Die Debatte: Digitale Kindheit

Wie behalten wir den Anschluss?

Von Paula Teichert und Lena Herzog
 - 15:44
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Wann schadet Medienkonsum eher und wo bietet er Chancen? Was können Eltern richtig und falsch machen? Wie und ab welchem Alter sollten digitale Medien in Kindergärten und Schulen eingesetzt werden? Diese und auch Ihre Fragen rund um das Thema „Digitalisierte Kindheit” diskutieren wir bei „Die Debatte“. Auf dem Podium zu Gast sein werden die Medienpädagogin Prof. Dr. Paula Bleckmann von der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft, der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Martin Korte von der Technischen Universität Braunschweig und der Medien- und Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Peter Vorderer von der Universität Mannheim. Christoph Koch und Dr. Mai Thi Nguyen-Kim moderieren die Veranstaltung. Die im Haus der Wissenschaft in Braunschweig stattfindende Live-Debatte übertragen wir an diesem Donnerstag ab 19 Uhr im Livestream.

Rechnen am Tablet im Mathematikunterricht, virtuelle Museumsbesuche im Geschichtsunterricht und Trickfilme erstellen im Fremdsprachenunterricht. Keine Utopie, sondern die Realität an vielen Schulen. Digitale Medien halten Einzug in die Klassenzimmer und das Thema kommt allmählich auch auf die politische Agenda, wie der Vorschlag des Bundesforschungsministeriums für den DigitalPakt#D zeigt. Allein fünf Milliarden Euro sollen laut diesem in den nächsten fünf Jahren in die Digitalisierung der deutschen Schulen fließen. Eine Summe, die zeigt, dass das Thema an Gewicht gewinnt.

In der Grundschule schon?

Doch sollte digitale Bildung auch in der Grundschule schon fest verankert sein? Häufig wird der Digitalisierung der Schule mit Skepsis und auch Ängsten begegnet. Für Klaus Zierer, Ordinarius für Schulpädagogik an der Universität Augsburg, ist jedoch klar: „Wer der Auffassung ist, dass Digitalisierung kein Thema für Bildung ist, verkennt die Realität.“ Damit sollte man schon früh anfangen, findet Stefan Aufenanger, Professor für Erziehungswissenschaften und Medienpädagogik an der Universität Mainz. „Immer jüngere Kinder nutzen digitale Medien. Deswegen ist die Grundschule oder die Kindertageseinrichtung ein pädagogischer Ort, an dem wir Kindern den sinnvollen Umgang mit digitalen Medien zeigen können.“

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Livestream „Die Debatte“Digitalisierte Kindheit – Je früher desto besser?

Dabei müsse das Ziel der Schulen vor allem die Vermittlung von Medienkompetenz sein. „Darunter versteht man den kompetenten Umgang mit Medien allgemein. Das heißt, dass man weiß, wie sie funktionieren, für was sie eingesetzt werden, dass man sie sozial verantwortlich benutzt und selbstständig damit umgehen kann“, sagt Aufenanger.

Was heißt schon Medienkompetenz?

Doch sind Kinder im Grundschulalter überhaupt schon in der Lage solche Kompetenzen zu erlernen? Und falls ja, wie vermittelt man sie? „Es ergibt Sinn, bei Kindern zunächst mit einfacheren Medien, wie Büchern und Bildern, in den Medienkontext einzusteigen. In dem Maße jedoch, in dem Kinder bereits in digitalen Welten unterwegs sind, sollte man auch medienerzieherisch tätig werden“, sagt Rudolf Kammerl, Lehrstuhlinhaber des Lehrstuhls für Pädagogik und Leiter des Instituts für Lern-Innovation an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Medienerzieherisch insofern, als dass man versuchen sollte, die Inhalte und den Umfang der Mediennutzung zu beeinflussen. Eine kritische Reflexion im Umgang mit Medien könne in dem Alter aber noch nicht stattfinden. Zierer sieht das anders, er betont, „besonders der kritisch-reflektierte Umgang, das Wissen um die Grenzen der Digitalisierung und das Vermögen, Technik nicht nur einzuschalten, sondern auch auszuschalten, sollten bereits in der Grundschule im Fokus stehen.” In der kreativen Gestaltung digitaler Medien und der Zusammenarbeit sehen sowohl Kammerl, Aufenanger wie auch Zierer ein großes Potenzial für den Grundschulunterricht: „Das Ziel ist, Kindern zu vermitteln, dass sie nicht nur Rezipienten der digitalen Medien sind, sondern auch Gestalter sein können.“

Dabei sehen die Experten digitale Medien allerdings keineswegs als Allheilmittel und Universallösung für guten Unterricht: „Es geht weniger darum, ob nun mit Tablets gearbeitet wird oder nicht, sondern ob der Unterricht so gestaltet wird, dass die Kinder dabei Kompetenzen entwickeln können“, sagt Rudolf Kammerl. Auch Klaus Zierer plädiert für „Pädagogik vor Technik“, denn ob Kinder mit digitalen Medien besser lernen, hänge davon ab, wie diese Medien im Unterricht eingesetzt werden.

