Submarine Vulkane

Der schrumpfende Feuerberg

Von Horst Rademacher
 - 13:09

Wenn von Naturgefahren in den Kleinen Antillen, eine Inselgruppe in der östlichen Karibik, die Rede ist, denkt man unwillkürlich an tropische Wirbelstürme. In den vergangenen 300 Jahren sind aber auf diesen Inseln doppelt so viele Menschen bei Vulkanausbrüchen umgekommen als durch Hurrikane, nämlich weit mehr als 30.000 Opfer. Vor allem die Vulkane auf den Inseln Martinique, Montserrat und St. Vincent in den Grenadinen waren in den vergangenen hundert Jahren besonders aktiv mit zum Teil katastrophalen Folgen. Allein bei der Eruption des Mt. Pelé auf Martinique kamen im Jahre 1902 etwa 20.000 Menschen ums Leben. Kaum Beachtung findet dagegen der aktivste Vulkan in der Karibik. Er trägt den eigenartigen Namen „Kick ’em Jenny“ und ist unter dem Meereswasser tätig. Gegenwärtig ist er wieder aktiv, und ein 20 Quadratkilometer großes Seegebiet nördlich der Insel Grenada ist deshalb zurzeit für allen Schiffsverkehr gesperrt.

Bis vor knapp achtzig Jahren war dieser untermeerische Vulkan noch völlig unbekannt. Das änderte sich im Juli 1939, als der Vulkan so stark ausbrach, dass plötzlich eine Dampf- und Aschewolke mehrere hundert Meter hoch über die Meeresoberfläche schoss. Gleichzeitig entstand ein bis zu zwei Meter hoher Tsunami, der an den Küsten von Grenada, den Grenadinen und Barbados Schäden anrichtete. Der submarine Vulkan wurde nach den oft rauhen Gewässern zwischen Grenada und den Grenadinen „Kick ’em Jenny“ benannt. Seit 1939 ist er mindestens 14 Mal ausgebrochen, ohne aber dabei noch einmal die Meeresoberfläche zu erreichen.

Nach jüngsten Echolotmessungen befindet sich der Gipfel des Vulkans gegenwärtig knapp 190 Meter unter der Wasseroberfläche. Der konische Vulkan erhebt sich mit seinen steilen Flanken mehr als 1.300 Meter hoch über den Meeresboden.

Karten verraten die Geschichte des Vulkans

Obwohl der Vulkan recht aktiv ist, wird er derzeit nicht mit submarinen Sensoren überwacht. Sein Aktivitätszustand wird aus Erdbeben abgeleitet, die von auf den Kleinen Antillen verteilten Seismometern aufgezeichnet werden. Das Seegebiet wurde aber in den vergangenen 40 Jahren immer wieder von Forschungsschiffen besucht. Die Wissenschaftler nahmen Gesteinsproben und zeichneten aus Echolotmessungen genaue Karten des Vulkans. Eine Forschergruppe vom Imperial College in London hat nun aus diesen Karten die Eruptionsgeschichte des submarinen Vulkans rekonstruiert. Wie Robert Allen und seine Kollegen in der Zeitschrift „Geochemistry, Geophysics, Geosystems“ berichten, zeigt „Kick ’em Jenny“ ein recht eigenartiges Verhalten.

Obwohl er der aktivste „Feuerberg“ der Karibik ist, ist er in den vergangenen vier Jahrzehnten nicht gewachsen. Er hat vielmehr erheblich an Masse verloren, ist also im Laufe der Zeit sogar geschrumpft. Die Forscher um Allen führen das auf die vielen Hangrutsche im Zuge der Ausbrüche zurück. Das ausgestoßene vulkanische Gestein ist dabei entlang der Vulkanhänge bis auf den Meeresboden geglitten.

Steht ein Ausbruch bevor?

Die Tatsache, dass „Kick ’em Jenny“ schrumpft, wirft allerdings neue Fragen auf, was die Beurteilung der von ihm ausgehenden Gefährdung der Karibikregion betrifft. Wie die Eruption im Jahre 1939 zeigte, ist dieser Vulkan durchaus zu stärkeren Ausbrüchen fähig. Sonst wäre er auch nicht im Laufe der Jahrtausende so stark angewachsen, dass sein Gipfel nur knapp 190 Meter unterhalb der Wasseroberfläche liegt.

Offenbar handelte es sich bei den 14 seither gemessenen Eruptionen nur um kleine Ausbrüche. Allerdings, so schreiben die Forscher um Allen, ist mit dem gegenwärtigen Überwachungssystem nicht festzustellen, wie stark eine neuerliche Eruptionsphase sein wird. Folgt „Kick ’em Jenny“ dem typischen Ausbruchsverhalten anderer Vulkane in der Karibik, könnte etwa alle 50 Jahre mit einer stärkeren Eruption zu rechnen sein. Statistisch gesehen wäre damit eine größere Eruption des submarinen Vulkans bereits seit knapp 30 Jahren überfällig.

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Quelle: F.A.Z.
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