Białowieża-Urwald

Wie der Vollernter im Walde

Von Piotr Heller
 - 10:27
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Als sie das Motorgeräusch hört, schreckt Joanna Pawluśkiewicz zusammen. „Was ist los? Kommen Sie schon?“, ruft sie einem Mitstreiter zu. „Ja, da ist ein Auto“, antwortet der. Pawluśkiewicz wirft ihre Chipstüte, aus der sie gerade noch gegessen hat, beiseite und legt sich auf ein paar Holzbretter, die mit Decken bespannt sind, um sich vor dem kalten und feuchten Waldboden zu schützen. Ihren Arm steckt sie in ein Rohr und befestigt ihn darin mit einer Kette. Das Rohr wiederum hängt an einem schweren Fass. Es soll verhindern, dass man sie wegtragen kann. So liegt sie nun da, gemeinsam mit drei anderen Umweltaktivisten, und wartet auf das Auto, dessen Motorgeräusch immer lauter durch den dichten Wald dringt.

Hinter den Fässern haben die Umweltschützer ein gut fünf Meter hohes Dreibein aus Baumstämmen aufgestellt, auf dem zwei Personen sitzen. Mit dieser Blockade wollen sie die Wolfsschneise sperren. Sie führt vom streng geschützten Teil des Białowieża-Nationalparks durch den Wald nach Westen bis zu einem Dorf, in dem die Aktivisten derzeit ihr Lager aufgeschlagen haben. Rechts und links stapeln sich auf mehreren hundert Metern dieses Weges die Stämme gefällter Fichten. Manche der Bäume sind mehr als einhundert Jahre alt. Der Geruch von Harz liegt in der Luft, denn an diesem Tag im Oktober ist es nicht mal einen Monat her, dass die Bäume gefällt wurden. Jetzt sind sie zum Abtransport bereit. Genau den soll die Blockade verhindern.

Seit Mai liefern sich die Umweltschützer ihre Scharmützel mit den Förstern. Stets sind um die zwanzig von ihnen im Lager, wo sie schlafen, sich mit mit Essen versorgen oder Demonstrationen organisieren. Es sind Menschen aus ganz Europa, die für einige Wochen in den Białowieża-Urwald kommen. Joanna Pawluśkiewicz ist eigentlich Drehbuchautorin. Die Zweiundvierzigjährige ist von Anfang an dabei, in einem Kampf, der längst über die Grenzen des Waldes hinausgewachsen ist. Es geht um die Deutungshoheit, wie man dieses Ökosystem mit seinen mehr als zwanzigtausend Tier- und Pflanzenarten am besten schützt. Es geht um europäisches Recht. Und es geht um ein Symbol Polens. „Australien hat sein Great Barrier Reef, die Vereinigten Staaten ihren Grand Canyon, wir haben die Puszcza“, fasst es Pawluśkiewicz zusammen. Puszcza (gesprochen Pusch-tscha) ist das polnische Wort für Urwald, für viele Polen ein Synonym für das ganze Białowieża-Gebiet.

Die Förster bekämpfen einen Käfer und gehen dabei rabiat vor

Der aktuelle Konflikt begann im März 2016, als Polens Umweltminister erlaubte, in dem geschützten Wald mehr Bäume als bisher zu fällen. 140.000 Kubikmeter Holz haben die lokalen Forstämter hier in diesem Jahr allein bis August eingeschlagen. Das ist das Dreifache dessen, was seit 2012 im Durchschnitt pro Jahr geerntet wurde. Als offizieller Grund wird der Kampf gegen den Buchdrucker genannt. Dieser Käfer legt seine Larven in der Rinde von Fichten ab und kann die Bäume töten. Um den Befall einzudämmen, fällen die Förster angegriffene Bäume und schaffen sie aus dem Wald heraus. Außerdem entfernen sie tote Fichten an den Wegen, um für die Sicherheit der Besucher zu sorgen. Umweltschützer und Wissenschaftler kritisieren dieses Vorgehen und auch die Methoden der Förster.