„Pädagogik vor Technik“

Weit fortgeschritten ist die Digitalisierung in deutschen Schulen jedoch noch nicht. „In Deutschland werden die digitalen Kompetenzen der Schülerinnen und Schüler weniger gezielt gefördert und ein Einsatz digitaler Medien findet wesentlich weniger statt als in anderen europäischen Ländern“, sagt Kammerl. Das geht aus der internationalen Studie ICILS hervor, in der Deutschland – bezogen auf den Medieneinsatz im Unterricht im Vergleich zu den anderen 20 teilnehmenden Ländern, darunter überwiegend OECD Länder – am schlechtesten abschnitt. „Die Ursachen dafür betreffen im Wesentlichen die Frage nach der curricularen Verankerung, der Aus- und Fortbildung der Lehrkräfte sowie die unzureichende technische und mediale Ausstattung“, sagt Kammerl. Das bestätigt auch der Länderindikator 2017 der deutschen Telekomstiftung: nur knapp 56 Prozent der Lehrer bewerten die IT-Ausstattung an ihren Schulen als ausreichend, nur 40 Prozent geben an, dass in den Klassenräumen WLAN verfügbar ist. „Meistens ist es so, dass Schulen nie ganz ausgestattet werden, sondern es nur Klassensätze und sehr eingeschränkte Verfügbarkeiten der digitalen Medien gibt. Das zweite Problem ist das der Lehrerausbildung. Das heißt, dass das Lehrpersonal überhaupt nicht darauf vorbereitet ist, digitale Medien sinnvoll und umfassend einzusetzen,“ sagt Aufenanger.

Die Kultusministerkonferenz hat 2016 ein Handlungskonzept für die Entwicklung der digitalen Bildung in Deutschland vorgelegt. Darin sehen Kammerl wie auch Aufenanger eine gute Arbeitsgrundlage für den zukünftigen Schulentwicklungsprozess: „Jetzt kommt es darauf an, dass die Umsetzung entsprechend gelingt. Das bedarf des Zusammenwirkens von sowohl den Lehrerkollegien als auch den Kommunen, den Einrichtungen der Lehreraus- und fortbildungen und den Bildungsverlagen die Unterrichtsmaterialien entwickeln“, sagt Kammerl. Wichtig sei dabei, dass der Bildungsgedanke und die Kompetenzförderung im Vordergrund stehen. Dieser Gedanke ist auch für Klaus Zierer entscheidend: „Wir sollten auf keinen Fall eine Digitalisierung nur der Digitalisierung wegen herbeiführen.”

Die Positionen der Parteien im Bundestag

Über Erziehung und Bildung wird viel gestritten. Nicht nur im familiären Rahmen, in den Medien und in Bildungseinrichtungen, sondern auch in der Politik gibt es eine heiße Debatte rund um das Thema digitale Medien. Gehören Smartphones in Kinderhände? Wie müssen sich Schulen an den digitalen Wandel anpassen? Und wie können Kinder vor Risiken der digitalen Medien geschützt werden? Wir haben die Parteien im Bundestag zu ihren Positionen befragt.

Nutzung bereits in frühen Jahren

Dass digitale Medien bereits zum Alltag von Kindern gehören, darüber sind sich alle Parteien einig. Während die stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Fraktion, Nadine Schön, überzeugt ist, „je früher wir mit der digitalen Bildung anfangen, desto besser“, wird allerdings von der Linken keine Notwendigkeit gesehen, dass sich bereits Kleinkinder mit digitalen Medien beschäftigen. Spätestens in der Grundschule wollen aber alle Parteien die Medienbildung und -nutzung zu einem festen Bestandteil des Unterrichts machen. Die FDP sieht dadurch eine deutliche Stärkung der individuellen Fördermöglichkeiten. Die Grünen halten Medienbildung und ein digitales Umfeld sogar für erforderlich, um dem Kinderrecht auf Schutz, Förderung und Partizipation auch zukünftig gerecht werden zu können. Die SPD und die Linke betonen besonders die Chance, dass Kinder Interesse für Technik und MINT-Themen entwickeln können, noch bevor Geschlechterstereotypen einer solchen Entwicklung im Weg stehen könnten.

Medienkompetenz ist zentral

Die Parteien stimmen auch darin überein, dass die Mediennutzung der Kinder die Begleitung von Erwachsenen erfordert. Dabei geht es nicht nur um das Erlernen eines verantwortungsvollen Umgangs mit den Medien, sondern auch um die Vermittlung von technischem Know-how. Bereits in der Grundschule sollen Kinder spielerisch programmieren lernen und erste Zugänge zur Informatik finden können. „Das ist sinnvoll und bringt ihnen unterstützend zum Unterricht in der Schule bei, dass digitale Medien nicht nur Konsumwerkzeuge sind, sondern Werkzeuge der digitalen Gesellschaft“, sagt Anke Domscheit-Berg, Bundestagsabgeordnete der Linken.

