Drogen in der Medizin

Cannabis auf Rezept

Von Michael Brendler
 - 11:42

Für ein normales und schmerzfreies Leben musste Stefan Gutstein bisher tief in die Tasche greifen. Sechzig Euro am Tag kosten ihn die fünf Gramm Cannabis, die er jeden Tag konsumiert: Sie sollen die Schmerzen in seinem Bauch dämpfen. Das sind etwa 22.000 Euro im Jahr. Jetzt sieht es so aus, als wäre der 37-jährige Morbus-Crohn-Patient zumindest von dieser Belastung bald befreit. Es fehlt nur noch die Unterschrift des Bundespräsidenten, heißt es, dann kann das neue Gesetz „Cannabis als Medizin“ in Kraft treten.

Damit gilt auch in Deutschland: Wird ein Hanfprodukt von einem Arzt verschrieben, muss die Krankenkasse dies bezahlen. „Das ist das Beste, was uns passieren konnte“, sagt Gutstein, der mit einem Selbsthilfe-Netzwerk seit Jahren für eine solche Regelung kämpft. Der Staat will gar mit einer eigenen Cannabisagentur selbst für den Nachschub sorgen. Früher musste sich Gutstein die getrockneten Blüten illegal bei einem Dealer beschaffen. Demnächst kann er sich seinen Hanf in der nächsten Apotheke abholen.

Womöglich steht er dann sogar Schlange. Mit mindestens 1100 kranken Cannabis-Kunden rechnet das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM), unter dessen Fittichen die neue Agentur entsteht. Das entspricht der Zahl von Patienten, der schon jetzt dank einer BfArM-Ausnahmegenehmigung der Erwerb von natürlichem Cannabis, also den Blüten oder deren Extrakten, erlaubt ist. Manche reden sogar von mehr als 500.000 Interessenten, so viele unzureichend therapierte chronische Schmerzpatienten soll es geben. Die Nachfrage nimmt jedenfalls stark zu: Vor zehn Jahren gab es weniger als fünfzig dieser Bescheinigungen.

Nicht besonders effektiv

Ob diese Euphorie berechtigt ist, ist eine andere Frage. Lukas Radbruch, Leiter der Palliativmedizin am Malteser Krankenhaus und der Uniklinik in Bonn, hegt Zweifel: Der Einsatz von Cannabis in der Medizin sei zwar bei vielen Kollegen und Patienten mit hohen Erwartungen verbunden, sagt der Anästhesist und Schmerzmediziner, „aber ehrlich gesagt, die Mittel sind nicht besonders effektiv, und sie kommen auch nur für eine Minderheit der Patienten in Betracht“. Seit fast zwanzig Jahren setzt Radbruch bei im Sterben liegenden Schwerstkranken Cannabinoide ein, Abkömmlinge und verwandte Substanzen des wichtigsten Cannabiswirkstoffs Tetrahydrocannabinol, THC. „Und wir haben damit keine wirklich guten Erfahrungen gemacht. Es gibt Einzelne, denen die Mittel gut helfen, aber bei den meisten stellen wir die Behandlung nach kurzer Zeit wieder ein.“ Mangels Wirkung oder wegen zu vieler Nebenwirkungen.

Im März 2015 kam eine Expertengruppe im Auftrag der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft zu einem ähnlichen Ergebnis: Von einer Cannabinoidbehandlung, so ihr Fazit nach Sichtung aller entsprechenden wissenschaftlichen Studien, profitierten vor allem ganz bestimmte Menschen. Zum Beispiel Patienten mit schmerzhaften Muskelkrämpfen, wie sie bei einer multiplen Sklerose auftreten können. Oder jene, die unter einem neuropathischen, also nervenbedingten Stechen oder Brennen leiden. Für die meisten chronischen Schmerzpatienten seien die Mittel dagegen eher als Ersatzpräparate der zweiten, dritten oder letzten Wahl einzustufen, lautete das Urteil.

Cannabinoide fördern den Appetit - aber nur bei Gesunden

Zu diesem Thema hat Winfried Häuser, Oberarzt der Inneren Medizin und Psychosomatik am Klinikum Saarbrücken, mit Kollegen ein Schwerpunktheft für die Fachzeitung Der Schmerz zusammengestellt. „Auch wir werden regelmäßig von Menschen mit Morbus Crohn oder Reizdarm-Leiden nach Cannabinoidpräparaten gefragt“, erzählt Häuser und meist müsse er sie enttäuschen. Mangels ausreichender wissenschaftlicher Daten könne er ihnen die Therapie nicht empfehlen. Etwas positiver stelle sich die Lage bei der Indikation Übelkeit dar, hier gebe es aber andere Präparate, die besser wirkten. Und obwohl Cannabinoide bei Gesunden den Appetit fördern, gelingt es Ärzten nicht, dies in Studien an Kranken zu belegen. Woher stammt dann der Mythos um die Wunderdroge Cannabis, immerhin beantragten beim BfArM Patienten das Mittel für sage und schreibe fünfzig verschiedene Krankheiten? Wahrscheinlich liege dies auch am irrationalen Verhältnis der Deutschen zu Naturheilmitteln, vermutet Häuser. Vielen gelten sie im Vergleich zu herkömmlichen Medikamenten als, wenn nicht die bessere, dann zumindest als die schonendere Alternative. Rational begründen lasse sich das oft nicht.

