Forschung & Politik
Gespräch mit Helmut Schwarz

„Es gibt nicht nur eine Trump-Welt“

© Humboldt-Stiftung/David Ausserhofer, F.A.Z.

Herr Schwarz, in vielen Diskussionen des diesjährigen Humboldt-Kolloquiums ist eine große Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft der Forschung in den Vereinigten Staaten zu spüren. Wie würden Sie diese Unsicherheit einschätzen?

Diese ist recht schwer einzuschätzen. Aber es wird in den Gesprächen deutlich, dass zu den schon seit Jahren bestehenden Problemen bezüglich der Forschungsförderung in Amerika jetzt eine neue Unsicherheit hinzugekommen ist. Nämlich, dass sich bedeutende Institutionen, wie die NSF, die Akademien oder die großen Universitäten, ernsthaft fragen, inwieweit die Politik versuchen wird, in Entscheidungsmechanismen einzugreifen und die Forschung zu reglementieren und zu instrumentalisieren. Wir spüren ferner, dass man gleichzeitig auf Europa schaut und dabei feststellt: Da wird ein Modell umgesetzt, das jene Werte (noch) praktiziert, die in den Vereinigten Staaten zwar immer noch auf den Fahnen stehen, wo man aber doch dabei ist, sie aufzugeben. Man hört ja nicht selten, Amerika sei das Forschungsparadies der Welt schlechthin. Ich denke, dass dies nicht zutrifft. Es gibt selbstverständlich Aspekte, die dort vorbildlich sind, beispielsweise, dass junge Forscher in der Regel sehr früh in ihrer Karriere als Personen eigenen Rechts akzeptiert werden. Aber die Forschungsstrukturen generell, wie beispielsweise Bibliotheksausstattungen in den Geisteswissenschaften oder Infrastrukturen in den Naturwissenschaften, diese sind bei uns oft deutlich besser.

Es klingt so, als könnte die politische Situation in Amerika auch neue Möglichkeiten für Europa eröffnen.

Ja, dieser Vermutung mag ich nicht widersprechen; allerdings würde ich mir kein schwaches Amerika wünschen. Im Gegenteil, man profitiert doch selber davon, dass es Partner gibt, die starke Konkurrenten sind. Ich halte nichts von dem Vorschlag, die Gunst der Stunde offensiv oder gar aggressiv zu nutzen. Ich würde eher unterschreiben, worauf wir als Humboldt-Stiftung schon immer hingewiesen haben: Nutze die Gelegenheit, dass die Vorteile des deutschen Forschungsstandortes in der Welt mittlerweile deutlich sichtbarer geworden sind. Dadurch könnten wir mehr Talente für uns gewinnen, sie überzeugen, für einige Jahre oder vielleicht gar auf Dauer in Deutschland zu arbeiten. Diesen Hebel sollten wir verstärkt einsetzen.

Aber ob die Anzahl der Bewerbungen nun wirklich ansteigt, das wird man wahrscheinlich erst später wissen?

Wir stellen schon seit Jahren fest –, und das hat mit Trump zunächst gar nichts zu tun – dass die Zahl der qualifizierten Bewerbungen, auch von den besten Adressen der Vereinigten Staaten, stetig zunimmt. Und auch dies ist ein Indikator, dass die in Deutschland schon seit vielen Jahren sehr guten Forschungsmöglichkeiten international mehr und mehr wahrgenommen werden. Das liegt natürlich auch an den Anstrengungen der Max-Planck-Gesellschaft, die seit Jahren ihre Mitglieder mit Erfolg international rekrutiert. Auch die Humboldt-Professuren haben zu dieser größeren Sichtbarkeit des Forschungsstandortes Deutschland beigetragen. Was ich mir wünschte, wäre, dass auch die Universitäten begreifen, welche Chance sie hätten, wenn sie ihren Berufungskommissionen den Auftrag gäben, zu Findungskommissionen zu werden, also Personen an den besten Adressen der Welt proaktiv anzusprechen.

Ist die Humboldt Stiftung von den aktuellen politischen Entwicklungen in Amerika denn direkt betroffen?

Bisher nicht. Es wäre interessant, wenn Geförderte der Humboldt-Stiftung aus einem der betroffenen Länder plötzlich keine Arbeitsmöglichkeit mehr in den Vereinigten Staaten bekämen. Aber das ist bisher nicht eingetreten. Wir spüren jedoch eine große Dankbarkeit, dass wir die Tagung hier und jetzt in Washington durchgeführt haben und nicht denjenigen Stimmen gefolgt sind, die meinten, wir sollten – als Ausdruck einer Solidarität mit jenen Personen, die nicht einreisen können – das Kolloquium absagen. Nein, das wäre ein falsches Signal gewesen, gilt es doch zu zeigen, dass es nicht nur eine Trump-Welt, sondern auch eine Humboldt-Welt gibt.

Aber denken Sie, dass es eine Möglichkeit geben wird, in die Trump-Welt die Humboldt-Werte hineinzutragen?