Die setzen sogenannte Holzvollernter ein. Diese tonnenschweren, geländegängigen Maschinen können innerhalb von Minuten einen Baum umfassen, fällen und von Ästen befreien. Immer wieder besetzen die Demonstranten die Maschinen. Sie sagen, dass sie dabei keine Gewalt anwenden. Dennoch kommt es manchmal zu Handgreiflichkeiten mit der Forstwacht. Die Aktivisten filmen das und veröffentlichen die Videos in den sozialen Medien.

Das Auto ist jetzt auf der Höhe der Wolfsschneise angekommen. In dem grünen Geländewagen sitzen zwei Forstwächter, sie beobachten kurz die Blockade und fahren weiter. Die Umweltschützer geben Entwarnung und lösen ihre Ketten wieder. Doch schon zwei Tage später werden sie eine weitere Begegnung mit der Forstwacht haben, die nicht so glimpflich ausgehen wird.

Der letzte Zufluchtsort für seltene Tiere

Die gesamte Puszcza ist mit 1500 Quadratkilometern gut halb so groß wie das Saarland. Sie gilt als letztes Überbleibsel der Urwälder, die einst das Mittel- und Osteuropäische Tiefland bedeckten. Während an anderen Orten längst die Forstwirtschaft gesiegt hat, wurde die Puszcza geschützt. Seit dem 15. Jahrhundert diente sie polnischen Königen und später russischen Zaren als Jagdgebiet. Nur kurze Zeit, im Ersten Weltkrieg und in den zwanziger Jahren, wurden hier unkontrolliert Bäume gefällt. Inzwischen ist sie als Unesco-Weltnatur-erbe und als europäisches „Natura 2000“-Schutzgebiet eingestuft.

Zwei Drittel der Puszcza liegen auf weißrussischem Gebiet, nur ein Drittel befindet sich in Polen, wo es vier Schutzzonen gibt (siehe Karte). Im streng geschützten Teil, der im etwa hundert Quadratkilometer großen Nationalpark liegt, werden keine Bäume gefällt. Der Zugang ist nur mit ausgewiesenen Führern erlaubt. Auch in den Naturreservaten dürfen die Bäume nicht gefällt werden. Außerdem gibt es Teile, in denen eine eingeschränkte Forstwirtschaft stattfindet, die den lokalen Bedarf an Holz stillen soll. Schließlich gibt es noch die geschützten Zonen, in denen Bäume aus Sicherheitsgründen gefällt werden dürfen. Um diese – auf der Karte hellgrün dargestellten – Bereiche dreht sich der Konflikt hauptsächlich.

In ihnen finden sich Lebensräume von Tieren, die es in Polen sonst nirgends gibt. Dazu gehören beispielsweise der Dreizehenspecht, der Sperlingskauz und verschiedene seltene Käferarten. Vor allem wachsen hier Baumbestände, die älter als hundert Jahre sind. Diese Lebensräume sind durch die erwähnte Natura-2000-Richtlinien geschützt. Auf dieser Grundlage hat die Europäische Kommission Polens Regierung im Juli vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt. Inzwischen hat das Gericht am 20. November entschieden, dass Polen das Abholzen sofort einstellen muss. Sonst drohen dem Land Zwangsgelder von 100.000 Euro pro Tag. Die Richter machten jedoch eine Ausnahme: Zum Wohle der öffentlichen Sicherheit darf weiterhin gefällt werden.

