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Fettberg im Abwasserkanal

Der Feuchttücher-Infarkt

Von Rebecca Hahn
 - 09:00
So geräumig ist nicht jedes Braunwasserrohr: Der Fleet Street Sewer leitet seit 1860 Londoner Abwasser in die Themse. Bild: ANDREW TESTA/The New York Times/, F.A.S.

Unappetitlich ist gar kein Ausdruck. Die Klumpen, die Mitarbeiter des britischen Wasserversorgers Thames Water derzeit im Londoner Osten ans Tageslicht wuchten, sind bräunlich und stinken bestialisch. Seit zwei Wochen kämpfen sie schon gegen den 130 Tonnen schweren Pfropfen aus Unrat, der im Stadtteil Whitechapel den Abwasserkanal blockiert. Das Ausmaß von „Fatty McFatberg“, wie das Ungetüm inzwischen heißt, ist rekordverdächtig, aber das Problem nicht neu: Immer häufiger verstopft auch hierzulande das Abwassersystem. Bemerkbar macht sich das an blockierten Pumpen. Die Ursachen liegen aber meistens am anderen Ende des Rohres, wo achtlos runtergespült wird, was eigentlich in den Abfalleimer gehört.

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„Die Ansammlung von Fett ist bei uns eher unwahrscheinlich“, sagt Christian Berger von der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA). Die Kanäle würden regelmäßig gereinigt und inspiziert. Für Betriebe seien außerdem Fettabscheider vorgeschrieben, die Fette und Öle vom Abwasser trennen. Dafür beschäftigt den Verband seit langem ein anderes Thema: Feuchttücher. Sie verklumpen im Abwasser und blockieren die Laufräder und Saugstutzen der Pumpstationen.

Resistent gegen Nässe und dennoch spülbar - wie geht das?

Damit Papier auch im feuchten Zustand stabil bleibt, braucht es sogenannte Nassfestmittel. Nasse Papierfasern quellen nämlich auf, wodurch sich die sogenannten Wasserstoffbrückenbindungen lösen. „Um das zu verhindern, gibt es Schutzmechanismen. Man kann die Kreuzungspunkte durch unpolare Polymere einhüllen, damit kein Wasser mehr eindringen kann“, sagt Markus Biesalski, Papierchemiker an der TU Darmstadt. „Oder man setzt Verstärkungsmechanismen ein und verknüpft die losen Fasern durch chemische Bindungen.“

Mit solchen Tricks werden zum Beispiel Küchenrollen reißfest gemacht. Herkömmliches Toilettenpapier hingegen ist anders aufgebaut. „Es besitzt durch eine spezielle Vorbehandlung der Fasern und der Papiere eine temporäre Nassfestigkeit, was beim ersten Kontakt mit Feuchtigkeit auch gewünscht ist“, sagt Biesalski. „Verbleiben diese Papiere aber in längerem Kontakt mit Wasser, lösen sie sich in Fasern auf.“ Anders verhält es sich mit dem feucht gehandelten Toilettenpapier, das in Wahrheit gar kein Papier ist, sondern ein Vliesstoff. Damit der nicht schon in der Verpackung zu Faserbrei wird, muss er einerseits resistent gegen Nässe sein. Andererseits soll sich das Vlies im Abwasser möglichst bald auflösen, um die Pumpen der Klärwerke nicht zu verstopfen. Für die Hersteller, die ihre Produkte als „flushable wipes“ bewerben, ist das eine Gratwanderung, weil sich die vermeintlich spülbaren Tücher eben nicht sofort in der Toilette auflösen.

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Bereits Küchenpapier gehört nicht ins Klo

Dabei wandert in den Abfluss ohnehin vieles, was definitiv nicht „flushable“ ist. In dem Londoner Fettklumpen finden sich neben Feuchttüchern auch Tampons, Pflaster, Kondome und Windeln. Dabei gehört bereits Küchenpapier nicht ins Klo, sondern in den Abfalleimer, genauso wie Fette und Essensreste. Doch insbesondere bei den praktischen Feuchttüchern scheint dieses Bewusstsein völlig zu fehlen. Gleichzeitig werden sie aber immer beliebter. Seit Anfang der Neunziger habe sich die Vliesstoffproduktion verdreifacht, erklärten Betreiber von Pump- und Klärwerken im März bei einem Expertengespräch der Deutschen Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) zum Thema „Zerreißfeste Faserstoffe und Feuchtreinigungstücher“. In einem Kubikmeter Abwasser fand man bei einer Messkampagne im Mittel sechs bis zehn Vliestücher.