Ich weiß nicht, ob wir hier unmittelbar etwas beeinflussen können. Allerdings haben wir heute früh einen der Wissenschaftsberater der amerikanischen Regierung gehört, der recht optimistisch klang. Vielleicht ist es doch so, dass das oft kritisierte Trägheitsmoment in Behörden gelegentlich auch seine positive Seite hat. Nämlich, dass manches, was sich da oben ein paar Quasi-Könige ausdenken, gar nicht auf die Arbeitsebene gelangt und deshalb im Alltag das Geschäft in den üblichen Bahnen weiterläuft. Allerdings reden wir hier in Washington zu den „Bekehrten“. Nur siebzig Kilometer westlich könnte bereits eine andere Welt beginnen. Und mit diesen Menschen reden wir zu wenig, wir haben keinen Zugang zu ihnen. Auf der Humboldt-Tagung habe ich jedenfalls keine einzige Stimme vernommen, die in irgendeiner Weise Sympathie erkennen ließe für das, was die amerikanische Regierung im Moment in der Wissenschaftspolitik zu implementieren versucht. Allerdings, leicht war es übrigens nie. Auch vor Jahren, selbst unter der Obama-Regierung, hat der Kongress in nicht wenigen Fällen versucht, in die Details der NSF-Politik hineinzuregieren, und dies in einer Weise, wie es bei uns in Deutschland undenkbar wäre. Mit Trump und seinem Gefolge hat diese Haltung vermutlich wenig zu tun; es existiert in Amerika eben ein anderes Verständnis, wie man mit öffentlichen Mitteln umzugehen hat.

Das betrifft wahrscheinlich auch die aktuelle Sorge, dass die Finanzierung von Grundlagenforschung immer schwieriger wird.

Der Rechtfertigungsdruck zur Finanzierung echter Grundlagenforschung ist in den vergangenen Jahren, vielleicht Jahrzehnten, in den Vereinigten Staaten schon immer viel stärker gewesen als bei uns. Manche Forschungsthemen konnten überhaupt nur deshalb bearbeitet werden, weil sie durch Philanthropen gefördert wurden; dies galt und gilt besonders für die Geisteswissenschaften, für die der Staat oft keinen Cent auszugeben bereit war. Diese Haltung scheint sich im Moment zu verstärken, aber ich würde nicht behaupten, dass wir derzeit eine echte Zäsur erleben. Die Gängelung der Grundlagenforschung ist schon lange klar erkennbar, obwohl es auch in Amerika Stimmen gibt, die darauf hinweisen, wie kurzsichtig und dumm eine solche Wissenschaftspolitik ist. Schließlich kann man wissenschaftliche Durchbrüche, die am Beginn einer jeden Innovation stehen, überhaupt nicht planen. Man muss ihnen den Raum geben, dass sie geschehen können. Man könnte leicht zeigen, dass selbst die scheinbar esoterischsten Dinge später oft größte Relevanz erlangen können. Wir sollten nicht vergessen, dass beispielsweise zwanzig Prozent der gesamten Weltökonomie auf die unter rein praktischen Gesichtspunkten absolut irrelevante Schrödinger-Gleichung der Quantenmechanik zurückgeführt werden. Wer hätte das je gedacht?

Der Staat sollte Forschungsförderung also weniger an konkrete Zielvorgaben knüpfen?

Ja, völlig richtig, was die Grundlagenforschung angeht! Instrumente, die für die Förderung bestimmter Gebiete sinnvoll sind, sollten nicht automatisch auf die Grundlagenforschung, die eigenen Regeln folgt, übertragen werden. Wichtiger wäre es auch, mehr Vertrauen zu schenken und vergangene Leistungen der Forscher höher zu bewerten als das Versprechen schöner, nützlicher Dinge, die ein Forscher in den nächsten Jahren zu tun beabsichtigt. Hier muss ein Umdenken eintreten, denn letztlich reden wir bei der Alimentierung von Grundlagenforschung von vergleichsweise kleinen Summen, die große Folgen bewirken können. Mit anderen Worten: Es wird zu lange und mit falschen Argumenten über die Verteilung von Brotkrumen verhandelt, wo sonst mit Torten gegen die Wand geschmissen wird.

Auch hier scheint Kommunikation aus der wissenschaftlichen Blase heraus ein wichtiger Aspekt zu sein, um ein Umdenken einzuleiten. Wie kann das geschehen?

Altmodisch, wie ich nun einmal bin, glaube ich, wir sollten unsere Humboldtianer immer daran erinnern, jede sich bietende Möglichkeit zu ergreifen, öffentlich über das zu reden, was sie als Wissenschaftler tun. Es gibt Wege, ohne Kompromisse in Bezug auf Genauigkeit und Qualität auch den Mann auf der Straße zu erreichen und ihm durch Beispiele zu zeigen, welche zentrale Rolle Bildung und Wissenschaft spielen. Den Dialog müssen wir suchen, auch wenn dieser gelegentlich verweigert wird, auch wenn wir nicht immer ernst genommen werden, auch wenn der Gegenwind kräftig bläst.

Die Fragen stellte Sibylle Anderl.

Quelle: F.A.Z.
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