Wie das Erdklima steuern?

Geoengineering ohne Grenzen

Von Ulrich Schaper
 - 10:40
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Wenn man Steven Chu vor gut acht Jahren hätte machen lassen, dann wäre die Welt heute ein gutes Stück weißer. Vielleicht wäre sie sogar ein bisschen kühler, wer weiß das schon. Der damalige Energieminister von Präsident Barack Obama hatte bei einem Nobelpreisträgertreffen im Jahr 2009 sowie später in einer wissenschaftlichen Publikation dafür geworben, sämtliche Oberflächen weiß einzufärben. Autos, Häuserdächer, Straßen – alles weiß überpinseln. Die Sonnenenergie, die von dunkleren Flächen ansonsten absorbiert wird und für eine Erwärmung sorgt, sie wäre dann, so der Plan, vermehrt zurück ins All reflektiert worden. Chus Vorschlag wurde nicht umgesetzt. Die Dächer und Straßen blieben grau, die Autos vorwiegend schwarz, und die Erde? Sie wärmt sich weiter auf. Um mittlerweile 0,86 Grad Celsius über dem Durchschnitt des zwanzigsten Jahrhunderts, wie die amerikanische Klimabehörde NOAA jüngst mitteilte. Könnte es also sein, dass Chus Vorschläge schon bald wieder aus der Schublade geholt werden, und mit ihnen eine ganze Reihe anderer technischer Maßnahmen, die unter dem Oberbegriff Geoengineering zusammengefasst werden und die helfen sollen, den globalen Temperaturanstieg einzudämmen?

Im Jahr 2015 einigte sich die Weltgemeinschaft in Paris darauf, die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius, wenn möglich auf 1,5 Grad Celsius begrenzen zu wollen. Die Tinte unter dem Vertragswerk war noch nicht trocken, da mehrten sich die Stimmen, die Zweifel hegten, dass diese Ziele – bei denen man davon ausgeht, dass deren Erreichung einen gefährlichen Klimawandel unterbindet – kaum mehr einzuhalten sind. Die Absichtserklärungen zur Emissionsminderung jedenfalls, die die einzelnen Staaten bislang eingereicht haben, geben Anlass zur Sorge: Die dort angekündigten Kohlendioxid-Emissionen würden zu einem Temperaturanstieg von 3,2 Grad Celsius bis zum Ende des Jahrhunderts führen. Unter welchen Umständen also kann das Ziel des Pariser Abkommens noch erreicht werden?

Klimawissenschaftler wie Johan Rockström und Hans Joachim Schellnhuber rechnen so: Um das Zwei-Grad-Ziel mit einer 66-prozentigen Wahrscheinlichkeit zu erreichen, stehe der Weltgemeinschaft noch ein Kohlendioxid-Budget von 843 Gigatonnen zur Verfügung. Um das ambitionierte 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, sogar nur noch 110 Gigatonnen. Bei etwa 40 Gigatonnen, die die Weltgemeinschaft derzeit jährlich in die Atmosphäre entlässt, blieben also noch zwanzig Jahre, um unterhalb der Zwei-Grad-Schwelle zu bleiben; die Empfehlung aber lautet: Spätestens 2020 sollte der Peak erreicht sein, die Emissionen ab diesem Zeitpunkt nur noch sinken. Auch die beiden Klimaforscher machen keinen Hehl daraus, dass flankierende Maßnahmen nötig seien. So müsse man die Abholzung stoppen, müsse bestehende Senken wie Wälder und Ozeane schützen, brauche eine Landwirtschaft, die dafür Sorge trägt, dass weniger Kohlendioxid emittiert wird, und ja, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, müsse man neben den Emissionsreduktionen auch über den Einsatz künstlicher Kohlenstoffspeicher, sogenannter Carbon-Capture-and-Storage-Lösungen (CCS) nachdenken. Seit seinem letzten Synthese-Bericht zieht auch der Weltklimarat IPCC technische Lösungen in Betracht, um in die Atmosphäre ausgestoßenes Kohlendioxid wieder zurückzugewinnen – Fachleute sprechen von negativen Emissionen. Dabei werden aber die Methoden nicht näher spezifiziert, obgleich sie bei der Berechnung der Klimaszenarien durchaus berücksichtigt werden.

