Evolutionäre Medizin

Die große Belohnung des Lebens

Von Leander Steinkopf
 - 08:00

Natürliche Selektion hat unsere Körper geformt und deren Anfälligkeit für Rückenverspannungen, Übergewicht und Gelenkverschleiß. Natürliche Selektion formt unsere Körperzellen, die im Alter an Vitalität einbüßen oder aus der Kooperation ausbrechen und ihr eigenes Ding machen, wir nennen es Krebs. Und dann sind auch die Bakterien, die unser Leben bedrohen, von natürlicher Selektion geformt, ebenso wie die Bakterien, die Haut und Darm bewohnen und unser Leben erst ermöglichen. Alles Leben ist geformt durch Evolution. Folgerichtig ist die Wissenschaft, die sich mit dem Leben befasst, die Biologie, eingefasst vom evolutionären Paradigma. „Nichts in der Biologie ergibt einen Sinn außer im Licht der Evolution“, lautet der bekannte Satz von Theodosius Dobzhansky.

Die Wissenschaft aber, die sich mit den Krankheiten befasst, die ja auch zum Leben gehören und damit zu den Ergebnissen und laufenden Projekten der Evolution, will von dieser Metatheorie nichts wissen. Ganz pragmatisch interessiert sich die Medizin nur für die proximaten Mechanismen und wie man in sie eingreifen kann, um Erkrankungen zu behandeln oder zu verhindern. Das tiefere Warum interessiert sie nicht. Und diesen Pragmatismus zum Wohle der Gesundheit will man ihr wohl gerne zugestehen. Wenn die Anhänger der evolutionären Medizin jedoch recht haben, sollte genau die Fundierung in der Evolution als Metatheorie ein tieferes Verständnis ermöglichen, das auch Behandlung und Prävention voranbringt.

Grundlagendiskussionen in Groningen

In Groningen traf sich nun die International Society for Evolutionary Medicine and Public Health und diskutierte, wie die Evolution zur theoretischen Grundlage der Medizin werden könnte. Darunter verstanden die Referenten sehr unterschiedliche Dinge. Es wurde ein Evolutionsprozess der Zellen eines Tumors computersimuliert, um so Handlungsanweisungen zu entwickeln, wie möglichst repräsentative Gewebeproben entnommen werden können. Archäologische Forschung an Beckenknochen sollten Aufschluss darüber geben, ob die Fähigkeit zum aufrechten Gang tatsächlich in Konflikt steht mit der Weite des Geburtskanals. Experimentelle Evolution per Taufliegenzucht über viele Jahre sollte einen Zusammenhang zwischen später Mutterschaft und langem Leben erkunden. Virologen verfolgten die Evolution des HI-Virus im Angesicht von immer wirksameren Medikamenten.

Das Feld ist interdisziplinär, es gibt wenig methodische und inhaltliche Gemeinsamkeiten. Was die Forscher aber teilen, sind einige „Big Ideas“, wie Dan Grunspan (Arizona State University) es nannte. Er hat in mehreren Fragebogenwellen Experten befragt, was das Forschungsfeld im Innersten zusammenhält. Es ergaben sich fünfzehn Kernprinzipien, darunter der Gedanke, dass die natürliche Selektion nicht Gesundheit und Langlebigkeit optimiere, sondern nur den Reproduktionserfolg. Oder auch die Idee des Trade-offs: Bessere Möglichkeiten von Zellwachstum und Heilung gingen mit dem Risiko einher, dass dieses Zellwachstum als Krebs außer Kontrolle gerät. In der Evolution setze sich dann die Balance mit der höchsten Reproduktionsfähigkeit durch.

Die Zuhörer waren angetan von den fünfzehn Kernprinzipien: Endlich lasse sich das heterogene Feld auf einen Nenner bringen. Randolph Nesse von der Arizona State University, einer der Mitbegründer der evolutionären Medizin, warnte jedoch vor der Gefahr, die Forschung durch die Prinzipienliste einzuengen.

Notwendige Anpassung der eigenen Identität?

