Hochwasserschutz

Ein Wettlauf gegen die drohenden Fluten

Von Joachim Müller-Jung
 - 15:23
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Vor dem Wasser sind alle gleich: Egal, ob man im wohlhabenden Norden lebt, in Europa oder Nordamerika, ob man im fernen Asien wohnt oder im armen Afrika – überall heißt es jetzt: planen, anpacken und bauen, um nicht unterzugehen – und zwar schnell und überall. Es ist keine Zeit mehr zu verlieren. So lautet die zentrale Botschaft einer neuen Klimastudie, in der das Hochwasserrisiko durch übertretende Flussufer mit einigen der ausgefeiltesten Klimamodellen und hydrologischen Simulationsrechnern durchgerechnet wurde.

Zum ersten Mal hat man so zumindest für eine überschaubare Zukunft, nämlich die kommende Generation (für die Zeit bis 2040), eine halbwegs aussagekräftige Prognose, was die Überflutungsrisiken an den großen Flüssen dieser Welt angeht. Und zwar quer über den gesamten Planeten, von den Kontinenten und wegen der zehnfach höheren räumlichen Auflösung dieser Modelle bis hinunter zu den Regionen und einzelnen Metropolen. Fazit: „Der kurz- und mittelfristige Anpassungsbedarf ist wegen der Klimaerwärmung überall groß, am größten aber in den Vereinigten Staaten, in Teilen Indiens und Afrikas, Südostasien und in Mitteleuropa – einschließlich Deutschland.“

Natürlich sind in weiten Teilen vor allem der Industrieländer entsprechende Hochwasserschutzmaßnahmen, vom Deichausbau bis zu veränderten Baustandards und Siedlungsverlagerungen, bereits eingeleitet. Die ungünstigen Klimaszenarien, die vom beschleunigten Treibhauseffekt herrühren, sind für fortschrittliche Hochwasserbehörden schließlich nichts Neues.

Die Veränderungen der Temperaturen und Regenwahrscheinlichkeiten lassen sich für die nächsten zwei, drei Dekaden einigermaßen genau abschätzen, und sie werden sich auch dann nicht ändern, wenn die avancierten Klimaschutzmaßnahmen greifen sollten, die man in Paris beschlossen hat. Aber was von den Hochwasserschutzmaßnahmen wirklich umgesetzt wird, weiß heute keiner. Und so haben sich die Wissenschaftler des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung um Sven Willner und Katja Frieler darauf verlegt, das Level der heutigen Schutzmaßnahmen ebenso wie die aktuellen Bevölkerungszahlen und -verteilungen für ihre Berechnungen auf dem heutigen Niveau zu halten. Was in ihren Modellen dazu führt, dass die schon heute gravierenden nationalen und regionalen Ungleichheiten im Hinblick auf den Hochwasserschutz in Zukunft noch viel stärker ins Gewicht fallen könnten. Denn während fortschrittliche Länder wie in Europa oder Teilen der Vereinigten Staaten und Asiens schon anfangen, auf die sukzessive Erwärmung, die Häufung von Extremwetterlagen und die erhöhten statistischen Niederschlagsmengen zu reagieren, hinkt das Risikobewusstsein oder die Investitionsbereitschaft in der Mehrheit der Länder weit hinterher.

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HochwasserlageDas Wasser geht - Schlamm und Müll bleiben

Und noch etwas führt dazu, dass das Hochwasserrisiko in vielen Gegenden eher noch größer ausfallen wird als jetzt prognostiziert: Die Forscher berechneten zwar die Intensität der Fluten, wie sie sich aus den prognostizierten Klimadaten jeweils ergibt, aber sie berücksichtigten nicht die Dauer der jeweiligen Hochwasser und wie oft Extremhochwasser übers Jahr auftreten könnten. Und: Auch die durch Wirbelstürme verursachten, oft großflächigen Überflutungen, wie das besonders im vergangenen Jahr in der Karibik und im Süden der Vereinigten Staaten zu beobachten war, sowie die Bevölkerungskonzentration in den großen Städten (die überwiegend fluss- und küstennah liegen) sind nicht mit eingerechnet worden. „Die tatsächliche Zunahme an betroffenen Menschen dürfte noch höher als von uns kalkuliert sein“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Publikation in „Science Advance“: Heißt also: Hier wurde sehr vorsichtig gerechnet.

