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Elektromobilität

Die stille Stadt

Von Adrian Lobe
 - 12:05
Es gibt ihn auch, den guten Schall. Auf Glockenklang, Wasserplätschern oder Kinderlachen mag nicht jeder gerne verzichten. Bild: dpa, F.A.S.

Lärm gehört zur Großstadt wie ihre Bewohner. Mopeds knattern, Presslufthammer hämmern, Züge kreischen, Autos röhren. Der Soziologe Georg Simmel beschrieb die sich um 1900 herausbildende Großstadt als permanente Überreizung der Sinne, gegen die man sich nur mit dem Panzer der „Blasiertheit“ wappnen könne. Die wachsende Verdichtung in den Innenstädten hat zu immer mehr Straßenschluchten geführt, die Kulisse und Schallverstärker für einen automobilen Dauerlärm sind. Es gibt heute kaum noch Ruhezonen.

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Selbst unter Wasser, wo man die große Stille vermuten würde, ist es in den letzten Jahren immer lauter geworden. Ölplattformen, Schiffsverkehr und Bootsrennen haben Lärmpegel in Ozeanen, Seen und Flüssen ansteigen lassen. Lärm macht krank, das belegen zahlreiche Studien. Laut WHO leiden 210 Millionen Menschen an Verkehrslärm, was mit gesundheitlichen Risiken wie 245.000 neuen Herz-Kreislauf-Erkrankungen pro Jahr einhergeht.

Schon im alten Rom soll Cäsar der Legende nach den Verkehr von Pferdekutschen auf dem Kopfsteinpflaster in den Abendstunden untersagt haben, damit er besser schlafen konnte. Schon von daher ist die Vorstellung, erst mit der Verbreitung des Automobils hätte der Lärm Einzug in die Städte gehalten, irrig. Doch mit dem systematischen Ausbau von Fahrradwegen – in Kopenhagen gibt es inzwischen mehr Rad- als Autofahrer – und neuerdings der Entwicklung von Elektroautos scheint erstmals die Utopie einer stillen Stadt auf.

Maßnahmen der Städte zielen auf Emissionen – nicht Lärmbekämpfung

Der Motor der Elektromobile surrt nur noch, fast lautlos gleiten diese Fahrzeuge über den Asphalt. Selbst in der Formel E sind die hochgezüchteten PS-Boliden mit rund 80 Dezibel nicht lauter als ein gewöhnliches Fahrzeug im Straßenverkehr. Nun hatten Städte und Gemeinden bereits in der Vergangenheit zahlreiche Maßnahmen zum Lärmschutz ergriffen: Flüsterasphalt, Schallschutzwände, Rasengleis, Tempolimits. Doch die Maßnahmen zielten immer nur darauf ab, den Immissionsort einzudämmen, nicht aber die Lärmquelle zu beseitigen. Durch Elektrofahrzeuge könnte nun eine zentrale städtische Lärmquelle verschwinden.

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Gewiss gilt diese Erwartung nur mit Einschränkung, weil bei Pkw ab einer Geschwindigkeit von 35 Kilometern pro Stunde die Geräusche des Motors für das Lärmempfinden praktisch keine Rolle spielen. Was der Außenstehende als belästigend wahrnimmt, sind die Rollgeräusche. Sofern Elektroautos über keine andere Bereifung verfügen, wird sich an der Lärmbelästigung durch Schnellstraßen also nicht viel ändern.

Bei geringer Geschwindigkeit jedoch sind E-Autos so befremdend leise, dass sie eine Gefahr für Fußgänger darstellen, die den Motorenlärm derart internalisiert haben, dass sie häufig nach Gehör die Straße überqueren. Daher sollen Elektroautos künstlich lauter gemacht werden. Nach einem Beschluss der amerikanischen Verkehrsbehörde National Highway Traffic Safety Administration müssen Elektro- und Hybridfahrzeuge ab 2019 mit einem Sound Emitting Device ausgestattet sein, das bei einer Geschwindigkeit bis zu 30 Kilometer pro Stunde einen Ton von sich gibt. In den Laboren der Automobilhersteller tüfteln Tontechniker bereits an einem charakteristischen „Playback-Sound“, der den Wegfall des Verbrennungsmotors akustisch kompensiert. Eine Rolle rückwärts.