Eines der evolutionären Kernprinzipien greift also vielleicht auch bei der kulturellen Evolution innerhalb des Wissenschaftsbetriebs: Abgrenzung und Wiedererkennbarkeit geht zu Lasten von Offenheit und Vielfalt. Ein anderer Trade-off, der die Diskussionen der Konferenz prägte, wurde von R. Brooks Robey aus Dartmouth auf den Punkt gebracht: Einwanderer müssten sich entscheiden, ob sie sich in die Kultur des neuen Heimatlandes integrieren oder aber auf ihrer angestammten kulturellen Identität beharren wollen. Und ebenso müsse sich die evolutionäre Medizin entscheiden, ob sie auf ihrer eigenen Identität beharrt oder sich so zerlegt und anpasst, dass sie in die medizinische Fakultät und ins Medizinstudium aufgenommen werden kann.

Die Identitätsidee vertraten jene, die forderten, dass man auf dem Formular für Förderanträge auch „Evolutionäre Medizin“ ankreuzen kann und dass es in allgemeinmedizinischen Journalen ein Unterkapitel „zwischen D wie Diabetologie und F wie Forensik“ geben sollte. Für den Anfang solle man es mit Symposien zur evolutionären Medizin auf großen medizinischen Konferenzen versuchen. Stephen Stearns von der Yale University entgegnete, dass es auf medizinischen Konferenzen auch keine Symposien zu Physik oder Chemie gebe, die genau wie die Evolutionsbiologie als Grundlagenwissenschaften der Medizin zu verstehen seien.

Elizabeth Uhl von der University of Georgia verglich das Medizinstudium mit dem Trinken von Alkohol: Ihre Studenten säßen abgefüllt und ausgelaugt im Seminar. Der Lehrplan sei voll, Zusätzliches passe da nicht hinein, aber streichen könne man auch nichts. Man müsse es niederschwellig angehen und kein Verständnis für Evolution voraussetzen. „Es ist atemberaubend, wie wenig Ärzte wissen“, sagte Randolph Nesse, der selber Arzt ist. Die bisherige Verbreitung der evolutionären Medizin beruhe entscheidend auf der Geduld, die die Evolutionsbiologen mit den Medizinern hätten.

Durchatmen in der Vorlesung

Zum Zwecke der Annäherung waren kurze Lehrvideos im Gespräch, auf schon existierende Lehrveranstaltungen zugeschnitten, die etwa eine Nephrologiedozentin bequem anklicken könne, um in der Vorlesung einmal durchatmen zu können. Postdocs könnten solche Videos erstellen und sie im Wettbewerb um permanente Stellen als Ausweis ihrer Lehrfähigkeit verwenden.

Man müsse die Studenten auf die Fragen stoßen, die ein evolutionärer Ansatz beantworten könne, denn die Fragen selbst zu stellen, das hätten sich die Studenten längst abgewöhnt, sagte Elizabeth Uhl. Zu höflich seien die Studenten dafür, sie wollten die Dozenten nicht in die Situation bringen, keine Antwort zu wissen. Dabei seien heute, wo Wissen so leicht verfügbar sei, die Fragen umso wichtiger. Bei Studenten ohne ein „Wieso, Weshalb, Warum auf der Zunge“ habe es ein Klassiker wie der von Randolph Nesse mit dem Titel „Warum wir krank werden“ natürlich schwer.

Als Stephen Stearns diesem Pessimismus und Aktionismus altmodische Zuversicht und Bescheidenheit entgegensetzte, ging ein wissenschaftsromantisches Seufzen durch die Runde. Es waren die Gedanken eines Emeritierten, der sich um Finanzierung und Publikationen keine Sorgen mehr machen muss. Man solle sich auf sich selbst und die anderen Anwesenden verlassen, sagte Stearns. Sie alle würden Leute kennenlernen, und sie würden die Ideen weitertragen, wie es immer schon geschehen sei.

Die wichtigste persönliche Beziehung sei die zu den Studenten. Er begleite seine Studenten über das Exposé und vier Entwürfen bis zur fertigen Hausarbeit, um sie individuell zu fördern. Wenn man nicht die Möglichkeit habe, all seine Studenten so zu behandeln, dann doch zumindest jene, von denen man den Eindruck hat, dass sie eines Tages die Welt verändern könnten: „Das ist eine der großen Belohnungen des Lebens, ein Lehrer zu sein, das Denken eines anderen Menschen kennenzulernen.“

Quelle: F.A.Z.
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