Willkommen am Ende der Welt

Am nächsten Tag, morgens um acht Uhr, kommt Rafał Kowalczyk aus dem Säugetierforschungsinstitut. Es gehört zur Polnischen Akademie der Wissenschaften und hat seinen Hauptsitz in Białowieża, dem kleinen Ort inmitten der Puszcza. Kowalczyk leitet das Institut. Als Forscher beschäftigt er sich hauptsächlich mit dem Wisent, also dem Europäischen Bison, der hier lebt. Er zieht Gummistiefel an und steigt in einen Toyota. Mit dem Geländewagen will er an diesem Morgen über die Weiden rund um den Urwald fahren, um nach Wisenten Ausschau zu halten. „Wenn sich die Tiere hier zeigen, heißt das, dass ihre Brunft zu Ende ist“, sagt er.

Kowalczyk kennt beide Seiten dieses Konflikts, er ist gelernter Förster. Als er seine Ausbildung absolvierte, besuchte er die Puszcza zum ersten Mal. Das war im Winter 1987, Kowalczyk war damals 18 Jahre alt. „Der Zug kam um halb eins in der Nacht in Białowieża an“, erinnert er sich. Wegen der Schneeverwehungen sei es schwergefallen, die Türen des Waggons zu öffnen. In der kleinen Bahnhofshalle habe man noch mit Kachelöfen geheizt. „Ich dachte, ich wäre am Ende der Welt angekommen“, sagt er. Am nächsten Tag sah er sie dann, die Mischwälder aus Fichten, Eichen, Hainbuche, Linde und Ahorn, das viele tote Holz auf dem Boden: „Es sah ganz anders aus als alles, was ich bis dahin kannte“, erinnert er sich. Damals habe er den Traum gehabt, hierhin zurückzukommen. Nach dem Studium wollte er mit Tieren arbeiten und entschied sich für eine wissenschaftliche Laufbahn. So kam er ans Institut nach Białowieża.

Seine Leidenschaft für Tiere merkt man Kowalczyk an. Wisente sieht er heute nicht. Aber während sich das Auto durch den sumpfigen Boden wühlt, zeigt er aus dem Fenster: In der Ferne ist ein junger Hirsch aufgetaucht. Als er an einem kleinen See ankommt, hält er kurz an, um sich drei Silberreiher anzuschauen. „Das sind eben die Reize der Puszcza“, sagt er und nimmt Kurs auf den Wald. Er wisse nur nicht, ob er nicht vielleicht aufgehalten werde, sagt er. Derzeit ist der Zutritt zu großen Teilen der Puszcza verboten, vor allem zu den Gebieten, in denen Bäume gefällt werden. „Mich als Forscher betrifft dieses Verbot nicht, aber das wissen viele Forstwächter nicht, denn sie sind nicht von hier“, erklärt Kowalczyk. Durch die Aktionen und Blockaden der Umweltaktivisten sah sich die Forstverwaltung gezwungen, Wächter aus ganz Polen abzuziehen und hier in der Puszcza einzusetzen.

Totholz hält den Wald am Leben

Doch heute läuft alles reibungslos. Auf einer kleinen Straße, die durch den Wald führt, kommt Kowalczyk an einer gefällten Fichte vorbei. „Das ist ein ideales Beispiel dafür, wie man in diesem Wald arbeiten sollte“, sagt er. Die Fichte war tot und stellte wohl eine Gefahr für die Straße da. Sie wurde mit einer Kettensäge gefällt und vorsichtig zu Boden gelassen. Die jungen Bäume um sie herum haben keinen Schaden abbekommen. „Das ist schon fast ein chirurgischer Eingriff“, sagt Kowalczyk. Vor allem aber wurde der Baum im Wald gelassen und nicht wie an der Wolfsschneise und vielen anderen Stellen in der Puszcza zum Abtransport bereitgelegt.

„Man kann sagen, dass so eine Fichte jetzt lebendiger ist als vorher, als sie noch stand“, sagt Kowalczyk. Das tote Holz bietet Pilzen und Insekten einen Lebensraum. Von denen ernähren sich Vögel. Manche der Arten sind so angepasst, dass sie nur in Bäumen überleben, die sich in einem bestimmten Stadium der Verrottung befinden. „Wenn das vorüber ist, finden sie leicht Alternativen“, sagt Kowalczyk. Wenn die toten Bäume jedoch gefällt und aus dem Wald geschafft werden, sei es damit vorbei.

