Meteorologie

Lob des Regens

Von Andreas Frey
 - 10:09

In den neunziger Jahren, in denen man mangels Netflix noch Privatfernsehen schaute, konnte man in den Nachrichten Wetterberichte sehen, die erstaunlich viel Sonne versprachen. Gute Laune war Programm. Deshalb war es üblich, selbst hinter dem dicksten Regenwolkensymbol noch eine Sonne hervorblinzeln zu lassen, auch wenn es den ganzen Tag durchschütten sollte. Der Wetterbericht sollte den Leuten gefallen, nicht den nächsten Tag vermiesen.

Mittlerweile ist die meteorologische Wahrheit den Menschen wieder zumutbar. Dafür darf sich heute jeder Smartphone-Besitzer selbst zusammenreimen, was ihm seine Wetter-App mit all den Symbolen für die nächsten Tage wohl sagen möchte. Ein Symbol allerdings sorgt weiterhin für schlechte Laune: dunkle Wolke, aus der Tropfen fallen. Zieht Regen auf, ist es fast schon obligatorisch, dass sich Meteorologen für das schlechte Wetter entschuldigen. Als ob Regen eine Krankheit wäre, vor der man sich schützen müsse. Und so hören sich dann auch die Moderationen an: Achtung, Niederschläge: Dauerregen gefährdet das Wochenende. Bleiben Sie einfach zu Hause. Es scheint, als leide das ganze Land unter Ombrophobie. Der Angst vor Regen.

Ein Übermaß an schönem Wetter bedeutete Trockenheit und Missernten

Seit wann hat der Regen dieses Imageproblem? Bis zur Industrialisierung fürchtete man sich nicht vor verregneten Tagen – aber sehr wohl davor, dass sie ausbleiben könnten. Ein Übermaß an schönem Wetter bedeutete Trockenheit und drohende Missernten. Schon eine solche Missernte bedeutete nicht selten Hunger. Mehrere hintereinander meistens den Tod.

Für die ersten Zivilisationen war Regen eine Grundlage ihrer Existenz. Mit dem fruchtbaren Monsun blühte schon in der Frühbronzezeit die Indus-Kultur, doch vor rund 4100 Jahren blieb die Regenzeit plötzlich aus. Trotz Wasserreservoirs, die man mühsam in den Fels geschlagen hatte, wurde das Wasser knapp. Für Jahrzehnte herrschte Dürre, 1800 vor Christus war eine der ersten städtischen Zivilisationen der Erde am Ende.

Das zeigt: Dürre, nicht Regen, ist der wahre Gegner der Menschheit – auch in unseren hochtechnologisierten Zeiten noch. Wassermangel bedroht heute zahlreiche Regionen der Erde, der Klimawandel verstärkt das Problem. Während allerdings ein reiches, hochentwickeltes Land eine Trockenperiode ein paar Jahre bis Jahrzehnte zu bewältigen vermag, trifft Dürre ein armes Land wie den Südsudan unmittelbar. Und tatsächlich bringt kein anderes Naturereignis mehr Menschen um. Eine der schwersten dokumentierten Dürrekatastrophen kostete in den Jahren 1876/77 in Indien sechs Millionen Menschen das Leben. Denn anders als Hurrikane, wie sie kürzlich die Karibik heimsuchten, oder wie ein schweres Erdbeben tötet die Dürre in Zeitlupe. Sie ist ein „silent killer“, eine Naturgewalt, die sich anschleicht. Wird sie spürbar, ist es meist schon zu spät.

Es regnet Hunde und Katzen und anderswo auch Ehemänner

In Anbetracht dieser Probleme ist das Mosern über den jüngsten Gurkensommer in Norddeutschland ein Witz. In unserer Weltgegend gibt es kaum einen Monat, in dem nicht ein Tief nach Mitteleuropa suppt. Münster gilt als ein Regenloch, tatsächlich aber kommt im Allgäu deutlich mehr vom Himmel. In Füssen fielen im Mai 1920 auf jeden Quadratmeter kaum vorstellbare 126 Liter in acht Minuten – noch immer deutscher Rekord.

