Wissenschaftliche Zensur

Das hohe Gut

Von Sibylle Anderl
 - 15:38

Prüfet alles, und behaltet das Gute! So heißt es im ersten Brief des Paulus an die Thessalonicher, der durchaus auch außerhalb christlicher Kontexte als hilfreiche Handlungsanweisung dienen kann. Der Aufruf könnte gar als Motto der modernen wissenschaftlichen Publikationskultur verstanden werden, die Horden von Gutachtern zur Prüfung der Qualität von Forschungsarbeiten beschäftigt. Die Chinesen haben nun aber – nicht zum ersten Mal – eine Lesart des Pauluswortes zum Vorschein gebracht, die gänzlich unserer europäisch-liberalen Prägung entgegensteht: Das „Gute“ ist dort das, was der kommunistischen Parteilinie entspricht. Für den globalen Publikationsbetrieb heißt das: Darüber, was in der Volksrepublik erscheinen darf, will die Regierung mitbestimmen.

Von diesem Widerspruch zwischen dem hohen Gut der freien Verfügbarkeit wissenschaftlicher Ergebnisse und chinesischem Zensierungseifer hatte sich im August bereits der britische Traditionsverlag Cambridge University Press in die Ecke drängen lassen. Der massive Protest, der dem Verlag nach der Sperrung von 315 missliebigen Artikeln im chinesischen Internet entgegenschlug, führte nach wenigen Tagen zur Rücknahme der Zensur, die ursprünglich dadurch begründet worden war, dass man wenigstens die Zugänglichkeit anderer Materialien für die chinesischen Leser sichern wollte.

Dieselbe erpresserische Argumentation scheint nun die große Verlagsgruppe „Springer Nature“ getroffen zu haben. Vergangene Woche wurde bestätigt, dass der Zugang zu hunderten Artikeln beschränkt wurde, die von den chinesischen Behörden als heikel eingestuft wurden. Dies betrifft unter anderem Publikationen über Taiwan, Tibet oder zu Menschenrechtsfragen. Nur ein Prozent der Materialien von Springer Nature sei betroffen, übt sich der Verlag in Beschwichtigung. „Das Gute“ wissenschaftlicher Forschung – das Prinzip umfassender akademischer Freiheit – wird dadurch aber grade nicht behalten. Wenn es um westliche Kernüberzeugungen geht, sollte es keine Kompromisse geben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenbild/ Sybille Anderl
Sibylle Anderl
Redakteurin im Feuilleton.
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