Friedensprojekt mit Israel und Iran

Strahlen im Feindesland

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Allan, im November

„Sie finden hier genügend Gründe, depressiv zu werden. Deshalb geht ohne einen Überschuss an Optimismus gar nichts.“ So wirbt Khaled Toukan, der ehemalige jordanische Bildungsminister, für ein wissenschaftliches Projekt, das politisch eigentlich gar nicht hätte zustande kommen dürfen: „Sesame“ heißt es, und es wird durch einen gewaltigen Flachbau repräsentiert, der nordwestlich der jordanischen Hauptstadt Amman und zwei Stunden Autofahrt von Jerusalem entfernt hingestellt worden ist. Unter dem blauen Dach, das man vermutlich auch vom Weltraum aus leicht erkennen könnte, haben sich die größten Feinde des Nahen und Mittleren Ostens schon vor Jahren ein gemeinsames wissenschaftliches Nest eingerichtet. Jetzt steht es kurz vor der Inbetriebnahme: Iraner und Pakistani betreiben hier zusammen mit Israelis eine Synchrotron-Strahlungsquelle. Dazu kommen noch Wissenschaftler von einem halben Dutzend weiterer Mitgliedstaaten und ein Dutzend Beobachterstaaten, darunter Deutschland und die Vereinigten Staaten.

Kein Zweifel: Die Physiker, die hier das Sagen haben, sehen sich als politische Akteure: „Wir Wissenschaftler haben die Regierungen dahin gebracht, wo sich diese niemals selbst gesehen haben“, sagt der Israeli Elizier Rabinovici, Vorsitzender des Nationalen Komitees für Hochenergie-Physik, der einer der treibenden Kräfte zum Bau dieses staatenübergreifenden Teilchenbeschleunigers war. Vorbild war das europäische Forschungszentrum Cern bei Genf, das nach dem Zweiten Weltkrieg von ehemals verfeindeten Ländern mit Unterstützung der Unesco errichtet worden war.

Eine Synchrotron-Strahlungsquelle, die tausendmal so starke Röntgenstrahlen zu erzeugen vermag wie ein gewöhnliches Röntgengerät und deshalb als ein gewaltiges Lichtmikroskop fungiert, gibt es im gesamten Nahen Osten nicht. Rabinovicis Ziel, das seiner ägyptischen Kollegen und das der ehemaligen Cern-Präsidenten, die das Projekt vorantrieben, war es deshalb, ein erstklassiges Forschungszentrum aufzubauen, das auch technisch höchsten Ansprüchen genügt. Und das vor allem von allen Forschern in der Region - Grenzkonflikte hin oder her - frei genutzt werden könnte. Jordanien wurde 2000 als Standort ausgewählt. Allan, eine Stunde von Amman entfernt und von israelischen Forschern auch an Tagen mit intensiven Grenzkontrollen einigermaßen schnell erreichbar, ist ein geographischer Kompromiss - und ein politischer. Jordaniens gemäßigte Führung, vor allem auch der derzeitige Sesame-Direktor und Ex-Minister Toukan, haben über die Jahre hinweg immer Mittel und Wege gefunden, das Projekt weiter voranzutreiben. Weniger, weil es wissenschaftlich auf einem Niveau mit dem Großprojekt Cern stehen sollte, sondern weil es „Wissenschaft für den Frieden“ sei, sagt Toukan. 45 Nobelpreisträger, die vor fünf Jahren zu einer Konferenz im Neubau gekommen waren, bekräftigten das schriftlich.

Von Berlin aus wurde der nach fast dreißig Jahren ausrangierte Teilchenbeschleuniger der alten Elektronenspeicherring-Anlage „Bessy“ nach Jordanien verschifft. Wissenschaftler aus Deutschland helfen bis heute bei der Installation. Wenn der Elektronenspeicherring mit seinen dreizehn wertvollen Magneten in den kommenden Wochen zum ersten Mal hochgefahren wird und die Elektronen im 133 Meter langen Ringtunnel auf 800 Megavolt beschleunigt werden, dann ist das auch ihr Verdienst. Auch einige der Strahllinien, quasi die am Tunnel installierten Messapparate, wurden aus Deutschland gespendet. Vier Millionen Dollar dürfte allein die alte Bessy-Anlage wert sein. Aber Deutschlands Beitrag ist Rabinovici dennoch zu wenig, gemessen an den finanziellen Möglichkeiten: „Die deutsche Regierung hat sich abgesehen von Bessy schon sehr widerwillig gezeigt.“

Der Frust hat einen Grund, und der ist wohl weniger in Deutschland zu suchen als in der Finanzierungskultur der anderen Mitgliedsländer. Und vielleicht spielt auch die Hoffnung mit hinein, dass Berlin zur Förderung des Friedensprozesses vielleicht noch etwas zuschießen könnte. Jedenfalls fehlen, damit die Anlage verspätet im Jahr 2015 in Betrieb gehen kann, noch gut acht Millionen Dollar. Zu den 47 Millionen Dollar, die bisher in den Bau, die Apparate und in die Schulungen gesteckt wurden, müssen weitere 94 Millionen bis übernächstes Jahr aufgebracht werden. Und schließlich ist noch längst nicht gesichert, dass die zusätzlichen 24 Millionen jährlichen Kosten von da an auch wirklich von den Mitgliedsländern bezahlt werden. Vom Friedenswillen der Beteiligten wird da viel abhängen. Die fünf Millionen Dollar etwa, die Iran bisher zugesagt hat, sind bis heute gesperrt. Keine ausländische Bank kann über das Geld verfügen. Das könnte sich nach den neuesten Entwicklungen in der Region ändern. Gelingt die Dauerfinanzierung, könnte der Teilchenbeschleuniger zumindest als politisches Symbol seine wichtige Funktion behalten.

Quelle: F.A.Z.
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