Klimawandel und Geld

Weltrettung für Privatpersonen

Von Klaus Hagedorn
 - 18:06
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Wenn man an den Finanzsektor denkt, denkt man an die Wall Street, an London, Frankfurt, die großen Namen der Industrie, die Deutsche Bank, Goldman Sachs. Natürlich denkt man nicht zuletzt auch an die Finanzkrise und die ökonomischen (und politischen) Turbulenzen, die diese mit sich brachte. Die Krise, die nächstes Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum „feiert“, hat gezeigt, dass der Finanzsektor, wenn er sich von der Volkswirtschaft abkoppelt, schnell ins Straucheln geraten kann. Sie hat jedoch auch gezeigt, dass hinter jedem noch so obskuren „credit default swap“ oder jeder „squared collateralized debt obligation“ eine Institution steht und hinter dieser Institution eine ökonomische Aktivität, ein Haus, ein Kraftwerk.

Das Schmieröl der Volkswirtschaft wird oft als separater Zweig wirtschaftlichen Handelns gesehen. Dabei ist der Finanzsektor in alle Sektoren eingebettet. Das macht ihn zum elementaren Akteur und Partner der Gestaltung unserer wirtschaftlichen Zukunft – und uns direkt mit dazu. Der Finanzsektor lebt vielleicht in den großen Glastürmen internationaler Metropolen, ernähren tut er sich jedoch von uns allen. Über Lebensversicherungen, Investitionen in Fonds, Riester-Renten oder auch nur Sparbücher drehen die meisten Deutschen am großen Rad internationaler Kapitalmärkte mit und beeinflussen dadurch indirekt deren Geschicke. Die gleichen Leute, die an den Toren globaler Unternehmen rütteln und protestieren, besitzen oft, ohne es zu wissen, ein kleines Kuchenstück dieser Unternehmen. Über ihren Staatsfonds gehören den norwegischen Bürgern zum Beispiel insgesamt etwa 2,3 Prozent aller europäischen am Kapitalmarkt notierten Unternehmen. Wer in der Riester-Rente eine Million Euro gespart hat, kann sich, je nach Anlagestrategie, stolzer Besitzer von 0,004 Prozent dieser Unternehmen nennen.

Weichen für die Volkswirtschaft

Diese Zahlenspiele sind erstmal nur als das zu lesen, was sie sind – Zahlenspiele. Jedoch liegt ihnen ein Bewusstsein zugrunde: dafür nämlich, dass der Finanzmarkt nicht nur ein abstraktes Gerüst ist, sondern konkret die Weichen für die Volkswirtschaft von morgen stellt. Diese herausragende Rolle des Finanzmarkts ist in den letzten Jahren vor allem vor dem Hintergrund der notwendigen Dekarbonisierung der globalen Volkswirtschaft in den Mittelpunkt gerückt. 2015 hat sich die globale Staatengemeinschaft im Rahmen des Pariser Übereinkommens auf drei fundamentale Ziele geeinigt und mit der Ratifizierung zu ihrer Umsetzung verpflichtet. Die ersten beiden Ziele stammen aus dem klassischen Baukasten der Klimapolitiker: Klimawandel bremsen und Resilienz stärken. 2015 wurde jedoch ein drittes Ziel in die Galerie mit aufgenommen: Finanzmittelflüsse mit Klimazielen in Einklang zu bringen.

Eine Lawine ist ins Rollen geraten

Damit wurde die wesentliche Rolle des Finanzsektors zum Erreichen der Klimaziele gewürdigt. Mit diesem Vorhaben ist in den letzten zwei Jahren eine Lawine losgetreten worden, die sowohl die Klimaziele als auch das Verständnis des Finanzsektors fundamental revolutioniert. Denn in den letzten Jahren haben Investoren und andere Finanzmarktakteure verstärkt damit angefangen, die Klimakompatibilität ihrer Portfolios zu messen und klimafreundliche Investitionsstrategien zu implementieren. Grund hierfür ist allerdings nicht nur das dritte Ziel des Pariser Klimaabkommens, sondern auch das generelle Momentum rund um das Thema Klimawandel sowie nationale Initiativen, wie beispielsweise der Artikel 173 des französischen Energiewendegesetzes, der Investoren ab einer gewissen Größe dazu verpflichtet, über ihre Klimastrategie zu berichten.

Die steigende Aufmerksamkeit, die diesem Thema entgegengebracht wird, hat dazu geführt, dass auch Aufsichtsbehörden, Zentralbanken und Regierungen aufhorchen. 2017 haben unter anderem zwei Zentralbanken die Portfolios der von ihnen überwachten Versicherungen hinsichtlich ihrer Kompatibilität mit dem Zwei-Grad-Ziel analysiert. Zudem hat das Schweizer Umweltministerium ein Pilotprojekt durchgeführt, in dem es allen Versicherungen und Pensionskassen die Klimaanalyse ihrer Portfolios angeboten hat – an diesem Projekt nahmen tatsächlich 80 Versicherungen und Pensionskassen teil. Weitere Projekte dieser Art sind abzusehen.