Selbst diese vorsichtigen Schätzungen aber lassen eines aber klar erkennen. Die Flutrisiken steigen offenbar gewaltig – bei einer eigentlich noch recht moderaten Erderwärmung. Millionen Menschen werden betroffen sein. Bereits die sieben Jahre zwischen 2008 und 2015 sind in die Geschichte als diejenigen eingegangen, in denen übertretende Flüsse der wichtigste Grund für lokale – und mitunter dauerhafte – Evakuierungen gewesen ist. Allerdings ist die Zahl der Todesfälle durch Hochwasser seit fast drei Jahrzehnten einigermaßen stabil – was für die bereits laufende Modernisierung der Hochwasserschutzmaßnahmen in vielen Ländern spricht.

Die prognostizierten Zahlen sind also alles in allem zwar mit Vorsicht zu genießen. Dennoch machen sie deutlich, dass die meteorologischen Veränderungen und die sich daraus ergebenden Unwetter ein konsequentes Handeln und rasche Planungen erforderlich machen. Die Zahl der Menschen etwa, die von den stärksten zehn Prozent der Hochwasserereignisse betroffen sein werden, wird sich in Nordamerika um das Zehnfache erhöhen – in den Potsdamer Modellen von Hunderttausend auf knapp eine Million Flussanwohner. Die entsprechende Steigerung in Deutschland: von Hunderttausend auf Siebenhunderttausend, eine Vervielfachung auch hier also (unter der Maßgabe, wie erwähnt, dass die Bevölkerungszahl in etwa stabil bleibt).

Viel dramatischer freilich soll sich die Hochwassersituation in Südamerika entwickeln, wo schon heute knapp sechs Millionen Menschen von Extremfluten bedroht sind, und mindestens eine Verdoppelung der Zahl von Hochwasserbetroffenen erwartet wird. Noch gewaltiger die Zahlen anderswo: In Afrika haben die Forscher eine Steigerung von 25 auf 34 Millionen gefährdeten Flussanwohner kalkuliert (Schwerpunkt Niger, Sambesi und Nil sein), im fernen Asien – historisch das ohnehin von Extremfluten am stärksten betroffene Erdregion – gar von 70 auf 156 Millionen. Allein in China sollen dann mindestens 55 Millionen Menschen stark gefährdet sein, in Indien gehören 26 von 36 Bundesstaaten zu den am stärksten gefährdeten Gebieten, ebenso große Teile Vietnams.

Gute Infrastruktur wie in hochentwickelten Ländern, schützt vor den Folgen der Regenintensivierung nicht, „davon waren wir überrascht“, schreibt einer der PIK-Autoren, der für die Anpassungsforschung am PIK zuständige Anders Levermann. Das lässt sich besonders gut in Nordamerika erkennen: 42 von 50 Bundesstaaten der Vereinigten Staaten werden mit einem deutlich erhöhten Hochwasserrisiko rechnen und deshalb auch das Schutzniveau an den Ufern erhöhen müssen. In Europa ist es geographisch ein Band, das sich von der Ostsee mit dem angrenzenden Schweden bis nach Polen und Deutschland (speziell Norddeutschland muss mit intensiveren Regenfällen rechnen) zieht. Mehr als die Hälfte der Vereinigten Staaten müssen nach Auffassung der Potsdamer Forscher ihr Schutzniveau innerhalb der nächsten beiden Dekaden mindestens verdoppelt. Was die Megastädte angeht, so stehen auf der Liste der besonders gefährdeten Metropolen: Schanghai, Hongkong, Jakarta, Mexiko City, Sao Paulo, Buenos Aires und Kairo.

„Die Ergebnisse sollten eine Warnung für die Entscheidungsträger sein“, so Levermann. „Wenn wir die vom Menschen verursachte Erwärmung nicht auf deutlich unter 2 Grad Celsius begrenzen, dann werden bis zum Ende unseres Jahrhunderts die Hochwasserrisiken vielerorts in einem solchen Maße ansteigen, dass Anpassung schwierig wird.“

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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