Washingtoner Sprachtipps

Klimawandel? Lassen Sie es besser!

Von Joachim Müller-Jung
 - 11:28

Professionelle Stichwortgeber brauchen Politiker wie der amerikanische Senator Bernie Sanders eher selten. Es wäre ziemlich dumm, sagte er neulich einem Nachrichtensender auf dem Höhepunkt der von Hurrikan „Harvey“ verursachten Überschwemmungen, angesichts der Tragödie nicht nach dem Klimawandel als Mitverursacher der sintflutartigen Regenfälle zu fragen.

Sanders ist Demokrat, er sucht sich seine Steilvorlagen selbst, wenn er dem Präsidenten schaden will. Der hatte in den Stunden seiner Flutopfervisite seinerseits keine Mühe, das Thema Klimawandel rhetorisch geschickt zu umschiffen. Man darf sich das gar nicht so leicht vorstellen, auch nicht für Trump. Denn der Klimawandel, er ist längst zum begrifflichen Anker für jede größere und kleinere Katastrophe geworden. Der perfekte Sündenbock für jeden Schicksalschlag, wenn dieser denn nur in genügend großer Zahl daherkommt. Die Zahl der Verkehrstoten zum Beispiel reicht in den Vereinigten Staaten mittlerweile über die 35 000. Rekord. Das war 2015. Ein Jahr davor waren es sieben Prozent weniger. Anfangs waren die Unfallexperten noch felsenfest überzeugt, dass dieser Anstieg direkt mit der Smartphone-Nutzung im Verkehr zusammenhängt. Dummerweise blieb die Smartphone-Nutzungsstatistik in den beiden Jahren etwa auf gleicher Höhe. Das Klima aber wandelte sich. Gut 0,8 Grad war das Land 2015 im Schnitt wärmer als das Jahr davor. Gleichzeitig legten die Amerikaner laut amtlicher Statistik 21 Milliarden Kilometer mehr auf den Straßen zurück, und es drängte sie besonders da auf die Straße, wo es am wärmsten war und am meisten regnete – just da, wo auch die Zahl der Verkehrstoten am höchsten war. Im Fachmagazin „Injury Prevention“, einem Ableger des renommierten „British Medical Journal“, musste man also nur noch eins und eins zusammenzählen: Das Klima ist schuld.

Energieministerium hakt nach

Fraglich allerdings, ob diese britische Rechenweise ihre Adressaten wirklich erreicht und das Journal in amerikanischen Regalen zu finden sein wird. Denn das Energieministerium in Washington trifft, wenn die Berichte der britischen „Nature“-Redaktion stimmen, derzeit einige formale Vorkehrungen, um das Klimawandelthema dort zu verklappen, wo es der aktuellen Regierung nach hingehört: in die kalten, dunklen Fluten, wo kein vernünftiger Mensch seine Nase reinsteckt. Ein Forscher, der die Folgen verschiedener Umweltstressfaktoren und damit eben auch des Klimawandels auf die Ökologie der Salzmarsche untersucht, wurde dem „Nature“-Bericht zufolge vom zuständigen Projektbüro des Energieministeriums aufgefordert, den Begriff Klimawandel in seinem Förderantrag zu vermeiden.

Der Ökologe von der Northwestern University in Boston ist offenbar nicht der Einzige, der entsprechende Mails erhalten hat. Die semantische Säuberung aus dem Energieministerium kommt natürlich nicht von ungefähr. Schon kurz nach der Wahl hatte Trump seine Administration aufgefordert, die Klimawandelprogramme zusammenzustreichen. Diese Ausklammerungstaktik hat nicht nur haushaltspolitisch, sondern auch klimapolitisch ein klares Ziel: die Zahl der Referenzen zu senken und ein statistisches Mittel an die Hand zu bekommen, um am Ende die Belanglosigkeit des Klimawandels mit eigenen Statistiken dokumentieren zu können. In der Verkehrsstatistik sind sie damit dank britischer Klimawandelhilfe allerdings schon jetzt ins Hintertreffen geraten.

jom

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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