Diese Analysen benutzen allesamt eine Methode, die Finanzportfolios durchleuchtet und die dahinterliegenden ökonomischen Aktivitäten offenlegt. In der Vergangenheit war ein solches Durchleuchten von Finanzportfolios noch nicht möglich – das hat sich geändert. Die in den vergangenen Jahren entwickelte Methode ermöglicht es, reale Zahlen für die Besitztümer von Finanzprodukten in klimarelevanten Sektoren zu ermitteln. Damit erlaubt sie einen direkten Vergleich mit Klimazielen. So kann man für ein Portfolio unter anderem die Differenz zwischen den bestehenden und benötigten Ausbauplänen von klimarelevanten Technologien, beispielsweise von regenerativen Energien, identifizieren. Somit werden Aussagen über die Klimakompatibilität des Portfolios möglich. Dies erlaubt die Gestaltung von Investitionen gemäß internationalen Klimazielen.

Wie klimafreundlich ist mein Portfolio?

Wendet man diese Methode zum Beispiel auf ein durchschnittliches, eine Million Euro großes Aktienportfolio an, sieht man, dass dieses Portfolio im Jahr 2022 vier Kilowatt an regenerativer Stromkapazität (exklusive Wasserkraft) sowie 8,8 Kilowatt Kohlestromkapazität besitzt. Das Portfolio könnte also mehrere Haushalte versorgen. Verglichen mit einem Zwei-Grad-Klimaszenario, beinhaltet es allerdings 33 Prozent zu wenig regenerative Energie und 18 Prozent zu viel Kohlestrom. Im Autosektor besitzt es gerade einmal 0,01 Elektroautos im Vergleich zu 1,2 Autos mit Verbrennungsmotor – das sind 76 Prozent zu wenig Elektroautos und 16 Prozent zu viele Verbrennungsmotorautos im Vergleich mit dem Zwei-Grad-Szenario.

Vereinfacht sieht der Durchleuchtungsprozess folgendermaßen aus: Zunächst werden für die klimarelevanten Sektoren bereits bestehende Industriedatenbanken auf Vermögenswerteebene (wie beispielsweise Kohlekraftwerke oder Windfarmen) mit Firmennetzwerksdaten verknüpft. Letztere stellen die Besitzverhältnisse zwischen einzelnen Firmen dar. Anhand dieser Besitzstrukturen wird die Produktion der einzelnen Kraftwerke/Produktionsstätten zum letztlichen Besitzer („ultimate owner“) nachverfolgt und auf diesem Level zusammengefasst. Die so entstehende Produktionsdatenbank auf „ultimate owner level“ kann nun mit den Portfoliodaten verknüpft und mit Klimaszenarien auf Technologielevel verglichen werden – derzeit wird das Zwei-Grad-Szenario der Internationalen Energiebehörde für diesen Vergleich verwendet.

Nachhaltigkeits-Label prüfen

Auch in Deutschland gibt es Bemühungen, die neue Methodik zu nutzen, um den Finanzmarkt klimafreundlicher auszurichten. Im kommenden Jahr soll ein Projekt gestartet werden, das sich zum Ziel gesetzt hat, die Nachfrage und das Angebot an nachhaltigen Anlageprodukten zu steigern. Hierfür wird eine Übersichtsplattform für Kleinanleger-Anlageprodukte entwickeln, die einen Überblick über bestehende Klimaratings für Fonds gibt sowie diese mit der Klimakompatibilitätsanalyse anreichert. Man kann dann beispielsweise auswählen, dass man keine Kernkraft im Stromsektor mitfinanzieren will oder mindestens 30 Prozent der Stromkapazität aus regenerativen Technologien stammen sollen. Es wird also eine Art Sky-Scanner bestehender Nachhaltigkeitslabels mit zusätzlichen Filtern, die persönliche Präferenzen widerspiegeln, geschaffen. Um die Angebotsseite zu stärken, wird ein Tool für Banken und Anlageberater entwickelt, das es ihnen ermöglicht, nachhaltige Finanzprodukte zu entwickeln, die die Präferenzen der Kleinanleger erfüllen.

Es tut sich also einiges im Bereich der Klimafinanzen. Trotzdem bleibt es spannend. Denn um die internationalen Klimaziele zu erreichen, muss noch einiges getan werden, und jeder ist gefragt, seinen Anteil dazu beizutragen – nicht nur die großen Finanzmarktakteure auf der Wall Street, sondern auch jede Privatperson. Jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten.

Der Beitrag ist Teil unserer Serie „Die Zukunft hat schon begonnen“

Der Autor

Der Autor arbeitet als Analyst für die 2° Investing Initiative. Über das Thema seines Beitrags hat er jüngst im Rahmen der Senckenberg-Reihe „Die Zukunft hat schon begonnen“ in Frankfurt am Main gesprochen.

Quelle: F.A.Z.
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