James Watson zum Neunzigsten

Mit der Strickleiter geht’s auch zum Henker

Von Joachim Müller-Jung
 - 15:11

James Watson ist, davor sind auch Jahrhundertforscher wie er nicht gefeit, in manche seiner Erfolge regelrecht hineingestolpert. Am häufigsten aber ist er über sich selbst gestolpert. Er, der uns einen der größten Momente der Wissenschaftsgeschichte bescherte, als er vor fünfundsechzig Jahren am Cavendish Laboratorium von Cambridge als Fünfundzwanzigjähriger zusammen mit dem älteren Francis Crick eines der elegantesten Modelle über die chemischen Fundamente des Lebens bastelte und vorführte, wie eng Logik und Schönheit auch bei der Konstruktion der Erbsubstanz DNA verknüpft sind. Dieser berühmte Forscher also, der Erfinder der Doppelhelix, ist nun offenbar auf dem Weg nach China. Ausgerechnet China, ausgerechnet jetzt als Amerikaner. Angeblich ist er als wissenschaftlicher Leiter einer Biotechnikfirma in Shenzhen eingestiegen. In was, fragt man sich, stolpert er da wieder hinein?

Watson wird heute neunzig Jahre alt. Vor kurzem noch hat er eine Reihe von Interviews gegeben, auch einen Ted-Talk, in denen er seinen stürmischen Werdegang rekapitulierte. Da fielen auch Sätze wie: „Es ist oft ein Vorteil, nicht der Klügste im Raum zu sein“, oder: „Als Student dachte ich nie, ich sei besonders intelligent, aber eines wusste ich: Etwas Großes könnte ich schon vollbringen.“ Sein großes Ziel, die Geheimnisse des Lebens zu lüften, hatte sich bei dem in Chicago geborenen Schüler früh herausgebildet. Er interessierte sich für wandernde Vögel. Mit 15 erwarb er sich ein Stipendium an der Universität von Chicago, mit 19 hatte er seinen ersten Abschluss. Zoologie war sein Fach, doch sein Interesse galt schnell der Genetik. Die Lektüre von Erwin Schrödingers „Was ist Leben?“, in dem dieser die zentrale Rolle einer kodierten Informationsträgersubstanz als notwendige Konsequenz der Mendelschen und Darwinschen Erkenntnisse beschrieb, hatte Watson in den Bann geschlagen.

Das Problem mit der Zurückhaltung

Watson wollte der sein, der die Erbsubstanz entschlüsselte. Das Problem war: Als er damit begann, in den vierziger Jahren, war noch vieles vollkommen unklar, zum Beispiel war hochumstritten, was die Träger der Gene sind: Proteine oder die Desoxyribonukleinsäure. Noch größer war der Druck, der entstand, weil weltweit mehrere Gruppen, darunter die um den Nobelpreisträger Linus Pauling, sich ein Rennen lieferten. Watson kam 1951 nach einem Kopenhagen-Aufenthalt dank einer frischen Bekanntschaft – Maurice Wilkins vom benachbarten King‘s College – ans Cavendish-Labor, wo er auf Crick traf und sich schnell mit ihm verständigte. Sollen die anderen experimentieren, wir bauen Modelle, lautete ihr Plan.

Noch im selben Jahr präsentierten zuerst Pauling, dann Watson und Crick ein Modell einer dreisträngigen DNA-Helix. Ein Reinfall, der von einer Frau, der Kristallographin und Wilkins-Kollegin Rosalind Franklin, im Beisein der Institutschefs entlarvt wurde. Es dauerte zwei Jahre, bis zum 23. Februar 1953, als Watson und Crick dank unveröffentlichter Röntgenbeugungsbilder die korrekte Strickleiter-DNA als Stecksatzmodell anfertigten. Die Bilder waren von Franklin angefertigt, aber ohne ihr Wissen benutzt worden.

Watson hatte sich da schon mehrfach abfällig über Franklin geäußert, und auch nicht Franklins früher Tod durch Brustkrebs hielt Watson davon ab, in seinem nach der Nobelpreis-Würdigung für Watson, Crick und Wilkins veröffentlichten Büchlein „Die Doppelhelix“ die vermeintliche Unterlegenheit Franklins und anderer Forscher herauszustellen. Watson stürmte dennoch die Tempel der Molekularbiologie, er kam ans Caltech, blieb 20 Jahre lang in Harvard und baute nebenbei als Direktor das Cold Spring Harbor in New York zum Mekka der Molekularbiologie auf. Ende der achtziger Jahre initiierte er das internationale Humangenomprojekt. Watson selbst ließ sich später als zweiter Mensch komplett genetisch entziffern. Doch wie auf früheren Posten vergaß er immer wieder, dass Wissenschaft nicht nur Teamgeist verlangt, sondern auch Anstand, Reflexionsvermögen und Zurückhaltung in sensiblen Fragen – noch dazu, wenn diese wissenschaftlich ungelöst sind und ideologisch gedeutet werden können.

So ließ er sich öffentlich zu abwertenden Äußerungen über Homosexuelle und über die Intelligenz von Afrikanern hinreißen. Dummheit, auch dies eine seiner unbelegten Bemerkungen, sei genetisch bedingt und deshalb durch Abtreibung vermeidbar. Vieles davon nahm er zurück, manches jedoch kosteten ihn wie am Cold Spring Harbour im Jahr 2007 seinen Chefhut, Geld, Würde und Respekt. „Die Vorstellung, zu sein wie jeder andere“, sagte er in einem Interview, „ist einfach nur schrecklich.“ Watson hat aus dieser Überzeugung oft falsche Schlüsse gezogen.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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