Die Debatte (2): Social Bots

Die digitale Waffe im Wahlkampf

 - 14:09
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Meinung machen, Meinung lenken und am Ende Menschen für sich gewinnen: Das sind die Ziele eines jeden Wahlkampfes. Seit jeher versuchen Politiker Menschen von sich und ihren Positionen zu überzeugen – die geschickte Nutzung der richtigen Medien hat dabei immer eine große Rolle gespielt.

So werden etwa Barack Obamas Wahlerfolge nicht zuletzt auf die Nutzung des Internets und der sozialen Medien zurückgeführt. Sein Nachfolger, Donald Trump, steht Obama in diesem Bereich in nichts nach, nur stand ihm mit den Social Bots ein neues Instrument zur Verfügung, um Wähler für sich zu gewinnen. Im US-Präsidentschaftswahlkampf wurden Bots millionenfach eingesetzt. Ähnlich war die Lage in Frankreich: Dort wurde kurz vor der entscheidenden Runde der Präsidentschaftswahl die Nachricht der „Macron-Leaks” von Bots in den sozialen Medien nach oben gepusht.

Mit Blick auf die anstehenden Bundestagswahlen stellen sich auch in Deutschland Wissenschaftler, Medien und Politiker zunehmend die Frage, ob und wie sich Social Bots auf die Wahlen auswirken werden. Könnten diese wie in den USA und in Frankreich von den Parteien und Kandidaten selbst eingesetzt werden, um ihre Botschaften zu verstärken? Oder gibt es gar Versuche Dritter, gezielt Desinformationen zu streuen, um ihre Interessen zu vertreten? Und wenn ja, wie groß ist der Einfluss, der damit tatsächlich erzielt werden kann?

Fake-Accounts
Social Bots
© Die Debatte, Die Debatte

„Bisher gibt es kaum Nachweise, was die tatsächliche Wirkung dieser Bots speziell in Deutschland ist”, sagt Dr. Ansgar Kellner vom Institut für Systemsicherheit der TU Braunschweig im Interview. Eine der wenigen Untersuchungen, die es zum Thema gibt, stammt von Prof. Howard vom Computational Propaganda Project, der den Einfluss von Social Bots auf die Bundespräsidentenwahl in Deutschland untersucht hat.

Dabei gab es eine große Diskrepanz zwischen den Erwähnungen einiger Kandidaten bei Twitter und der Prozentzahl der Stimmen, die die Kandidaten am Ende erhielten. So entfielen auf den AfD-Kandidaten nahezu so viele Erwähnungen wie auf den Sieger. Während Frank-Walter Steinmeier in 54,1 Prozent der analysierten Twitter-Nachrichten erwähnt wurde, kam der AFD-Kandidat Albrecht Glaser in 40,2 Prozent der Tweets vor. Ein extremer Gegensatz zur Wahl durch die Bundesversammlung bei der Steinmeier 74,3 Prozent der Stimmen erhielt und Glaser nur 3,4 Prozent.

Während Howards Studie also keine direkte Beeinflussung nachweisen konnte, schätzt eine erste Kurzstudie des Büros für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages die mögliche Gefahr der Beeinflussung von Wahlen durch Social Bots als durchaus real ein. „Ein Ergebnis war, dass die Nutzung von Social Bots das Potenzial hat, die politische Meinungsbildung zu beeinflussen”, sagt Dr. Sonja Kind, Leiterin des Projekts. „Die Experten waren der Auffassung, dass dies auch auf den kommenden Wahlkampf zutrifft und ein ernstzunehmendes Risiko darstellt.“

Der Wirtschaftsinformatiker Prof. Dietmar Janetzko von der Cologne Business School teilt Kinds Einschätzung nur teilweise: „Ich halte die mittel- bis langfristigen Effekte von Social Bots für relevant und man sollte diese im Blick behalten. Für die aktuellen Bundestagswahlen sehe ich allerdings kein großes Risiko. Dass das Thema so massiv präsent in der Öffentlichkeit ist, zeigt ja gerade, dass die Öffentlichkeit funktioniert. Insofern rate ich hier zur Gelassenheit und setze auf diverse Mechanismen der Zivilgesellschaft.”

