Alpen

Ein Gebirge kurz vor dem Burnout

 - 16:51
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Herr Professor Bätzing, in Österreich boomt der Städtetourismus. Die Alpendestinationen dagegen verlieren. Sind die Berge nicht mehr sexy?

Nicht nur in Österreich, in ganz Europa werden Städtereisen immer beliebter. Die Alpen hingegen verlieren seit Jahren an Zuspruch.

Tourismusentwickler im Alpenraum suchen verzweifelt nach neuen Attraktionen. Sie aber warnen vor einem „Erlebnis-Burnout“. Was meinen Sie damit?

Das ist nicht der Punkt. In den großen Tourismuszentren der Alpen entstehen zunehmend Freizeit-Gettos. Dort ist man nicht mehr mit der Bergwelt konfrontiert, sondern mit einem riesigen Vergnügungspark. Die Leute turnen auf Panoramaplattformen herum, rasen in Achterbahnen die Hänge hinab, springen am Gummiseil von Brücken.

Was ist daran so schlimm?

Solche künstlichen Erlebnisse werden schnell schal. Der ganze Firlefanz muss also ständig nachgerüstet werden. Und die Ideen werden immer absurder. Der sogenannte Tourismus-Vordenker Günther Aloys aus Ischgl in Tirol träumt zum Beispiel von riesigen, vollklimatisierten Indoor-Skipisten, auf denen man die Hänge hinabwedeln kann. Dieses ganze System, das auf solche Pseudoattraktionen setzt, wird bald in sich zusammenbrechen. Dann kommt der Erlebnis-Burnout: die totale Langeweile.

Es scheinen sich aber auch neue Chancen für den Tourismus zu eröffnen. Geographen der Universität Zürich haben ausgerechnet, dass durch den Klimawandel in der Schweiz bald 600 neue Seen entstehen werden.

Das ist alles andere als eine gute Nachricht. Die Seen bilden sich ja nicht in Gebieten, wo sie zum Baden einladen – sondern dort, wo früher die Gletscher waren. Hinter den Moränenwänden staut sich das Schmelzwasser. Doch Moränen bestehen aus leichtem, lockerem Material. Da besteht die ständige Gefahr, dass eine Flutwelle entsteht. Ein solches Szenario bedroht das Bergdorf Pontresina im Engadin bereits heute.

Hat Skifahren angesichts der Klimaveränderung noch eine Zukunft?

Alle Skigebiete unterhalb von 1500 Metern über dem Meeresspiegel sind nicht überlebensfähig. Mit viel Kunstschnee können sie vielleicht noch bis 2030 durchhalten. Dann ist Schluss. Gerade die Schweiz hat aber, besonders im Wallis, viele sehr hoch gelegene Skipisten. In der Kategorie ab 3300 Metern über dem Meer liegt die Schweiz im Alpenraum an erster Stelle.

Die schweizerischen Bergkantone werden von der Klimaerwärmung also ökonomisch profitieren?

Es gibt da allerdings einen Haken: Durch die steigenden Temperaturen werden künstliche Beschneiung und Pistenpräparierung auch in sehr hohen Lagen immer teurer. Nur noch eine winzige Minderheit wird sich diese Art Urlaub mittelfristig noch leisten wollen. Unterm Strich wird das also auch für den Kanton Wallis kein gutes Geschäft.

Wäre es da nicht besser, weite Teile der Alpen der Natur zurückzugeben?

Ich will Ihnen nicht zu nahe treten, aber das ist der typische Vorschlag eines Städters aus dem Flachland. Die klagen fast alle: „Wir haben zu wenig Natur!“

Stimmt das denn etwa nicht?

Nein. Vielen Menschen schwebt ein Gegensatzpaar vor: Auf der einen Seite die großen Städte und Wirtschaftszonen, zubetoniert, ausgebeutet, verseucht – je nachdem. Und auf der anderen Seite Gebiete, wo „die Natur ganz Natur sein darf“. Einflussreiche Umweltschützer aus den Vereinigten Staaten plädieren für eine „Fifty-fifty-Lösung“: Die Hälfte der Erde soll nach deren Vorstellung Wildnis werden. Diesen Ansatz halte ich für grundfalsch.

Warum?