Solche Starkregenereignisse sind tatsächlich nicht unproblematisch, beflügeln aber offenbar die Phantasie. Dass es Katzen und Hunde regnen kann, ist Gemeingut. Weniger bekannt ist, dass es in Deutschland und Dänemark Schusterjungen regnet, in Holland Pfeifenrohre, in Tschechien Schubkarren, in Wales alte Frauen mit Gehstöcken. Polen, Franzosen und Australier wiederum lassen Frösche regnen, Portugiesen Krötenbärte und Spanier sogar Ehemänner.

Derlei wird man künftig wohl häufiger hören. Denn Starkregen fällt in einer wärmeren Welt immer häufiger, während Landregen abnimmt. Doch damit fangen die Probleme erst an, wie die vergangenen Jahre bereits gezeigt haben: In Deutschland wird immer häufiger das Wasser knapp. Regen fällt seltener und unberechenbarer – betroffen davon sind vor allem Franken und große Teile Ostdeutschlands. Dank klugen Wassermanagements muss sich in Mitteleuropa heute allerdings niemand vor Dürrekatastrophen fürchten. In der Antike was das anders: Die Weltgeschichte ist voller unter Trockenheit leidenden oder zugrunde gegangenen Kulturen – man denke nur an die sieben mageren Jahre Ägyptens, von denen die biblische Josephsgeschichte berichtet. Die Maya litten am Ende ihrer klassischen Ära im neunten Jahrhundert unter großer Regenarmut. Anschließend begann auch ihr Niedergang.

Um Nass von oben zu erbitten, waren Menschen zu einigen Opfern bereit

Die Abhängigkeit von der höheren Macht dunkler Regenwolken hinterließ spirituelle Spuren. Um Regen wurde gebangt, gefleht, gebetet. Schon die Sumerer verehrten einen Regengott namens Ishkur, dem auch Akkader und Babylonier huldigten. Im antiken Griechenland war der „Wolkensammler“ Zeus, wie Homer ihn nennt, auch für den Regen zuständig, für die Römer war er Jupiter Pluvius. Aus manchen Kulturen sind neben dem ubiquitären Regentanz auch zahlreiche unorthodoxe Bemühungen überliefert, um Nass von oben zu erbitten. Zum Beispiel nackte Frauen auf den Acker zu schicken, um mit obszönen Liedern die Götter anzurufen. Blieb der Regen aus, kam es vor, dass Bauern ihre Frauen gleich zum Sex auf dem Feld überredeten. Unter den Aborigines wiederum war es üblich, ausgewählten Stammesangehörigen Blut abzuzapfen und die Männer des Stamms damit zu bespritzen. Wer an dieser Zeremonie teilnahm, musste anschließend so lange sexuell abstinent bleiben, bis der erste Regentropfen fiel. Die entsetzlichsten Rituale gehen auf die Azteken zurück. Sie opferten einige ihrer jungen Kinder dem Regengott Tlaloc.

Doch auch die monotheistischen Religionen kennen das Bittgebet um gedeihliches Wetter. Juden bitten am Ende des Laubhüttenfests um eine gute Ernte. Im Islam war es der Prophet Mohammed persönlich, der während einer Trockenzeit ein Regengebet mit offenen Armen himmelwärts richtete. Und in Texas und Kalifornien haben vor ein paar Jahren Christen für Regen gebetet, als eine historische Dürre die Bundesstaaten in eine Staubwüste verwandelte.