Ähnlich sieht es Prof. Konrad Rieck vom Institut für Systemsicherheit der TU Braunschweig: „Beim Thema 'Social Bots' sollte man zunächst einen kühlen Kopf bewahren. Eigentlich sollte doch jedem klar sein, dass nicht jeder Account im Internet von einem Menschen gesteuert wird. Außerdem sind die Bots, die wir im Netz finden, eher primitiv und weit entfernt von einer künstlichen Intelligenz.“ Auch Andreas Hotho, der an der Universität Würzburg Informatik lehrt und die Forschungsgruppe „Data Mining und Information Retrieval„ leitet, bleibt skeptisch: „Ich glaube, was den anstehenden Bundestagswahlkampf angeht, besteht eher keine Gefahr. Dafür ist die Nutzung der sozialen Netzwerke in Deutschland nicht intensiv genug. Kritischer sind eher clever gemachte Falschmeldungen auf unterschiedlichsten Kanälen, die auch Bots mit einbeziehen und die sich gegenseitig verstärken und sich erst später als gezielte Falschmeldung herausstellen. In einem solchen Szenario werden die Bots als Multiplikatoren eingesetzt und könnten so effektiv die Verbreitung von Falschmeldungen pushen.“

Die Expertenmeinungen gehen also vor allem bei der Einschätzung auseinander, ob bereits bei der kommenden Bundestagswahl ein Risiko zur Beeinflussung besteht. Dass Social Bots immer stärker in den Fokus rücken und man ihre Wirkung und den Umgang mit ihnen im Auge behalten muss, steht dahingegen vor allem nach den Erfahrungen mit den Wahlen in den Vereinigten Staaten und Frankreich außer Frage. Immerhin haben sich die großen Parteien in Deutschland verpflichtet, im Wahlkampf selbst keine Social Bots einzusetzen. Ein erster Schritt in die richtige Richtung; um den Einfluss dauerhaft zu minimieren, halten die Experten andere Maßnahmen allerdings für wichtiger.

„Langfristig braucht es eine umfassende Medien- und Persönlichkeitsbildung der Bevölkerung von der Kita bis ins Seniorenheim, um mit Manipulationsversuchen souverän umzugehen”, sagt der Blogger und Politikberater Martin Fuchs. Ansgar Kellner arbeitet vor einem ähnlichen Hintergrund aktuell mit Wissenschaftlern von der Universität Münster und der TU Braunschweig an einem Projekt namens PropStop. Ziel des Projekts ist es, versteckte Propaganda mit Hilfe statistischer Methoden und Methoden des maschinellen Lernens automatisiert aufzudecken und somit für den Nutzer sichtbar zu machen. „Wenn die Social Bots auf diese Weise erkennbar wären, dann könnte der kritische Nutzer diese Information in seiner Entscheidungsfindung nutzen und unter Berücksichtigung anderer seriöser Nachrichtenquellen eine bessere Entscheidung fällen – was dann Medienkompetenz bedeutet”, sagt er.

Wie stark der Einfluss von Social Bots auf die Bundestagswahlen im September dann tatsächlich sein wird, wird wohl erst hinterher zu klären sein. Und durch die Weiterentwicklung der dahinterstehenden Technologien – beispielsweise die Kombination von Künstlicher Intelligenz oder Maschinenlernen mit Social Bots – könnte das Thema Social Bots in Zukunft stark an Bedeutung gewinnen. Allerdings ist es auch möglich, dass der Großteil der Aufmerksamkeit, die dem Thema momentan zuteil wird, dessen Neuheit geschuldet ist. Schließlich ist die Manipulation der Medien – gerade in der Politik – ja keineswegs eine neue Entwicklung und auch der Vergleich unterschiedlicher Quellen und die Bewertung dieser stellte auch in der Vergangenheit immer wieder ein Problem dar. „Ich wage vor diesem Hintergrund die These, dass wir uns in ein bis zwei Jahren mit dem Thema nicht mehr so intensiv beschäftigen werden”, sagt Martin Fuchs.