Weil dann die Natur auf 50 Prozent der Fläche weiterhin wie geisteskrank ausgebeutet würde. Wir müssen die zerstörerische Intensivnutzung reduzieren. Denn weder Luft- noch Wasserverschmutzung noch die Klimaerwärmung machen an Grenzen halt. Es gibt keinen Winkel der Erde mehr, der vom Menschen unbeeinflusst wäre. Wir können die Natur gar nicht mehr einfach Natur sein lassen.

Könnte man nicht sagen: Straßenbau, Holzwirtschaft, Skilifte, Hotels sind in „Wildnisgebieten“ verboten? Wir lassen die freie Entfaltung der Natur zu, dürfen aber auch ab und zu mal reingehen und uns umsehen.

Sie sind lustig. Versuchen Sie mal, in ein echtes Wildnisgebiet reinzugehen! Da bleibt man einfach im Gestrüpp hängen. Was macht denn die Alpen als Landschaft so attraktiv? Doch vor allem die tollen Ausblicke, die man da immer wieder hat! Aber die sind nicht natürlich.

Wie meinen Sie das?

Ursprünglich war fast der ganze Alpenraum bewaldet. Ziemlich monoton. Da konnte niemand rausgucken. Die Attraktivität der Alpen, wie wir sie kennen, lebt hingegen von der mosaikartigen Landschaft, von den Kontrasten: hier eine Wiese, dort ein Abhang, hier etwas Offenes, da ein Wäldchen – von immer wieder neuen Ein- und Ausblicken. Traditionelle Bauern wandeln eine Landschaft erst zu einem Lebensraum. Sie geben Landschaften durch das Anlegen von Feldern, Wegen, Wiesen und Parzellen ein Gesicht.

Eine romantische Sichtweise ...

Finden Sie? Ich sprach ausdrücklich nicht von Massentierhaltung und riesigen Monokulturen – sondern von traditionellen Bergbauern. Aber da sind wir wieder bei diesem Denkmuster, das sehr viele Menschen im Kopf haben: auf der einen Seite die Zerstörung der Natur durch Intensivnutzung – und auf der anderen Seite die Nichtnutzung in Form von Wildnis. Ich plädiere für ein anderes Leitbild: eine Natur, die vom Menschen tiefgreifend verändert wird – aber ressourcenschonend und nachhaltig. Im Unterengadin etwa, das ursprünglich komplett bewaldet war, gibt es Ackerterrassen, die seit fast 4000 Jahren bewirtschaftet werden. Heute als ertragreiche Wiesenflächen. Das ist für mich ein klassisches Beispiel für nachhaltiges Wirtschaften.

Nur sind auf diese Weise bewirtschaftete Flächen in der modernen Welt nicht konkurrenzfähig.

Es ist immer billiger, die Natur auszubeuten, ohne sich um die Folgen zu kümmern – aber so zerstört der Mensch seine eigene Lebensgrundlage. Ich dagegen behaupte, dass der Mensch die Natur nutzen und verändern kann, ohne sie zu zerstören. Und die Alpen sind für mich das Paradebeispiel dafür. Selbst ein so schwieriger, ein so heikler, so extremer, so labiler Naturraum konnte vom Menschen zum Lebensraum umgewandelt und als solcher genutzt und erhalten werden. Man kann Natur verändern und dennoch – oder sogar gerade dadurch – bewahren. Und was die Wirtschaftlichkeit betrifft: Bei regionalen Produkten mit hoher Qualität gibt es wichtige ökonomische Nischen für die Alpen.

Was gibt Ihnen sonst noch Hoffnung für den Alpenraum?

Europa war früher fast ständig durch Kriege geprägt. Oft verliefen die Fronten mitten durch die Alpen. Aber seit der Entstehung der Alpenkonvention zum Schutz und zur nachhaltigen Entwicklung dieses Lebensraums, an der in den späten 1980er Jahren alle sieben Alpenstaaten – also die Schweiz, Deutschland, Frankreich, Österreich, Italien, Slowenien und Liechtenstein – beteiligt waren, hat sich ein gemeinsamer Geist entwickelt. Die Alpenbewohner sind weltoffener geworden. Bei Themen wie Verkehr, Land- und Forstwirtschaft oder sanftem Tourismus wird oft grenzübergreifend zusammengearbeitet. Allerdings ist die Begeisterung für die gesamtalpinen Zusammenhänge seit der Jahrtausendwende wieder abgeflaut.