Auch fördern umgefallene Bäume die natürliche Erneuerung des Waldes. Nicht nur durch ihre Nährstoffe, sondern weil sie den Hirschen das Leben schwermachen. Hirsche beißen die Rinde von Bäumen ab, vor allem junge Gewächse können dadurch absterben. Untersuchungen haben aber gezeigt, dass das Rotwild in Gegenden mit vielen umgefallenen Bäumen weniger Schaden anrichtet. Sie meiden diese Gebiete, weil dort Fluchtwege versperrt sind und damit das Risiko steigt, von einem Wolf oder anderen Raubtieren attackiert zu werden.

Die Verwüstungen der Holzvollernter

Kowalczyk fährt tiefer in den Wald hinein und kommt an der Wolfsschneise an. „Na, habe ich euch aufgeschreckt?“, begrüßt er die Aktivisten. Einer von ihnen ist Adam Bohdan. Der Biologe arbeitet für die Stiftung „Dzika Polska“ („Wildes Polen“). Die Organisation überwacht die Arbeit der Förster in der Puszcza. Ihr aktueller Bericht kommt zu dem Schluss, dass die Holzfäller massiv in die alten Baumbestände eingreifen und die Lebensräume geschützter Tierarten gefährden.

Bohdan und Kowalczyk kennen sich und beginnen gleich ein Gespräch über ihre Forschungsarbeit. Kowalczyk analysiert derzeit mit seinen Leuten die Folgen der Vollernter-Einsätze. Dafür hat er fünfzig jeweils fünf mal fünf Meter große Flächen im Wald abgesteckt. Die Hälfte davon in Bereichen, auf denen die Holzvollernter gearbeitet haben, den Rest in angrenzenden Teilen des Waldes. Dort zählt er gesunde und beschädigte Bäume verschiedener Altersklassen und will diese Daten statistisch auswerten.

An der Wolfsschneise sind die Schäden auf den ersten Blick zu sehen. Kowalczyk geht den Weg entlang und verschwindet hinter einem Haufen Baumstämme. Er hat einen Baummarder gesichtet, den er fotografieren will. Er folgt dem Tier über eine Fläche, auf denen der Holzvollernter sein Werk verrichtet hat. Im Boden klaffen tiefe Spurrillen, kleine Bäume sind umgeknickt. Die Schneise zieht sich mehrere hundert Meter entlang des Weges. Sie ist gut einhundert Meter breit.

Der Käfer als natürlicher Ingenieur

Viel zu breit, sagt Kowalczyk, wenn man bedenkt, dass es hier nur darum gehen soll, aus Sicherheitsgründen Bäume am Wegesrand zu fällen. Er hält dieses Argument für überstrapaziert. Und auch an den Schutz vor dem Buchdrucker glaubt er nicht. Tatsache ist, dass sich der Käfer derzeit massiv vermehrt und Fichten angreift. Aber zu diesen Massenvermehrungen kommt es seit Jahrhunderten immer wieder. Kowalczyk schätzt, dass etwa zwanzig Prozent der Fichten dem aktuellen Befall zum Opfer fallen werden. Andere Baumarten sind gar nicht betroffen. Das sei ein natürlicher Mechanismus, der es dem Wald erlaube, sich zu erneuern, denn der Buchdrucker greift vor allem geschwächte Fichten an. Auch könne man die Massenvermehrung als ein Symptom des sich verändernden Klimas ansehen.

Wenn es wärmer wird, wird die Zahl der Fichten ohnehin sinken, denn diese Art ist eher an kühlere Gefilde angepasst. Der Buchdrucker ist für Kowalczyk eine Art natürlicher Ingenieur, der diesen Prozess begleitet. Wenn man, wie die Forstverwaltung, tote Fichten fälle und anschließend neue anpflanze, halte man die Bestände künstlich am Leben. Das könnte in einigen Jahrzehnten, wenn klimatische Veränderungen sprunghaft auftreten werden, zu einem Waldsterben führen.

