1,5 Grad Erwärmung

Fleißarbeit beim Klimaschutz spart Billionen

Von Joachim Müller-Jung
 - 20:50

Als das Paris-Abkommen ausgehandelt wurde, war sie noch einer der Hebel gegen einen allzu rigorosen Klimaschutz: Die umweltökonomische Bilanz. Lohnt es sich, radikal Treibhausgase zu vermeiden, die Energiesysteme konsequent umzustellen? Auch als der amerikanische Präsident Donald Trump kurz nach seiner Amtsübernahme dem Klimaschutz den Rücken kehrte und den Ausstieg seines Landes aus dem wichtigsten Umweltabkommen der Staatengemeinschaft ankündigte, waren die Kosten der fälligen - und von der amerikanischen Vorgängerregierung durch Unterschrift besiegelten - Klimaschutzmaßnahmen das zentrale Argument. Schnell wurde ihm vorgerechnet, wie er sich mit dem Ausstieg ins eigene volkswirtschaftliche Bein schießt. Doch egal, wie die Ökonomen rechneten, es gab immer auch Gegenrechnungen aus dem Trump-Lager. Inzwischen mehren sich aber die unabhängigen wissenschaftlichen Analysen - auch aus Trumps eigenem Land -, die im Sinne des seinerzeit maßgeblichen Londoner Klimaökonomen Nicholas Stern eine durchaus beachtliche Kostenersparnis durch das Abbremsen der weltweiten Erwärmung prognostizieren.

So zeigt eine neue Studie amerikanischer Wissenschaftler um Marshall Burke von der Stanford-Universität in der Zeitschrift „Nature“: Klimaschutz lohnt sich sowieso, und mehr Klimaschutz lohnt sich noch mehr. Und das sowohl für reiche Länder, die kräftige kurz- und mittelfristigen Investitionen etwa für den Umbau der Energieversorgung zu stemmen haben, in denen wie in den Vereinigten Staaten, China und Japan allerdings auch die meisten klimaschädlichen Emissionen verursacht werden. Auch und vor allem viele der ärmeren, schon heute in meist heißen Weltgegenden liegenden Staaten dürften langfristig von einem rigorosen Klimaschutz profitieren.

Wetterschäden und Gesundheitskosten

In Zahlen heißt das: Bis zum Endes des Jahrtausends könnten global gesehen Kosten von mindestens 20 Billionen Dollar gespart werden. Kosten, die insbesondere durch extreme wetterbedingte Schäden, Reparaturmaßnahmen und Gesundheitsprobleme entstehen. Diese Kostenersparnis bezieht sich allein auf die kräftigere Absenkung des Klimaschutzziels von zwei Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrtausends - der Mindestzielmarke im Paris-Abkommen - auf die ebenfalls im Klimavertrag erwähnten 1,5 Grad.

Wie groß der Aufwand ist, der betrieben werden muss, um das ehrgeizigere 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, ist wissenschaftlich noch nicht abgesichert. Nach den bisherigen Schätzungen aber, so berichten die amerikanischen Ökonomen, sei der Nutzen durch Kosteneinsparungen am Ende „mindestens dreißigmal so groß wie die zusätzlichen Kosten, die für den radikalen Klimaschutz aufgewendet werden müssen. „Für die allermeisten Staaten der Welt, die Vereinigten Staaten eingeschlossen, haben wir inzwischen genügend Belege, um zu zeigen, dass der volkswirtschaftliche Nutzen des 1,5-Grad-Ziels den Aufwand um ein Vielfaches übersteigt“, schreibt Burke.

Tatsächlich haben die Wissenschaftler ein ökonometrisches Verfahren genutzt, das sich auf die historischen Erfahrungen der Staaten mit der Klimaerwärmung in den vergangenen Jahrzehnten stützt. Grundlage sind dabei Klimafolgeschäden, die durch die global gesehen rund 1 Grad Erwärmung im letzten Jahrhundert registriert wurden. So sind zum Beispiel Hitze- und Dürreschäden in Gebieten erfasst, die vor dem Hintergrund der natürlichen Schwankungen herausragen und erhebliche Kosten verursacht haben. Während in früheren Berechnungen aber nur die meteorologischen oder medizinischen Folgeschäden in dem jeweils betroffenen Katastrophenjahr erfasst wurden, hat die Gruppe um Burke auch die Folgejahre berücksichtigt. Denn eine extreme Trockenheit verursacht nicht nur im selben Jahr, sondern oft noch lange danach Zusatzkosten.

90 Prozent der Weltbevölkerung könnten profitieren

So hat man eine Kostenrechnung erhalten, die für viele Länder, aber noch immer nicht für alle, einigermaßen abschätzbare, realistische Zahlen ergibt. Die Wahrscheinlichkeit, so ergaben etwa die Berechnungen, dass am Ende mehr als 90 Prozent der Weltbevölkerung ökonomisch von dem ambitionierten 1,5-Grad-Ziel profitieren, liegt bei mindestens 75 Prozent. Es gibt also noch eine rechnerische Unsicherheit. Diese Unsicherheit entsteht zum einen dadurch, weil man heute nicht wissen kann, wie viel - und wie erfolgreich - die Staaten tatsächlich in Klimaschutzmaßnahmen investieren. Vor allem aber lässt sich aus Mangel an klimatologischen Erfahrungen nicht beziffern, welche zusätzlichen Klimaschäden schon eine 1,5-Grad- oder gar eine 2-Grad-Erwärmung zur Folge haben.

Die Extrapolation jedenfalls aus den bisherigen Klimafolgen, denen eine noch vergleichsweise moderate Erwärmung um ein Grad zugrunde liegt, ist nach dem Dafürhalten der Wissenschaftler eine deutliche Vereinfachung. Vieles bleibt unberücksichtigt, wird nicht monetarisiert. Naturkatastrophen etwa, die bei einer stärkeren Erwärmung wahrscheinlicher werden, sind längst nicht vollständig einkalkulierbar. Dazu zählt beispielsweise auch der beschleunigte Anstieg des Meeresspiegels, der vor allem die Küstenstädte, aber auch die Fischwirtschaft und Naturflächen zusehends bedroht. Zu erwarten, so die Wissenschaftler, seien demnach eher höhere Klimafolgekosten bei einer stärken und schnelleren Erwärmung.

Die Forscher haben insgesamt also eher vorsichtig kalkuliert. Gleichzeitig haben sie ein Szenario durchkalkuliert, das nach dem jetzigen Stand der Klimaschutz-Vereinbarungen weit weg von der Realität ist. Die nationalen Klimaziele im Paris-Vertrag, die in den fast zweihundert bei den UN hinterlegten nationalen Selbstverpflichtungs-Dokumenten formuliert sind, reichen bisher höchstens aus, um die Erderwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts auf gut drei Grad zu begrenzen - weit weg also von den Pariser Zielen. Was dieses Szenario für die Weltwirtschaft bedeuten würde, haben die Forscher ebenfalls ausgerechnet: Gemessen schon an dem moderaten, aber immerhin weitgehend unumstrittenen 2-Grad-Ziel würde die beschleunigte Erwärmung demnach Dutzende Billionen an Zusatzkosten bedeuten und die Zusatzkosten gemessen an der weltweiten Produktion von Waren und Dienstleistungen mindestens 15 Prozent höher ausfallen.

Quelle: FAZ.NET
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenDonald TrumpDollarUSA