Es gibt gleichwohl Kritiker, die mahnen, bei den IPCC-Szenarien handele es sich um überwiegend ökonomisch orientierte Modelle, die die Potentiale der negativen Emissionen überbewerten.

Bei den derzeitigen Emissionspfaden wächst dennoch die Wahrscheinlichkeit, dass die Gesellschaft keine Wahl mehr hat und auf solche Technologien zurückgreifen muss. Von Kohlenstoffextraktion (Carbon Dioxide Removal, CDR) reden heute die einen in der internationalen Debatte, die anderen wollen gleich in den planetaren Strahlungshaushalt eingreifen (Solar Radiation Management, SRM). Alles zusammen firmiert unter Geoengineering oder Climate-Engineering. Das von Rockström und Schellnhuber genannte Beispiel des CCS, also die Abscheidung und Lagerung von Kohlendioxid, ist dabei noch eine realitätsnahe, wenig radikale Methode. Künstliche Bäume, reflektierende Gletscherverpackungen, Wolkenaufhellung und Verbringung kleiner Spiegel in die Hemisphäre hingegen hören sich eher an, wie Science-Fiction; in den Denkfabriken aber ist alles erlaubt. Nur: Wer soll über den Einsatz der Technik entscheiden? Wann und wie lange darf sie zum Einsatz kommen? Wer haftet für mögliche Umweltschäden?

„Die meisten Ansätze im Bereich des Climate-Engineering lassen sich nicht im Labor nachstellen. Schon bei der Untersuchung und Erprobung der notwendigen Großforschungsvorhaben scheinen die gesellschaftlichen Risiken, die man kaum abschätzen kann, zu überwiegen. Und über die Vorteile, die solche Techniken bringen, wissen wir noch zu wenig“, sagt Sabine Schlacke, Umweltrechtlerin an der Universität Münster und Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung. „Abgesehen davon ist das Signal das falsche: Eigentlich muss das Ziel sein, das Engagement im Klimaschutz zu intensivieren, die Ursachen für die Erwärmung zu bekämpfen und nicht deren Ausprägung.“

Da es sich bei den meisten Geoengineering-Ansätzen um grenzüberschreitende Maßnahmen handelt, müsste es einen völkerrechtlichen Regelungsrahmen geben, um Einsatz und Haftung politisch zu legitimieren. Nach dem im Umweltrecht geltenden Vorsorgeprinzip haben bereits heute alle Staaten die Pflicht, Handlungen zu unterlassen, die negative grenzüberschreitende Folgen haben könnten. Wobei im Einzelfall nicht spezifiziert ist, was negativ bedeuten könnte. „Wenn Umweltschäden auftreten, dürfte es zudem schwer werden, nachzuweisen, welche Staaten dafür verantwortlich sind. Um im nächsten Schritt ein Verfahren anzustreben, würde man einen Konsens der Parteien benötigen, dass sie sich vor ein Schlichtungsgremium begeben“, sagt Schlacke. „Die Aussichten auf Erfolg sind daher relativ gering.“ Es ist offenbar, dass das Vorsorgeprinzip beim Entwurf eines bindenden Rechtsrahmens nur ein Anhaltspunkt sein kann, vermag es das Kernproblem – die bestehenden Zielkonflikte beim Einsatz großtechnischer Lösungen – nicht zu beheben: Während auf der einen Seite das Risiko eines gefährlichen Klimawandels droht, scheinen auch technische Eingriffe ins Erdsystem wenig beherrschbar und hinsichtlich ihrer Folgen kaum abschätzbar zu sein.

Die Rechtslage ist derzeit vage; im internationalen Kontext lassen sich gleichwohl einige Anhaltspunkte finden, die Geoengineering zumindest teilweise berühren. So werden unter der Londoner Konvention (1972) und dem anhängigen Londoner Protokoll (1996) – eigentlich Werke, die Regelungen zur Abfallbeseitigung im Meer enthalten – explizit Vereinbarungen zur Ozeandüngung getroffen. Seit 2013 sind demzufolge nur Projekte mit Forschungscharakter erlaubt, und dies auch nur dann, wenn negative Umweltwirkungen ausgeschlossen sind. Das Übereinkommen könnte auch für andere Felder des Geoengineering beispielhaft sein. Ein Sonderfall in Bezug auf großskalige Eingriffe ist die ENMOD-Konvention aus dem Jahr 1978. Sie kann als Reaktion militärischer Interventionen gewertet werden und verbietet den militärischen Einsatz von wetterverändernden Maßnahmen. Für Überlegungen im Hinblick auf den Klimaschutz kann sie gleichwohl nützliche Grundlagen liefern, da sie die Manipulation von Hydro- und Atmosphäre sowie Flora, Fauna und Erdkruste untersagt.

