Erde & Klima
Erdepoche „Anthropozän“

Die Narben der Zivilisation

Von Christian Schwägerl
© dpa, F.A.Z.

Um zu sehen, wie Menschen die Erde verändern, reicht ein Rundumblick im eigenen Leben: Unsere Städte aus Stein, Glas, Beton bilden weltweit eine neue geologische Struktur. Unser Essen kommt direkt aus vom Menschen dominierten Agrarlandschaften. Der Abfall, den wir erzeugen, landet auf Deponien. Jede Autofahrt, jeder Flug trägt zum Klimawandel bei. Doch summiert sich all dies, multipliziert mit der Zahl der Menschen, nicht nur zu den allseits bekannten Umweltproblemen, sondern zu viel mehr - einer neuen geologischen Erdepoche, dem Anthropozän?

Jeder Schüler lernt heute, dass wir im Holozän leben, der geologischen Erdepoche, die mit dem Ende der letzten Eiszeit vor rund 11 600 Jahren begonnen hat. Es war der französische Zoologe und Paläontologe Paul Gervais, der 1867 diesen Begriff als Erster vorschlug, um das „gänzlich Neue“, so die Übersetzung aus dem Griechischen, vom vorangegangenen, von Kälte geprägten Pleistozän abzugrenzen. Für hundert Jahre blieb Gervais’ Idee jedoch alles anderes als selbstverständlich und gehörte nicht zum weltweiten Schulbuchwissen.

Zuerst dauerte es 18 Jahre, bis das Holozän-Konzept auf dem Dritten Internationalen Geologen-Kongress 1885 überhaupt offiziell Gehör fand. Für weitere 82 Jahre blieb seine Nutzung dann weitgehend auf Europa beschränkt. Erst 1967 akzeptierte nach langwierigen Diskussionen auch die US-amerikanische Kommission für stratigraphische Nomenklatur das Holozän und sorgte damit für eine weltweite Anerkennung.

Müllkippe Meer
© dpa, F.A.Z.

Geologen operieren nach den Kosmologen mit den größten Zeitabschnitten in der Naturgeschichte. Sie sind für alle Prozesse zuständig, seit die Erde sich gebildet hat. Deshalb sollten sie sich auch ausreichend Zeit nehmen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Die Erdgeschichte in stimmige, aussagekräftige und für die Forschung nützliche Kapitel und Unterkapitel einzuteilen ist ein schwieriges naturwissenschaftliches Unterfangen, bei dem Moden und Zeitgeist keine Rolle spielen sollten. Eine Disziplin, die alle paar Jahre eine neue Epoche ausriefe, stünde ziemlich schnell blamiert da.

Die 11 600 Jahre des Holozäns seien aus geologischer Sicht extrem kurz, ein Zwanzigstel der Zeit des vorangegangenen Pleistozäns, sagt Hans-Georg Herbig, Geologe an der Universität Köln und seit Jahresbeginn Vorsitzender der Deutschen Stratigraphischen Kommission (DSK). Typische Epochen würden mehrere Millionen Jahre dauern. Deshalb erscheint es ihm und manchem anderen Geologen auch verwegen, dass mit dem Anthropozän nun bereits über einen Nachfolger für das Holozän diskutiert wird. Mit wissenschaftlichem Nachdruck vorgeschlagen haben die „Epoche des Menschen“ der Chemie-Nobelpreisträger Paul J. Crutzen und der Biologe Eugene Stoermer im Jahr 2000. Sie argumentierten, der moderne Mensch verändere Klima, Natur und Geologie der Erde so tiefgreifend und langfristig, dass dies einen neuen Einschnitt nötig mache. Im Holozän, so die Botschaft, war der Mensch noch von einer unerschöpflich wirkenden Umwelt umgeben, im Anthropozän gestaltet er diese selbst.

Seit 2009 beschäftigt sich im Auftrag der Internationalen Kommission für Stratigraphie, einer Institution, die über die Einteilung der Erdgeschichte wacht, die inzwischen 37-köpfige „Anthropocene Working Group“ unter dem Vorsitz des Geologen Jan Zalasiewicz von der britischen University Leicester mit der Frage, ob das Anthropozän in der Geologie offiziell anerkannt und letztlich auch in Schulbüchern landen soll. Dazu muss es strikte Kriterien erfüllen, vor allem, dass es einen globalen Umbruch darstellt, der langfristig messbar ist, sich deutlich von der bisherigen Epoche unterscheidet.

