mit mehr Fingerspitzengefühl Umfragen veröffentlichen und auch die Umfragen, die sie veröffentlichen, stärker hinterfragen.“

Denn nicht nur Experten wissen: jede Zahl, einmal berechnet und publiziert, schafft ihre eigene Wirklichkeit. Und Menschen reagieren auf die Nachrichten, die sie wahrnehmen; Sie werden ständig durch externe Faktoren beeinflusst und eben auch durch Umfragen. Gerade deshalb ist es aus Sicht der Experten von großer Bedeutung, korrekt, gewissenhaft und sauber zu arbeiten – sowohl als Medieneinrichtung, als auch als Meinungsforschungsinstitut.



Das Projekt „Die Debatte“

„Die Debatte“ (www.die-debatte.org) ist ein gemeinsames Projekt von Wissenschaft im Dialog (WiD), dem Science Media Center Germany (SMC) sowie der TU Braunschweig. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit ihrer Online-Plattform FAZ.NET unterstützt das Projekt als Medienpartner. „Die Debatte„ bietet in unterschiedlichen Abständen zu aktuellen Themen aus verschiedensten Bereichen der Wissenschaft verständliche Informationen. Mit kurzen Hintergrundtexten, Infografiken, Interviews und Videos macht „Die Debatte“ wissenschaftliche Erkenntnisse verfügbar und unterschiedliche Perspektiven sichtbar. Gespräche mit renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erlauben einen tieferen Einblick in die jeweilige aktuelle Forschung. Besonders spannend sind die Live-Debatten. Dabei diskutieren Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft live über wissenschaftliche Fakten und wie diese in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Alle Interessierten sind eingeladen – vor Ort oder im Livestream.

Quelle: Die Debatte / FAZ.NET
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