Weshalb?

In den 1980er Jahren galten die Alpen als Vorreiterprojekt für ganz Europa für die Verbindung von Wirtschaft und Umweltschutz, kultureller Identität und grenzüberschreitendem Zusammenwirken. Entsprechend begeistert wurde die Alpenkonvention aufgenommen. Damals war der Fokus auf die Peripherien gerichtet. Die großen Wirtschaftszentren prosperierten, die Peripherien sollten gefördert werden – zum Beispiel die Alpen. Doch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs führte die verstärkte Globalisierung dazu, dass auch die ökonomischen Zentren Europas in einen knallharten weltweiten Wettbewerb gerieten. Die Peripherien und deren Probleme wurden unwichtig, auch die Alpen. Das ist fatal. Gerade weil man die Alpen als Frühwarnsystem betrachten kann.

Das müssen Sie erklären.

Die globale Umweltzerstörung – also etwa die Klimaerwärmung oder die Verschmutzung der Luft – ist für Menschen in Mitteleuropa nur selten direkt sinnlich wahrnehmbar. Oft kann man sie nur mit Spezialgeräten messen, man muss sie interpretieren. Manche Leute leugnen sie sogar. Im Alpenraum dagegen besteht, so zynisch das klingen mag, der Vorteil, dass man Naturzerstörung sinnlich wahrnehmen kann: Nach der Schneeschmelze sieht man zum Beispiel ganz konkret, an welchen Stellen durch die Präparierung von Skipisten der Boden abgetragen wurde. Solche Beobachtungen fördern, so hoffe ich, einen verantwortungsvolleren Umgang mit der Natur.

Ihr Appell erinnert daran, dass sie gelernter Theologe sind. Wie wurden Sie zum Alpenforscher?

Mein Vater war Pfarrer. Daher habe auch ich Theologie studiert. Aber bald wurde mir klar, dass dieser Beruf nicht zu mir passt. Nach dem Studium arbeitete ich in Berlin als Buchhändler, engagierte mich in einem Chor und in der Gewerkschaft. Ab 1976 fuhr ich in die Alpen und erkundete sie zu Fuß. Monatelang. Alles, was mich seit langem interessierte, fing an, sich für mich in den Alpen zu bündeln: ökologische, philosophische und soziale Fragen. Daher habe ich ab 1983 noch einmal studiert: Geographie – mit dem klaren Ziel, Alpenforscher zu werden.

Stimmt es, dass in den Alpen im Spätmittelalter Goldrausch herrschte?

Es gibt in den Alpen Gold, Silber, Kupfer und viele weitere Bodenschätze – aber sie sind gut verteilt. Heute lohnt sich der Abbau nicht mehr. In der vorindustriellen Zeit war er jedoch sehr lukrativ. Die barocke Pracht der Stadt Salzburg beispielsweise wurde durch Gewinne aus dem Goldbergbau in den Hohen Tauern finanziert. Der Bergbau spielte bereits seit Beginn der Bronzezeit eine zentrale Rolle im Alpenraum. Verhüttetes Kupfer wurde nach ganz Europa exportiert. Das Kupfer für die berühmte Himmelsscheibe von Nebra aus der frühen Bronzezeit, die 1999 in Sachsen-Anhalt gefunden wurde, stammt zum Beispiel aus den Salzburger Alpen. Sie sehen: Die Alpen waren zu keiner Zeit autark und abgeschieden.

Apropos abgeschieden: In manchen Alpentälern leben keine hundert Menschen mehr. Trotzdem werden Millionen Euro für Straßen und Lawinenschutz ausgegeben. Stimmen da die Verhältnisse noch?

In Österreich herrscht da eine besondere Tradition: Der Staat fühlt sich für seine Bürger verantwortlich. Wenn diese weiterhin im hintersten Winkel des Landes leben wollen, dann stellt man die nötige Infrastruktur dafür bereit. Punkt. In der Schweiz kommt viel schneller die Kostenfrage ins Spiel.

Wurden in der Schweiz bereits erste Alpentäler „rückgebaut“?

