Gefräßige Tigerhaie

Vorliebe für außergewöhnliche Happen

Von Diemut Klärner
 - 10:00
zur Bildergalerie

Haie haben ein Imageproblem – und das, obwohl die meisten aus der Perspektive des Menschen völlig harmlos sind. Bei großen Haien mit scharfen Zähnen ist allerdings Vorsicht geboten. Das gilt insbesondere für den Tigerhai (Galeocerdo cuvier), eine kosmopolitische Spezies, deren Jungtiere ein prägnantes Streifenmuster tragen. Bei der Nahrungssuche zeigt sich dieser Vertreter der Knorpelfische nämlich ausgesprochen experimentierfreudig. Dass die Raubfische bisweilen auch manch ungewöhnlichen Happen verschlingen, hat eine südafrikanische und kanadische Forschergruppe entdeckt. Die Forschungsobjekte von Matthew Dicken von der University of Fort Hare in Alice und seinen Kollegen waren 778 Tigerhaie, die zwischen 1983 und 2014 an Südafrikas Ostküste gefangen wurden. Die verendeten Tiere stammten aus Netzen, die man in KwaZulu-Natal vor Stränden aufgespannt hat, um Badegäste vor möglichen Hai-Angriffen zu schützen.

Die meisten Haie in dieser langjährigen Studie hatten noch einen vollen Magen, dessen Inhalt sich klar identifizieren ließ. Vor ihrem Tod hatten die Raubtiere sich vor allem Fische einverleibt. Darunter waren Thunfische, Makrelen und andere Knochenfische, die im offenen Meer umherschwimmen, aber auch Riffbewohner und Arten, die sich auf weichem Meeresgrund tummeln. Erstaunlicherweise zählen Kugelfische zu den häufigsten Beutetieren. Dass sie sich kugelförmig aufblähen können und in ihren Eingeweiden oft das hochgiftige Tetrodotoxin steckt, scheint hungrige Tigerhaie nicht abzuschrecken. Hauptsächlich aber stehen andere Haie und Rochen auf dem Speiseplan. Zwar erbeuten die Tigerhaie insgesamt weniger Knorpelfische als Knochenfische, dafür im Durchschnitt davon aber viel größere Exemplare.

Wenn Tigerhaie eine Länge von mehr als zwei Metern erreicht haben, hören sie nicht auf, auch kleine Fische zu fangen. Solche Häppchen leisten allerdings dann nur noch einen geringen Beitrag zur Ernährung. Ganz zu schweigen von den keineswegs verschmähten Tintenfischen und Krebstieren, die selbst kleine Tigerhaie nicht satt machen. Der Magen der obduzierten größeren Exemplare enthielt oft Seevögel wie Kaptölpel und Brillenpinguine sowie Meeressäuger, etwa Delphine und kleinere Wale und Delphine. Im Frühjahr zum Beispiel sind junge Buckelwale, die an der Küste von Moçambique geboren wurden, mit ihren Müttern unterwegs in Richtung Südpolarmeer. Erwachsene Haie nutzen dann offenkundig die Chance auf fette Beute.

Mensch ist dem Hai gefährlicher als umgekehrt

Mitunter schlucken Tigerhaie offenbar unbeschadet auch Kurioses wie Verpackungen von Kartoffelchips, Kondome oder Zigaretten, wie die Biologen um Dicken in der Online-Zeitschrift „Plos One“ berichten. Eine kleine Antilope und ein Stachelschwein, die in Tigerhai-Mägen gefunden wurden, waren höchstwahrscheinlich nicht mehr lebendig, als sie im Rachen der Raubfische landeten. Es gibt aber freilich keine Garantie dafür, dass sich diese Haie bei lebenden Landbewohnern zurückhalten. Im Magen zweier Tigerhaie – der eine rund 210, der andere 230 Zentimeter lang – fanden sich Hüft- und Beinknochen menschlichen Ursprungs. Ob es sich hier um sterbliche Überreste von Ertrunkenen handelt, bleibt eine offene Frage. Normalerweise enden Begegnungen mit Haien ohne Blutvergießen, jedenfalls für die beteiligten Menschen.

WhatsAppFacebookTwitterGoogle+
WhatsApp
Tigerhaie haben großen Hunger – und schrecken dabei offenbar auch nicht vor Außergewöhnlichem zurück.

Von tragischen Einzelfällen abgesehen, ist der Mensch eine weitaus größere Gefahr für die Haie als umgekehrt. Dabei werden diese versierten Jäger oft nur aus Versehen gefangen. Zum Verhängnis wird ihnen, dass sie sich mit Vorliebe ausgerechnet dort tummeln, wo Fischer ihre Langleinen für begehrte Speisefische auslegen. Das berichten Wissenschaftler um Nuno Queiroz und David W. Sims von der Marine Biological Association of the United Kingdom, Plymouth in den „Proceedings“ der amerikanischen Nationalen Akademie der Wissenschaften. Gemeinsam mit Kollegen aus Portugal und den Vereinigten Staaten haben sie im Nordatlantik mehr als hundert Blauhaie, Tigerhaie, Makohaie und Hammerhaie mit speziellen Sendern ausgestattet. So konnten sie die weiten Wanderungen der Haie durch eine Ortung über Satelliten genau verfolgen.

Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS
Die neue digitale Zeitung F.A.Z. PLUS

Die ganze F.A.Z. jetzt auch im Web, mit zusätzlichen Bildern, Videos, Grafiken. Hier geht’s zum Test.

Mehr erfahren

Ebenfalls in die Studie einbezogen wurden die Routen jener Teile der portugiesischen und spanischen Fischereiflotte, die mit Langleinen arbeiten. Die Fischer plazieren diese kilometerlangen Schnüre, an denen zu Tausenden mit Ködern bestückte Angelhaken hängen, üblicherweise da, wo sie einen guten Fang erwarten.

Ein detaillierter Vergleich der GPS-Daten ergab eine 80-prozentige Überlappung der Fanggebiete mit den Aufenthaltsorten der großen Haie. Anscheinend suchen diese Meeresbewohner ebenfalls zielstrebig nach vielversprechenden Fischgründen. Die Forscher fordern deshalb international verbindliche Einschränkungen für den Fang großer Haie. Ohne wirksame Schutzmaßnahmen, so ihre Einschätzung, sind die imposanten Knorpelfische – für das Ökosystem wohl ebenso unersetzlich wie Wale und Delphine – langfristig vom Aussterben bedroht.

Besuch am Strand
Hai-Alarm auf Mallorca
© dpa, reuters
Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite