Amazonas

Ein Bollwerk gegen die Abholzung

Von Isaac Risco
 - 12:52
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Über Stunden ist kein Mensch zu sehen, kein Haus, kein Anzeichen von Zivilisation. Nur Wasser und Wald, ein undurchdringbar anmutendes Dickicht tropischer Vegetation. Plötzlich steht aber jemand am Ufer des breiten Juruena-Flusses im tiefsten brasilianischen Amazonas-Urwald und winkt das Boot zu sich her.

„Eingeborene“, sagt Lourdes Iarema. Das Boot der 40-jährigen Leiterin des Juruena-Nationalparks und ihrer Begleiter steuert Land an. Eine dürftig errichtete Hütte am Ufer, direkt davor toben drei nackte Kinder im Wasser. Schon beim Aussteigen warnt aber ein anderer Teilnehmer der Expedition, bevor Bilder gemacht werden können: Die indigenen Bewohner hier mögen es nicht, fotografiert zu werden.

Der Familienvater erzählt Iarema dann von einem wilden Jaguar, der kürzlich fast eins der Kinder nachts angegriffen habe. Getötet werden darf das Tier im Nationalpark nicht, deswegen solle Iarema eine Lösung anbieten. Kann sie aber nicht so richtig.

Eigentlich dürfte die Familie selbst nicht an diesem Ufer leben, das zum viertgrößten Schutzgebiet Brasiliens gehört. Der 2006 gegründete und rund 1,9 Millionen Hektar umfassende Juruena-Park - eine Fläche fast so groß wie Rheinland-Pfalz - befindet sich im Herzen Brasiliens in der Regenwaldregion zwischen den Bundesstaaten Mato Grosso und Amazonas.

Die Lage gilt als strategisch wichtig: Südlich liegt das immense Agrarland des Mato Grosso, auf dem in großem Stil Soja und Mais für die globale Tierfutterindustrie angebaut werden. Im Norden erstrecken sich hingegen noch weite Waldflächen.

„Der Park soll die Entwaldung stoppen“, erklärt Iarema - sozusagen als ein natürliches Bollwerk gegen die Expansionswut der mächtigen Agrar- und Rinderzuchtindustrie. Mato Grosso im Mittelwesten Brasiliens ist womöglich das beste Beispiel weltweit für die großflächige Erschließung von Waldgebieten zu Ackerland. Für einen Hunger, der immer größer wird. Und da in Brasilien die Wirtschaft in der Rezession versinkt, gilt das sogenannte Agrobusiness als Hoffnungsträger.

Daher erwägt die neue konservative Regierung von Staatschef Michel Temer, der Agrarwirtschaft in Brasilien neues Land zur Verfügung zu stellen. Auch Schutzgebiete sollen dafür aufgeweicht werden. Als Agrarminister hat Temer den Soja-Baron Blairo Maggi eingesetzt.

Der drittgrößte Bundessstaat Mato Grosso wurde erst ab den 1970er Jahren besiedelt, Landwirte aus Südbrasilien folgten dem Aufruf der Regierung, das Riesenland für die Landwirtschaft zu gewinnen. Inzwischen sind die Wälder des Mato Grosso weitgehend gerodet. Die Entwicklung setzt sich fort - Richtung Amazonas-Regenwald im Norden.

„Die Lage an der südlichen Grenze des Amazonas-Gebiets ist dramatisch - schon seit etwa 20, 30 Jahren“, bilanziert der Schutzgebiet-Experte der Umweltstiftung WWF in Deutschland, Roberto Maldonado. Wegen seiner enormen Waldflächen ist Brasilien auch das Land mit der größten Entwaldungsquote der Welt. Und die Abholzung steigt wieder, dabei gilt der dortige Regenwald als großer Regulator des Weltklimas.