Städtebewohner brauchen manche Sounds

Die ideale Stadt ist dabei keineswegs die stille Stadt. Ihre Bewohner brauchen typische Geräusche wie das Plätschern von Springbrunnenanlagen oder Geplauder in Cafés als Klangteppich, sonst fühlen sie sich unwohl – das haben zahlreiche Studien bestätigt. So bilden die Schallemissionen der Pariser Polizeisirenen oder das Zischen der Metro den Soundtrack der französischen Metropole. Man muss nicht jedes Geräusch gleich zur Klangkulisse ästhetisieren, doch raubt man einer Stadt nicht ein Stück akustische Identität, wenn man Töne wie das typische Tickern Hongkonger Fußgängerampeln oder das Aufheulen der amerikanischen Polizeiautos abschafft?

Vielleicht ist die These, man müsse die Stadt nur leiser machen, dann werde alles gut, auch deswegen eine Illusion, weil die Diskussion von den eigentlichen Problemen der Urbanität wie Verdichtung oder Segregation ablenkt. Und was ist überhaupt mit Stille gemeint?

„Der Begriff Stille lässt sich unterschiedlich definieren“, erklärt Thomas Kusitzky, Experte für auditive Stadtplanung. „Versteht man sie als die Abwesenheit jeglichen Klangs, dann wäre die ,stille Stadt‘ eine schreckliche Dystopie, da sie einem der Taubheit ähnlichen Zustand gleichkäme. Sensorische Deprivation, also der Entzug von akustischen und anderen Sinnesreizen, wird sogar als Foltermethode eingesetzt. Setzt man Stille jedoch nicht mit Lautlosigkeit gleich und begreift sie eher als ein Synonym für Ruhe, dann wird sie von vielen Menschen als notwendige Bedingung für Erholung und Regeneration betrachtet.“ Richtig sei, dass es in vielen Städten zu wenig Ruhebereiche gibt.

Die „stille Stadt“ sollte aber nicht als Gegenmodell zur „lärmenden Stadt“ verstanden werden, so Kusitzky. Definiert man Lärm als unerwünschten oder störenden Klang, hieße Lärm zu bekämpfen nicht zwingend, Stille zu erzeugen, sondern lediglich die belästigenden Geräusche zu vermeiden oder sie in besser verträgliche umzuwandeln. Es wäre falsch, eine in weiten Teilen stille Stadt anzustreben. „Wir brauchen eine klingende und manchmal sogar laute städtische Umwelt“, betont Kusitzky. „Sie ist Teil unseres sozialen Miteinanders, sie bedeutet Kultur und Gemeinschaft. Die eigene Identität und Zugehörigkeit ist stark mit der klingenden Umwelt verknüpft.“

Klangwelt-Demokratie

Es gehe darum, zu überlegen und zu planen, wie die Stadt klingen soll. Hierzu sei „ein bewusster Umgang mit der städtischen Klangumwelt notwendig“. Erst wenn man sich über die Klangumwelt und die Bedingungen ihrer Entstehung bewusst sei, werde man handlungsfähig. Die Klangumwelt werde auf diese Weise als ein gestaltbarer Teil des urbanen Lebens kultiviert und die städtische Planung um die auditive Dimension erweitert.

Das Schweizer Bundesamt für Umwelt (Bafu) wollte 2014 den Freudenbergerplatz in Bern-Ost mit einer Klangraumgestaltung aufwerten. Die Szenerie wird akustisch vom hohen Lärmpegel der umliegenden Landstraße und Autobahn untermalt. Der Klangarchitekt Andres Bosshard und der Urbanist Trond Maag wollten durch die Installation von modulierten Wasservorhängen aus Edelstahlgittern den Schall so kanalisieren, dass der Lärm maskiert und der ungastliche Ort zu einem hörenswerten Stadtplatz ausgebaut wird.

Die Klangraumgestaltung, wie man die Maßnahme nennt, geht dabei weit hinaus über den konventionellen Lärmschutz. Es geht darum, den urbanen Raum akustisch aufzuwerten, den Stadtklang zu verbessern. Allein, zur Realisierung des Projekts kam es nicht – die Stadt Bern wollte nicht investieren. Letztlich geht es bei akustischer Stadtplanung darum, einen Ausgleich zwischen Ruhezonen und Lärmquellen zu finden, die auch Identität stiften. Eine klinisch stille Stadt, gedämmt wie ein Tonstudio, hätte vermutlich auch Simmel nicht gefallen.

Quelle: F.A.S.
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