Algenblüten an den Küsten. Die Aufnahme ist ein Komposit aus radiometrischen Messungen des Suomi NPP-Satelliten.
© Nasa, F.A.Z.

Vergangene Woche ließen 24 der Anthropozän-Forscher in der Zeitschrift „Science“ erkennen, wie die Arbeitsgruppe voraussichtlich entscheiden wird: „Die besonderen Merkmale der jüngsten geologischen Erhebungen unterstützen die formale Anerkennung des Anthropozäns als einer stratigraphischen Einheit“, schreiben sie. Es geht um die Frage, ob menschliche Eingriffe in das Erdsystem so global und vor allem so langfristig sind, dass ein hypothetischer Geologe sie in einer Million Jahren erkennen würde.

Die in „Science“ präsentierten harten Fakten gehen über die Schlagworte der Umweltdebatte wie den Klimawandel weit hinaus: Seit der Zeit vor 2,4 Milliarden Jahren, als Cyanobakterien große Mengen Sauerstoff freisetzten und damit im Ozean gelöste Metalle oxidierten, seien nicht mehr so viele neuartige Mineralien in so kurzer Zeit in Umlauf gekommen wie seit dem Beginn der Industrialisierung. Auch die aktuelle Anreicherung von Stickstoff in der Biosphäre durch aus der Luft gewonnenen Dünger ist über diesen Zeitraum hinweg der Studie zufolge ohnegleichen. Plastik und andere synthetische Stoffe bis hin zu künstlichen Elementen seien in der Biosphäre inzwischen allgegenwärtig, viele von ihnen über geologische Zeiträume persistent.

Langfristige Folgen haben beispielsweise auch die Expansion von Staudämmen, die Sedimente in den Oberläufen von Flüssen zurückhalten, und die Schleppnetzfischerei, die bereits weite Bereiche des Ozeanbodens dauerhaft zerfurcht hat. Der moderne Mensch, so die Botschaft der Studie, ist von der Tiefsee bis an den Rand der Atmosphäre präsent - und sein Tun wird auch in ferner Zukunft sichtbar sein.

Das Anthropozän umfasst auch den Lauf der Evolution: Dass durch Schiffe und Flugzeuge Tausende von Arten von einem Kontinent zum anderen gelangen, was ohne das Zutun des Menschen kaum passieren würde, wird die Natur der Zukunft und das, was in Form von Fossilien von ihr übrig bleibt, prägen. Wenigen tausend wild lebenden Tigern stehen heute Hunderte Millionen Hauskatzen gegenüber, so dass bereits klar ist, wer auf absehbare Zeit mehr Fossilien hinterlassen wird.

Komposit-Aufnahme des Suomi-NPP-Satelliten.
© Nasa, F.A.Z.

Doch bei weitem nicht alle Stratigraphen sind mit dem Kurs der Anthropozän-Gruppe einverstanden. Die Kritik der Deutschen Stratigraphischen Kommission könnte deutlicher nicht sein. Man habe sich in den vergangenen Jahren mehrfach mit dem Anthropozän beschäftigt, erklärt der Vorstand der Organisation: „Nach kurzer Diskussion waren sich die elf Vorstandsmitglieder stets darin einig, dass der Begriff für geologische Arbeiten rein gar nichts bringt, deshalb in der Geologie entbehrlich ist und wir auch keine Epoche oder eine andere stratigraphische Kategorie mit dem Namen Anthropozän brauchen.“

„Wenngleich die anthropogen verursachten Eingriffe in der jüngsten Erdgeschichte ohne Zweifel enorm sind, ist das in der Gesamtschau unseres Planeten nicht einmal ein Wimpernschlag, den wir in der älteren Erdgeschichte nur als Event bezeichnen würden“, sagt DSK-Vorsitzender Hans-Georg Herbig. Dem widerspricht Felix Gradstein, langjähriger Herausgeber der „Geologic Time Scale“ und früherer Präsident der Internationalen Kommission für Stratigraphie: „In meinen Augen hat die Stratigraphie-Kommission eine goldene Gelegenheit, zu zeigen, dass sie die fundamentalen Veränderungen, die wir auf der Erde bewirken, sehr ernst nimmt.“ Die deutschen Skeptiker haben noch ausreichend Möglichkeit, ihre Bedenken einzubringen: Nachdem die Arbeitsgruppe Mitte 2016 ihr Votum bei der übergeordneten „Quartär-Unterkommission“ abgegeben hat, wird diese weitere Forschungen anstellen. Sollte dann die wiederum übergeordnete Internationale Stratigraphie-Kommission das Anthropozän mit Mehrheit befürworten, muss die International Union of Geological Sciences dies noch ratifizieren.