Allein zwischen August 2015 und Ende Juli 2016 wurde eine Fläche von 7989 Quadratkilometern vernichtet. Dabei hatten in den vergangenen Jahren Schutzgebiete, die im Rahmen des 2003 ins Leben gerufenen Programms zum Schutz des brasilianischen Amazonas-Regenwaldes (Arpa) errichtet wurden, die Entwaldung zu etwa 37 Prozent verringern können, sagt Maldonado. Arpa gilt als Erfolgsgeschichte, doch nun nähert sich das auch von der deutschen „Kreditanstalt für Wiederaufbau“ unterstützte Programm seinem Ende, bis 2018 läuft die letzte und dritte Arpa-Phase.

Iarema leitet seit 2012 den Juruena-Nationalpark mit einem denkbar kleinen Team, bestehend aus drei Mitarbeitern und ihr selbst. Der Gedanke, dass sie das gesamte Schutzgebiet kontrollieren sollen, ist eigentlich wahnwitzig - „ich versuche, mindestens einmal im Monat unterwegs zu sein“, sagt die Parkchefin etwas resigniert.

Die studierte Biologin wohnt in der Stadt Alta Floresta in Mato Grosso. Um an den nördlichen Teil des Parks zu gelangen, braucht sie etwa zwei Flugstunden mit einer gecharteten kleinen Propeller-Maschine. Würde sie über die Flüsse mit einem Schnellboot die ganze Strecke hoch fahren wollen, wäre sie mindestens einen ganzen Tag unterwegs. Durch den Wald führt kein Weg.

Der Juruena-Park ist ein eindrucksvolles Spektakel unberührter Natur - eigentlich ist er für Besucher gesperrt. Eine Reise per Flugzeug und per Boot und teilweise zu Fuß quer durch einen Teil des Schutzgebietes wird nur von der Parkverwaltung in Begleitung von Umweltschützern zu Dokumentationszwecken genehmigt. Aus der Luft sieht der Urwald wie ein gigantischer grüner Mantel aus, durchquert von langen Flüssen und leichten Bergketten.

Erst unten wird die wirkliche Dimension des Regenwaldes erkennbar: Dichte Vegetation, riesige alte Tropenbäume, die an vielen Stellen den Blick in den Himmel fast vollständig versperren, imposante Wasserfälle, aus denen schon mal ein Riesenotter zum Vorschein kommt, um nach Luft zu schnappen. Auch nachts wirkt der Wald seltsam lebendig. Der Juruena-Nationalpark beherbergt unter anderem 103 Schmetterlings-, 101 Säugetier- und 412 Vogelarten.

Sichtbar werden aber auch die Bedrohungen. Aus dem Fenster einer Cessna-Maschine sind außerhalb des Parks riesige Farmen zu sehen. Oder die Waldstellen, an denen Wasserkraftwerke den natürlichen Strom des Flusses unterbrechen und damit den Lebensraum von Tausenden Fischen gefährden. „Wir spüren einen großen Druck an den Rändern des Parks: durch Goldschürfer, Holzfäller, Menschen, die sich illegal Land aneignen“, sagt auch Parkleiterin Iarema.

Selbst im Park drinnen regt sich etwas Widerstand. Innerhalb des Schutzgebiets gab es von Beginn an einige Bauernhöfe, die nur mühsam und durch Entschädigungszahlungen zur Aufgabe überredet werden konnten. Und es gibt die indigenen Gemeinden.

„Viele beanspruchen einen Teil des Nationalparks für sich“, sagt WWF-Experte Maldonado. Die Beziehungen mit der Parkverwaltung seien deswegen nicht immer so einfach, ergänzt er mit Blick auf den Jaguar-Vorfall am Juruena-Fluss. Immerhin war es dabei friedlich zugegangen. Parkleiterin Iarema sei in einer anderen, größeren indigenen Gemeinde früher sogar schon einmal bedroht worden. Den Ort kann sie nicht mehr besuchen. Wer die Umwelt schützen will, lebt in Brasilien oft gefährlich - und der Kampf um den Regenwald wird härter.

Quelle: dpa
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