Warnung vor zu viel Technik

Die Vertragsstaaten der Biodiversitäts-Konvention haben Gefährdungen durch technische Eingriffe bereits frühzeitig erkannt und diese, wenn auch in sehr allgemeiner Form, im Moratorium X/33 geregelt. Der Beschluss aus dem Jahr 2010 untersagt angesichts der fehlenden wissenschaftlichen Kenntnisse und aus Mangel an geeigneten globalen, transparenten und wirksamen Kontroll- und Regelungsmechanismen die Durchführung großskaliger Geoengineering-Maßnahmen. Zumindest so lange, bis es eine geeignete wissenschaftliche Grundlage gibt, auf deren Basis die Risiken für Umwelt und Biodiversität sowie die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Folgen ausreichend geprüft werden können. Unberührt von diesem Moratorium bleiben kleinskalige Vorhaben wie die CCS-Technologien.

„Entscheidend bei der jeweiligen Bewertung ist, wo Geoengineering stattfindet“, sagt Sabine Schlacke. Auf dem Gebiet einzelner Staaten durchgeführt, sei vor allem nationales Recht berührt; auf hoher See oder in der Atmosphäre hingegen seien mehrere, wenn nicht alle Staaten involviert. „Es bräuchte einen völkerrechtlichen Vertrag, der ein repressives Verbot mit Erlaubnisvorbehalt enthält. Es muss klar sein: Eigentlich wollen wir gar kein Climate-Engineering. Wenn es doch dazu kommt, darf es nur die Ultima Ratio sein.“

Der Druck, einen entsprechenden Regelungsrahmen zu schaffen, steigt stetig: zum einen, da die Kohlendioxid-Emissionen in diesem Jahr erstmals wieder gestiegen sind, zum anderen, weil die Idee eines kurzfristigen Überschreitens der Zwei-Grad-Marke („Overshooting“) immer mehr Gegenstand der Klimaverhandlungen wird. Wohlgemerkt: Selbst die kurzfristige Überschreitung kann bisher nicht vorhersehbare ökologische Folgen hervorrufen. In einem in der Zeitschrift „Nature“ veröffentlichten Positionspapier fordern Oliver Geden, Klimaexperte der Berliner Wissenschaft und Politik, und Andreas Löschel, Experte für Energie- und Ressourcenökonomik der Universität Münster, daher, dass die Klimaforschung klare Grenzen für Ausmaß, Dauer und Zeitpunkt des Overshootings ziehen muss. Beide befürchten, dass sich die Staaten aufgrund des scheinbar unrealistischen 1,5-Grad-Ziels einen Leerlauf gönnen und vermehrt auf künftige großtechnische Lösungen setzen. „Es besteht die Gefahr, dass die Staaten die Klimaziele nicht mehr als absolute Grenze respektieren. Dadurch könnte das Verantwortungsgefühl in der Klimapolitik erodieren“, wie die beiden Wissenschaftler schreiben.

Tatsächlich hält das Abkommen von Paris keine Lösung parat für diesen Fall. Nirgends ist geregelt, welche Temperaturüberschreitung annehmbar ist, wie lange diese dauern darf und wie es anschließend gelingen wird, die Erde wieder abzukühlen. Es scheint immer wahrscheinlicher, dass die gängigen Klimaschutz-Konzepte der Anpassung (Adaption) und Emissionsreduktion (Mitigation) um den Maßnahmenkomplex der negativen Emissionen erweitert werden müssen. Allgemeine internationale Regelwerke existieren vereinzelt; für eine realpolitische Umsetzung der mitunter fragwürdigen Technik jedoch genügen diese derzeit bei weitem noch nicht.

Quelle: F.A.Z.
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