Die Forstverwaltung begründet ihr Vorgehen jedoch mit dem Naturschutz. Die Puszcza könne nicht ohne Hilfe überleben, dazu sei sie zu klein und bereits zu stark von Menschenhand verändert. Daher müsse man, um die Lebensräume so, wie sie jetzt sind, zu erhalten, in die Veränderung des Waldes eingreifen. Aus diesem Grund kämpfe die Forstverwaltung gegen den Buchdrucker und pflanze Baumarten, die ihrer Meinung nach in die Puszcza gehören, so die offizielle Begründung.

Wissenschaftler protestieren

Dem widerspricht nicht nur Kowalczyk. Im April haben 150 Forscher, die im niederbayerischen Neuschönau an einer internationalen Wald-Konferenz teilnahmen, einen Brief an Polens Umweltminister unterzeichnet, in dem sie den Buchdrucker-Befall als einen natürlichen Aspekt des Ökosystems bezeichnen. Kowalczyk und andere Wissenschaftler stützen sich dabei gar nicht auf das Argument, dass es sich bei der Puszcza um einen Urwald im strengen Sinne handeln würde, also um ein Ökosystem, in das der Mensch nie eingegriffen hat. Sie bezeichnen die Puszcza als natürlichen Wald mit einigen Eigenschaften eines echten Urwaldes. Dabei sind gerade die alten Baumbestände wichtig. Sie stammen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg und somit aus einer Epoche, als es noch keine großangelegten Rodungen in der Puszcza gab. „In diese Baumbestände zu gehen ist wie eine Zeitreise zu unternehmen“, sagt Kowalczyk. Die Puszcza ist das, was im Europäischen Tiefland einem Urwald am nächsten kommt. Und sie ist ein wichtiges Studienobjekt für Biologen, die hier untersuchen können, wie Europas Wälder einst ausgesehen haben, wie sich verschiedene Fledermaus-Arten in ihrer Aktivität beeinflussen oder wie sich die Verwandtschaftsverhältnisse unter Luchsen gestalten. Um dieses lebende Labor zu erhalten, fordern Kowalczyk und andere Forscher, den Nationalpark auf die gesamte Puszcza auszuweiten.

Vielleicht ist gerade diese Forderung der Grund, warum die Förster nun in kurzer Zeit so viele Bäume fällen. In den vergangenen Jahren wurde Naturschutz in der Puszcza immer wichtiger. Mit dem Eintritt Polens in die Europäische Union im Jahr 2004 wurde sie als Natura-2000-Schutzgebiet deklariert, 2012 wurden die Quoten der Holzgewinnung gesenkt, und 2014 wurde der gesamte polnische Teil zum Weltnaturerbe erklärt. Wenn jetzt auch noch der Nationalpark ausgeweitet würde, würden die Förster weiter an Einfluss verlieren. Da klingt es plausibel, dass die Forstverwaltung versucht, so schnell wie möglich Fakten zu schaffen und möglichst viele Teile des Waldes kahlzuschlagen, so dass es sich nicht mehr lohnen würde, den Nationalpark zu erweitern. Das würde auch erklären, warum Holzvollernter zum Einsatz kommen. Sie sind eben schnell und lassen Naturschützern nicht viel Zeit, zu reagieren.

