Ferne Weihnachtsgrüße (8)

Festtage im Dschungel

Von Joachim Müller-Jung
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In der Urwaldstation „Centro Chiquitos“ feiert man gerne eine weiße Weihnacht. So will es die Tradition. Allerdings weißelt es nur drinnen, wo das Weihnachtsbaum-Double, eine einheimische Palme, mit Lichtern und künstlichem Schnee bedeckt ist. Draußen ist es das ganze Jahr über grün, heiß und in diesen Wochen auch noch regnerisch. Hier, im bolivianischen Regenwald, sechs Autostunden von Santa Cruz de la Sierra entfernt, hüten seit April und nicht zum ersten Mal der Insektenkundler José Luis Bejarano die von der Frankfurter Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung und dem Museum Neol Kempff Mercado seit acht Jahren betriebene Ökostation.

„Ich bin viel im Feld, das ist jetzt die beste Zeit für Geländestudien“, sagt der Ökologe. Eigentlich ist er Spezialist für Ameisen und Termiten, für die Station wertet er aber in regelmäßigen Abständen auch die Kamerafallen und die Monitoring-Geräte aus. Die Station liegt in einer extrem artenreichen Übergangszone zwischen dem Amazonas-Regenwald, dem Trockenwald des Gran Chaco und den Cerrado-Baumsavannen Brasiliens.

Bei seinem letzten Aufenthalt war Bejarano einer der scheuen Jaguare vor die Linse gelaufen, auch Tapire und andere lichtscheue Geschöpfe. Big Data, auch im tiefsten Urwald: Mit autonomen Audiorekordern, die dreimal in der Stunde für zwei Minuten Geräusche aufzeichnen, werden die Klanglandschaften – die „Soundscapes“ – verschiedener Habitate erfasst. Weihnachten soll es allerdings weniger wild, sondern musikalisch zugehen. Bejaranos Familie kommt mit Bus und Buschtaxi auf die mit blauen Girlanden geschmückte Waldstation. Gemeinsam besuchen sie an Heiligabend Freunde auf einer nahe gelegenen Rinderfarm – nicht zum Vegetarierschmaus, wie man sich denken kann. Mit dem „Familientanz“ geht es fließend über in den 1. Weihnachtsfeiertag, der auch ein bolivianischer Nationalfeiertag ist.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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