In Umfragen machen sich dennoch immerhin 59,5 Prozent aller Befragten Sorgen, dass Social Bots in Zukunft immer öfter Menschen und Entscheidungen beeinflussen – zu diesem Ergebnis kam eine Studie der Developer Week im Mai 2017. Fast genauso viele (54,2 Prozent) finden, dass Social Bots sogar eine Gefährdung für den Meinungsbildungsprozess einer Demokratie sind. Die Problematik von Social Bots ist also auch in der Gesellschaft angekommen und durchaus präsent. Doch auch die Diskussion um Fake News, Internet-Trolle oder gar Hate Speeches im Netz zeigt, dass der Umgang mit Internetphänomenen momentan schwierig ist und gleichzeitig die Sorge besteht, dass diese Phänomene die Meinungsbildungsprozesse in unserer Demokratie gefährden könnten.

Für den Soziologen Prof. Peter Weingart von der Universität Bielefeld resultiert daraus eine Verantwortung für die Unternehmen, die hinter den sozialen Medien stehen: „Die großen Konzerne können sich nicht hinter der These verkriechen, sie stellten nur Infrastruktur zur Verfügung. Allein der Umstand, dass sie mit Algorithmen und Selektions- bzw. Priorisierungentscheidungen in den Kommunikationsprozess intervenieren, macht sie zu Medienunternehmen.” Während also Experten und Studien teilweise der Ansicht sind, der Umgang von Unternehmen sozialer Netzwerke mit Social Bots sei weitestgehend intransparent, sehen andere Experten durchaus ein Bemühen der Unternehmen und vor allem die Nutzer in der Verantwortung.

Denn über das Internet erreichen uns Informationen immer öfter ungefiltert und direkt von einem Sender. „Heutzutage kann jeder Nachrichten erzeugen und weitergeben. Das führt dazu, dass wir als Gesellschaft nun erst einmal lernen müssen, wie damit umzugehen ist, dass Nachrichten nichts Exklusives mehr sind”, sagt Christian Bauckhage vom Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS). In seiner Forschung beschäftigt er sich mit künstlicher Intelligenz und des maschinellem Lernen und berät schon seit Jahren Politik, Industrie und Wirtschaft zu diesen Themen.

Das ganze Interview mit Christian Bauckhage:

Frage: Welchen Einfluss haben Soziale Medien auf unsere Meinungsbildung?

Antwort: Die sozialen Medien haben einen großen Einfluss auf unsere Meinungsbildung. Wir leben in einer neuen Zeit – bis noch vor 10 Jahren waren die traditionellen Medien die Torwächter der Nachrichtenwelt. Es gab und gibt immer noch Nachrichtenagenturen, es gibt Zeitungen, Fernseh- und Radiosender, die die Meldungen, die über die Nachrichtenagenturen kommen „vorfiltern“ und dann weitergeben. Durch das Aufkommen der sozialen Medien hat jedoch ein neuer Mechanismus eingesetzt. Heutzutage kann jeder Nachrichten erzeugen und weitergeben. Es gibt keinen Filter mehr und das führt dazu, dass wir als Gesellschaft nun erst einmal lernen müssen, wie damit umzugehen ist, dass Nachrichten nichts Exklusives mehr sind.

Wie erkennt man einen Social Bot?

Unmittelbar gar nicht. Diese Bots sind mittlerweile sehr gut gemacht und sehr clever programmiert. Man muss sich schon lange Zeit mit einem Bot unterhalten, um Ungereimtheiten im Gespräch oder der Art der Kommunikation zu bemerken. Es könnte zum Beispiel passieren, dass ein Bot Phrasen immer wiederholt oder bei Fragen ausweicht. Aber unmittelbar, also bei der direkten ersten Ansprache, merkt man nicht, ob man es mit einem Bot oder mit einem Menschen zu tun hat. Die Software kann inzwischen Kommunikation und Gesprächssituationen sehr gut simulieren. Woran soll man also erkennen, ob das Gegenüber ein Mensch ist oder nicht, wenn man den anderen nicht sehen kann und die Kommunikation nur über das Internet stattfindet? An den Inhalten des Gesprächs ist das nicht festzumachen, über dieses Stadium sind die heutigen Bots längst hinaus.