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Studiengang Videospiel
© Reuters, reuters

Für die Vermittlung von Medienkompetenz sind Lehrkräfte und Eltern die Personengruppen, die von den Parteien als maßgebliche Verantwortliche genannt werden. Die FDP fordert insbesondere eine Modernisierung der Lehrpläne und umfangreiche Fortbildungen für Lehrpersonal, um Medienkompetenz sinnvoll vermitteln zu können. Weiterbildungen für Fachkräfte sind auch von SPD und CDU/CSU vorgesehen. Die Grünen fassen die Aufgabe der Medienbildung noch weiter und sehen sie als Aufgabe der gesamten Jugendhilfe. Die Linke betont besonders auch die Pflicht der Eltern, ihre Kinder zu begleiten.

Investitionen geplant

Damit digitale Medien angemessen in den Unterricht eingebunden werden können, mangelt es an vielen Schulen noch an der Ausstattung und an der Infrastruktur. Die Grünen fordern daher Investitionen, um Schulen auf einen aktuellen Stand zu bringen. Die FDP fordert sogar Ausgaben von 1000 Euro pro Schüler. „Ein Tablet wird für Schüler künftig zur Grundausstattung gehören“, sagt FDP-Generalsekretärin Nicola Beer. Sollte die große Koalition in den nächsten Wochen Realität werden, könnte auch die Umsetzung des DigitalPakts#D stattfinden, mit dem insgesamt fünf Milliarden Euro in Schulen investiert werden sollen, 3,5 Milliarden davon bereits in der aktuellen Legislaturperiode.

Risiken entgegenwirken

Neben all den Chancen, die digitale Medien bieten, gibt es jedoch einigen Experten zufolge auch Risiken für Kinder – wie ein hohes Suchtpotenzial von Computerspielen oder Gewaltvideos im Internet. Wie will die Politik diesen Herausforderungen begegnen? Die FDP sieht hier vor allem den Schulunterricht in der Pflicht, Kinder aufzuklären. Die SPD hält dagegen und sieht die Verantwortung eher bei den Eltern, die Regeln und Empfehlungen aufstellen müssten, um den Risiken entgegen zu wirken. „Es kommt maßgeblich darauf an, den Kindern durch erziehungspartnerschaftliche Ansätze ein gutes und gesundes Aufwachsen mit Medien zu ermöglichen“, sagt SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. So sieht das auch Die Linke und nennt die Eltern als wichtiges Vorbild für ihre Kinder. Vorbild und Ansprechperson in Fragen rund um digitale Medien sollten Eltern auch laut CDU/CSU für ihre Kinder sein. Für die Grünen ist es bei diesem Thema besonders wichtig, dass es zu einer Novellierung des Jugendschutzgesetzes kommt und Hersteller von Spielen stärker in die Verantwortung genommen werden. „Die Bundesregierung sollte Regelungen zu verpflichtenden Warnhinweisen über das Suchtpotenzial eines Spiels, Spieldauereinblendungen und automatische Spielpausen, die in das Spiel integriert sind, in Angriff nehmen“, sagt die Bundestagsabgeordnete Tabea Rößner von Bündnis90/Die Grünen.

Glaubt man also den Aussagen der Politikerinnen und Politiker, wird der Digitalisierung an Schulen zukünftig nichts im Wege stehen. Selten sind sich die Parteien im Bundestag bei einem Thema so einig. Neben großzügigen Investitionen planen sie eine Verbesserung des Medienunterrichts an allen Schulen. Lediglich beim Jugendschutz gehen die Meinungen über geeignete Maßnahmen auseinander. Was jedoch momentan zur Umsetzung von alledem fehlt, ist vor allem eines: eine amtierende Regierung.

Anmerkung der Redaktion: Von der AfD ist bis Redaktionsschluss kein entsprechendes Statement eingegangen, weshalb die Positionen der Partei in dem Artikel nicht berücksichtigt werden können.

Das Projekt „Die Debatte“

„Die Debatte“ (www.die-debatte.org) ist ein gemeinsames Projekt von Wissenschaft im Dialog (WiD), dem Science Media Center Germany (SMC) sowie der TU Braunschweig. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung mit ihrer Online-Plattform FAZ.NET unterstützt das Projekt als Medienpartner. „Die Debatte“ bietet in unterschiedlichen Abständen zu aktuellen Themen aus verschiedensten Bereichen der Wissenschaft verständliche Informationen. Mit kurzen Hintergrundtexten, Infografiken, Interviews und Videos macht „Die Debatte“ wissenschaftliche Erkenntnisse verfügbar und unterschiedliche Perspektiven sichtbar. Gespräche mit renommierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern erlauben einen tieferen Einblick in die jeweilige aktuelle Forschung. Besonders spannend sind die Live-Debatten. Dabei diskutieren Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft live über wissenschaftliche Fakten und wie diese in der Gesellschaft wahrgenommen werden. Alle Interessierten sind eingeladen – vor Ort oder im Livestream.

Quelle: jom/FAZ.NET
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