Auch die Bundesregierung hat sich in ihrer Entscheidung nicht nur von medizinischen Gründen leiten lassen – ihr blieb kaum eine andere Wahl. Die Patienten begannen, sich das Recht zu erklagen, ihren Hanf zu Hause zu züchten. Da schien der staatlich kontrollierte Drogenanbau das kleinere Übel zu sein. Die meisten konnten den Wirkstoff THC bisher nur unter dem Namen Dronabinol oder Nabilon entweder als Fertigmedikament oder als vom Apotheker in Kapseln umverpacktes Öl erwerben. Vorausgesetzt, man zahlte selbst und hatte vom Arzt ein spezielles Rezept für Betäubungsmittel, ein BTM-Rezept. Einzelne Multiple-Sklerose-Patienten hatten mehr Glück, sie durften sich das Mundspray Nabiximols auf Kassenkosten verschreiben lassen. Wer natürliches Cannabis in Form von Blüten oder als Konzentrat kaufen wollte, brauchte besagte Sondergenehmigung.

Viele Betroffene bevorzugen einen Joint

In Zukunft ist mit dem BTM-Rezept der Erwerb von Cannabisprodukten aller Art möglich, und das kann jeder Arzt ausstellen. Die zugrunde liegende Krankheit spielt keine Rolle, und die Kasse kann sich nur noch in Ausnahmefällen um die Erstattung drücken.

Auch über die Art der Einnahme der Mittel hat die Bundesregierung sich so einige Gedanken gemacht. Die Blüten sollen in einem Inhalator verdampft, die Extrakte auch geschluckt werden. Nicht alle halten dies Konzept für durchdacht: Viele Betroffene, so argumentieren Kritiker, greifen wohl lieber zum ungesünderen, aber bequemeren Joint. Zudem bringt die Einnahme über den Magen-Darm-Trakt neue Probleme mit sich, denn die vom Körper aufgenommene Menge lässt sich schlechter steuern. Und derartige Naturpräparate sind ohnehin schon schwer zu dosieren.

Ein Albtraum für Pharmakologen

Dieser Umstand könnte manchem die Freude an der neuen Freiheit schnell verderben. Das wird verständlicher, wenn man einen Blick auf die Strukturen wirft, an die Cannabinoide im Körper andocken und über die sie wirken, die sogenannten Rezeptoren: „Für einen Pharmakologen sind die Cannabinoid-Rezeptoren ein Albtraum“, sagt Bela Szabo, der die Cannabinoid-Forschungsgruppe am Institut für Pharmakologie der Universität Freiburg leitet. „Für jede erwünschte Wirkung kriegen Sie zehn Nebenwirkungen.“ Die Rezeptoren finden sich nämlich nicht nur im Gehirn, sondern auch auf vielen anderen Nervenzellen im Körper: THC und verwandte Substanzen bremsen deshalb nicht nur, wie erwünscht, die Schmerzen, regulieren den Appetit oder heitern auf – sie hemmen auch rasch die Konzentrationsfähigkeit, machen müde oder senken den Blutdruck. Das therapeutische Fenster, das getroffen werden muss, wie es im Medizinerjargon heißt, ist klein. „Wäre Cannabis ein neu entwickeltes Medikament, würde seine Zulassung bei den Behörden sicherlich sehr schwierig werden“, sagt Szabo.

„Manche Betroffenen klagen, sie hätten seit der Einnahme Schwierigkeiten, die Zeitung zu lesen“, bestätigt Lukas Radbruch die unerwünschten Nebenwirkungen. Entweder weil sie über der Lektüre einschlafen oder weil sie jeden Artikel fünfmal studieren; sie können sich nicht mehr richtig konzentrieren. Aber es gibt eben auch die anderen Patienten, zum Beispiel den jungen Mann, der aktuell bei dem Anästhesisten auf der Station liegt. „Der hat schon früher gerne mal einen Joint geraucht“, berichtet Radbruch. „Bei dem funktionieren die Cannabinoide prima.“ Bei der 80-jährigen Seniorin aus der Eifel ein paar Zimmer weiter, der die Kifferdroge ohnehin suspekt ist, würde der gleiche Wirkstoff aller Erfahrung nach nur wenig Erfolg haben. Erwartungen und Placeboeffekt spielen bei Heilmitteln eben oft eine große Rolle. Das gilt gerade auch für Cannabis.

Quelle: F.A.S.
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