Besteht die Gefahr, dass Social Bots auf die Bundestagswahl 2017 Einfluss nehmen?

Ich kann mir schon vorstellen, dass diese Gefahr da ist. Seit verstanden wurde, dass man irgendwo irgendwelche Nachrichten irgendwie posten und darauf hoffen kann, dass sie größere Kreise ziehen, gibt es natürlich Leute, die das ausnutzen. Daher kann man auf gar keinen Fall ausschließen, dass Bots einen Einfluss auf die Bundestagswahl nehmen könnten. Darüber, ob dieser Einfluss gefährlich ist und wenn ja, wie gefährlich er ist, kann man allerdings nur spekulieren.

Gibt es Gegenmaßnahmen der Politik, die Sie für sinnvoll halten?

Ich halte es nicht für sinnvoll, die Problematik politisch anzugehen. Das würde zu Zensur führen. Deshalb stehe ich den verschiedenen Gesetzentwürfen, über die in letzter Zeit diskutiert wird, sehr kritisch gegenüber. Es ist nahezu lächerlich, den Menschen da aus der Verantwortung zu nehmen.

Was muss sich im Umgang mit Social Bots ändern?

Das Ganze ist ein Problem in unseren Köpfen. Die Situation, in der wir uns befinden, lässt sich mit der Erfindung des Buchdrucks vergleichen. Bevor er erfunden wurde, war alles, was schriftlich festgehalten war, per Definition offiziell und richtig, denn nur wichtige Persönlichkeiten wie Könige und Bischöfe konnten schreiben oder sich einen Schreiber leisten. Dann kam der Buchdruck und plötzlich war es unglaublich einfach, schriftliche Dokumente zu verfassen. Die Gesellschaft hat hundert Jahre gebraucht, bis die Menschen verstanden haben, dass Inhalte nun nicht mehr wahr oder offiziell waren, nur weil sie schriftlich vorlagen. In einer ähnlichen Situation befinden wir uns heute: Jeder kann über Twitter oder Facebook etwas verbreiten, jeder könnte eine Nachrichtenseite ins Internet stellen. Die Menschen verhalten sich zurzeit im Internet noch sehr naiv und impulsiv; es wird wenig hinterfragt und reflektiert. Die Gesellschaft wird jetzt einfach Zeit brauchen, bis wir insgesamt begriffen haben: Nur weil etwas im Internet steht, bedeutet das nicht, dass es richtig ist. Das ist in erster Linie ein Problem von Medienkompetenz, das pädagogisch gelöst werden muss.Was wir außerdem dringend brauchen, ist eine offenere Debatte zu dem ganzen Thema. Wir brauchen ein Bewusstsein dafür, was heutzutage möglich ist und wo unsere persönliche Verantwortung liegt.

„Die Debatte“

Wissenschaft und Fortschritt zum Mitdiskutieren: Die zweite Runde der Reihe "Die Debatte" (www.die-debatte.org) ist im Internet gestartet. Sie wird von Wissenschaft im Dialog, dem Science Media Center Germany und der Technischen Universität Braunschweig veranstaltet. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (F.A.Z.) ist mit ihrer Online-Plattform FAZ.NET Medienpartner. Im ersten Teil, in dem es um das autonome Fahren ging, gab es einen Livestream auf der neuen Online-Plattform sowie auf unserer Internetseite www.faz.net/wissen. Weitere Live-Debatte-Formate werden in den kommenden Monaten folgen. Dazwischen wird es wie diesmal Online-Debatten geben, bei der Sie, liebe User, aufgerufen sind, sich mit Ihren Meinungen, Vorschlägen und Fragen zu beteiligen. (F.A.Z.)

Quelle: FAZ.NET / jom / Redaktion „Die Debatte“
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