Verschärft wird die Situation dadurch, dass das Vollbad aus der Mode gekommen ist. Der Wasserverbrauch pro Kopf verringerte sich seit den frühen 1990er Jahren um ein Fünftel. Die Anlagen müssen also mit immer weniger Wasser immer mehr Fasern und Feststoffe transportieren. Hinzu kommt die Modernisierung der Kanalisation. Denn Schmutz- und Regenwasser kann auf zwei verschiedene Weisen abgeleitet werden: In der Mischkanalisation fließen beide zusammen zur Kläranlage, in der Trennkanalisation werden sie separat abgeleitet. Für neu zu bauende Anlagen schreibt das deutsche Wasserhaushaltsgesetz eine Trennkanalisation vor, denn damit kann man Regenwasser dezentral versickern lassen, was die Grundwasserneubildung verbessert. Außerdem verhindert dies eine Überlastung der Kläranlagen bei starkem Niederschlag und damit die Gefahr der Verunreinigung von Oberflächengewässern durch ungeklärtes Schmutzwasser.

Doch die Sache hat einen Haken. Das Problem der verstopften Pumpen stehe auch in Zusammenhang mit dem Ausbau der Trennkanalisation, schreibt Mathias Kelsch, Abwassermeister der Verbandsgemeindewerke Pirmasens-Land in Rheinland-Pfalz, in der Branchenzeitschrift „Korrespondenz Abwasser, Abfall“. Denn damit würden die Pumpen nicht mehr wie früher regelmäßig von Regenwassermassen durchspült. Das macht Feuchttücher in der Kanalisation noch verheerender. Selbst die abgesiebten Fasern schon zerfallener Vliesstoffe können sich nun wieder verketten und die gefürchteten Verzopfungen bilden. Die machen allen Gerätschaften den Garaus. Bei Kanalradpumpen setzen sich die Fasern zwischen Laufrad und Gehäuse, wodurch das Rad früher oder später blockiert. Bei Freistrompumpen saugen sich die Zopfgebilde in den Saugstutzen und verdrehen sich, bis sie hart sind wie Beton. Selbst die Werkzeuge der Schneidradpumpen kommen gegen die Fasermassen irgendwann nicht mehr an.

25 000 Euro jährlich für verstopfte Pumpen

Vielerorts wird deshalb aufgerüstet. Die Gemeinde Lemberg in der Nähe von Pirmasens zum Beispiel musste jährlich rund 25.000 Euro ausgeben, um verstopfte Pumpen zu befreien. Saugwagen, Hebezeug und genug Personal mussten ständig vorgehalten werden. „Das konnte keine Dauerlösung sein“, sagt Kelsch. Zusammen mit einem Ingenieurbüro und dem Pumpenhersteller probierten die Betreiber der Mischwasserpumpstation zunächst, den vorhandenen Maschinenpark auf eine andere Betriebsweise umzustellen. Als dieser Versuch nicht glückte, wurde ein Teil der Pumpen aufgeständert und in den Freiraum ein Rührwerk eingebaut, um die Fasern in der Schwebe zu halten. „Die Maßnahme brachte zunächst Erfolg“, sagt Kelsch. So schien es zumindest in den ersten Wochen nach dem Umbau. Doch die Ernüchterung folgte prompt. Jetzt fiel durch die Fasern ständig das Rührwerk aus, und die Mitarbeiter mussten jedes Mal in den Pumpensumpf klettern, um es wieder zu reinigen. Erst der Einbau einer neuen Freistrompumpe habe geholfen, sagt Kelsch. Ihr Laufrad ist in einer separaten Kammer vor möglichen Verzopfungen geschützt. Nach längeren Trockenperioden fiel die Pumpe anfangs trotzdem noch manchmal aus, weil sie mit einsetzendem Regen von großen Faserteppichen umhüllt wurde. Die werden inzwischen von einem Doppelwellen-Zerkleinerer zerhackt. Die Verstopfungen seien damit auf ein erträgliches Maß minimiert worden.

Das Beispiel Lemberg zeigt: Es ist möglich, Pumpstationen gegen die massenhaft eingespülten Feuchttücher zu wappnen. Allerdings ist der technische Aufwand geradezu absurd, wo sich das Problem doch viel einfacher lösen ließe. „Bin it, don’t block it!“, empfiehlt Thames Water angesichts des Londoner Fettpfropfens: „Wirf es weg, statt die Kanalisation zu verstopfen.“ Dazu wollen in Zukunft auch die Teilnehmer der DWA-Veranstaltung noch stärker raten. Im Juli haben sie dazu extra eine Arbeitsgruppe gegründet, die mit einem Bericht über die Auswirkungen von Feuchtreinigungs- und Vliestüchern aufklären soll. Außerdem streben die Hersteller geeignete Prüfverfahren an, um zu bewerteten, wie leicht sich die Vliesstoffe zersetzen. Produkte könnten so besser gekennzeichnet werden. Dann müssten sich nur noch alle an die Empfehlungen auf den Verpackungen halten und tatsächlich nicht mehr jeden Müll die Toilette runterspülen.

Quelle: F.A.S.
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