Ferne Weihnachtsgrüße (7)

Im Gefrierschrank ist die Hölle los

Von Joachim Müller-Jung
 - 12:25
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An den südlichsten deutschen Arbeitsplätzen auf dem Ekström-Schelfeis der Antarktis brummt es. Der Südsommer will genutzt werden. Gefühlte minus zwölf Grad, „der Saison-Zeitplan eng gestrickt, alle sind ausgelastet“, berichtet Maximilian Merl, Geophysiker, einer von fünfzig Forschern und Technikern, die sich derzeit auf der Neumayer-Station III aufhalten. Weihnachtsflair? Eher schon kommt allmählich der „Zauber des fortgesetzten Zählens“, wie das Neumayer-Team auf seinem Antarktis-Blog den vorigen Winter verabschiedete: „Die Vorstellung, seinen Lebensmittelpunkt in einen Gefrierschrank zu verlegen, der in einem nur selten zugänglichen Windkanal steht, ist für viele wahrscheinlich weniger attraktiv“ – für Merl und die anderen Überwinterer offenbar aber das höchste der Polarforschergefühle.

Sie schwärmen vom „ausgesetzten Sein“ am Südpol und kümmern sich gleichzeitig um mehrere Seismologie-Stationen, Magnetikmessgeräte und Infraschallanlagen, die auf und rund um die Neumayer-Station installiert wurden. Seit acht Jahren steht die vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven betriebene Basisstation der deutschen Südpolarforscher in der Atkabucht.

Wenige Kilometer nördlich davon lag die unter der Schnee- und Eislast aufgegebene Vorgängerstation Neumayer II. Es war die zweite nach der ersten deutschen Georg-von-Neumayer-Überwinterungsstelle, die 1981 sieben Kilometer von der Schelfeiskante in Betrieb genommen worden war. Der Pionier- und Abenteuergeist von damals, als die Welt noch analog und kaum vernetzt war, ist heute noch in den Zeilen der Neumayer-Überwinterer zu lesen – online und quasi in Echtzeit rund um den Globus. Allerdings ist das Bloggen in diesen Wochen eine jener Nischenbeschäftigungen, die im Stationsalltag nur schwer ihren Platz finden, Feiertage hin oder her.

Auf der stählernen Forschungsburg mit ihren sechzehn Stelzen gibt es jetzt keine großen Auszeiten, auch nicht an Heiligabend „Traditionell wird natürlich ein schönes und dekoratives Abendessen veranstaltet mit einem Ausklang in der Lounge“, schreibt Max Merl, und jeder versuche, so gut es geht, die Abende „mit möglichst viel Freizeitgestaltung vollzustopfen“, allzu große Zugeständnisse an die gesegnete Zeit kann man sich aber kaum leisten. Es ist halt Mitte der Saison. Heißt etwa: Die besonders dringende jährliche Wartung der Online-Seismologiestationen muss dringend erledigt werden. Vergangenes Jahr, es war Merls erstes Weihnachten am Südpol, veranstalteten die Neuankömmlinge in der Ballonfüllhalle, praktisch auf dem Dach der Station, ein Weihnachtsliedersingen – fürs Gemüt. Erst ein halbes Jahr später jedoch, am 21. Juni – Mittwinter – feierte das Überwinterungsteam das „eigentliche Weihnachten in der Antarktis“, festlich gekleidet, mit Abendessen und „deutlich mehr in Weihnachtsstimmung“. Besinnlichkeit will frösteln.

Als schließlich im November bei uns die Supermärkte mit Lebkuchenschachteln und Adventskalendern gefüllt wurden, startete man auf Neumayer III in die Arbeitssaison: „Wir wären bereit. Auch für die Tomaten.“ Nicht jedoch ohne winterliche Wehmut: „Das Licht ist durchaus schön und zweckmäßig, erhellt es doch die Landschaft. Aber es raubt uns auch die liebgewonnene Dunkelheit und mit ihr die Sterne und Polarlichter. Die Temperaturen mögen leichter erträglich sein, aber schon beginnt man das einzigartige Gefühl zu vermissen, das minus 45 Grad hervorrufen können.“

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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