Tierversuche

Tiere im Zielkonflikt

Von Gerald Wagner
 - 10:00

Im Jahr 2010 wollten Forscher der Universität Innsbruck 29 Schweine mit Schnee ersticken, um damit Erkenntnisse zu gewinnen, welche einmal die Überlebenschancen von Lawinenopfern erhöhen könnten. Eine Protestwelle insbesondere auch in der deutschen Öffentlichkeit ließ sie das Vorhaben abbrechen. Vor vier Jahren wurden in einem Forschungsinstitut im amerikanischen Albuquerque zehn Javaneraffen für Stunden den Abgasen eines dieselbetriebenen Volkswagens ausgesetzt. Darüber empörte man sich in der vorvergangenen Woche. Die Makakenart ist in vielen Zoos zu Hause, aber eben auch in vielen Versuchslaboren. Im Jahr 2014 wurden hierzulande insgesamt 2848 Affen und Halbaffen für Tierversuche verwendet, allerdings keine Menschenaffen. Insgesamt dienen jährlich rund zwei Millionen Tiere der Forschung, die meisten davon Ratten und Mäuse. Zugleich starben 2016 in Deutschland rund 59 Millionen Schweine im Schlachthof. Dazu kommen vier Millionen Rinder und rund 600 Millionen Hühner. Gehören Tiere zur Gesellschaft?

Man kann sich die Beantwortung dieser Frage soziologisch schwermachen und zunächst überlegen, ob zumindest manche Tiere über Intelligenz verfügen, also kommunizieren können und damit zur Gesellschaft zu zählen wären. Man kann es aber auch einfacher handhaben und auf die vielfältigen Formen der Beziehungen von Mensch und Tier verweisen, die ein ganz selbstverständlicher Aspekt unserer Gesellschaft sind. Tiere werden gegessen, gepflegt, geliebt, gezüchtet, bewundert, verehrt, verbraucht und vernichtet. Tiere dienen der Wirtschaft, der Unterhaltung, dem Sport, der Geselligkeit, der Freundschaft, der Kunst. Tiere können uns als Haustiere ungeheuer nahe sein, während wir gleichzeitig gedankenlos deren Artgenossen verspeisen. Während die vermenschlichende Inklusion eines Tieres in Heim und Alltag den meisten von uns offensichtlich kaum Schwierigkeiten bereitet (wir akzeptieren Tiere völlig selbstverständlich als Mitsubjekte unserer Lebenswelt), verweist die Exklusion des Tieres in den Bereich der vernutzbaren Sachen auf die gesellschaftliche Konstruktion eines Legitimationsdiskurses: Was rechtfertigt eigentlich die Normalität des Tötens unserer tierischen Gesellschaftsmitglieder?

Tierversuche durch Computersimulationen ersetzbar?

Sieht man von der Ernährung einmal ab, stellt Erkenntnisinteresse im Dienste der Verbesserung des menschlichen Lebens die stärkste Legitimationsquelle für das Töten und gegebenenfalls das Quälen von Tieren dar. Die Verurteilung der Abgastests an Affen fällt gerade darum so leicht, weil diese ja nur aus Marketing-Interessen für den Dieselmotor durchgeführt worden seien. Das Fehlen einer Forschungsfrage macht Tierversuche unethisch – daran ändert auch nichts, dass auch hinter Forschungsfragen natürlich oft auch wirtschaftliche Interessen stehen. Selbstverständlich ist dieser Zielkonflikt zwischen Tierwohl und Wissenschaft beziehungsweise Wirtschaft den forschenden Akteuren bewusst. Aber wie ließe er sich lösen?

Immerhin bietet dieser gesellschaftliche Streit die Möglichkeit, ihn wieder ganz aus der Gesellschaft hinauszuverlagern. Tierschützer argumentieren, man könnte Tierversuche vollständig durch Computersimulationen ersetzen, die keine ethischen Fragen aufwürfen. Die wissenschaftlichen und technischen Hürden dieser Lösung sind jedoch vermutlich zu groß. Also sucht man nach anderen Auswegen.

Forschungsintensive Branchen wie die Pharmaindustrie werden in Deutschland für ihre Erfolge gefeiert. Doch nicht nur die gesellschaftliche Furcht vor den Risiken neuer Medikamente ist in den vergangenen Jahren gewachsen, sondern zugleich die ethischen und rechtlichen Hürden in der Forschung. Sie sind Ausdruck eines gleichfalls gestiegenen Respekts vor dem Leiden der Versuchstiere, das etwa bei Affen besonders nachvollziehbar scheint, sind sie doch gerade aufgrund ihrer Menschenähnlichkeit als Versuchstiere so besonders attraktiv.

Tierversuche werden ausgelagert

Nach Recherchen des Handelsblatts sterben beim deutschen Marktführer Covance in Münster jährlich rund 2000 Affen als „Menschenkörperersatz“ für die Forschungsinteressen der Wirtschaft. Die deutsche Tochter der amerikanischen Firma Lab Corp. habe sich darauf spezialisiert, die Gefährlichkeit neuer Medikamente für Schwangere zu testen. Dass im Land des Contergan-Skandals trächtige Affenweibchen für gerade dieses Forschungziel sterben, sollte eine gewisse Legitimität beanspruchen dürfen. Dennoch glichen die Labore von Covance aus Angst vor militanten Tierschützern Hochsicherheitsgefängnissen, so das „Handelsblatt“. Diese und die Regulierungsdichte der Pharmaforschung in Deutschland befördern inzwischen die Verlagerung von Tierversuchen in Länder wie China oder die Vereinigten Staaten, die beiden global größten Standorte für Auftragslabore. In China etwa gibt es so gut wie keine öffentliche Diskussion über die Schutzwürdigkeit von Labortieren. Die Verlagerung des Tierversuchs ins Ausland ist insofern auch eine Lösung des unlösbaren Zielkonflikts unserer Gesellschaft, wenn auch eine scheinheilige.

Larissa Deppisch: „Der Tierversuch als medikalisierte Praxis. Über diskursive Legitimations- und Delegitimierungsstrategien des Lawinenexperiments“, in: Tierstudien 10/2016, S. 36–49.

Quelle: F.A.S.
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