Folgen der Erderwärmung

Der Hunger der Eisbären

 - 13:02

Der Kalorienbedarf von Eisbären wurde offenbar auch von Experten unterschätzt. Die Raubtiere jagen zwar vergleichsweise bequem, indem sie am Eisrand auf Robben warten und Kadaver suchen, aber mit den langen und durch das schmelzende Eis oft schwierigen Routen übers Meereis verbrauchen sie mehr Kalorien als gedacht. So gibt es schon heute Tiere in der Arktis, die ihren Energiebedarf mit der Jagd auf dem Eis nicht mehr ausreichend decken können und phasenweise ausgehungert sind. Das berichten amerikanische Forscher in der Zeitschrift „Science“. Sie hatten neun, mit GPS und Videokameras ausgerüstete Eisbärweibchen im Polarmeer über drei Jahre jeweils fast zwei Wochen hinweg beobachtet und deren Stoffwechsel analysiert. Dabei stellten sie fest, dass über die Hälfte der Bären in kurzer Zeit abmagerte.

Die ohnehin schon wegen zunehmend schlechter Aufzuchtbedingungen auf dem Meereis gefährdeten Eisbären könnten noch mehr unter Druck geraten, wenn sich wegen des Klimawandels die Jagdbedingungen weiter verschlechterten, warnen die Wissenschaftler. Die Forscher um Anthony Pagano vom Alaska Science Center in Anchorage hatten jeweils im Frühling der Jahre 2014 bis 2016 neun Eisbärweibchen in der kanadischen Polarmeerregion Beaufort Sea eingefangen. Sie bestimmten die Größe und das Gewicht der Tiere sowie verschiedene Stoffwechselwerte in Blut- und Urinproben. Dann legten sie den Tieren GPS-Halsbänder mit einer Videokamera an und entließen sie wieder in die Freiheit. Nach acht bis elf Tagen fingen die Wissenschaftler die Bären dann wieder ein.

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Seltene AufnahmenEisbär mit Kamera

Deutlicher höherer Energieverbrauch

Der berechnete Energieverbrauch der Eisbären in der Studienzeit war 1,6 Mal höher als Forscher bisher angenommen hatten. Mehr als die Hälfte der Bären hatte eine negative Energiebilanz: Die Tiere verbrauchten mehr Energie, als sie durch ihr Futter wieder aufnahmen, und verloren an Körpermasse. Vier Bären verloren mehr als zehn Prozent ihrer Körpermasse. Bislang gingen Experten davon aus, dass Eisbären einen geringeren Energieverbrauch haben, weil sie keine natürlichen Feinde haben und ihre Jagdmethode nicht sehr viel Körpereinsatz fordert: Sie sitzen auf Eisschollen und warten bis eine Robbe zum Atmen auftaucht.

Die Forscher errechneten, dass ein Eisbärweibchen innerhalb von zwölf Tagen eine ausgewachsene Robbe fressen muss, um den Energieverbrauch zumindest auszugleichen. Im Studienzeitraum gelang dies nur vier Tieren. Die restliche Nahrung bestand aus Kadavern und Jungtieren. Ob diese Nahrungsenpässe bei den untersuchten Tieren eine Momentaufnahme ist und in der Region möglicherweise auch vorübergehende extreme Nahrungsengpässe herrschen, die die Tierpopulationen insgesamt betreffen, geht aus der Veröffentlichung nicht hervor.

Künftig jedenfalls werde sich der Energieverbrauch der Tiere noch erhöhen, schreiben die Wissenschaftler. Denn wenn das Eis durch den Klimawandel weiter zurückgeht, müssten die Tiere länger wandern oder schwimmen, um feste Eisschollen zu finden, auf denen sie jagen können.

Quelle: jom / dpa
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