Naturwissenschaftlich gesehen, ist das Wasser vom Himmel eines der Phänomene, die es – zumindest in unserem Sonnensystem – allein auf unserer Erde gibt. Zwar regnet es auch auf dem Saturnmond Titan, doch bestehen die Tropfen dort aus flüssigem Methan. Im irdischen Wasserkreislauf verdunstet flüssiges Wasser, steigt als Dampf auf, lässt sich um die Erde tragen und erreicht auf diese Weise noch selbst entlegene Landflächen. Die Details dieses Prozesses sind bis heute nicht vollständig verstanden, vor allem was die Wolkenbildung angeht. In künstlichen Wolkenkammern versuchen Atmosphärenphysiker es nun zu lüften. Denn Wolken sind der größte Unsicherheitsfaktor in den Prognosen über die Folgen der globalen Erderwärmung.

Die Vermessung des Niederschlags

Fest steht jedenfalls, dass zwei Bedingungen erfüllt sein müssen, damit Regen fällt. Zum einen bedarf es kleinster Schwebeteilchen, an denen die Wassermoleküle kondensieren können. Dabei kann es sich um Wüstenstaub handeln, Vulkanasche oder Meeressalz, aber auch um Bakterien, Viren, Sporen und Pollen. Zum anderen sind Eisteilchen notwendig. Sie wirken wie ein Magnet und fangen kleinste Kondensat-Tröpfchen ein. Die Tropfen werden nun größer und größer und irgendwann zu schwer, um sich in der Luft zu halten. Die Tropfen fallen Richtung Erde, regen dadurch aber weitere Tröpfchen-Bildung in der Wolke an, wie eine Studie gezeigt hat, die kürzlich in den „Physical Review Letters“ erschien. Schließlich schlagen die Tropfen auf dem Boden auf. Die ältesten Spuren von Regentropfen wurden in Südafrika gefunden, sie sind 2,7 Milliarden Jahre alt.

Dass Wolken den Regen zur Erde schicken und nicht die Götter, hat vielleicht schon Sokrates vertreten. Zumindest legt ihm sein Zeitgenosse Aristophanes in seiner Komödie „Die Wolken“ die Bemerkung in den Mund, es gebe schließlich keinen Regen ohne Wolken „und er (Zeus) müsste es doch auch bei blauem Himmel regnen lassen“. Ein Jahrhundert später war es dann Aristoteles, der mit seiner „ Meteorologiká“ eine systematische Abhandlung zur Physik der Atmosphäre vorlegte, die bis ins 16. Jahrhundert maßgeblich blieb. Aristoteles betrachtete Regen bereits als Teil eines sonnengetriebenen Kreislaufs, der Wasser aus der Luft entstehen lässt, und schließlich als Regen Quellen und Flüsse speist.

Fasziniert von Regen und dessen Erforschung waren aber nicht nur die Griechen. In einem altindischen Lehrbuch für Staatsrecht, dem Arthashastra, findet sich der älteste schriftliche Beleg für Instrumente zur Regenmessung. Archäologische Hinweise gibt es aus dem Palästina des zweiten Jahrhunderts nach Christus. Es dauerte aber bis ins 15. Jahrhundert, ehe die Regenmessung professionalisiert wurde. Unter dem koreanischen König Sejong (1418 bis 1450) wurde mit Hilfe zylindrischer Gefäße erstmals systematisch Niederschlag gemessen. Dahinter stand bereits die Annahme, dass man umso mehr über die Zukunft des Wetters erfahre, je mehr man über dessen Vergangenheit wisse.

Als der Fortschritt dem Menschen die Freizeit bescherte, wurde der Regen lästig

In der Gegenwart ist die Erde von einem Netz mit 11.000 Wetterstationen überzogen. Sie messen Regenmengen, aber auch Temperatur, Luftdruck, Wind und Sonnenscheindauer. Zudem sind rund dreitausend Handelsschiffe sowie dreitausend Flugzeuge mit Messfühlern ausgerüstet, und etwa 750 Bojen funken aktuelle Werte an die Wetterdienste. Geostationäre Satelliten vermessen außerdem den Wasserhaushalt unseres Planeten, und ein dichtes Netz von Radargeräten tastet die Atmosphäre zuverlässig nach Regen ab. Man kann im Wetterradar ein nützliches Werkzeug im Kampf gegen Unwetter sehen – oder aber als Waffe einer denaturierten Freizeitgesellschaft im Kampf gegen lästig gewordene Tropfen.