Zu entscheiden wäre dann auch, wann genau die neue Erdepoche beginnen soll. Unter den Anthropozän-Befürwortern gibt es verschiedene Lager: Der amerikanische Paläoklimaforscher William Ruddiman fordert einen frühen Beginn vor 8000 Jahren, da bereits die Methanemissionen aus dem ersten Reisanbau das Weltklima beeinflusst hätten. Ein origineller Vorschlag kam Anfang 2015 von Mark Maslin und Simon Lewis vom University College London. Sie beschrieben in „Nature“, wie der Genozid an den nordamerikanischen Indigenen um das Jahr 1610 herum zu so starkem Waldwachstum führte, dass weltweit die Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre und mit ihr die Durchschnittstemperatur sank.

Ungewöhnliches Konzept: Paul Crutzen
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Der Mitbegründer der Anthropozän-Idee, Paul J. Crutzen, favorisierte anfangs die Erfindung der Dampfmaschine als Startzeitpunkt für die neue Erdepoche. Inzwischen hat sich in der Anthropozän-Arbeitsgruppe als neuer Favorit die Zeit zwischen 1945 und 1950 durchgesetzt - als die ersten Atombomben große Mengen Radionuklide freisetzten, Plastik zum globalen Wirtschaftsgut wurde und die sogenannte „Große Beschleunigung“ von Transport, Konsum und Abfallproduktion ihren Lauf nahm.

Offen ist auch, ob es wie bei anderen geologischen Zeitabschnitten einen konkreten Ort geben soll, der das Anthropozän repräsentiert - die Suche danach könnte britische Kohlebergwerke ebenso einschließen wie das Gelände des ersten Atomtests oder, positiv gewendet, eine artenreiche Stadt als menschgemachte Höhlenstruktur.

Das Anthropozän-Konzept lässt die Erdgeschichte in neuem Licht erscheinen und weist zugleich weit in die Zukunft. Das lässt viele Interpretationen zu. Manche, etwa der australische Ethiker Clive Hamilton, sehen es allein als Summe aller Umweltprobleme und würden lieber, etwa in Form des Worts „Kapitalozän“, die Schuldigen am Klimawandel benennen, als über den „Anthropos“, also den Menschen als solchen, eine Art Sippenhaft für alle einzuführen. Andere, etwa Kathleen Dean Moore und Eileen Crist, sehen in der Idee selbst Größenwahn und menschliche Selbstfixierung am Werk und warnen, die Anthropozän-Idee sei eine Art Trojanisches Pferd von Technokraten. Eine dritte Perspektive ist es, das Anthropozän als eine Art Bewusstwerdungsprozess zu begreifen, wie tief unsere menschliche Verantwortung in die Zukunft reicht. Der heute 82-jährige Paul Crutzen, 1995 mit dem Nobelpreis für seinen Beitrag zum Erhalt der Ozonschicht geehrt, formuliert den Auftrag, dass die Anthropozän-Bewohner zu „Bewahrern des Erdsystems“ avancieren könnten.

Auf dieser vielfältigen metaphorischen Ebene ist die neue Erdepoche bereits anerkannt. Museen, Universitäten und Kulturinstitutionen in aller Welt gebrauchen den Begriff wie selbstverständlich, soziale Medien sind voll von ihm. Ob das Anthropozän allerdings in die offizielle Zeitrechnung der Geologie Einzug halten und letztlich in Schulbüchern landen wird, entscheidet sich erst noch - in einem langwierigen Prozess der Geologen-Community mit offenem Ausgang, bei dem um Positionen gerungen wird, um in Abstimmungen Mehrheiten zu erzielen. Dabei wird sehr deutlich werden, wie menschlich die Kriterien sind, nach denen Menschen die Erdgeschichte einteilen.

Augenzeugen des Anthropozäns „Die gesamte Oberfläche der Erde trägt heute den Eindruck der Macht des Menschen.“ Georges-Louis Leclerce de Buffon, 1753. „Es scheint für die Wissenschaft (...) von besonderem Interesse, das Neue, das Werdende zu betrachten, und in diesem Sinne mag auch das Wirken des Menschen ein würdiger Gegenstand der Geologie sein.“ Ernst Fischer, deutscher Geologe, 1914 „Das Anthropozän ist eine offenkundige Wirklichkeit. Wir hinterlassen unsere Spuren überall.“ Susan Trumbore, Max-Planck- Institut für Biogeochemie, 2011
Quelle: F.A.Z.
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