Extremwetter

Willst du mit mir hausen, mit der Bestie draußen?

Von Lea-Melissa Vehling
 - 10:11

Dass Wetter und Wohlbefinden eng beieinander wohnen, wie der Franzose weiß, lässt sich kaum bestreiten. Seit einiger Zeit macht uns das Wetter vor allem aber die Füße nass. Kaum entladen sich die Wolken, sind unter sämtlichen Vordächern entlang von Häuserfassaden eng zusammengedrängt Menschen zu beobachten, die gemeinschaftlich analysieren, schwadronieren oder aufgeregt ihre Smartphones zücken, um das Ereignis zu dokumentieren. Daraufhin überschwemmen Beiträge wie jüngst unter dem Hashtag #Unwetter die Seiten von Instagram und Co. Verständlich: Extreme Schwankungen sind hierzulande eher ungewohnt. Der Verdacht fällt deshalb schnell auf den Klimawandel.

Nicht so in den Vereinigten Staaten. Tornados gehören zu Amerika wie überdimensionierte Autos und XXL-Burger. Regelmäßig erschallt dort die Tornadosirene, die zur Suche nach einem geschützten Ort auffordert. Bei Häusern aus Holz ist das gar nicht immer so einfach. So kommt es vor, dass Betroffene ohne Keller auf die Badewanne als einzigen gemauerten Bestandteil des Hauses ausweichen müssen. Mutter, Vater, Kind verteilen sich auf alle verfügbaren Sanitäranlagen im Haus. Klimawandel hin oder her, das Kuscheln in der Badewanne gehört dazu – und das war schließlich schon immer so.

Klimawandel als sozialer Motor?

Gelassenheit ist Trumpf. Bringt aber oft nicht weiter. Ein Drittel der Amerikaner glaubt immer noch nicht an den anthropogenen Klimawandel. In Deutschland hingegen wecken jeder heiße Tag und jedes laute Gewitter neue Aufgeregtheit um den Treibhauseffekt. Schön, wenn daraus auch ein umweltbewussteres Verhalten folgt. Noch schöner, wenn Blitze und Donner auch noch für Begegnungen und prall gefüllte Feeds in sozialen Netzwerken sorgen. Der Klimawandel als sozialer Motor.

Das Verhalten der Menschen lässt jedenfalls vermuten, dass das klimatisch zunehmend verkorkste Wetter bisher vor allem ihren Wunsch nach menschlicher Nähe erfüllt. Sie finden sich, wenn sie dicht an dicht unter Dachvorsprüngen und Regenschirmen stehen oder aufgeregt den Wetterbericht an der Supermarktkasse diskutieren und gemeinsam im nächstgelegen Unterschlupf auf die nächste Trockenphase warten. Da ist es fast schade, so darf man als junger Mensch sagen, dass die deutschen Windgeschwindigkeiten keine Annäherungsversuche in der Badewanne hergeben.

Quelle: F.A.Z.
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