Gefährlich war Regen – in unkontrollierten Mengen – schon immer. Allerdings ist die Überschwemmung im Gegensatz zur Dürre eine Naturgewalt von kurzer Dauer. Lästig wurde Regen erst mit der Industrialisierung, die den Menschen zusammen mit der harten Maloche auch die Pausen von derselben bescherte, die Freizeit. Zuvor war in der Agrargesellschaft für Grillabende oder Tage am See keine Zeit. Und der Bauer war froh, wenn es genug regnete. Heute hingegen herrscht Sonnendiktat. Gerade der Sommer muss ausgekostet werden, heißt es. Und mit der Temperatur steigt auch das Freizeitangebot – und damit der Stress. Allein deshalb lohnt es sich, Herbst und Winter endlich lieben zu lernen. Da ruft nichts nach draußen.

Vielleicht ist es kein Zufall, dass zahlreiche Komponisten, Maler und Dichter den Regen als Inspirationsquelle für ihre größten Werke brauchten. Mary Shelley schrieb ihren „Frankenstein“ 1816 im „Jahr ohne Sommer“ am Genfer See, Regen durchzieht das Werk von Charles Dickens. Die launischen Rockgenres Grunge und Indie entstanden in den regenberühmten Städten Seattle und Manchester. Kurt Cobain kam aus dem Örtchen Aberdeen direkt am Pazifik, das als nasseste Stadt Amerikas gilt.

Der nasseste Ort der Erde liegt in Indien

Chopin, schwer gezeichnet von Tuberkulose, soll sein längstes Präludium während eines sehr ungemütlichen Aufenthaltes in einem mallorquinischen Kloster geschrieben haben – das Regentropfen-Prélude. Seine Geliebte George Sand berichtet von einer regenumtosten Nacht, in der sie einen halluzinierenden Chopin antraf, wie er sein neuestes Werk spielte: „Er kam sich vor, als wäre er in einem See ertrunken; schwere, eisige Wassertropfen fielen ihm im Takt auf die Brust“, schrieb sie. Chopin verwahrte sich jedoch gegen diese Interpretation.

Vielleicht ist Regen am schönsten, wenn man ihn riechen kann. Wassermoleküle allein haben zwar keinen Geruch, dafür wirbeln sie beim Aufprall auf den Boden andere Moleküle empor. Der leicht muffige Geruch warmen Sommerregens geht zurück auf Geosmin, den Stoffwechselprodukt eines Bakteriums. Es verleiht Beeten den typisch erdigen Geruch. In Nordindien, wo sich das von der Hitze ausgemergelte Land jeden Frühsommer nach dem Monsun sehnt, wird dieser Duft als Parfüm verkauft: Mitti attar - Duft des Regens.

Wie der Duft natürlich riecht, lässt sich nirgendwo besser testen als in Cherrapunji. Die kleine Stadt liegt in den abgelegenen Khasi-Bergen des ostindischen Bundesstaats Meghalaya. Cherrapunji gilt als nassester Ort der Erde. Als die Briten dort eine Wetterstation installierten, rechneten sie mit großen Mengen, allerdings nicht mit jenen 9300 Litern pro Quadratmeter, die im Juli 1861 niederprasselten. Der Monsun war seinerzeit besonders ausgeprägt, insgesamt fielen in einem Jahr unglaubliche 26.461 Liter Wasser pro Quadratmeter. Cherrapunji ist stolz auf seinen Rekord. Vielleicht muss man dorthin reisen, um den Regen lieben zu lernen.

Literatur:

Cynthia Barnett, „Rain - A Natural and Cultural History“, Broadway Books, New York 2015.

Quelle: F.A.S.
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