Ein großer Teil der Bevölkerung steht auf der Seite der Förster

Ein Sprecher der Forstverwaltung widerspricht: Der Grund für den Einsatz der Maschinen sei, dass die Forstarbeiter dabei optimal geschützt seien. Auf die Frage, warum man die aus Sicherheitsgründen gefällten Bäume nicht im Wald lasse, verweist er darauf, dass dies nach geltenden Regeln für die Forstarbeit nicht erlaubt sei. Die Frage, warum manche Bäume, die hundert Meter von Wegen standen, gefällt werden, sagt er, dass es in manchen Fällen schwer einsehbare Pfade neben den Wegen gebe, die dadurch geschützt würden. Von der Idee, den Nationalpark auszuweiten, hält er überhaupt nichts: Das sei von der lokalen Bevölkerung nicht erwünscht, denn die lebe vom Tourismus, und ein geschützter Nationalpark erschwere den Touristen den Zugang.

Sławomir Droń sieht das anders. Er betreibt das „Bike Cafe“ in Białowieża. Es ist eine Bretterbude mit Platz für etwa zehn Personen, wo es Kaffee, Kuchen, Bücher, Broschüren zum Umweltschutz und einen Fahrradverleih gibt. Am Donnerstagabend hat er nur wenige Gäste zu bedienen. „Der streng geschützte Teil des Nationalparks ist nicht für jedermann zugänglich, das stimmt, der Rest aber schon“, sagt er. Das wäre auch nach einer Erweiterung nicht anders.

Droń kennt die lokale Bevölkerung gut, seine Familie ist hier seit Generationen verwurzelt, obwohl er selbst im Westen Polens aufgewachsen ist. Wie die meisten lebt er vom Tourismus. Aber er muss zugeben, dass ein großer Teil der Bevölkerung hier tatsächlich auf der Seite der Forstverwaltung steht. „Jeder hier hat jemanden in der Familie, der im Forst arbeitet oder gearbeitet hat, also sagen die meisten nichts“, glaubt er. Daher organisiert er immer wieder Treffen in Białowieża, um die Leute zu überzeugen.

Forstwächter greifen die Blockade an

Gegen sieben Uhr Abends kommt ein Paar um die fünfzig ins Cafe. „Weißt du was an der Blockade los ist?“, fragt der Mann. „Ich habe nichts gehört“, antwortet Droń. „Ich habe soeben eine SMS bekommen, dass sie angegriffen wird“, sagt der Mann. Das Paar verbringt den Urlaub in der Gegend. Gerade wollten sie den Aktivisten im Lager etwas zu Essen vorbeibringen.

Über eine Straße geht es jetzt im Auto nach Westen zu einem Parkplatz. Von hier sind es etwa zwei Kilometer Fußweg bis zur Blockade. Zwischen den Baumkronen kann man die Sterne sehen. Sie sind die einzige Lichtquelle, es herrscht Neumond. Nach einigen Minuten erkennt man aus der Ferne Taschenlampen und die Lichter eines Feuerwehrwagens. Knapp zwei Dutzend Forstwächter stehen vor dem Dreibein, die Aktivisten ihnen gegenüber, ohne etwas zu sagen. Die Polizei ist auch vor Ort, hält sich jedoch zurück. Die Fässer wurden bereits geräumt, aber auf dem Dreibein hockt noch eine Aktivistin. Inzwischen ist auch Sławomir Droń angekommen, er ist aufgebracht, ruft den Forstwächtern zu: „Das ist unser Wald, den ihr zerstört!“ Zwei der Wächter fahren mit dem Kran des Feuerwehrwagens zur Plattform des Dreibeins und ziehen die Aktivistin herunter. Die Blockade ist aufgelöst.

Am nächsten Morgen fegt Droń Blätter vor seinem Café zusammen. Er ist immer noch aufgewühlt. „Die sind im Schutze der Dunkelheit gekommen, damit niemand sieht, was sie da anstellen“, sagt er. Am Parkplatz in der Nähe der Wolfsschneise sind drei Demonstranten auf Fahrrädern unterwegs. Sie wollen schauen, ob das Holz schon fortgeschafft wird. Eine Woche später werden sie die ersten Lastwagen filmen, die Baumstämme von der Wolfsschneise in Richtung Norden abtransportieren.

Quelle: F.A.S.
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