Noch nicht. Der Kanton Graubünden hat aber bereits einen einschlägigen Vorstoß unternommen. 2005 wurden auf Gemeindeebene solche Räume offiziell ausgewiesen: Es gab dabei die Kategorien „potentialarm erster Priorität“ und – für Gebiete, die etwas besser dastanden – „potentialarm zweiter Priorität“. Dann wurde diskutiert, ob man für solche Gebiete die staatlichen Förderungen streichen sollte. Der Aufschrei der schweizerischen Bevölkerung war so groß, dass die Idee nicht umgesetzt wurde. Aber seither ist sie in der Diskussion. Und allein der Gedanke, so etwas zu versuchen, wäre in den meisten anderen Alpenstaaten undenkbar.

Tourismuskrise hin oder her: Noch immer verzeichnen die Alpen rund 500 Millionen Übernachtungen von Feriengästen pro Jahr. Das ist doch eine ganze Menge.

Richtig. Aber sie konzentrieren sich immer stärker in den 300 größten Tourismuszentren – und fehlen in vielen kleinen Gemeinden, wo sie zum Erhalt dezentraler Arbeitsplätze so wichtig wären. Dort gäbe es in den bereits bestehenden Strukturen noch großes touristisches Potential. Stattdessen aber werden die Tourismuszentren der Alpen weiter ausgebaut.

Stimmt es, dass in den deutschen Alpen ein künstliches Dorf, ausschließlich für Feriengäste, aus dem Boden gestampft werden soll.

Ja. Im Allgäu, in der Gegend von Leutkirch, lässt ein international tätiges Touristikunternehmen gerade ein solches Retorten-Bergdorf errichten: mit 1000 Ferienhäusern, Erlebnisbad und Einkaufszentrum. Ich fürchte, dass solche Gettostrukturen Schule machen könnten.

Sie dagegen wollen das „authentische Bergleben“ bewahren helfen. Was aber ist an Folklore überhaupt noch übrig? Gibt es noch Leute, die Alphorn blasen oder jodeln, wenn nicht der örtliche Tourismusverein sie dazu aufruft?

In den Alpen werden noch viele Traditionen gepflegt. Aber was nicht explizit touristisch vermarktet wird, spielt sich weitgehend im Verborgenen ab. Die Leute haben große Angst vor Kommerzialisierung ihres Brauchtums. Man braucht daher viel Zeit, bis man solche Traditionen auch als Fremder miterleben darf. Im österreichischen Gasteinertal zum Beispiel – wo genau, verrate ich nicht – gibt es den Brauch des Frauentragens.

Über die Türschwelle, vor der Hochzeitsnacht?

Nein. Die Dorfbewohner tragen in einer feierlichen Zeremonie ein Marienbild von Hof zu Hof. Echte Volkskultur, ohne jegliche touristische Vermarktung. Ein Bekannter von mir ist vor langer Zeit ins Gasteinertal gezogen. Und erst nach zwei Jahrzehnten wurde er in diesen Brauch eingeweiht.

Die Fragen stellte Till Hein.

Zur Person

Werner Bätzing, 1949 in Kassel geboren, hatte zunächst evangelische Theologie studiert, war Religionslehrer an einem Berliner Gymnasium und nach einer Buchhändlerlehre für verschiedene Buchhandlungen und Verlage tätig gewesen. 1983 begann er das Studium der Geographie an der Technischen Universität Berlin. Von 1988 bis 1995 war er Assistent und Dozent an der Universität Bern, Gastprofessor in Wien und von 1995 bis 2014 Professor für Kulturgeographie mit Schwerpunkt „Alpen“ an der Universität Erlangen-Nürnberg. Seit seiner Emeritierung leitet er das Archiv für integrative Alpenforschung in Bamberg. Unlängst erschienen aktualisierte Neuauflagen zweier seiner Bücher: „Zwischen Wildnis und Freizeitpark – Eine Streitschrift zur Zukunft der Alpen“ (Rotpunktverlag, Zürich 2017, 160 Seiten) und: „Die Alpen – Geschichte und Zukunft einer europäischen Kulturlandschaft“ (Verlag C.H.Beck München 2015, 484 Seiten).

Till Hein

Quelle: F.A.S.
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